D. Hillard u.a. (Hrsg.): Feelings Materialized

Cover
Titel
Feelings Materialized. Emotions, Bodies and Things in Germany, 1500–1950


Herausgeber
Hillard, Derek; Lempa, Heikki; Spinney, Russell
Reihe
Spektrum 21
Erschienen
New York 2020: Berghahn Books
Anzahl Seiten
286 S.
Preis
€ 118,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anne Mariss, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Schon seit einigen Jahren erlebt die Emotionengeschichte eine Konjunktur innerhalb der Geisteswissenschaften, was zu einem erhöhten Publikationsaufkommen geschichts-, literatur- und kulturwissenschaftlicher Studien geführt hat, die sich mit der Bedeutung von Gefühlen für vergangene und gegenwärtige Gesellschaften auseinandersetzen. Auch der vorliegende Sammelband, der aus dem Umfeld der US-amerikanischen German Studies Association hervorgeht, reiht sich in diese Forschungsrichtung ein, indem er es sich zur Aufgabe macht, materielle und körperliche Aspekte von Emotionen in der deutschsprachigen Kultur von 1500 bis 1950 zu untersuchen. In der Einleitung legt das Herausgeberteam sein konzeptuelles Verständnis von Emotionengeschichte dar. Anstatt Emotionen und Gefühle als Ausdruck einer wie auch immer gearteten Innerlichkeit zu analysieren, werden sie als relational begriffen, als eingebettet in soziale Räume und als auf den Körper bezogene Praktiken. Der Sammelband zielt darauf, „to rethink the ways in which bodies and things give rise to and shape emotions.” (S. 2) Damit knüpfen die Herausgeber an mittlerweile etablierte praxeologische Ansätze in der interdisziplinären Emotionenforschung an, die die Körperlichkeit und Materialität von Gefühlen als grundlegend für die Hervorbringung von deren spezifischen Ausprägungs- und Erscheinungsformen erachtet. In der deutschsprachigen Historischen Emotionenforschung ist dieser Ansatz insbesondere von der Berliner Forscher/innengruppe um Ute Frevert sowie von Monique Scheer und Pascal Eitler für die Geschichte der Moderne geprägt worden.[1]

Die geschichts- und literaturwissenschaftlichen Beiträge sind in drei Sektionen organisiert und untersuchen vor allem Aspekte der Körperlichkeit von Emotionen. Die Beiträge der ersten Sektion „Emotions and Bodies“ beschäftigen sich mit medizinischen Diskursen zur Verkörperung von Emotionen (Sara Luly) und deren zeitgenössischer Rezeption in Musik und Literatur wie etwa in den Aufführungspraktiken Franz Liszts (Hannu Salmi) oder in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (Derek Hillard) sowie der Bedeutung der körperlichen Inszenierung und Erfahrung für das Verständnis politischer Regime in der Weimarer Republik (Sabine Hake, Russell Spinney). Dagegen liegt der Fokus der zweiten Sektion „Emotions, Spaces, and Material Interests“ auf Emotionen als räumlich und sozial relationale Praktiken, die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts mit einer zunehmenden Kommodifizierung einhergingen, etwa in der Einrichtung und Bewerbung von deutschen Kurorten und Heilbädern wie Baden-Baden oder Marienbad (Heikki Lempa) sowie von modernen Kasinos im Rheinland (Jared Poley). In der dritten Sektion „Emotions and Things“ wird dann die Beziehung zwischen Dingen und Emotionen untersucht, beispielsweise in der aufklärerischen Pädagogik Pestalozzis (Ann Taylor Allen) und in der symbolhaften „Sprache der Blumen“, die sich sowohl in der Politik als auch in Geschlechterbeziehungen materialisiert (Ute Frevert). Natürlich können Körper und Medien wie etwa Fotografien im Sinne eines breiten Verständnisses von materieller Kultur als „Materialität“ begriffen werden. Jedoch lässt der Band Objektstudien, also Untersuchungen zu bestimmten materiellen Artefakten, die Aufschluss geben könnten über die Emotionalität in Bezug auf Dinge beziehungsweise den im Titel evozierten „materialisierten Gefühlen“, gänzlich missen.[2]

Nicht ganz unproblematisch erscheint auch der durch den Titel suggerierte transepochale Anspruch des Sammelbandes, den dieser nicht einlösen kann. Die breite Zeitspanne lässt die Leser/innen an Beiträge zur Vormoderne denken, allerdings liegt der temporale Schwerpunkt deutlich auf der Moderne seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert und der Zeit danach. Allein der Beitrag von Joy Wiltenburg, der sich mit der emotionalen und körperlichen Praxis von Gelächter anhand des Tagebuchs des Schweizer Mediziners Felix Platter (1536–1614) beschäftigt, lässt sich im engeren Sinne der Frühen Neuzeit zurechnen. Platter sieht in Neckereien und Scherzen ein legitimes Mittel, um Spannungen abzubauen und soziale und/oder religiöse Unterschiede zu überbrücken, insbesondere unter jungen Männern und in der Anbahnung ehelicher Beziehungen. Erwähnt werden sie auch im Zuge standesübergreifender Begegnungen, etwa mit der Äbtissin Katharina von Hersberg im Kloster Olsberg, die Platters Frau einen Streich mit einer lebensechten Puppe spielt, die für einen verwaisten Säugling gehalten wird. Das gemeinsame Vergnügen über den gelungenen Scherz verweist hier nicht nur auf den selbstironischen Humor der Äbtissin, die sich über das Vorurteil der Protestanten, die Nonnen würden verwaiste Kinder im Kloster verstecken, bewusst war. Sie ist auch Zeichen für Platters sozialen Aufstieg als Arzt und gerngesehener Gast, der der Adligen auf Augenhöhe begegnet und mit ihr lachen kann. Dabei gehe „the materiality of laughter“ (S. 122) über die körperlichen Reaktionen hinaus und sei Schlüssel zu den sozialen und räumlichen Umständen, unter denen Lachen möglich gewesen sei. Ob es, wie vorgeschlagen, eine Materialität des Lachens gibt, die über den Körper hinausgeht, erscheint fraglich, obgleich der Beitrag interessante Fragen nach der emotionalen Bedeutung von Humor und Scherzen sowie deren sozioräumlichen Bedingungen aufwirft. Dass die Ansätze der modernen Emotionengeschichte nicht ohne einige methodische Herausforderungen auf die Vormoderne bezogen werden können, wurde bereits von der Frühneuzeitforschung betont.[3] Da diese Frage allerdings von den Herausgebern des Bandes nicht weiter thematisiert wird, wirkt Wiltenburgs Beitrag insgesamt etwas verloren.

Die Beiträge von Sarah L. Leonard und Russell Spinney, denen ebenfalls ein breites Verständnis von materieller Kultur zugrunde liegt, können aufgrund ihrer Methodik als anregende Reflexionen zu materiellen und körperlichen Aspekten der neueren Emotionsgeschichte betrachtet werden: Die Historikerin Leonard analysiert frühe fotografische Portraits von Frauen, Männern und Familien, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den Studios von Bertha Wehnert-Beckmann in Leipzig entstanden. Das typisch statische Arrangement widerspricht auf den ersten Blick einer Emotionalität der Bilder. Allerdings stellt Leonard heraus, dass die in den Portraits von den abgelichteten Personen benutzten Objekte als „emotional language“ (S. 192) und materielle Fortführung der eigenen Körperlichkeit fungierten. Schmuck oder andere persönliche Objekte, die eng am Körper gehalten wurden, wie etwa kleine Broschen mit Fotos Angehöriger, spiegelten nicht nur Status wider, sondern situieren die Portraitierten innerhalb eines sozialen Gefüges von persönlichen Erinnerungen und emotionalen Bindungen. Demgegenüber eignete sich das in dem Studio benutzte Mobiliar, das der zeitgenössischen Ausstattung bürgerlicher Wohnungen nachempfunden war, als Zeichen körperlichen Komforts, der oft auf das Studio begrenzt blieb und häufig nicht der sozialen Wirklichkeit der Portraitierten entsprach, die teils gesellschaftlichen Unterschichten entstammten. Durch das Setting entstand laut Leonard ein geschützter Raum, in dem die Portraitierten ungestört von äußeren Einflüssen in Erinnerungen schwelgen konnten beziehungsweise die Illusion einer gedanklichen Tiefe und Innerlichkeit entstehen konnte, auf deren Inszenierung die Fotos abzielten. Die Performanz von Emotionen hing somit stark von den Objekten ab, die die Körper der abgelichteten Personen umgaben. Die Ko-Performanz von Akteuren (Fotografin, Portraitierte) und Dingen in den standardisierten Daguerreotypien verweist auf die komplexe materielle und körperliche Praxis der frühen Fotografie sowie auf die Emotionalität, die die Portraitierten mit den Bildern hervorrufen wollten.

Russel Spinneys Beitrag geht sprichwörtlich unter die Haut. Der Historiker untersucht anhand von Videoaufzeichnungen (Visual History Testimonies) aus dem University of Southern California Shoah Foundation’s Visual History Archive die Erinnerung jüdischer Frauen und Männer angesichts von Diskriminierung und antisemitischen Ressentiments in der Weimarer Republik. Spinney konzentriert sich dabei auf das Phänomen der Gänsehaut, eine beim Menschen zu beobachtende Reaktion auf die körperliche Erfahrung von Kälte und Angst, aber auch besonderer emotionaler Berührung. Im Zentrum steht der Fall der Jüdin Anny Kessler (geb. 1915), die mit ihrer Familie in Gotha lebte und in der Schule von Lehrer/innen und Mitschüler/innen gleichermaßen angefeindet und ausgegrenzt wurde. Ihr Gefühl der diskriminierenden Erfahrungen während der Schulzeit, etwa als der Lehrer sie aufforderte, den Namen ihres Vaters Isaak zu buchstabieren, beschreibt Kessler mit den Worten „goose pimples“ (S. 95). Die methodischen Herausforderungen der Oral History reflektierend, betont Spinney, dass sich die tatsächliche Erfahrung und Subjektivität beziehungsweise Intentionalität des Interviews nicht voneinander trennen lassen, Historiker/innen also kaum methodisch unterscheiden können, ob Empfindungen wie Gänsehaut zu diesem oder jenem Zeitpunkt „tatsächlich“ gefühlt wurden oder in der Retrospektive als solche erinnert oder sogar „nur“ imaginiert werden. Dabei gelte es der Frage nachzugehen, wie Emotionen durch den Körper gebildet werden und wie dieser dabei hilft, Emotionen immer wieder neu aufleben zu lassen, sodass der Körper schließlich selbst Einfluss auf historische Konstruktionen von Körperlichkeit und damit einen Platz in der Geschichtsschreibung nimmt. So lässt auch der Fall der Anny Kessler vermuten, dass die Erinnerung beziehungsweise Metapher der Gänsehaut eine auf den Körper bezogene Konstruktion ist, um den sich anbahnenden Schrecken des Holocaust für die Nachwelt plastischer erscheinen zu lassen. Allerdings geht Spinney noch einen Schritt weiter, wenn er den Körper als Ort der Erinnerung fruchtbar für den tiefgreifenden historischen Wandel in den 1920er-Jahren machen möchte. Dies tut er insbesondere in Bezug auf die zunehmenden Schikanen von Juden und Jüdinnen, denen sie in der Zeit ausgesetzt waren (beispielsweise das Beschmieren von Laternen mit Hakenkreuzen zum Martinstag). Spinney führt solche Ereignisse an und konstatiert, dass die Betroffenen körperlich und emotional unter der Erfahrung der Diskriminierung gelitten hätten. Als Beleg zieht der Autor jedoch keine Ego-Dokumente oder Selbstzeugnisse zu „affektiven Praktiken" heran, die einen emotionalen, körperlich spürbaren Wandel aus Sicht der jüdischen Bevölkerung greifbarer machen könnten.

Insgesamt liegt die Stärke des Sammelbands in den theoretischen Reflexionen zum Zusammenhang von Körperlichkeit und Emotionen in den einzelnen Fallbeispielen. Der Begriff der Materialität wird im Großteil der Beiträge eng zusammengedacht mit Körperlichkeit. Die Publikation schließt damit an vorliegende Forschungen einer Emotionengeschichte als Körpergeschichte an und beleuchtet neue Facetten dieses Bereichs der Geschichts- und Literaturwissenschaft.

Anmerkungen:
[1] Siehe die Homepage des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, https://www.mpib-berlin.mpg.de/forschung/forschungsbereiche/geschichte-der-gefuehle (23.10.2020); sowie Pascal Eitler / Monique Scheer, Emotionengeschichte als Körpergeschichte. Eine heuristische Perspektive auf religiöse Konversionen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 35/2 (2009), S. 282–313.
[2] Siehe etwa Stephanie Downes / Sally Holloway / Sarah Randle (Hrsg.), Feeling Things. Objects and Emotions Through History, Oxford 2018.
[3] Claudia Jarzebowski, Tangendo. Überlegungen zur frühneuzeitlichen Sinnes- und Emotionengeschichte, in: Arndt Brendecke (Hrsg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure, Handlungen, Artefakte (Frühneuzeit-Impulse 3), Köln 2015, S. 391–404.

Redaktion
Veröffentlicht am
29.01.2021
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