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Titel
Der Duft der Imperien. Chanel No 5 und Rotes Moskau


Autor(en)
Karl Schlögel
Erschienen
München 2020: Carl Hanser Verlag
Anzahl Seiten
221 S.
Preis
23,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietrich Beyrau, Institut für osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Universität Tübingen

Karl Schlögel sieht sich nicht als Initiator oder Vertreter des sensual turn, aber ihn veranlassten persönliche Eindrücke – die Gerüche des Sowjetimperiums von Ostberlin bis Wladiwostok – sich eines Themas anzunehmen, für das er sich eigentlich nicht besonders kompetent fühlte. Das gilt auch für den Rezensenten. Das Thema der Geschichte der Parfüms Chanel N° 5 und Krasnaja Moskwa (Rotes Moskau) hatte er bereits in „Das sowjetische Jahrhundert“ (2017)[1] angeschnitten, aber zusätzlich so viel Material recherchiert, dass das Thema eine eigene Darstellung in Gestalt einer Sammlung von Essays verdient, die sich um diese beiden Marken drehen, um ihre Schöpfer/innen und das Umfeld, in dem sie sich bewegten.

Worum geht es? Die Entstehung der beiden Parfüms verortet Schlögel in einem Geflecht französisch-russischer Firmen, die Hygiene-Artikel und Parfüms herstellten. Russland sei vor 1914 nicht nur eine Großmacht der Kultur, sondern auch mit ihren Firmen russischer und ausländischer, vor allem französischer Herkunft, eine Großmacht der edlen Düfte gewesen. Er macht dies fest an zwei Figuren – Ernest Beaux und Auguste Ippolitowitsch Michel, die beide vor 1914 in Frankreich und Russland tätig waren; der eine – Ernest Beaux (1881–1961) – verließ Russland nach 1919, der andere – Auguste I. Michel – blieb nach der Revolution in der Sowjetunion. Bezeichnend ist, dass sich zu Ernest Beaux ausführliche Einträge in Wikipedia (mit vielen Fotos) finden lassen, nicht aber zu Auguste Michel. Vor dem gleichen Erfahrungs- und Arbeitshintergrund wurde der eine zum Schöpfer des im Westen erfolgreichen Chanel N° 5, der andere zum Schöpfer des in der Sowjetunion Maßstäbe setzenden Parfüms Krasnaja Moskwa. An diesen beiden Personen und ihren Produkten demonstriert Schlögel parallele, aber zugleich miteinander verflochtene Entwicklungen einer multiplen Moderne.

Parallelen und Unterschiede werden in der Erfolgsgeschichte beider Duftwässer und in den Biografien beider Protagonisten vorgestellt. Der Erfolg von Ernest Beaux ergab sich aus seiner Verbindung zur Modistin Gabrielle (Coco) Chanel (1883–1971), während sich Auguste Michel nach Enteignung der französischen Firmen in den Nachfolgebetrieben und in der Staats- und Planwirtschaft zu behaupten hatte. Aus Anlass der Weltausstellung von 1937 zitiert Schlögel einen Bericht in einer sowjetischen Zeitschrift, der ganz im Geiste der bombastischen sowjetischen Selbstreklame auf dem Feld der Parfümerie vom „Dneprstroj der Düfte“ spricht (S. 111), also die Baustellen des Sozialismus auch noch parfümierte. Der so gerühmte Schöpfer der Krasnaja Moskwa verschwand aber bald, ohne Spuren zu hinterlassen, vermutlich kam er im Gulag um.

Als Kontrast zu Coco Chanel wird auf sowjetischer Seite das Engagement der zeitweilig für die Parfüm- und Hygiene-Industrie in verschiedenen Ämtern tätige Kommissarin und Funktionärin Polina Shemtschushina (1897–1970) vorgestellt. An den auch für sich genommen höchst interessanten Biografien beider Frauen zeigen sich ebenfalls die drastischen Systemunterschiede in Frankreich und im Sozialismus sowjetischer Prägung: Beide Frauen waren höchst unternehmerische und selbstbewusste Persönlichkeiten, die aber so gar nicht dem Ideal emanzipierter Frauen entsprechen: Die konservative und auch antisemitische Coco Chanel bewegte sich in großbürgerlich-adligen Milieus und Männergesellschaften Westeuropas, kollaborierte im Zweiten Weltkrieg mit den kultivierten Vertretern der deutschen Besatzung. Von 1940 bis 1950 war sie mit Hans Günther Freiherr von Dincklage liiert, der seit 1933 an der Pariser Botschaft für Propaganda und Kulturpolitik zuständig und zugleich für den Sicherheitsdienst des Reichführers SS tätig gewesen war. Coco Chanel nutzte die Beziehungen in der Welt der Männer – unter anderem auch zu Winston Churchill – für ihre Unternehmungen und für ihr „ungeschorenes“ Überleben nach 1944 in Frankreich und der Schweiz. Der Gegenpart: Polina Shemtschushina war die Ehefrau des langjährigen sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow, eine „Stalinistin, wie man sie nicht einmal im Lehrbuch finden kann“ (S. 141). Dennoch lässt die Partei sie von einem Amt ins andere versetzen, aber sie hält Verbindungen aufrecht zu ihrer im Ausland lebenden jüdischen Verwandtschaft. Sie wird, wohl um ihren Ehemann gefügig zu halten oder zu demütigen, 1949 als „Kosmopolitin“ in die Verbannung geschickt. Sie blieb – wie ihr Mann – aber auch nach ihrer Rückkehr 1953 nach Moskau eine glühende Verehrerin Stalins.

Die Geschichte der beiden berühmten Parfüms verortet Schlögel mithin in den Sphären der Macht und der Mächtigen. Er beschreibt die enge Verbindung zwischen Macht, Vermarktung, Selbstinszenierung, Modernisierung und Moden der Luxusindustrie und ihres Konsums. (Letzterer bleibt allerdings unterbelichtet.) Ein eigenes Kapitel geht auf die Zeit nach 1953 ein, betont aber die wachsende Asymmetrie der „Duft-Hemisphären“ (S. 163) in Ost und West. Krasnaja Moskwa galt seit den 1970er-Jahren bereits als das Parfüm alter Tanten und Omas. Konkurrenten aus Osteuropa waren nun in der Sowjetunion begehrt, bevor nach 1990 die „global players“ den russischen Markt eroberten. Und vorgestellt wird das postmoderne Spiel mit dem Grauen, am Beispiel des Hauses Nikolskaja-Straße 23/1–2, einem der zentralen Orte des stalinistischen Terrors. Man wollte es in ein Haus des Parfüms und des Luxus-Konsums umwandeln, in dem – so ein Vorschlag – ein Parfüm mit dem Namen „Genickschuss“ verkauft werden sollte (S. 166).

Kontrastierend, aber eher nebenbei kommen auch die olfaktorischen Gerüche der Revolution, des Gulags und der NS-Konzentrationslager zur Sprache. Der Schwerpunkt liegt aber auf den angenehmen Duftwelten und ihren „Verpackungen“ in Gestalt der Flakons. Beide werden hier als Teil einer Kunst und eines neuen Lebensstils der Eliten vorgestellt, trotz ihres angeblich demokratisierten Äußeren: das schwarze einfach-elegante Kleid der Coco Chanel und das neue Flakon in Gestalt des „schtof“, des „Flachmanns“, in dem russische Offiziere ihren Wodka bei sich trugen. Wenn sehr schwergewichtig mit Benjamin von Paradigmenwechseln die Rede ist, das „kleine schwarze Kleid“ zum „Ford der Mode“ (S. 86) hochgejubelt und das eher kitschige Flakon Malewitschs dem späteren Futurismus zugeschrieben werden, so finde ich all diese schönen Dinge in ihrer Bedeutung ein wenig überfrachtet. Mir scheint, dass der Text hierbei zu sehr der Selbstreklame und dem Charme von Moden und Parfums erliegt. Und mit der Vorstellung des Biokosmisten A. Bogomolez als Lehrmeister der Schauspielerin Olga Tschechowa rutscht der Ausflug in die Welt der Gerüche ins esoterische “Geheimnis der immerwährenden Jugend und Frische“ ab (S. 171). Die technische Raffinesse bei Herstellung der Parfums und die Kunst ihrer Vermarktung wie ihr Einfluss auf den Alltag sind nicht zu bestreiten, aber man muss sie nicht unbedingt philosophisch aufrüsten.

Anmerkung:
[1] Karl Schlögel, Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt, München 2017.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.05.2020
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