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Titel
Die Grenze im Blick. Der Ostgrenzendiskurs der Weimarer Republik


Autor(en)
Laba, Agnes
Reihe
Studien zur Ostmitteleuropaforschung 45
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 490 S.
Preis
€ 90,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Verena Bunkus, Universität Erfurt

Für die junge Weimarer Republik stellte der Versailler Friedensvertrag mit seinen neuen Grenzverläufen und Plebisziten die bisherigen Verhältnisse einmal mehr auf den Kopf. Agnes Laba untersucht den regen Diskurs über die Ostgrenze zu Polen in ihrer 2015 an der Justus-Liebig-Universität Gießen eingereichten und nun in leicht überarbeiteter Form publizierten Dissertation. Als methodischen Zugang wählt sie die historische Diskursanalyse und zieht hierfür ein weites Quellenspektrum heran: Sie analysiert Beiträge der auflagenstarken, überregionalen Presse, eigenständige thematische Publikationen, Reichstagsdebatten, Land- und Postkarten ebenso wie Schulbücher des Fachs Erdkunde. Agnes Labas Beitrag zum Forschungsfeld der Raumwahrnehmung ist eine informative Synthese der deutschen Perzeption der Ostgrenze in besonderer Auseinandersetzung mit Karten. Anders als frühere raumbezogenen Studien beschränkt sie sich dabei auf einen relativ kurzen Zeitausschnitt.[1]

Die Arbeit ist übersichtlich gegliedert. Nach der Einleitung führt Laba zunächst in die theoretisch-methodischen Grundanlagen ihrer Analyse ein. Hierfür widmet sie sich der gesellschaftlichen Bedeutung von Grenzen ebenso wie der besonderen Rolle von Landkarten in Raumdiskursen. Im dritten Kapitel skizziert sie ausführlich die Tradition der deutschen Imagination des Ostens und der Ostgrenze, die lange vor 1918 begann. Im vierten Kapitel werden schließlich Akteure vorgestellt und einzelne Medien diskutiert, bevor im letzten Teil Genese und Verlauf des Ostgrenzen-Diskurses entlang verschiedener Topoi erörtert werden.

Als wichtigste Akteure im Diskurs identifiziert Agnes Laba die akademischen Geowissenschaftler sowie die rechtsintellektuelle Gruppe der Jungkonservativen, wobei es zwischen diesen Gruppen personelle Überschneidungen gab. Sie stellt dabei sowohl bekannte Geographen wie Karl Haushofer, Albrecht Penck und Wilhelm Volz, und mit ihnen die Zeitschrift für Geopolitik sowie die Leipziger Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung, vor als auch die jungkonservative Gruppe um Max Hildbert Boehm und ihre Zeitschrift Volk und Reich, die laut Laba bisher nur unzureichend Beachtung im Forschungsfeld gefunden habe (S. 17).

Karten, so wird im vierten Kapitel deutlich, spielten im Ostgrenzen-Diskurs eine zentrale Rolle. Ihren erfolgreichen Einsatz als „Medien der visuellen Evidenzherstellung“ (S. 37) verdeutlicht Laba exemplarisch anhand der Rezeption der „Nationalitätenkarte der östlichen Provinzen des Deutschen Reiches“ von Jakob Spett. Die 1918 nach den Zensusergebnissen von 1910 entworfene Handkarte war während der Friedensverhandlungen in einer Pariser Zeitung abgedruckt worden und hatte einen Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst. Die umstrittenen Gebiete waren in der deutsch-österreichischen Kartenproduktion als mehrheitlich polnisch ausgewiesen; im Nachhinein wurde sie als polnisches Propagandainstrument diffamiert. In der hitzig geführten Debatte um vermeintlich unvorteilhafte Karten bildete sich das zentrale Narrativ heraus, wonach gegnerische Karten eine Falschbewertung seitens der Alliierten hervorgebracht und damit den Verlauf der Ostgrenze massiv beeinflusst hätten (S. 140). Letztlich, so Laba, habe diese Debatte zu einem Aufschwung der Kartographie und ihrer gezielten Förderung beigetragen. Die Einschätzung, dass die Spett-Karte eine „polnische Fälschung“ sei, übernimmt die Verfasserin dabei allerdings etwas zu unkritisch (S. 132).[2] Auch führt sie im Anhang leider nicht die originale Karte auf, sondern erläutert den Sachverhalt anhand einer durch Walter Geisler bearbeiteten Karte von 1933, die zudem in einer zu niedrigen Auflösung abgedruckt ist (Abb. 3).

Als weiteres wichtiges Einsatzfeld der Kartographie werden die sogenannten suggestiven Karten des Graphikers Arnold Hillen Ziegfeld vorgestellt. Versuchten die Geowissenschaftler zunächst, möglichst vorteilhafte Darstellungen anhand der Auswertung von Sprachstatistiken in den umstrittenen Gebieten vorzulegen, ging es den Produzenten der suggestiven Karten um simplifizierte kartographische Illustrationen zur Veranschaulichung ihrer Thesen. Ziegfelds Karten, die insbesondere in der Zeitschrift Volk und Reich veröffentlicht wurden, simulierten durch den geschickten Einsatz schwarzer Flächen und dynamischer Symbole eindrücklich die Gefahren der Ostgrenze. Schlesiens und Ostpreußens Lage etwa erschienen so als besonders exponierte Gebiete für künftige militärische Angriffe. Agnes Laba betont, dass suggestive Karten nicht als Gegenstück, sondern als „andere Seite ein- und desselben Phänomens“ zu verstehen seien (S. 160).

Im fünften Kapitel stellt Agnes Laba aufschlussreich und minutiös den inhaltlichen Verlauf des Ostgrenzen-Diskurses vor. Hier erläutert sie die Herausbildung und Wirkmächtigkeit verschiedener Denkfiguren, beginnend mit der Etablierung der „ungerechten Ostgrenze“: Nach der Kriegsniederlage und der Räumung der Westgrenze hatte sich der Blick der Öffentlichkeit im Winter 1918/19 auf die Ostgrenze verstärkt. Die Reichsregierung hatte Freikorpskämpfer zur Bekämpfung des polnischen „Separatismus“ unter der windigen Versprechung angeworben, dass „noch etwas auszurichten“ sei (S. 189). Schließlich zogen die Alliierten aufgrund der Ereignisse des Posener Aufstandes eine Demarkationslinie, die den polnischen Aufständischen einen großen Teil der Provinz Posen zuerkannte. Diese Grenzziehung habe in der jungen Republik zur Kritik des konservativen Lagers an der sozialdemokratischen Regierung geführt. Sowohl Regierung als auch Presse kolportierten, dass die strittigen Gebiete im Sinne des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ sehr wohl deutsch seien. Auf diese Weise hätten sie maßgeblich zum Topos der Grenzungerechtigkeit beigetragen (S. 214).

Mit Abschluss der Grenzfestlegungen rückte das Gefühl, mit den Gebietsverlusten Unrecht erlitten zu haben, ins Zentrum des Diskurses. Den Anfangspunkt bildeten revisionistische Publikationen aus dem Umfeld der Leipziger Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung, die als „Bestandsaufnahmen“ die neue Grenze beschrieben und beklagten. Damit seien sie einerseits Ausdruck einer Territorialisierungspraktik „in umgekehrter Form“ – der Beschreibung eines Verlustes –, sowie andererseits Teil von Delegitimisierungsstrategien gewesen, die in eine Art „territoriales Selbstmitleid“ mündeten (S. 237). Diese diskursiven Praktiken arbeitet die Autorin anhand des Einsatzes von Defizitargumenten und Körpermetaphorik, von wirtschaftlichen Argumenten sowie der Vermittlung einer durch die neue Grenzziehung entstandenen klaustrophobischen „Raumenge“ heraus. Ausführlich erläutert Laba dabei die kartographischen Strategien der Geographen um Albrecht Penck, die mithilfe geschickter Markierung, z. B. durch Kreis- und Punktdiagramme, das sogenannte Korridorgebiet als deutsch auswiesen (S. 271ff.). Laba erkennt in ihnen zu Recht ein „Hauptinstrument zur Entkräftung der Gebietsabtretungen“ (S. 279) in der ersten Hälfe der 1920er-Jahre. Allerdings wäre hier der Hinweis hilfreich gewesen, dass diese Kartierungen in erster Linie anachronistische Gedankenspiele darstellten, da sie auf Zahlen aus dem Kaiserreich beruhten: Längst hatte sich die Bevölkerungsstruktur verändert.

Mitte der 1920er-Jahre verschob sich der Diskurs schließlich zu einer Debatte um alternative Grenzen, wobei nun die Sprachfrage in den Mittelpunkt rückte. Die diesbezüglichen Konzepte seien jedoch „bemerkenswert vage“ (S. 319) geblieben. Als 1925 mit den Locarno-Verträgen eine Grenzgarantie im Westen festgeschrieben wurde, sei es zu einer diskursiven Veränderung gekommen, ein Ost-Locarno als nicht denkbar antizipiert worden. Albrecht Penck legte in diesem Jahr seine Volks- und Kulturbodentheorie in Volk und Reich dar, in der die Grenze als „strukturbildendes Element endgültig überwunden“ (S. 344) werden sollte. Pencks Ausführungen, ausgestattet mit Ziegfelds suggestiven Karten, läuteten die „völkische Wende“ ein (S. 357). Der „Wir-Raum“ so Laba, sei auf diese Weise von den Akteuren rekonzeptionalisiert und jenseits der Staatsgrenzen imaginiert worden.

Agnes Laba hat ein dichtes, hochinformatives und zeitlich konzentriertes Buch vorgelegt, das eine Synthese der bisherigen Forschung bietet und erstmals den Diskurs umfassend in seinem Wandel präsentiert. Es ist gut lesbar, klar gegliedert und allen zu empfehlen, die sich systematisch mit der Genese des Ostgrenzen-Diskurses in der Weimarer Republik beschäftigen möchten. Die historische Diskursanalyse beschränkt sich nicht nur auf die durch Geowissenschaftler und Jungkonservative geformten Ideen: Auch die sozialdemokratischen Bemühungen in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, die Reichstagsdebatten sowie die Rolle der Freikorps nach dem Waffenstillstand präsentiert sie in neuer Perspektive. Allerdings gelangt die gewählte Analysemethode mit ihrem Fokus auf deutschsprachige Quellen an ihre Grenzen, denn die von Laba benannten Träger des Diskurses, die Geowissenschaftler, waren international vernetzt und entwarfen ihre Ideen in Auseinandersetzung mit ihren ausländischen Kollegen. Diesen Austausch berücksichtigt die Autorin ebenso wenig wie die Wechselwirkung zwischen der deutschen interdisziplinären Ostforschung und dem polnischen Westgedanken. Anders als Laba ausführt, hätte eine solche Perspektiverweiterung zeigen können, dass die benannten Geowissenschaftler nicht erst 1925 eine „völkische Wende“ einläuteten. Völkisches Gedankengut bildete vielmehr einen Grundkonsens der im Kaiserreich angelernten Wissenschaftlergeneration.

Anmerkungen:
[1] Ulrike Jureit, Das Ordnen von Räumen. Territorium und Lebensraum im 19. Jahrhundert, Hamburg 2012; Guntram Henrik Herb, Under the Map of Germany. Nationalism and Propaganda 1918–1945, London 1997.
[2] Ulrike Jureit und Guntram Henrik Herb (siehe Anm. 1) sowie Maciej Górny (ders., Vaterlandszeichner. Geografen und Grenzen im Zwischenkriegseuropa, Osnabrück 2019) lassen sich nicht auf diese Spekulation ein. Steven Seegel (ders., Map Men. Transnational Lives and Deaths of Geographers in the Making of Central Europe, Chicago 2018) äußert sich ähnlich wie Agnes Laba.

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16.11.2020
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