E. Manders u.a. (Hrsg.): Leadership, Ideology and Crowds

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Titel
Leadership, Ideology and Crowds in the Roman Empire of the Fourth Century AD.


Herausgeber
Manders, Erika; Slootjes, Daniëlle
Reihe
Habes. Heidelberger Althistorische Beiträge und epigraphische Studien 62
Erschienen
Stuttgart 2020: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
200 S.
Preis
€ 44.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Wunder, Institut für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl Alte Geschichte, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Der vorliegende Sammelband ging aus einer Tagung hervor, die 2015 an der Georg-August-Universität Göttingen stattfand. Im Fokus der elf Beiträge steht die Interaktion von Kaisern und Bischöfen mit verschiedenen sozialen Gruppen im 4. Jahrhundert n.Chr., wobei anhand der Einzelbeispiele das „functioning of leadership“ (S. 12) dieser gesellschaftlichen Führungspersönlichkeiten ergründet werden soll. Im Sinne eines herrschaftssoziologischen Ansatzes werden hierbei besonders die ideologischen Vermittlungsstrategien, die auf die Herstellung eines sozialen Konsens abzielen, in den Blick genommen. Um ein möglichst vielfältiges Bild dieser Strategien zu präsentieren, erfolgt keine Eingrenzung auf eine bestimmte Quellengattung. Vielmehr werden neben literarischen Quellen auch Rechtstexte, Münzen und archäologische Zeugnisse ausgewertet. Die Ausrichtung des Bandes ist hierdurch sehr weit gefasst und ermöglicht diverse inhaltliche und methodische Zugänge.

Die Einführung der Herausgeberinnen (zusätzlich mit J. W. Drijvers) fällt recht knapp aus. Nach einem kurzen Abriss zur Position und Legitimität des römischen Kaisers[1] wird vor allem die Ausbreitung des Christentums als wichtige Veränderung des 4. Jahrhunderts hervorgehoben.

Der erste Beitrag von V. Jaeschke, der auch chronologisch am Anfang des Themenspektrums steht, möchte erarbeiten, in welcher Weise die tetrarchische Ideologie in den funktionalen und architektonischen Charakteristika der kaiserlichen Residenzen zum Ausdruck kommt. Sie verweist auf die enge Verbindung zwischen Circus und Palast, betont diesbezüglich den Vorbildcharakter Roms und die Bedeutung des Circus als Interaktionsraum. Sie bestätigt dahingehend die Ergebnisse der bisherigen Forschung.[2] Die Residenzen dienen sicherlich als repräsentative Landmarken imperialer Machtausübung. Inwiefern in ihnen aber dezidiert die tetrarchische Ideologie im Sinne eines „neuen Konzepts von Souveränität“ (S. 20) sichtbar wird, bleibt etwas unklar.

A. Omissi widmet sich den Panegyriken auf Kaiser und will vor allem die Perspektive der Autoren berücksichtigen. Er resümiert bezüglich der bisherigen Forschung: „Less, however, has been done to consider panegyric from the point of view of the orator“ (S. 35). Dies mag zwar grundsätzlich zutreffen, jedoch ist es gerade vor diesem Hintergrund unverständlich, dass die einschlägige Studie von Christian Ronning unberücksichtigt bleibt.[3]

Der dritte Beitrag stellt mit den „Persecution Issues“ des Maximinus Daia numismatische Zeugnisse in den Mittelpunkt. E. Manders wertet die Darstellung von Stadtpersonifikationen und lokal bedeutsamen Göttern nicht als antichristliche Propaganda, sondern als Ausdruck städtischer Autonomie. Diese sei den Städten (Nicomedia, Antiochia, Alexandria) von Maximinus bewusst zugestanden worden, um sie an sich zu binden. Diese Überlegungen sind durchaus bedenkenswert, zumal auch berechtigte Argumente vorgebracht werden, die gegen einen Zusammenhang mit den Christenverfolgungen 311/312 n.Chr. sprechen. Manders’ Versuch, die Aussagekraft der Münzen durch eine statistische Auswertung zu relativieren, ist jedoch nur bedingt überzeugend und methodisch angreifbar. Zum einen ist keinesfalls davon auszugehen, dass RIC (Roman Imperial Coinage) als Typenkatalog ein repräsentatives Abbild des tatsächlich ausgeprägten Münzbestandes wiedergibt, zum anderen lässt sich fragen, inwieweit ein Vergleich mit der römischen Reichsprägung überhaupt aussagekräftig ist. So ist zwar bezüglich der Gestaltung der Münzen eine direkte Einflussnahme der imperialen Administration wahrscheinlich, dennoch stehen die fraglichen Serien eben in der Tradition der pseudo-autonomen Provinzialprägungen und stellen kein ungebrochenes Zeugnis kaiserlicher Repräsentation dar.

Der Auseinandersetzung mit Rechtstexten sind die Aufsätze von E. Hermann-Otto und J. Curran gewidmet. Hermann-Otto untersucht ausgewählte leges generales der Gesetzgebung Konstantins, die sich mit den Themen Ehe, Familie und dem Status von Sklaven beschäftigen, um festzustellen, ob der Kaiser „in der Lage ist, Einfluss auf das Verhalten der Bürger zu nehmen, nicht nur in seiner Residenzstadt, sondern reichsweit“ (S. 61). Sie bescheinigt den Texten eine Verschleierung der neuen Rechtsgrundlage durch moralisierende Formulierungen. Dies diene dazu, der Bevölkerung die Gesetze attraktiv zu vermitteln, wobei sie letztlich selbst einräumt, dass sich die Wirkmächtigkeit dieser rhetorischen Einkleidung kaum ermitteln lässt. Nicht zuletzt, weil die Gruppe der Rezipienten undefiniert bleibt.

J. Curran befasst sich mit der jüdischen Minderheit im Römischen Imperium und bescheinigt den spätantiken Herrschern zwar eine ablehnende bzw. feindselige Position, jedoch sei die Rechtsstellung der Juden nicht grundsätzlich in Frage gestellt worden. Er betont die Widersprüchlichkeit in der Gesetzgebung, die von Kaiser zu Kaiser erheblich variierte und postuliert, es habe am kaiserlichen Hof unter den Rechtsgelehrten auch Fürsprecher der Juden gegeben. Abschließend konstatiert J. Curran, der Gedanke eines ideologisch-geleiteten Antisemitismus lasse sich in der Antike nicht belegen, was freilich keine neue Feststellung darstellt.

G. de Kleijn möchte den Wert moderner soziologischer Theorien für das Verständnis kaiserlicher Führung (leadership) überprüfen und knüpft hierbei an Überlegungen von James McGregor Burns an. Führung oder Herrschaftsausübung wird demnach in einem Beziehungsgeflecht definiert, dessen Grundlage entweder in einer Interessenübereinkunft zwischen dem Herrscher und seinen Untertanen im Hinblick auf die Umsetzung konkreter Ziele besteht (transactional leadership) oder aus einer tiefergehenden Verbindung zwischen den Parteien erwächst, geprägt vom Charisma der Führungspersönlichkeit und/oder einer moralischen Verpflichtung der Untergebenen (transforming leadership). Anhand des gewählten Beispiels Constantius II. gelingt es de Kleijn, den Mehrwert der modernen Ansätze anzudeuten, auch wenn die Untersuchung nur wenig neue Erkenntnisse über den Herrscher zu Tage fördert. Deutlicher noch als bei einer isolierten Einzelstudie erweisen die vorgestellten methodischen Zugänge ihren Wert wohl bei der Betrachtung langfristiger Veränderungen im Charakter der römischen Monarchie.

Die Beiträge von M. Sághy, C. Cvetković und J. C. Magalhães de Oliveira nehmen die Bischöfe als kirchliche Führer in den Blick. M. Sághy zeigt am Beispiel des Bischofs Damasus, der sich 366 n.Chr. gegen seinen Konkurrenten um das römische Episkopat durchzusetzen vermochte, welche Bedeutung der Mobilisierung sozialer Gruppen bescheinigt werden muss. Damasus’ Wiederbelebung und Ausweitung der Märtyrer-Kultverehrung, die in seinen Epigrammen zu Ausdruck kommt, wertet sie als Teil eines ideologischen und kulturellen Programms, welches darauf abzielt, durch die Schaffung religiöser Räume möglichst vielfältige Anziehungspunkte für Pilger zu schaffen und diese so an sich zu binden.[4] Dies unterstreicht, dass die religionspolitischen Maßnahmen des Damasus nicht isoliert, sondern stets im Zusammenhang mit seiner Wahl zum Bischof betrachtet werden sollten.

C. Cvetković analysiert in ihrer Fallstudie die Darstellung des Nicetas von Remesiana, den Paulinus von Nola in seinem Werk als wichtigen Kirchenpolitiker und bedeutenden spirituellen Lehrer porträtiert. Die Besuche Nicetas in Italien dokumentieren zudem seine Rolle als Vertreter eines überregionalen Netzwerkes pro-nicäischer Bischöfe, wobei die konkreten Hintergründe seiner Reisen aufgrund der unzureichenden Quellenlage aber ungewiss bleiben.

J. C. Magalhães de Oliveira wirft einen exemplarischen Blick auf die Mobilisierung religiöser Gruppen in Nordafrika, die oftmals in gewaltsamen Auseinandersetzungen mündeten. Er moniert, dass bisherige Erklärungsmodelle für Gruppenverhalten lediglich die Art der Führung und die generelle Spannung innerhalb der Gesellschaft berücksichtigen. Seine Ausführungen lassen sich als ein Plädoyer für eine differenziertere Betrachtungsweise verstehen, welche die Gruppenbeeinflussung stärker als kommunikativen Prozess begreift und die individuellen Motive der fraglichen Personengruppen hinterfragt.

Die letzten beiden Beiträge von M. Icks und M. McEvoy beschäftigen sich mit der öffentlichen Präsenz des Kaisers in der Spätantike und dem Wandel zum einem „Palastkaisertum“. Die Aufsätze, die beide um den Topos des princeps clausus kreisen, ergänzen sich hierbei sehr gut. Während M. Icks untersucht, ob die Veränderung des Regierungsstils mit einer veränderten Erwartungshaltung der Eliten einherging, und hierbei auch die Brücke zur frühen und hohen Kaiserzeit schlägt, liefert M. McEvoys Fallstudie zu Arcadius einen überzeugenden Beitrag für eine neue Bewertung dieses Herrschers, seine Interaktion mit der Bevölkerung von Konstantinopel und dessen Bedeutung für die Herrschaftssicherung.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Band interessante Einblicke in diverse Interaktionsprozesse des 4. und frühen 5. Jahrhunderts bietet, allerdings stehen die Beiträge etwas unverbunden nebeneinander. Von einer umfassenderen Einleitung oder einem zusammenführenden Résumé hätte der Band profitiert. Nichtsdestotrotz wird hier allen an der Spätantike Interessierten eine ansprechende Lektüre geboten, die einen vielfältigen Einblick in das methodische Spektrum der althistorischen Forschung ermöglicht.

Anmerkungen:
[1] Anknüpfend an die inzwischen vielfach weiterentwickelten Überlegungen des Akzeptanzmodells von E. Flaig, Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, 2. überarbeitete Aufl., Frankfurt am Main 2019 (1. Aufl. 1992).
[2] Wolfgang Kuhoff, Diokletian und die Epoche der Tetrarchie. Das römische Reich zwischen Krisenbewältigung und Neuaufbau (284-313 n.Chr.), Frankfurt am Main 2001, S. 716–783; Henner von Hesberg, Residenzstädte und ihre höfische Infrastruktur – traditionelle und neue Raumkonzepte, in: Dietrich Boschung / Werner Eck, Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation, Wiesbaden 2006, S. 131–167.
[3] Christian Ronning, Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin. Studien zur symbolischen Kommunikation in der römischen Kaiserzeit, Tübingen 2007.
[4] Die erst nach der Tagung erschienene Studie von Dennis Troude, Damasus of Rome. The Epigraphic Poetry. Oxford 2015, bleibt unberücksichtigt.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2020
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