F. Hauner: Licht, Luft, Sonne, Hygiene

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Titel
Licht, Luft, Sonne, Hygiene. Architektur und Moderne in Bayern zur Zeit der Weimarer Republik


Autor(en)
Hauner, Franz
Reihe
Studien zur Zeitgeschichte 93
Erschienen
Anzahl Seiten
VI, 491 S.
Preis
€ 69,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Götz, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

„Das Deutschland der Weimarer Republik gilt allgemein als Kernland des modernen Baustils“, rekapituliert Franz Hauner zu Beginn des für seine Dissertation grundlegenden Kapitels über „Bauhaus – Neue Sachlichkeit – Neues Bauen – Heimatschutz“ (S. 51). Obzwar die „plakative Architektur der Avantgardisten“ nur zu rund fünf bis zehn Prozent das Baugeschehen insgesamt prägte, gilt das Neue Bauen als „Baustil der Weimarer Republik schlechthin“ (S. 53). Spektakuläre öffentliche Inszenierungen wie die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ in Stuttgart-Weißenhof 1927 polarisierten – denn, daran erinnert Hauner, „neben Bauhaus und Avantgarde gab es auch eine auf Basis der Tradition aufbauende kontinuierliche Weiterentwicklung der Architektur zur Moderne“ (ebd.). Vergleichbare Konstellationen lagen in den 1920er-Jahren durchaus auch anderswo in Europa vor, „aber nirgends war die Situation so angespannt und nirgends prallten die Ansichten so heftig aufeinander wie in Deutschland“ (S. 53f.).

Hundert Jahre später hat sich daran offenbar wenig geändert. Sichtbeton oder Fachwerk, Rekonstruktion oder Dekonstruktion, „romantisch regressive Rettungsversuche“ oder Kampf gegen das „Fortschrittsfeindliche“ – „Arch+“, die renommierte „Zeitschrift für Architektur und Urbanismus“, füllte im Bauhausjubiläumsjahr 2019 resonanzstark und durchaus auf Widerspruch stoßend eine ganze Ausgabe samt Beiheft unter dem Ausrufezeichen-Titel „Rechte Räume“. Die Frontlinien wurden dabei so umstandslos wie aufmunitioniert gezogen: Mit Begriffen wie „Schönheit“ oder „europäische Stadt“ gingen auch jene, „die sich nicht dem rechten Milieu zuordnen […], den Rattenfängern auch schon auf dem Leim“; letztlich werde deutlich, „dass das nebulöse Label der europäischen Stadt von Anfang an anschlussfähig für das identitäre Programm der Neuen Rechten war“.[1] Darunter geht’s offenbar nicht. Wer Sockel und Sandstein sagt, meint also nicht nur Schmitthenner, sondern auch Speer. „Ist Fachwerk faschistisch?“ – wenn solche Fragen gestellt werden, vermutet man offenbar hinter jedem nächsten Haus den Feind.[2]

Das allein ist Grund genug, sich mit Neugier der Architektur(politik) vor 100 Jahren zuzuwenden. Franz Hauner konstatiert: „Bandbreite, Ausmaß und Intensität der Auseinandersetzung um das Neue Bauen sind noch wenig erforscht“ (S. 1), und der regionalhistorische Zugriff auf Bayern verspricht dabei insofern Erhellendes, als in München oder Würzburg vorab das Gegenmodell zu Berlin, Frankfurt oder Stuttgart vermutet wird. Hauner nimmt sich neben der Hauptstadt des Freistaats und dem Zentrum Unterfrankens noch Nürnberg und Augsburg vor und zeichnet auf einer ungemein breiten Basis von Archiv- und Bibliotheksbeständen (und unterlegt mit einem sinnfälligen, fast 50 Seiten starken Abbildungsteil) die Konturen des lokalen Baugeschehens in der Weimarer Republik samt ihrer Kontroversen nach. Seinem Ausgangspunkt gemäß, Architektur als gegenständliche Quelle zu sehen, betrachtet er „Bauten der Gemeinschaft“ (Kirchen, Krankenhäuser, Sportstätten), Wohnbauten und Siedlungen sowie „Bauten der Arbeit“. Die von Hauner erschlossene Materialfülle wird jedenfalls, das sei vorweggenommen, fortan ein unhintergehbarer Referenzrahmen sein, sowohl für vertiefende Lokalstudien zu anderen, nicht nur bayerischen Städten wie für alt-neue Bauaufgaben der Zwischenkriegszeit wie Rathaus(-Erweiterungen), Stadthallen, Bahnhöfe oder Bauten der Energieversorgung.

Der Band mündet in das Resümee, „dass das traditionsbewusste katholisch geprägte Bayern sich nicht einem wie auch immer gearteten Kunstdiktat des protestantisch-preußischen Norddeutschland unterwerfen wollte“, sondern eine eigenständige Ausprägung des Neuen Bauens entwickelte (Klappentext). Gleich an dieser Stelle: Letzteres ist so überraschend nicht, Ersteres ein wenig klischeehaft-verkürzend und beides dabei hinter der Differenziertheit der erarbeiteten Befunde zurückbleibend. Gewiss, im Erzbistum München-Freising, wo Kardinal Michael Faulhaber in seiner Silvesteransprache 1929 explizit gegen moderne Kunst und Neue Sachlichkeit Stellung bezog und wo neben abgewandelten neoromanischen Formen im expansiv betriebenen Sakralbau weiterhin der Neobarock der Vorkriegszeit gepflegt wurde, geht die Formel vom barockkatholisch-konservativen Bayern auf. Doch setzten mit Albert Boßlet in Würzburg und Michael Kurz in Augsburg zwei Architekten mit ihrer klaren Abwendung vom Historismus und der Aufnahme von Elementen expressionistischer Stimmungsarchitektur neuartige Akzente, die neben lokal fallweise durchaus bemerkenswerter Aufgeschlossenheit auch überregional Beachtung und Wertschätzung fanden. Dagegen ragt beim protestantischen Kirchenbau mit German Bestelmeyer ein Baukünstler heraus, der Architektur als materialisierte Weltanschauung begriff und dabei scharf die nationalprotestantischen Vorbehalte gegen Weimars Moderne artikulierte; im nationalsozialistisch beeinflussten „Kampfbund für deutsche Kultur“ agierte er gemeinsam mit Paul Schultze-Naumburg. Reduzierte romanische oder gotische Architekturzitate, die gewachsenen Stilmix inszenierten, camouflierten einen Neohistorismus, der sich – inhärent selbstredend widersprüchlich – mehr als zeitenthoben „völkisch“ denn (bayerisch-)regionalistisch inszenierte: „Ich kenne keine neue Sachlichkeit, es gibt für mich nur eine Sachlichkeit, und die ist schon sehr alt“, so Bestelmeyer (zit. nach S. 130).

Während der auch quantitativ gewichtige Teil über den Sakralbau vom griffigen Obertitel der Arbeit – „Licht, Luft, Sonne, Hygiene“ – so recht nicht abgedeckt wird, erschließt Hauner mit den Krankenhäusern, (Volks-)Bädern, Stadien oder Zweckbauten der Post und der kommunalen Lebensmittelversorgung tatsächlich jene neueren Bauaufgaben der industriegesellschaftlichen Moderne, deren Architektursprache schon deswegen nicht über einen konservativen Leisten zu schlagen ist, weil sie im Konkreten auch vor dem Hintergrund materialtechnisch-konstruktiver Innovationen Eigendynamiken jenseits des umstandslos Ideologisierbaren freisetzten. In der nationalen Sporthochburg Nürnberg realisierte der Oberbaurat Otto Ernst Schweizer mit dem Nürnberger Stadion ein Leuchtturmprojekt, das von der zeitgenössischen Architekturkritik zu den Aushängeschildern des Neuen Bauens gezählt wurde. Züge Neuer Sachlichkeit aber zeigt ebenfalls der vom eher konservativ profilierten Oberbaurat und späteren NSDAP-Mitglied Karl Meitinger verantwortete Ausbau des Dantebads in München; hier trieb der BVP-Oberbürgermeister Karl Scharnagl bei allen „sittlichen“ Vorbehalten viele Sportprojekte voran – zumal diese ja ohnehin ideologisch vielfältig codierbar waren und man den Zwanzigern ex post nicht vorschnell Eindeutigkeiten einschreiben sollte. Überregional bekannt sind vor allem die Münchner Postbauten der bayerischen Postbauschule, die sich unter dem Leiter Robert Vorhoelzer der von Berlin unabhängigen Hochbauabteilung der Oberpostdirektion München entfalten konnte. Hauner bezeichnet ihre Werke als „kompromisslos moderne Bauten, teilweise von nationalem, gar internationalem Rang“ (S. 356) – ein Kollege Vorhoelzers selbst hingegen als Alternative zur „traditionsgebundenen, rückblickenden und der ‚rücksichtslosen‘ fortschrittlichen Richtung“ (S. 366); für beide Urteile ließen sich Beispiele anführen.

Eindeutiger scheinen die Dinge beim ideologisch schwer umkämpften und von Hauner daher zu Recht breit referierten Wohnungsbau zu liegen, weil hier die Partie Flachdach-Steildach vorderhand und quantitativ eindeutig zugunsten des Letzteren entschieden wurde. Kirchliche Baugenossenschaften pflegten in den 1920er-Jahren jedenfalls einen selbstgenügsamen konservativen Traditionalismus. Avantgardistische Doppelwohnhäuser im Geiste Le Corbusiers wie in Würzburg blieben spektakuläre, gleichwohl auch begeistert kommentierte Ausreißer. Der „Nürnberger Pragmatismus“ hieß auch deswegen so, weil der linksliberale Oberbürgermeister Luppe in puncto Flachdach, Bauhaus und Siedlungen à la Weißenhof oder Berlin-Britz deutlich reserviert blieb – ein Argument gegen jene seitdem gern geübte kurzschlüssige Gleichsetzung von Architektursprache und politischen Überzeugungen. Dies unterstreicht nicht zuletzt das Wirken des südlich des Mains wohl ausstrahlungskräftigsten Architekten und Begründers der Stuttgarter Schule: Theodor Fischer. Seine zahlreichen Schüler saßen in Bauverwaltungen vieler bayerischer Städte und agierten dort „moderat-bewahrend beziehungsweise eingeschränkt fortschrittlich bis progressiv“ (S. 59); hier sollten weitere „Provinz“-Studien in die Tiefe bohren. Vor dem Krieg Adept Camillo Sittes und Praktiker des „malerischen Städtebaus“ und zugleich 1932 als „Pionier der Architektur deutscher Gegenwart“ gewürdigt (S. 278), ging Fischer mit der städtebaulich und sozialgeschichtlich revolutionären Münchner Wohnsiedlung Alte Haide auf Distanz zu einem von ihm dann scharf kritisierten verbockt-verengten Heimatschutz. In der Folge entstanden im als kulturell provinziell gescholtenen, auf Tourismus und überkommenes Stadtbild setzenden München neben eher traditionsbewussten Siedlungen auch die fortschrittliche Postversuchssiedlung an der Arnulfstraße, mit der Neues Bauen und Wohnen Teil der Münchner Baupolitik wurden. So nachvollziehbar Hauners Beschränkung im Übrigen auf die Jahre der Weimarer Republik ist, nicht nur im Falle Fischers wäre zumindest der Rückblick auf die Reformarchitektur vor dem Ersten Weltkrieg erhellend gewesen, nicht zuletzt um deren politische Offenheit und späteren Metamorphosen in den „kurzen“ 1920er-Jahren (nach der Weltwirtschaftskrise war es ohnehin weitgehend vorbei) zu beleuchten.[3]

Das unbestreitbar eigenständige Profil des bayerischen Baugeschehens beruhte – hierauf fußt Hauners eingangs zitiertes Resümee auch und dies dann zu Recht – maßgeblich auf langlebigen institutionellen Grundlagen. Seit König Ludwig I. bestimmte die dem Innenministerium unterstellte, 1830 geschaffene Oberste Baubehörde mit weitreichenden Kompetenzen das öffentliche Bauwesen, flankiert von den ehrenamtlichen, aus der Bauverwaltung rekrutierten Gutachtern im Baukunstausschuss, dem Pläne zu fast allen öffentlichen Bauten vorgelegt werden mussten und der gravierend, de facto fallweise bevormundend in die kommunale Selbstverwaltung eingriff. Gewünscht hätte man sich Vertiefendes zum Agieren des ministeriell geförderten und – ebenfalls schon vor 1914 – intensiv in der Bauberatung involvierten Bayerischen Landesvereins für Heimatschutz. Die Beamten in München jedenfalls verteidigten – die konfessionellen Milieus übergreifend – mit der Kulturpolitik das letzte Feld bayerischer Eigenständigkeit in der ansonsten so unitaristischen Weimarer Republik. Hinzu kam zweierlei: Der landesweite Konsens, auch Gemäßigt-Modernes regionalistisch einzubetten, war in Bayern besonders breit. Und die noch nicht totale (hinreichend billige) Allverfügbarkeit moderner Materialien und Baustoffe wendete man ins Affirmative. Paradigmatisch hierfür war das Technische Rathaus am Rande der Münchner Altstadt, das zwar konstruktiv aus Skelettbauweise mit Stahlbeton bestand, diese aber mit heimischen Nagelfluh im Sockel und Backsteinoptik kombinierte und damit optisch eine Parallele zwischen dem neuen Turm und den Türmen der Frauenkirche herstellte.

Eine reflektierte Anknüpfung daran wiederum mag sich heute der eine oder die andere wünschen. Dem entgegen steht das Erbe eines hundert Jahre alten architekturpolitischen Streits: „Eine derart polarisierte Auseinandersetzung zwischen den Extremen Bauhaus und völkisch-rassistischer Architektur- und Kunstauffassung gab es in dieser Ausprägung wohl nur in Deutschland.“ (S. 54f.) Hauners Studie präsentiert eine Fülle von Befunden, diesem Schwarz-Weiß zu entgehen – vorausgesetzt, dass die Kenntnis von Graustufen in die Lage versetzt, Haltungen zu korrigieren. Doch scheint dafür hierzulande offenbar wenig Hoffnung zu bestehen. Der Häuserkampf dürfte einstweilen nicht enden in Deutschland.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Anh-Linh Ngo, Editorial, in: ARCH+ Zeitschrift für Architektur und Urbanismus 52/235 (2019): Rechte Räume. Bericht einer Europareise, hier S. 3; die heftigen Reaktionen und Gegenreaktionen dokumentierte ein halbes Jahr später das Beiheft ARCH+ features 96, darin auch der Beitrag von Dietrich W. Schmidt, Romantisch-regressive Rettungsversuche, S. 7f.
[2] Dankwart Guratzsch, Ist Fachwerk faschistisch?, in: Die Welt, 23.04.2018, https://www.welt.de/kultur/plus175716225/Frankfurter-Altstadt-Was-hinter-der-Nazi-Verschwoerung-steckt.html (28.07.2020).
[3] Im Literaturverzeichnis fehlt die diesbezüglich einschlägige Studie von Sigrid Hofer, Reformarchitektur 1900–1918. Deutsche Baukünstler auf der Suche nach dem nationalen Stil, Fellbach 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.10.2020
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