Cover
Titel
Humanizing Childhood in Early Twentieth-Century Spain.


Autor(en)
Kendrick, Anna Kathryn
Reihe
Studies in Hispanic and Lusophone Cultures 30
Erschienen
Cambridge 2020: Legenda
Anzahl Seiten
322 S.
Preis
€ 85,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Martina Winkler, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die Geschichte und Kultur der Kindheit avanciert langsam von einem marginalisierten und klar abgegrenzten Forschungsthema zu einem zunehmend integrierten Bestandteil historischer Gesellschaftsanalyse[1] – diese Entwicklung war zunächst in Nordamerika und England zu erkennen, kann aber für die letzte Dekade auch für andere Weltregionen beschrieben werden. Diese Tendenz wird auch mit Anna Kathryn Kendricks Buch auf beeindruckende Weise deutlich.

Sehr kurz zusammengefasst, geht es in Kendricks Buch um die Reformpädagogik in Spanien und deren Bezüge sowie Einflüsse. In Anbetracht des wachsenden geschichtswissenschaftlichen Interesses an der gesellschaftlichen Relevanz reformpädagogischer Bewegungen und eines Forschungsdesiderats bezüglich transnationaler und komparatistischer Perspektiven in der Kindheitsforschung[2] ist die Themenwahl ausdrücklich zu begrüßen. Kendrick analysiert die Bedeutung, die der Kindheit in Spanien seit Beginn des 20. Jahrhunderts aus wissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive beigemessen wurde, und schreibt so, wie sie selbst sagt, eine Art Vorgeschichte zur bereits recht intensiv erforschten Geschichte der Kindheit bzw. der Kindheitsforschung im spanischen Bürgerkrieg und der Franco-Zeit.[3] Ihre Akteure findet Kendrick dabei nicht nur bei Pädagogen und anderen Kindheitsexperten; ihre Darstellung macht deutlich, wie wichtig Kindheit als, wie sie schreibt, „human enigma“ (S. 1), als Erzähltopos und als philosophisches Motiv, auch für Psychologen, Literaten, Künstler, Soziologen und Philosophen war.

Kendrick betont in ihrer Argumentation vor allem und immer wieder den ganzheitlichen Ansatz des neuen Interesses an Kindheit: In einer Gegenbewegung zu einem mutmaßlich übertechnisierten Umgang mit Kindern, der sich auf einzelne Aspekte kindlicher Entwicklung konzentrierte, wurde der holistische, humanistische Charakter einer neuen Pädagogik hervorgehoben. Kindheit galt dabei als Kern menschlichen Daseins und Potential für eine bessere Zukunft. Wie genau diese doch sehr allgemeine und für das 20. Jahrhundert nicht ungewöhnliche Perspektive in Spanien ausbuchstabiert wurde, ist das Thema von Kendricks Buch. Sie beschreibt Schulprojekte und psychologische Untersuchungen zum kindlichen Spiel, ethologische Experimente und die Nutzung „des Kindlichen“ in der künstlerischen Avantgarde.

Die Leitmotive des Buches – die komplexe Verflechtung der verschiedenen Disziplinen und Ansätze, die Betonung holistischen Denkens und die in den Quellen deutlich werdende Prämisse vom Kind als zentrales Menschheitsrätsel – ziehen sich durch die Darstellung und machen deutlich, wie bedeutsam „das Kind“ als Ideal, Untersuchungsobjekt und Symbol war. Kendrick schlägt dementsprechend eine Grobstruktur vor, mit der sie die zeitgenössischen Ansätze zu „Mind“, „Body“ und „Spirit“ unterscheidet, und die sie weiter mit Kapiteln zu einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen und Kunstrichtungen ausdifferenziert. Diese Verbindung von Allem mit Jedem macht die Lektüre des Buches nicht gerade einfach, hier wäre weniger oft mehr gewesen. Kendrick hat ein ausgesprochen dicht, abstrakt und voraussetzungsvoll geschriebenes Buch vorgelegt, das von großer Belesenheit zeugt. Viele Hinweise auf Denktraditionen in Kunst, Psychologie und Philosophie werden aber leider nur in Nebensätzen angedeutet und nicht weiter erklärt oder verfolgt. Zugleich erstaunt die Zurückhaltung der Autorin in Bezug auf transnationale Entwicklungen. Zwar fallen Namen wie Dewey oder Koffka, aber eine systematische Einordnung der spanischen Entwicklungen in gesamteuropäische und globale Strömungen fehlt weitgehend. Dabei wäre beispielsweise gerade ein Blick auf die gut erforschte künstlerische Auseinandersetzung mit Kindheit in der sowjetischen Avantgarde[4] erhellend gewesen, ebenso wie zumindest kursorische Hinweise auf die sowjetische Pädologie.

So liegt ein reich recherchiertes Buch vor, das wie ein Feuerwerk der Informationen, Deutungen und auch Andeutungen erscheint. Eindrücklich wird die Relevanz „des Kindes“ als kulturelles Motiv und politischer Motor im frühen 20. Jahrhundert beschrieben. Die nicht einfache Lektüre dürfte sich vor allem lohnen für LeserInnen mit einem generellen Interesse an Wissensformationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die einzelnen Kapitel und Abschnitte zu Lerntheorien, Spielzeug, Theater, Kinderzeichnungen und Intelligenztests können als wichtige Beiträge zu neuen Entwicklungen einer vergleichenden und transnationalen Kindheitsgeschichte gelten und sind als solche zweifellos lesenswert.

Anmerkungen:
[1] Dazu z.B. Meike Sophia Baader, Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, in: dies. (Hrsg.), Kindheiten in der Moderne. Eine Geschichte der Sorge, Frankfurt am Main 2014, S. 7–20; Paula S. Fass (Hrsg.), Reinventing Childhood after World War II, Philadelphia 2012.
[2] Wichtige Initiativen dazu kommen vor allem vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, siehe z.B. Ute Frevert / Marcelo Caruso (Hrsg.), Emotionen in der Bildungsgeschichte. Strategien, Kontexte, Wirkungen (Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 18), Bad Heilbrunn 2013; Ute Frevert / Pascal Eitler / Stephanie Olsen (Hrsg.), Learning how to feel. Children’s literature and emotional socialization, 1870–1970 (Emotions in History), Oxford 2014. Projekt zur Reformpädagogik in Delhi: https://www.mpib-berlin.mpg.de/forschung/forschungsbereiche/geschichte-der-gefuehle/forschungsfelder/buerger-und-nation/die-gefuehle-der-reformpaedagogik (08.01.2021).
[3] Für das frühere 20. Jahrhundert sind vor allem Arbeiten von Till Kössler zu nennen: Till Kössler, Human Sciences, Child Reform, and Politics in Spain, 1890–1936, in: Kerstin Brückweh (Hrsg.), Engineering Society. The Role of the Human and Social Sciences in Modern Societies, 1880–1980, Basingstoke 2012, S. 179–197; ders., Kinder der Demokratie. Religiöse Erziehung und urbane Moderne in Spanien, 1890–1936, München 1998.
[4] Sara Pankenier-Weld, Voiceless Vanguard. The Infantilist Aesthetic of the Russian Avant-Garde, Evanston 2014.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.01.2021
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/