Cover
Titel
Medien, Geschichte und Wahrnehmung. Eine Einführung in die Mediengeschichte


Autor(en)
Fahlenbrach, Kathrin
Erschienen
Wiesbaden 2019: Springer VS
Anzahl Seiten
X, 305 S., 37 SW-Abb.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rudolf Stöber, Institut für Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Einführungen in die Mediengeschichte sind insofern ein schwieriges Sujet, als dieses Feld einerseits kaum institutionalisiert ist, andererseits von unterschiedlichen Disziplinen bearbeitet wird. Neben Medienwissenschaftlern sind hier Kommunikationswissenschaftler, Historiker, Sprach- und Kulturwissenschaftler sowie Philosophen aktiv. Daraus ergeben sich recht unterschiedliche Zugänge. Die Verfasserin des hier besprochenen Werks, Kathrin Fahlenbrach, lehrt Medienwissenschaft an der Universität Hamburg, weshalb auch das anzuzeigende Lehrbuch an diese Disziplin adressiert ist. Der Autor dieser Anmerkungen ist Kommunikationswissenschaftler, sein Schwerpunkt ist die Geschichte der Kommunikation und Medien. Die folgenden Ausführungen sollten daher eher als Anmerkungen aus der Perspektive einer Nachbardisziplin verstanden werden.

Das Buch ist klar gegliedert: Auf eine Einleitung folgen vier Kapitel. Sie heißen: erstens „Medien des Sprechens und Hörens“, zweitens „Medien des Schreibens und Lesens“, drittens „Medien des Zeigens und Sehens“ und viertens „Medien der Audiovision“. Jedes Kapitel beginnt mit Einführungen zur Medialität des jeweiligen Medienspektrums und jeder Abschnitt endet mit Kontrollfragen und -antworten, Literaturempfehlungen (annotiert und kurz) sowie Literaturhinweisen (ohne Annotation und länger). Eine Zusammenfassung am Ende des Buches fehlt ebenso wie eine abschnittsübergreifende Literaturliste. Unter der ersten Seite jedes Abschnitts findet sich der Hinweis auf die Digitale Objektbezeichnung (DOI). Das erklärt die kapitelbezogenen Literaturlisten: Der Verlag setzt auf den kapitelweisen Verkauf über Springer Link.

Die Verfasserin begreift die „Geschichte der Medien [als] geprägt von Prozessen der Ab- und Aufwertung des Körpers (vgl. Böhme 2001)“ (S. 1). Ich hätte darauf verwiesen, dass das Konzept der Medien als Erweiterung des Körpers von Marshall McLuhan stammt.[1] Es geht Fahlenbrach um „Formationen der Sinnesadressierung“ (S. 2). Sie nähert sich dem Thema, wie man es in einem Lehrbuch zu jeder Disziplin machen würde, über Definitionen. Dabei greift sie unter anderem auf Zeichentheoretiker wie Roland Posner und Kommunikationswissenschaftler wie Harry Pross zurück. Das Gemeinsame der „allgemeine[n] Voraussetzungen von Mediengeschichte“, wie sie hier verstanden wird, ist das technische Apriori. Aus technischen Veränderungen werden die (weitreichenden) Schlussfolgerungen abgeleitet. Mich hätte die soziale Indienstnahme, Formatierung oder wie immer man den Prozess der Aneignung von Innovationen bezeichnen möchte, stärker interessiert. Aber unterschiedliche Erkenntnisinteressen sind nicht nur legitim, sie konstituieren eben auch die jeweiligen Wissenschaften.

Fahlenbrach unterscheidet drei Auffassungen von Mediengeschichte: eine teleologische, eine genealogische und eine archäologische. Es ist sympathisch, dass die zweckorientiert-deterministisch-teleologische Variante abgelehnt wird. Die Verfasserin positioniert sich zwischen genealogisch und archäologisch. Als Merkmal der Medienarchäologie wird der enge Bezug der Geschichtsschreibung zu den relevanten Quellen herausgestrichen. In dem Lehrbuch fehlt allerdings jeder Hinweis auf Quellen im ur-eigenen Sinn: als zu interpretierende Überreste oder Traditionsquellen. Stattdessen findet sich unter den Literaturangaben der Duden von 2017.

„Die historischen Darstellungen innerhalb der Kapitel strukturieren sich nach übergreifenden Schlüsseltechniken des Analogen, Elektronischen und Digitalen.“ (S. 15) Diese Kategorisierung überzeugt nicht. Analog mag man Digital gegenüberstellen; richtiger Weise sollten jedoch analog und diskret unterschieden werden. Digitale, computerbasierte Informationsverarbeitung ist eine Unterform der diskreten Signalverarbeitung. Digital, in diesem Sinne modern (Strom an / Strom aus) und nicht im Sinne einer binären Leibniz‘schen (dualen) Mathematik verstanden, ist kein Gegensatz zu elektronisch, sondern dessen Fortsetzung.

Das erste Hauptkapitel beginnt mit einer Übersicht: „In diesem Kapitel werden Medien des Sprechens und Hörens vorgestellt, die im Verlauf der Mediengeschichte das primäre Körpermedium Stimme in unterschiedlichen Medienkonstellationen verarbeitet und erweitert haben: die schriftlich vorbereitete öffentliche Rede (Rhetorik), Sprechmaschinen, […] digitale Audiomedien (Mobiltelefon, Netzradio, Audio-Clouds).“ (S. 19) Ein Unterabschnitt beschäftigt sich mit antiker Rhetorik, jedoch war diese von der Antike bis in die Moderne explizit schriftfern. Noch der Weimarer Reichstag verbot ausgearbeitete Manuskripte. Demosthenes, Cicero oder Melanchthon hätten sich gewundert. Diese Namen fehlen im Übrigen.

Der zweite Hauptteil behandelt das Schreiben und Lesen. Dabei spielt Rolf Engelsings Leitunterscheidung von intensivem und extensivem Lesen eine zentrale Rolle. In dem Lehrbuch stehen Buchdruck- und Pressegeschichte im Mittelpunkt. Korrekt wird darauf hingewiesen, dass die meisten älteren Medien nicht mit dem Aufkommen neuerer verschwunden seien, sondern einen Funktionswandel durchgemacht haben. Einen Hinweis auf Engelsing habe ich im Literaturverzeichnis vermisst.[2] Der Begriff „Rieplsches Gesetz“ und der Name Wolfgang Riepl fallen nicht.[3] Gleiches gilt für viele pressehistorische Studien, pars pro toto seien die Namen Holger Böning, Kurt Koszyk, Martin Welke, Jürgen Wilke genannt.

Der dritte Abschnitt, „Medien des Zeigens und Sehens“, beginnt mit dem Statement: „Lange vor der Erfindung der Lautsprache entstanden visuelle Zeichen und Bilder als Speichermedien für Vorstellungen.“ (S. 121) Es wäre sehr spannend zu erfahren, woher man das wissen will. Ich habe bislang immer geglaubt, die Vor-, Ur- und Frühgeschichte verweise zuerst auf magisch-rituelle Deutungen. Auch in diesem Kapitel spielen antike Medien eine Rolle: „Ausgangspunkt waren Bildpraktiken des Totenkults […]. Die Körper Verstorbener wurden als realistisch gestaltete Menschenstatuen (Kouros-Figuren) nachgebildet.“ (S. 131f.) Wer je archaische Kuroi gesehen hat, wird bemerken, dass sie das Gegenteil von realistischer Formgebung verkörpern. Wenig später ist von Vorläufern der Fotografie die Rede. Zum Erfinder der Heliografie, Joseph Niépce, stellt die Autorin fest, dass er „durch nachträgliche Bearbeitung der Platte mit Öl [Konturen] herauszuheben versuchte“. Und: das sei „erstmals im Zeichen durchgängig mechanisierter Bildproduktion“ (S. 146f.) geschehen. Hier scheint mir ein Widerspruch in sich vorzuliegen.

„Wie schon angedeutet, gibt es eine lange Geschichte an audiovisuellen Medien, die Auge und Ohr zugleich ansprechen. […] in den digitalen Medienkulturen löste sich die Spezifik audiovisueller Einzelmedien immer mehr auf.“ (S. 181) Das vierte Kapitel zu den audiovisuellen Medien beginnt, wie zumeist üblich, mit der Laterna Magica. Zur Einführung des Tonfilms stellt Fahlenbrach fest: „Als Ironie der Geschichte kann angesehen werden, dass wesentliche Impulse zu einem produktiven und anregenden Einsatz des Filmtons – der die Möglichkeiten von Kamera und Montage nicht einschränkte, sondern vielmehr noch erweiterte –, von den Avantgardefilmern kam.“ (S. 225) Auf Fritz Lang kommt sie später. „Dabei [in seinem Film „M“ von 1931, R.S.] entdeckte Lang die Möglichkeit, ein klangliches Motiv als erzählerisches Leitmotiv einzusetzen. […] Ebenso konstruiert er Parallelmontagen von On- und Off-Räumen: Als die Mutter der kleinen Elsie etwa verzweifelt in den Hof nach ihrer Tochter ruft.“ (S. 229) Das Leitmotiv wird man mit Richard Wagner in Verbindung bringen dürfen. Lang hatte zuvor Wagner-inspirierte Filme gedreht. Als kaum zu übertreffende Parallelmontage hätte man vielleicht eher auf die gleichzeitigen Konsultationen der Ringvereine und der Strafverfolgungsbehörden verwiesen. Die Literaturliste führt Texte von Rudolf Arnheim, André Bazin, Sergej Eisenstein und anderen auf. Von jedem der Genannten fehlen die Hauptschriften: Von Arnheim „Film als Kunst“ und „Rundfunk als Hörkunst“, von Bazin „Was ist Film“, von Eisenstein „Yo“.[4] Kracauer und Truffaut fehlen ganz.[5]

Trotz systematischer Grundanlage sollte die Darstellung bei einer etwaigen Neuauflage gründlich überarbeitet und ergänzt werden.

Anmerkungen:
[1] Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Basel 1994, S. 186–188.
[2] Rolf Engelsing, Die Perioden der Lesergeschichte in der Neuzeit. Das statistische Ausmaß und die soziokulturelle Bedeutung der Lektüre, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 10 (1970), S. 945–1.002.
[3] Wolfgang Riepl, Das Nachrichtenwesen des Altertums. Mit besonderer Rücksicht auf die Römer, Leipzig 1913.
[4] Rudolf Arnheim, Film als Kunst, Frankfurt am Main 2002; ders., Rundfunk als Hörkunst, Frankfurt am Main 2001; André Bazin, Was ist Film? Herausgegeben von Robert Fischer, Berlin 2005; Sergej Eisenstein, Yo – Ich selbst. Memoiren, 2 Bde., herausgegeben von Naum Klejman / Walentina Korschunowa, Berlin (Ost) 1984.
[5] Siegfried Kracauer, Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films, Frankfurt am Main 1995; Francois Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, 4. Aufl., München 2003.

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Veröffentlicht am
20.05.2021
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