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Titel
Zeit-Schriften der Moderne. Zeitkonstruktion und temporale Selbstverortung in der polnischen Presse (1880–1914)


Autor(en)
Frysztacka, Clara Maddalena
Reihe
SpatioTemporality / RaumZeitlichkeit 7
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 433 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Friedrich Cain, Universität Erfurt

Zeit ist nicht gleich Zeit, sie steht nicht einfach zur Verfügung, sondern wird verfasst und angeeignet. Unter dieser Prämisse beschäftigt sich eine Historiographie der Zeitlichkeit seit längerem mit verschiedenen Modi des Erlebens und der Konstruktion historischer Zeit. Wie diese gezeigt hat, prägen Zeitregimes gesellschaftliche Selbstreflexion entscheidend, auch und gerade in Abgrenzung von „Anderem“. Zeit ist Macht, sie fordert Disziplin und ist damit auch Gegenstand von Kritik geworden.

An diesem Punkt setzt Clara Maddalena Frysztacka in ihrer Dissertation über Zeitkonstruktionen und temporale Selbstverortungen in Polen zwischen 1880 und 1914 an. Mit ihrer Analyse polnischsprachiger Presse eröffnet sie einen neuen Blick auf moderne „Selbstverzeitung“ (S. 20). Denn in dem unter preußischer, russischer und österreichischer Herrschaft aufgeteilten Polen drehten sich die nationalen Diskurse nicht nur um die Selbstvergewisserung von Ein- und Eigenheit, sondern auch um die vielfach gebrochene polnische historische Zeit. Diagnosen der „Rückständigkeit“ und Postulate zum „Aufholen“ riefen danach, in einer „temporal artikulierte[n] Weltordnung“ (ebd.) Stellung zu beziehen.

Zeit ist an Raum gebunden – nicht von ungefähr bedient sich der Ausdruck „aus der Zeit fallen“ räumlicher Metaphorik. Insbesondere in Momenten, die als Epochenwenden erlebt und verhandelt werden, verbinden Dynamiken von Exklusion und Inklusion temporale und spatiale Bildwelten. Spätestens im 19. Jahrhundert prägten Europa bzw. ein entstehender Globaler Norden die Welt durch ein wissenschaftlich-technisches Zeitregime, dessen Konstituenten oft als einheitlich wahrgenommen wurden (und werden). Frysztacka nimmt sich dieses modernen Zeitregimes von seinem Rand her an und zeigt am polnischen Fall, wie komplex die narrative Aneignung asymmetrischer Hegemonieverhältnisse war. Damit schreibt sie ihren Fall in aktuelle theoretische und methodische Diskussionen zur historischen Zeit ein. Sie weist einerseits nach, dass die Moderne diffuse Zeitlichkeitserfahrungen vereinheitlichte, und zeigt andererseits, wie prekär diese Transformation war. Für die spezifische polnische Position entwickelt sie eine aus postkolonialen theoretischen Inspirationen schöpfende Perspektive der „Semiperipherialität“.

Im anspruchsvollen Einleitungskapitel verknüpft Frysztacka den Forschungsstand der Zeit-Geschichte mit klassischen Studien zur konzeptionellen Genese verschiedener Regionen Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas. Sie erweitert dies um medienhistorische Überlegungen zur Aussagekraft des Quellenmaterials, auf dem die Studie basiert. Mit der Bezeichnung „Zeitschriften für viele“ prägt Frysztacka einen Begriff, der methodisch anschlussfähig ist. Sie beschreibt damit auf regelmäßiges, aber nicht tägliches Erscheinen ausgelegte kommerzielle Zeitschriften, deren ökonomische Strategie auf ein breites Publikum statt auf Subskribentenzirkel setzte. Jenseits der Höhenkammliteratur, die insbesondere der Intellectual History als Grundlage diente, lenkt diese Quellengattung den historiographischen Blick auf gesellschaftliche Vorstellungen in der semiperipheren Konstellation, in der die polnische Nation als „nationale[s] Selbst“ (S. 50) narrativiert wurde. Zentral ist hier Frysztackas These, dass die polnische nationale Idee auch durch die spezifische Periodizität der Zeitschriften verbreitet wurde, etwa durch Kommemoration von Jahrestagen, fortlaufende historische Rubriken, Fortsetzungsromane usw. Die „Zeitschriften für viele“ strukturierten also die historische Zeit, allerdings nicht in einheitlichen, sondern in disparaten, teils stark zergliederten Konfigurationen (S. 26ff.).

Die Analyse ist in drei Teile gegliedert, die je eine temporale Konfiguration zum Gegenstand haben. Im Kapitel „Time and the Nation“ rekonstruiert Frysztacka Entwicklungslinien der polnischen Geschichte, wie sie in den „Zeitschriften für viele“ präsentiert wurden. Statt Ereignissen analysiert sie narrative Verdichtungsmomente von Zeitreflexion. Dabei zeigt sich, dass die Rhythmik der tiefenzeitlichen Struktur „polnischer“ Nation, Kultur und Staatlichkeit im untersuchten Material keinesfalls gleichmäßig, sondern wechselhaft war. Auf eine Verspätung frühslawischer Gesellschaften folgte eine Beschleunigung unter den Piasten im frühen Mittelalter, während die folgende Jagiellonendynastie nicht nur als neuartig und besonders beschrieben, sondern auf dem selben zeitlichen Niveau wie die westlichen Nachbarn verortet wurde. Das Wahlkönigtum der Frühen Neuzeit wurde häufig in Begriffen von Niedergang und Dekadenz, also als Zurückbleiben gefasst, was schließlich in der bereits angesprochenen semiperipheren „Selbstverzeitung“ des späten 19. Jahrhunderts mündete.

Im Kapitel „Time and the Other“ rekonstruiert Frysztacka die Erzählung von Semiperipherialität im Verhältnis zu anderen Staatengebilden und Nationen. In den untersuchten Zeitschriften spielte das Verhältnis zu verschiedenen deutschen Alteritäten eine besondere Rolle: Angefangen bei den Germanen, die von den Slawen viel gelernt hätten, wurde das Heilige Römische Reich häufig als Partner auf Höhe der Zeit imaginiert. Dem Deutschen Orden und in der Folge dem preußischen Staat wurden archaische Züge eingeschrieben – in vielen Artikeln wird von Hinterlistigkeit und rücksichtsloser Kolonisierung gesprochen, die sich eine Stagnation polnischer Entwicklung nicht nur zu Nutze gemacht, sondern diese verstärkt habe. Dass Kolonisierung nicht nur als Deprivation, sondern auch als Zivilisierung imaginiert werden konnte, zeigt Frysztacka an der Verhandlung litauischer Alterität, deren kulturelles Niveau – so der Tenor in vielen Artikeln – durch polnische Einflüsse stets gestiegen sei.

Das dritte analytische Kapitel „Modern Times“ behandelt schließlich die Gegenwartswahrnehmungen und Varianten der Einschreibung in das Zeitregime der Moderne. Ein wichtige Rolle spielen hier Ereignisse, die in den „Zeitschriften für viele“ zu Epochenwenden verdichtet wurden, insbesondere das Jahr 1900 und die Revolution von 1905. Im russischen Teilungsgebiet öffnete letztere für einen kurzen Moment ganz neuartige Zeitperspektiven. In diesen Momenten schien Vergangenheit überwindbar und Zukunft in laufender Gegenwart aktiv gestaltbar zu sein. In diesem Teil wird auch die Fragmentierung der polnischen Eigen-Zeit im frühen 20. Jahrhundert deutlich, beeinflussten die revolutionären Ereignisse in Warschau das Leben in den übrigen Teilungsgebieten doch in weit geringerem Maße. Disparates Erleben der Moderne lässt sich auch im Verhältnis von Stadt und Land ausmachen, das oftmals durch Diagnosen eines (ausbleibenden) Fortschritts indiziert wurde.

Frysztacka versteht es, das historische Material und dessen Interpretation auf beeindruckende Weise auszubalancieren. Zahlreiche Querbezüge zum eingangs konzipierten theoretischen Gerüst helfen, die Lektüre jederzeit im Gesamtzusammenhang zu verorten. Die Analyse geht nah an den Quellen vor und lässt diese für sich sprechen, ohne den historischen Kontext oder das theoretische Argument aus den Augen zu verlieren. So gelingt es, die vom Material vorgegebenen detailreichen historischen Zusammenhänge auf eine Weise zu kontextualisieren, die den Text auch ohne besondere Kenntnisse polnischer Geschichte zugänglich macht. Gleichzeitig lässt diese Mikroperspektive auch zu, die dissonante Vielstimmigkeit der untersuchten Zeitschriften einzufangen, die in drei unterschiedlichen imperialen Zusammenhängen erschienen und ganz verschiedene religiöse, politische und regionale Hintergründe hatten. Ausführliche Beschreibungen der Zeitschriften am Schluss des Bandes lassen die Studie darüber hinaus als Nachschlagewerk relevant werden.[1]

An vielen Stellen wäre es interessant, die Rezeption der „Zeitschriften für viele“ zu erkunden, was aufgrund dünner Materiallage sicherlich nur bruchstückhaft zu bewerkstelligen wäre. Welche Rolle spielte historische Zeit jenseits schreibender Milieus, durch welche Praktiken wurde sie anverwandelt und imaginiert? Dies ist jedoch weniger als Hinweis auf eine von Frysztacka durchaus angesprochene Lücke (S. 50ff.) denn als Anschlussfrage zu verstehen. Vielleicht hätte ein Verlagslektorat dem gut lesbaren Text den letzten Schliff verleihen können, den er verdient.

Die zurecht mehrfach ausgezeichnete Studie ist vielfach anschlussfähig. Sie erschließt „Osteuropa als besonders ergiebigen (Erfahrungs-)Raum zur Untersuchung des modernen Zeitregimes“ (S. 357), ohne sich dabei aus den Zusammenhängen der osteuropäischen Geschichte zu lösen. Allgemein kann die Darstellung der Uneinheitlichkeit und Multiperspektivität von Zeitbezügen helfen, das Instrumentarium nachfolgender Analysen von Zeitregimes aller Epochen zu schärfen. Ganz besonders eignet sich ihre Perspektive aber, um Selbstverortungen historischer Gesellschaften zu analysieren, die nach Modernität strebten oder aber davon ausgingen, diese bereits erlangt zu haben. Frysztackas Studie hilft also, die Moderne als universales Zeitregime zu dezentralisieren und ihre hegemoniale Genese in Imaginationen von Zeitlichkeit zu entziffern.

Anmerkung:
[1] Im Einzelnen analysiert Frysztacka folgende Zeitschriften: Tygodnik Ilustrowany, Biesiada Literacka, Bluszcz, Gazeta Świąteczna und Świat aus dem Königreich Polen (russisches Teilungsgebiet); Ognisko Domowe, Tydzień, Ilustracja Polska, Nowości Ilustrowane, Nasz Kraj, Wieniec – Pszczółka und Rola aus Galizien (österreichisches Teilungsgebiet); sowie Gwiazda, Praca und Piast aus dem preußischen Teilungsgebiet.