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Titel
Transmitted Wounds. Media and the Mediation of Trauma


Autor(en)
Pinchevski, Amit
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 186 S.
Preis
£ 47.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffi de Jong, Mittlere und Neuere Geschichte, Historisches Institut, Universität zu Köln

1995 veröffentlichte Binjamin Wilkomirski seine Autobiographie Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1945. Wilkomirskis Kindheitserinnerung sollte sich relativ bald als Fälschung herausstellen. Die Art und Weise aber, wie Wilkomirski seine Erinnerungen darstellte, gaben die Struktur von traumatischer Erinnerung sehr gut wieder, so Amit Pinchevski, der den Fall als Aufhänger für seine Studie Transmitted Wounds. Media and Mediation of Trauma nutzt. Wie konnte dies sein? Wilkomirski benutzte für die Beschreibung seiner traumatischen Erinnerungen häufig Filmmetaphern wie „Momentaufnahme“, „Lichtblitz“ oder „Bilder“. Tatsächlich hatte Wilkomirski zahlreiche Filme zum Holocaust konsumiert, die wohl als Grundlage für seine Erinnerungen dienten. Generell, so Pinchevskis Hypothese, bestehen enge Zusammenhänge und Assoziationen zwischen dem traumatischen Gedächtnis und analogen und digitalen Medien.

Pinchevski analysiert diese Zusammenhänge und Assoziationen anhand von fünf Medien und fünf zeitlich aufeinander folgenden Ereignissen. Im ersten Kapitel zeigt er, wie die Radioübertragung des Eichmannprozesses in Israel dazu geführt hat, dass Holocaustüberlebende eine Stimme bekamen. Erst ihre Transformation von Körpern ohne Sprache in körperlose Sprache in der Radioübertragung ermöglichte den Überlebenden eine Öffentlichkeit für ihre Geschichten. Über das Radio haben sich die individuellen Traumata dann auf die Zuhörer/innen übertragen und seien somit zu einem sozial geteilten Trauma geworden (socially shared trauma), so Pinchevski.

Im zweiten Kapitel zeigt Pinchevski anhand einer Analyse von kulturwissenschaftlichen Texten zum Trauma unter anderem von Shoshana Felman, Dori Laub, Lawrence Langer und Geoffrey Hartman, dass die in diesen Texten dargelegten Ideen nur auf Grund der Technologie der Videozeugnisse möglich waren. Erst das analoge Medium des Videos erlaubte es, den Prozess des Zeugnisablegens darzustellen und damit auch körperliche und parasprachliche Zeichen von Traumata. Es machte eine traumatische „deep memory“ sichtbar, wie sie Charlotte Delbo definiert hat, und wie sie Lawrence Langer in den Videozeugnissen des Fortunoff Archive for Holocaust Testimonies gefunden hat.

Im dritten Kapitel geht Pinchevski der Frage nach, ob und wie Traumata medial übertragen werden können. Tatsächlich erkennt das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders seit 2013 eine Traumatisierung von Personen an, die medialen Darstellungen von traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt sind – allerdings nur, wenn dies in einem Arbeitskontext passiert. Nichtsdestotrotz fanden ab den 1960er-Jahren experimentalpsychologische Forschungen zur Übertragung von Traumata durch Film statt. Hierfür wurde den Testpersonen der Film Subinzisionsriten der Arunta (1937) von Géza Róheim gezeigt und anschließend ihre Reaktionen gemessen. Dabei konnten durchaus traumaähnliche Reaktionen festgestellt werden. Seit den 1990er-Jahren fanden dann immer wieder Studien und Diskussionen zur Traumatisierung von Kindern durch Fernsehkonsum von verstörenden Bildern statt – die spätestens seit den Anschlägen des 11. September 2001 auf alle Altersgruppen ausgeweitet wurden. Besonders spannend ist aber Pinchevskis Exkurs in eine neue Form des Tätertraumas: der Traumatisierung von Drohnenpiloten der US-amerikanischen Armee. Hier führen wohl vor allem die hochaufgelösten Bilder der Drohnenkameras, die es den Piloten erlauben, ihre eigenen Taten im Detail zu beobachten – freilich ohne dabei selbst in körperliche Gefahr zu geraten –, zu einer Traumatisierung.

Im vierten Kapitel wendet Pinchevski sich einem der neuesten Projekte der USC Shoah Foundation zu: New Dimensions in Testimony (heute Dimensions in Testimony).[1] Im Rahmen von New Dimensions in Testimony wurden hologrammatische virtuelle Zeitzeug/innen produziert, die über eine Spracherkennungssoftware mit den Nutzer/innen interagieren können. Pinchevski zeigt, wie durch eine Digitalisierung und Algorithmisierung das Trauma aus dem Zeugnis beseitigt wird. Die virtuelle Zeitzeug/in zeigt nicht mehr, wie noch das Videozeugnis, den Prozess des Zeugnisablegens, sondern lediglich Schnipsel daraus.

Im fünften und letzten Kapitel widmet sich Pinchevski der Therapierung von Traumata mit Hilfe von virtual reality. Er beobachtet, dass durch virtual reality die Konfrontationstherapie neu definiert wird. War letztere auf eine direkte Konfrontation mit dem traumatisierenden Ereignis angelegt, so setzt die Therapie in virtual reality durch generische Szenarien darauf, dass der Patient diese Szenarien mit seinen eigenen Erfahrungen füllt – ein Phänomen, welches „immersive fill“ genannt wird. Somit werden Deduktion und Interpretation – also das, was die Konfrontationstherapie eigentlich zu umgehen suchte – Teil der Therapie. Dem liegt, so Pinchevski, ein neues Verständnis von traumatischer Erinnerung zu Grunde – ein Verständnis, welches das Trauma nicht mehr als Flashback sieht, sondern als einzelne Datensätze, als Codes.

Mehrere Studien haben sich in letzter Zeit mit der Genealogie der Zeug/innen und Medien der Erinnerung beschäftigt.[2] Unter diesen sticht Pinchevskis Arbeit heraus. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass er realisiert, was die Memory Studies bisher häufig versprochen, aber selten umgesetzt haben: die Kombination von medien- und kulturwissenschaftlicher und psychologischer Forschung. Die psychologiehistorischen Teile der Studie, in denen Pinchevski darauf eingeht, wie Medien dazu beigetragen haben, die traumatische Erinnerung zu definieren, lesen sich hier besonders gewinnbringend.

Auch wer, wie die Autorin dieser Rezension, in den oft hitzigen Diskussionen um das neue Medium der hologrammatischen virtuellen Zeitzeug/innen bisher eine tiefergehende theoretische Reflexion vermisst hat, der wird sie hier finden.[3] Pinchevskis Hinweis, dass die Digitalisierung und Algorithmisierung, im Gegensatz zur Videographierung, das Trauma aus den Zeugnissen tilgt, ist eine wichtige Beobachtung, die in zukünftigen Projekten und Diskussionen Beachtung finden sollte. Generell ist Pinchevskis Arbeit dort am stärksten, wo er theoretisch über die Implikationen der medialen Bestimmung von traumatischer Erinnerung reflektiert. Hierfür beruft er sich auf die Arbeiten von Friedrich Kittler und vor allem auf dessen von Lacan übernommenes Konzept des Realen. Erst mit und durch die mediale Registrierung und Übertragung wurde das „Reale“ der traumatischen Erinnerung – also all das, was nicht symbolisch und figurativ vermittelt werden kann – darstellbar und definierbar, so Pinchevski.

Nur ab und zu hätte man sich noch weiterführende Reflexionen gewünscht. So zeigt Pinchevskis Studie eine gewisse Geschlechterblindheit auf. Was bewegte zum Beispiel männliche Psychologen in den 1960er- und 1970er-Jahren dazu, einen Film über die rituelle Verstümmelung des Penis aus den 1930er-Jahren als Grundlage ihrer Forschung zu nehmen? Haben tatsächlich Proband/innen aller Geschlechter gleichermaßen auf den Film reagiert? Spricht nicht vielleicht einiges dafür, dass das traumatische Gedächtnis nicht nur medial, sondern von vornherein auch sehr heteronormativ männlich konnotiert wurde? Ähnliche Fragen stellen sich noch einmal bei den Traumatherapien in virtual reality, die dezidiert für (männliche) Soldaten der US Army konzipiert wurden – was auch die Benutzung des generischen Maskulinums in dieser Rezension erklärt. Auch scheint Pinchevski in seiner Diskussion von hologrammatischen Zeitzeug/innen ab und zu vergessen zu haben, dass diese eben nicht als Ersatz für die Videozeugnisse, sondern als Zukunft des Zeitzeug/innengesprächs gedacht sind. Inwieweit in aktuell stattfindenden Zeitzeug/innengesprächen, ebenso wie in neueren Videozeugnissen, noch von einer Sichtbarmachung des Traumas die Rede sein kann, ist fraglich. Zeitzeug/innen wiederholen hier meist eine bereits mehrere hunderte Male wiedergegebene und einstudierte Geschichte. Insoweit wäre die eingeschränkte Auswahl der Antworten und die Vertuschung des Traumas der virtuellen Zeitzeug/innen dann vielleicht doch eine ganz gute Darstellung der aktuellen Erinnerungspraxis des Zeitzeug/innengesprächs.

Trotzt dieser – eher marginalen – Mängel bietet Pinchevskis kurze Studie eine tiefgehende und anregende theoretische Reflexion über den Zusammenhang von Trauma und Medien. Gewinnbringend sind auch seine Überlegungen zu den ethischen Implikationen der Mediatisierung von Trauma. So beobachtet er, dass die Anerkennung von Traumatisierung durch mediale Übertragung auch zu einer problematischen Umkehrung von Opfer und Zuschauer/in führt. Die Zuschauer/in wird in diesem Fall selbst zum Opfer und empfindet Mitleid nicht mehr (nur) mit demjenigen der eigentlich dem traumatisierenden Ereignis ausgesetzt ist – sondern (vor allem) mit sich selber. Moralisch noch fragwürdiger wird es, wenn virtual reality-Therapien dafür eingesetzt werden, Soldaten auf den Kampf vorzubereiten – und sie somit zu besonders effektiven Tötungsmaschinen auszubilden. Die inflationäre Verwendung des Traumabegriffs wurde in der Vergangenheit häufig kritisiert. Pinchevski zeigt, dass selbst sein wissenschaftliches Verständnis dehnbar ist und jede neue Verwendung mediale Voraussetzungen und ethische und moralische Konsequenzen hat.

Anmerkungen:
[1] Siehe die Website der USC Shoah Foundation: <https://sfi.usc.edu/dit> (05.03.2020).
[2] Siehe zum Beispiel: Judith Keilbach, Geschichtsbilder und Zeitzeugen. Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen, Münster 2008; Claudio Fogu / Wulf Kansteiner / Todd Presner (Hrsg.), Probing the Limits of Holocaust Culture, Cambridge, Massachusetts 2016; Jeffrey Shandler, Holocaust Memory in the Digital Age. Survivors Stories and New Media Practices, Stanford 2017; Alina Bothe, Die Geschichte der Shoah im virtuellen Raum. Eine Quellenkritik, Berlin 2019; Noah Shenker, Reframing Holocaust Testimony, Bloomington 2017; Caroline Wake, Regarding the Recording. The Viewer of Video Testimony, the Complexity of Copresence and the Possibility of Tertiary Witnessing, in: History and Memory 25 (2013) 1, S. 111–144.
[3] Siehe: Axel Doßmann, Unsterbliche Zeugen. Holographische 3D-Projektionen als Symptom einer Krise, in: Einsicht. Bulletin des Fritz Bauer Instituts, 2019, S. 68–77; Micha Brumlik, Hologramm und Holocaust. Wie die Opfer der Shoah zu Untoten werden, in: Meike Sophia Baader / Tatjana Freytag (Hrsg.), Erinnerungskulturen. Eine pädagogische und bildungspolitische Herausforderung, Köln 2015, S. 19–30; Christina Brüning, Dreidimensionale Erziehung nach Auschwitz? Reflexionen über holografische Zeug_innen, in: Alina Bothe / Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Shoah: Ereignis und Erinnerung, Berlin 2019, S. 121–137; Anja Ballis / Michele Barricelli / Markus Gloe, Interaktive digitale 3-D-Zeugnisse und Holocaust Education. Entwicklung, Präsentation und Erforschung, in: Anja Ballis / Markus Gloe, Holocaust Education Revisited. Wahrnehmung und Vermittlung – Fiktion und Fakten – Medialität und Digitalität, Wiesbaden 2019, S. 403–436.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.03.2020
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