L.J. Taylor: Heresy and Orthodoxy

Cover
Titel
Heresy and Orthodoxy in sixteenth-century Paris. François Le Picart and the Beginnings of the Catholic Reformation


Autor(en)
Taylor, Larissa J.
Reihe
Studies in Medieval and Reformation Thought 77
Erschienen
Anzahl Seiten
332 S.
Preis
€ 102,00
Anselm Schubert, Evangelisch-theologische Fakultät, LMU München

Es gibt Menschen, die sind einfach immer zur rechten Zeit am rechten Ort. François Le Picart (1504-1556) war zweifellos einer von ihnen. Der wortgewaltige Prediger von Paris und Professor an der Sorbonne war seit 1533 nicht nur die Speerspitze des französischen Katholizismus im Kampf gegen die ersten protestantischen Häretiker: Der Zufall will es, dass er sowohl ein ehemaliger Kommilitone von Jean Calvin am Collège de Navarre als auch einer der ersten Gönner und Vertrauten des Ignatius von Loyola und seines in Paris gegründeten jungen Jesuitenordens war. Zweifellos, Le Picart steht am Schnittpunkt der Entwicklungen der französischen Religionsgeschichte des 16. Jahrhunderts.

Ihm, dem vielleicht bedeutendsten Prediger Frankreichs um 1550, ist das glänzend geschriebene "zweite Buch" der amerikanischen Historikerin Larissa Juliet Taylor gewidmet, die zuvor schon eine preisgekrönte Doktorarbeit zur Geschichte der französischen Predigt in Spätmittelalter und Reformation vorgelegt hat. Kleinschrittig rekonstruiert Taylor Leben und Werk ihres Helden, verfolgt den Weg des Sohnes aus einer einflussreichen Juristenfamilie zum gefeierten Theologieprofessor an der Sorbonne. Sein äußeres Leben ist eigentümlich ereignislos und schnell erzählt. 1504 in Paris geboren, beginnt er 1518 sein Artes-Studium an der Universität Paris, 1522 sein Theologiestudium am Collège de Navarre. 1526 wird er zum Priester geweiht, 1535 wird er zum Doktor der Theologie, 1536 Professor an der Sorbonne und ständiger Prediger an verschiedenen Pariser Kirchen.

Ein Wendepunkt in Le Picarts Leben, der "defining moment", wie es Taylor nennt, ist allerdings 1533/34 erreicht, als Le Picart in die Auseinandersetzungen um Gérard Roussel, den Prediger der Königin, hineingezogen wird. Der Theologieprofessor Noël Beda beschuldigte Roussel kryptoprotestantischer Tendenzen und riskierte einen Konflikt mit dem König. Neben anderen wird der junge Le Picart von Beda dazu abgestellt, in den Pariser Kirchen gegen die protestantischen Neuerungen zu predigen. Für ein solches Vorgehen ebenso wie sein Lehrer Beda verhaftet, von Mai bis Dezember 1533 zusammen mit anderen Mitgliedern der Universität exiliert, dann zurückgerufen, dann doch wieder inhaftiert, wird Le Picart ein entschiedener und wortgewaltiger Vertreter der katholischen Reaktion, so dass Taylor zusammen mit dem französichen Historiker Doumergue soweit geht zu behaupten, Frankreich sei im 16. Jahrhundert katholisch geblieben, weil Paris katholisch geblieben sei - und Paris sei katholisch geblieben, weil es François Le Picart gegeben habe (222).

Da es zum Leben Le Picarts nur wenige Quellen gibt (sie beschränken sich zumeist auf sehr knappe, oft polemische und dementsprechend überspitzte Erwähnungen seiner Person in Briefen verschiedener Freunde und Feinde), stützt sich Taylor vor allem auf seine rund 270 erhaltenen Predigten (drei der wichtigsten werden von Taylor in einem längeren Anhang abgedruckt) und versucht so, ein religiöses und theologisches Profil Le Picarts zu entwerfen. Diesem Ziel widmet sich der größte Teil des Buches.

Dabei erweist sich allerdings nicht nur der von Taylor vorgenommene direkte Rückschluss von den Schriften Le Picarts auf seine Person als problematisch. Taylors sehr gut zu lesende, ja bisweilen spannende Darstellung ist deutlich von dem Bemühen geprägt, trotz eher kargen Quellenmaterials das farbige Bild einer interessanten Person zu zeichnen: das gelingt allerdings nur um den Preis, dass die wenigen erhaltenen Quellen zu Le Picarts Leben etwas überstrapaziert und seine dafür umso vollständiger erhaltenen Predigten quasi als Summe seines persönlichen Denkens ausgelegt werden - ungeachtet des hoch topischen Charakters des Genus' Predigt. Auch inhaltliche Kongruenzen von Le Picarts Predigten mit den Schriften des jungen Jesuitenordens, die Taylor mit langen Textreferaten meint nachweisen zu können, scheinen mir nicht zwingend, sondern lassen sich vielleicht doch auch durch die Topik zeitgenössischer spätmittelalterlicher und katholischer Erbauungsliteratur erklären. Im Laufe der Lektüre drängt sich zuweilen der Eindruck auf, Le Picart sei tatsächlich vielleicht weniger durch seine Predigten zu Lebzeiten als vielmehr durch posthume Lobeshymnen seiner Anhänger bekannt geworden, denn die geschichtliche Bedeutung Le Picarts wird von Taylor vor allem anhand lobender Äußerungen seiner Anhänger nach seinem Tod demonstriert (etwa durch die Vorrede der 1562 und 1564 von René Benoist besorgten großen Ausgabe seiner Predigten sowie durch Epicedien und Flugblätter).

Der Leser gewinnt daher zunehmend der Eindruck, dass der gewaltige Aufwand, den Taylor treibt, in keinem rechten Verhältnis zum Nutzen zu stehen scheint: Mit Le Picart ersteht vor unserem Auge ein typischer gegenreformatorischer Prediger, der (das mag erstaunen: Tridentinum ante portas!) die Tröstungen des häufig genossenen Altarsakraments ebenso empfiehlt wie die häufige Beichte, der aufrechte Gesinnung und frommes Handeln bei Klerus und Laien einklagt und heftig gegen die Protestanten polemisiert. So bleibt es, ehrlich gesagt, etwas unverständlich, wie und warum ein solcher Prediger nicht nur die Massen von Paris, sondern auch die Historikerin Larissa Juliet Taylor in seinen Bann schlagen konnte.

Des Rätsels Lösung findet sich, wenn man gegen Ende des Buches (Kapitel 7, "Avant le déluge: The Prophet of Paris?"x) unerwartet in eine längere Diskussion um die Frage hineingezogen wird, ob Le Picart als Prophet apokalyptischer Naherwartung gelten könne. Der französische Historiker Denis Crouzet hatte 1990 in seinem vielbeachteten Buch "Les Guerriers de Dieu: la violence au temps des troubles de religion (vers 1525-vers 1610)" die These vertreten, die Bevölkerung Frankreichs habe im 16. Jahrhundert in einem Gefühl des drohenden Endgerichtes gelebt, das Ereignisse wie die Bartholomäusnacht erst möglich gemacht habe, anti-protestantische Aggression sei als Weg verstanden worden, Gottes Zorn und Urteil von sich und der eigenen Gemeinschaft abzuwenden. Eher nebenher hatte Crouzet sich auch mit Le Picart beschäftigt und behauptet, sein großer Erfolg bei der Rettung von Paris für den Katholizismus beruhe auf der apokalyptischen Naherwartung, die er bei seinen Hörern geweckt habe.

Dieser These Crouzets trat die Bostoner Professorin Barbara Diefendorf in einer Rezension des American Historical Review entgegen. Auf Diefendorf aufbauend, die sich im Laufe der Lektüre von Taylors Buch zunehmend als ihr Spiritus Rector erweist, widmet sich Taylor Crouzets Charakterisierung Le Picarts. Ihr Buch entpuppt sich zuletzt als Ehrenrettung des von Crouzet verteufelten Le Picart, wenn sie fragt: "Was Le Picart indeed a prophet? Does a close reading of Le Picart's sermons, the only intensive corpus of sermons printed during this period, support Crouzet's bold thesis? Was France in the first half of the sixteenth century obsessed by frenzied imaginings of God's Jugdement?" (XI)

Taylor hat sich und dem Leser die Beantwortung dieser Fragen nicht leicht gemacht: Nachdem sie sich schon auf 186 Seiten mit dem Leben und Werk Le Picarts beschäftigt hat, klärt sie zu guter Letzt in einer zum Teil etwas ermüdenden, belehrenden Diskussion, dass Le Picart nicht dem entspreche, was im Alten Testament unter Propheten verstanden worden sei (was Crouzet so auch sicherlich nicht gemeint hat), und dass von einer Prävalenz apokalyptischen Gedankengutes bei ihm nicht die Rede sein könne, kurz, dass Crouzets Charakterisierung des "prédicateur panique" (205) nicht zutreffend sei. Deshalb, so Taylors schneller Schluss, sei Crouzets Vermutung insgesamt zurückweisen: "The darkness and fear that so charakterizes Crouzet's picture of life in sixteenth-century France may have been felt by some before 1557, but was certainly not pervasive" (222). Fürwahr eine lange Antwort auf eine kurze Frage.

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Veröffentlicht am
08.02.2001
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