J. Jäger: Photographie: Bilder der Neuzeit

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Titel
Bilder der Neuzeit. Einführung in die Historische Bildforschung


Autor(en)
Jäger, Jens
Reihe
Historische Einführungen 7
Erschienen
Tübingen 2000: edition diskord
Anzahl Seiten
220 S.
Preis
€ 16,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
PD Dr. Angela Schwarz, FB 1 Geschichte Gerhard-Mercator-Universität

Photographie und Geschichte: Was fuer ein spannendes Thema! Man sollte meinen, die Faszination des Gegenstandes muesste schon so viele ergriffen haben, dass es kaum mehr Neues ueber die historische Dimension der Photographie zu sagen und zu schreiben gibt. Neben einem Konvolut von Gesamtdarstellungen und Arbeiten zu speziellen Aspekten muesste es eigentlich eine grosse Zahl von allgemeinen Darstellungen geben, die die Besonderheiten der Quellengattung, Ansaetze fuer die Interpretation und den aktuellen Forschungsstand darlegen. Das ist erstaunlicherweise aber nicht der Fall. Natuerlich gibt es eine umfangreiche Literatur zur Photographie, in den letzten rund dreissig Jahren auch verstaerkt zur Photographie aus der Sicht des Historikers - zu gross ist die Attraktivitaet des photographischen Bildes. Die Einfuehrung, die sich der Photographie mit den Interessen und Fragestellungen der Geschichtsschreibung genaehert und die Tendenzen bisheriger Untersuchungen zusammengefasst haette, stand allerdings bislang noch aus. Das Buch von Jens Jaeger fuellt daher eine grosse Luecke, und es fuellt sie gut, und zwar so gut, dass es nicht nur all denjenigen empfohlen sei, die sich intensiver historiographisch mit Photographie befassen wollen, sondern auch allen Studierenden und allen an der Geschichte Interessierten, die ueber die Quellen, mit deren Hilfe die Geschichtswissenschaft Ausschnitte der Vergangenheit rekonstruiert - andere wuerden sagen konstruiert - mehr wissen wollen, als allgemeine Erlaeuterungen geschichtswissenschaftlicher Methodik bieten koennen. Die Photographie wird von ihnen, wenn ueberhaupt, meist ohnehin nur am Rande behandelt. Hier liegt nun eine ueberaus gelungene Einfuehrung in die (photographischen) Bilder der Neuzeit vor, deren Lektuere so anregend und spannend wie der Umgang mit der Photographie selbst ist - womit nur unzureichend ausgedrueckt ist, welches intellektuelle Vergnuegen das Buch bieten kann.

Wie es sich fuer eine gute Einfuehrung gehoert, bietet das Buch grundlegende Informationen ueber das Medium, seine Geschichte und seine sozialen und kulturellen Funktionen und Erscheinungsformen, ueber die Zugangsweisen, die Photographie fuer historische Fragestellungen zu erschliessen suchen, und ueber die Hauptlinien der historisch ausgerichteten Forschung, d.h. ueber die Studien zur Analyse von einzelnen Bildern und Bildersammlungen und zur Rezeptionsgeschichte von Photographien. Der bibliographische Anhang bietet mit seinen 459 Einzelnachweisen und dem Verweis auf bedeutsame Internet-Ressourcen einen hervorragenden Ausgangspunkt fuer die Vertiefung jener Themen und Fragen, die bei der Lektuere des Ueberblicks besonderes Interesse auf sich gezogen haben.

Aber Jens Jaeger bietet noch mehr. Zum einen hat der Leser die Moeglichkeit, mit Hilfe des Quellenanhangs, der - in der Regel - Auszuege aus vierzehn Texten enthaelt, entscheidende Schritte oder Positionen in der Photographiegeschichte nachzuverfolgen. Zum anderen, und das ist wesentlich wichtiger und nuetzlicher fuer denjenigen, der das Medium fundiert historisch auswerten moechte, praesentiert der Autor Methoden der Interpretation nicht nur, sondern wendet sie auch anhand eines ausgewaehlten Photos einmal beispielhaft an.

Wir sind alle von Bildern umgeben, wir sehen und wir interpretieren sie. Der Reiz der Photographie als Quelle mag fuer den Einsteiger gerade auch in der Annahme liegen, jeder verfuege per se ueber das noetige Ruestzeug, ein Photo interpretieren zu koennen. Nach der Lektuere dieser Einfuehrung weiss der Neugierige, dass es so einfach nicht ist, wenn man wissenschaftlich arbeiten will. Und er hat zudem ein Gespuer dafuer entwickelt, worauf es bei der Betrachtung der Bilder zu achten gilt. Er hat zudem erfahren, worauf es beim realienkundlich bzw. sozialgeschichtlich orientierten Zugang ankommt, wie sich davon die Bildbetrachtung und -analyse bei einer kulturgeschichtlich ausgerichteten Fragestellung unterscheidet, was ein seriell-ikonographischer Ansatz bedeutet. Die Beispielanalyse eines Photos von Isambard Brunel aus dem Jahr 1857 zeigt dann konkret und sehr anschaulich, wie die wissenschaftliche Bildanalyse leisten koennte, und zwar bei einer realienkundlichen und bei einer kulturgeschichtlichen Vorgehensweise. Diese beiden kurzen Interpretationansaetze sind schnell gelesen und man bedauert, dass die Analyse - zweifellos aus Platzgruenden - nach wenigen Absaetzen abgebrochen wird.

Photographie ist ein komplexes Phaenomen: technischer Vorgang, soziale Praxis, kuenstlerische Ausdrucksform, ein Massenphaenomen auch schon im 19. Jahrhundert, ein wirtschaftlicher Faktor, als Berufsfeld - seit der Herausbildung der neuen Begrufsgruppe der Photographen - wie als Konsumartikel, ein Instrument, das sich Natur-, Human- und Geisteswissenschaftler fuer ihre Forschungszwecke angeeignet haben, schliesslich auch ein kulturelles Konstrukt, das seine jeweils massgeblich gedachten Aufgaben und Bedeutungen im zeitgenoessischen Diskurs erhaelt (vgl. S. 17). Ebenso komplex ist inzwischen die Forschung zu den unterschiedlichen Seiten des Phaenomens, obwohl viele Aspekte erst unzureichend erforscht sind. Luecken gibt es selbst bei Themen, zu denen bereits zahlreiche Studien vorliegen, so etwa fuer die gut dokumentierte Fruehzeit der Photographiegeschichte. So ist noch wenig bekannt ueber die oekonomische Seite des neuen Gewerbes oder ueber die Bedeutung von Photographinnen, deren Anteil an der neuen Berufsgruppe im 19. Jahrhundert stetig anstieg.

Den groessten Raum nimmt der Ueberblick ueber die Themen und Ergebnisse der Forschung ein. Hier wie in den anderen Abschnitten geht die Darstellung zwar meist vom deutschsprachigen Raum aus, doch werden ebenso die Entwicklungen besonders in Grossbritannien - was sich unter anderem durch die Arbeiten des Autors ueber England, darunter "Formen und Funktionen der Photographie in Deutschland und England 1839-1860" von 1996, erklaert - und, etwas seltener, den USA, Frankreich und Italien beruecksichtigt. Jaeger legt eine ungemein profunde Kenntnis der umfangreichen Literatur an den Tag, die verstaendlich und gut strukturiert aufbereitet wird, ohne den Leser in der Fuelle der herausgearbeiteten Erkenntnisse versinken zu lassen. Die ersten beiden Jahrzehnte der Photographie (1), Industriephotographie und Bilder der Arbeitswelt (2), Bildjournalismus, sozialdokumentarische Photographie, Bilder von Propaganda und Krieg (3), Photographie von Koerpern, sei es von Randgruppen im eigenen Land oder vom Anderen an der kolonialen Peripherie (4), und schliesslich die bisher wenig systematisch untersuchte Photographie von Amateuren oder Durchschnittsbuergern (5), fuer die Jaeger den Begriff der "privaten Praxis" vorschlaegt, bilden die Eckpunkte des Forschungsueberblicks. Was an Erkenntnisinteressen und Ergebnissen - auf rund siebzig Seiten - vorgestellt werden kann, laesst die Moeglichkeiten und Grenzen der Analyse von Photographien, die vergangene materielle Gegebenheiten, Mentalitaeten, Realitaetskonstruktionen und -wahrnehmungen ermitteln helfen kann, vor allem aber auch den Reiz des Mediums und der Beschaeftigung mit ihm deutlich hervortreten. Die vorgestellten Themenfelder und die Hinweise auf Forschungsluecken wirken so als Ermunterung, sich eingehender mit "Bildern der Neuzeit" zu beschaeftigen - womit noch ein weiteres Merkmal einer guten Einfuehrung erfuellt waere.

Bleibt zu hoffen und zu wuenschen, dass das Buch eine grosse Leserschaft und mit der Aufnahme der zahlreichen Anregungen den ihm angemessenen Widerhall finden wird.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.01.2001
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