H. Wasmuth: Fröbel’s Pedagogy of Kindergarten and Play

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Titel
Fröbel’s Pedagogy of Kindergarten and Play. Modifications in Germany and the United States


Autor(en)
Wasmuth, Helge
Erschienen
London 2020: Routledge
Anzahl Seiten
214 S.
Preis
£ 29.59
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Christina Rothen, Pädagogische Hochschule Bern

In der Deutschschweiz setzte nach 1870 eine rege Diskussion zum Fröbel’schen Kindergarten ein. Vielerorts wurden Vereine zur Förderung des Fröbel’schen Kindergartens gegründet und mit ihnen nahm die Publizistik zu dieser Erziehungs- und Bildungsinstitution weiter zu. Propagandaschriften adressierten Eltern, Mütter, Kinderfreunde und Lehrer, um sie mit den Ideen Fröbels zum Kindergarten, oder Lehrer, um sie von der Relevanz der Fröbel’schen Ideen zu überzeugen.[1] Doch weshalb setzte diese Bewegung erst 20-30 Jahre nach dem Tod Fröbels ein und welche Rolle spielten dabei transatlantische Rezeptionswege? Antworten darauf finden sich in Helge Wasmuths Schrift zur Fröbel’schen Kindergartenpädagogik in Deutschland und in den USA. In seinen Ausführungen zur Entstehung der Fröbel’schen Ideen kann der Autor auf seine Dissertation, auf die Arbeiten an der Fröbel-Forschungsstelle (Helmut Heiland), aber auch auf Arbeiten zum transatlantischen Austausch stützen.[2] Als neuer Quellensatz dienen Teile der Fröbelbriefe.[3]

Wie stehen Fröbel und die Kindergartenbewegung sowie Fröbel und die Pädagogik des Spiels zueinander? War Friedrich Fröbel (1782-1852) am Ende doch erfolgreich, obwohl er sich so lange missverstanden gefühlt hat? Was, wenn der Erfolg am Ende nur auf Missverständnissen beruht? Dies die Ausgangsfragen, welche Wasmuth zur Aufarbeitung der frühen Fröbelrezeption in Deutschland und in den USA führten. In drei Teilen erarbeitet die Studie die biographischen Wirrungen Friedrich Fröbels, die erste Rezeptionsphase in Deutschland sowie erste transatlantische Bemühungen um Fröbel’sche Kindergärten in den USA. Dabei geht es dem Autor vor allem um die Pädagogik Fröbels und um die Modifikationen dieser Pädagogik durch einzelne Vertreterinnen und Vertreter der Kindergartensache. Der Autor sucht nach dem „authentic Fröbel“ (S. 50.), fragt nach der authentischen Fröbel-Pädagogik und wie sich diese ursprüngliche Konzeption in den ersten Jahren der Rezeption entwickelt hat. Nur sekundär wird die Institutionalisierung der Kindergärten im 19. Jahrhundert in den beiden Ländern thematisiert, womit die Arbeit ideengeschichtlich („intellectual history“) ausgerichtet ist und einen hermeneutischen Fokus erhält.

Im ersten Teil des Buches widmet sich der Autor der Auslegung von Fröbels Kindergarten- und Spielpädagogik, wobei zunächst ein biographischer Abriss die Entstehung der Ideen kontextualisiert. Wasmuth beschreibt auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstands die unsteten Jugend- und Adoleszenzjahre Fröbels, geprägt von persönlichen Verlusten, der Ablösung vom orthodoxen-lutherischen Vater, von den pädagogischen Erfahrungen als Hauslehrer oder als Beobachter Pestalozzis. Nach vielen Versuchen, nach langem Suchen um Erfolg widmete sich Fröbel nach 1836 vermehrt seiner Spielpädagogik, welche aus Spiel- und Beschäftigungsgaben bestand und welche sich in den folgenden Jahren konzeptionell entwickelte. Diese späteren 1830er-Jahre brachten endlich für eine kurze Zeit etwas Anerkennung; die Gründung des Allgemeinen Deutschen Kindergartens in Bad Blankenburg als Laborschule (auch für die Kinder) und der Bildungskurs für Kleinkindergärtnerinnen in Keilnau waren wichtige Momente, die zur „Erfindung“ des Kindergartens führten (Kap. 2.2). Die volatile Lage bei den Anmeldungen zu den Kindergärtnerinnenkursen verdeutlichen aber auch, dass sich die Kindergartenidee nicht schnell institutionell etablieren konnte. Umso verlockender muss die plötzlich im Raum schwebende Möglichkeit gewesen sein, Idee und Name des Kindergartens mit den Forderungen der Märzrevolution 1848/49 zu verbinden und dabei von der politischen Strömung zu profitieren. Am Ende aber führte die Politisierung der Kindergartenidee zum berühmten Bann des Kindergartens in Preußen und zur Schließung einzelner Institutionen.

Fröbels Werk ist kaum verständlich, wie der Autor teilweise auch mit Humor darstellt. Den „authentischen“ Fröbel aus seinen Schriften herauszudestillieren sei schwierig, da das schriftliche Werk unsystematisch blieb und am ehesten durch die kleineren Schriften – etwa die über 2000 Briefe – aufzuschlüsseln sei. Auf der Grundlage einer umfassenden hermeneutischen Auslegung zur Fröbel’schen Sphärentheorie[4] und zu seinem pädagogischen Ziel der „Lebenseinigung“ verdeutlicht der Autor, wie wenig zugänglich und wie schwer verständlich Fröbels Schriften waren. Die Idee, dass nicht die sozialen Verhältnisse und die Bedürfnisse der Erwachsenen die Kindergartenpädagogik bestimmen sollten, sondern dass die Natur der Kinder sowie deren Lern- und Entwicklungsweise einer spezifischen Pädagogik bedürfen, hat sich aber in den folgenden Jahren über Umwege verbreiten können. Die ersten Kindergärten waren denn auch Spielumgebungen, in welchen Kinder weiterführendes Spielverhalten erlernten, gleichzeitig aber auch die Eltern ihre Spielbegleitung vertiefen sollten. Eine holistische Erziehung galt es zu erreichen, indem im Kindergarten die Bereiche „Kopf, Herz und Aktion und Lebenskompetenz“ ausbalanciert werden (Fröbel 1844, zit. S. 70). Im Kindergarten sollte jedes Kind eine Vereinigung von Natur, Gesellschaft und Gott erfahren. Dabei solle das Kind zwar selbst aktiv sein, benötige aber auch stimulierende, unterstützende Begleitung in seiner „Hilfsbedürftigkeit“ (S. 73).

Immer wieder wird Fröbel als Pädagoge des Spiels bezeichnet. Im freien Spiel erkenne das Kind instinktiv die Gesetzmäßigkeiten des Lebens, da es dazu befähigt werde, die Welt um sich herum zu rekonstruieren, neu zu komponieren und dabei so angeleitet zu werden, dass das Ganzheitliche des Lebens entdeckt werden kann. Die Spielgaben (von Fröbel zusammengestellte Spielmaterialien), der Garten, die Beschäftigungsmittel, alle diese spezifischen Kindergartenelemente sollten am Ende dazu dienen, das holistische Ziel der Lebensvereinigung, der Menschwerdung für alle Kinder zu erreichen.

Im zweiten Teil der Schrift wird die erste Rezeptionswelle in Deutschland beschrieben. Die Studie beschreibt dazu die konzeptionellen Konsolidierungen und Anpassungen in den Vermittlungsbemühungen einzelner Frauen (und weniger Männer). Bei der Lektüre wird deutlich, dass die Übersetzungs- und Vereinfachungsarbeit einzelner Frauen im Hinblick auf die Originalarbeiten Fröbels kaum zu unterschätzen sind: Ohne Reinterpretationen und Modifikationen wäre die Kindergartenpädagogik kaum anwendbar und staatlich interessant gewesen. Die zahlreichen Schriften und Lehrtätigkeiten der ersten Fröbelvereinigungen führten zu einer stärker pragmatischen Rezeption der Kindergartenidee: die Fröbel’sche Sphärentheorie wurde entweder in der Rezeption ganz marginalisiert oder dann stark vereinfacht: So wurden beispielsweise in dem 1860 erstmals erschienen Handbuch Das Paradies der Kindheit von Lina Morgenstern die mystischen, spekulativen Grundlagen pragmatisiert und die sozialpolitischen Ziele der Zeit aufgenommen. Wie andere prominente Kindergartenverfechterinnen engagierte sich Morgenstern für soziale Wohlfahrtsprojekte und Frauenrechte und indirekt für die Rechte der jüdischen Minderheit und stellte damit die Kindergartenidee in einem breiten sozialpolitischen Handlungskontext. Die Pragmatisierung des kaum zugänglichen, mystisch-transzendentalen Ursprungs machte die Kindergartenidee durchsetzungsfähig und für bürgerliche Frauen als Handlungsfeld attraktiv.

Wie hat sich die Rezeption der Kindergartenidee in den USA auf das Ideengut ausgewirkt? Dieser Frage geht der Autor im letzten Teil nach. Dabei geht es ihm wiederum um den Wandel des „original Fröbel“ (S. 166). Helge Wasmuth portraitiert drei Frauen der ersten Kindergartenstunde in den USA. Mathilde Kriege, Maria Kraus-Boelté und Emma Merwedel haben alle die pädagogischen Konzepte an die „needs of the American audience“ (S. 176) angepasst: So rückten Überlegungen zur Arbeitserziehung aber auch Bemühungen um die Passung des Mathematikmaterials sowie die Systematisierung der Spielgaben und der Beschäftigungsmittel in den Fokus. Der Autor lässt anklingen, dass die zweite Generation der amerikanischen Kindergartenbewegung gar nicht die Möglichkeit gehabt hätte, den „pure Fröbel“ (S. 192) zu lesen und zu verstehen.

Zum Schluss arbeitet die Studie einige Kernelemente der „pure“, bzw. „original“ oder „authentic“ Fröbelpädagogik heraus. Dazu zählen der ganzheitliche Ansatz, die Selbsttätigkeit der Kinder bei gleichzeitiger Hinführung und Anleitung, die Spielgaben und Beschäftigungsmittel und das freie Spiel. Diese Elemente werden aber zusammengehalten von der letztendlich spirituellen Sphärentheorie. Alle diese Kernelemente haben sich sowohl in der ersten Rezeptionswelle in Deutschland als auch in den USA modifiziert. Dies habe zum einen mit der komplexen und schwierig zugänglichen Überlieferung des „authentic Fröbel“ zu tun, gleichzeitig scheint die Pragmatisierung aber auch Erfolgsrezept der Kindergartenbewegung gewesen zu sein.

Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Ideengeschichte des Kindergartens; Fröbels Pädagogik wird ausführlich dargestellt und die ersten Rezeptionen umschrieben. Die Suche nach dem „authentic Fröbel“ verleiht der Studie einen immer wieder rückwärtsgewandten Blick, welcher die unglaublich erfolgreiche, durchaus auch fröbelnahe Rezeption bis in die heutige Zeit hinein etwas wenig hervorhebt. Die Vereinfachung der komplizierten und fragmentarisch formulierten Ideen, die Verbindung mit neuen Handlungsmöglichkeiten für Frauen, das sozialreformerische Element und nicht zuletzt die Freiheiten, Fröbel als Label zu benützen, haben der Pädagogik des Spiels zum langanhaltenden Erfolg verholfen. Im Anschluss an diese weitere Analyse der Vaterfigur und der ersten Rezipientinnen gilt es zu hoffen, dass weitere Arbeiten zu den vielfältigen nationalen, regionalen und konfessionell-kulturellen Kindergartenbewegungen und deren Motive für die Fröbelrezeption folgen werden.

Anmerkungen:
[1] Ein älterer Überblick für die Deutschschweiz: Paul Rüfenacht, Vorschulerziehung in der Schweiz. Würzburg 1983; für die französischsprachige Schweiz: Michèle É. Schärer, Friedrich Froebel et l’éducation préscolaire en Suisse romande. 1860–1925. Lausanne 2008.
[2] Helge Wasmuth, Kindertageseinrichtungen als Bildungseinrichtungen. Zur Bedeutung von Bildung und Erziehung in der Geschichte der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland bis 1945. Bad Heilbrunn 2011; Helmut Heiland, Fröbelforschung heute. Aufsätze 1990–2002. Würzburg 2002; Ann Taylor Allen, The Kindergarten in Germany and the United States, 1840–1914: A Comparative Perspective, in: History of Education 35 (2006), S. 173–188.
[3] <https://editionen.bbf.dipf.de/>
[4] Vereinfacht meint die Fröbel’sche Sphärentheorie, dass alles Seiende und somit auch der Mensch zugleich auch das Wesen seines Grundes, also Gott, in sich trage und damit Ausdruck des göttlichen Wesens sei.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.01.2022
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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