Europäisches Hansemuseum Lübeck (Hrsg.): Störtebeker & Konsorten

Cover
Titel
Störtebeker & Konsorten. Piraten der Hansezeit?


Herausgeber
Europäisches Hansemuseum Lübeck
Erschienen
Anzahl Seiten
176 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Magnus Ressel, Historisches Seminar, Goethe Universität Frankfurt am Main

Der wissenschaftliche Begleitband zur ersten Sonderausstellung des europäischen Hansemuseums widmet sich der scheinbar gut erforschten Piraterie im spätmittelalterlichen Nord- und Ostseeraum. Störtebeker und die Vitalienbrüder sind im allgemeinen historischen Bewusstsein präsent und auch in der Populärkultur fest verankert. An Literatur zu dem Thema herrscht zumindest auf den ersten Blick kein Mangel.[1] Die Autorinnen und Autoren des Bandes standen daher vor der Herausforderung, hier neue, komplizierte und dem herkömmlichen Bild eher zuwiderlaufende Forschungsbefunde in einer ansprechenden und für eine weitere Öffentlichkeit zugänglichen Form darzustellen.

Der Band versucht mit einer Mischung aus Ausstellungskatalog, einer Reihe an Biogrammen von „Piraten“ (auch im Text ist dieser Begriff fast immer in Anführungszeichen gesetzt) und wissenschaftlichem Fachwerk ein ungewöhnliches Format. Nach Vorwort und Einleitung folgen 13 reichhaltig bebilderte und mit englischen Abstracts versehene Aufsätze von je sieben bis neun doppelspaltigen Seiten als Kernelemente des Buchs. Zwischen den Aufsätzen sind einseitige Beschreibungen von bedeutenderen Objekten neben deren Fotos zu finden, beispielsweise ein Richtschwert oder das sogenannte „Hamburger Seeräuberprivileg“ Kaiser Karls IV. von 1359 zur Bekämpfung von Strand- und Seeräubern am Elbstrom. Weiterhin aufgelockert wird die Lektüre durch neun „Exkurse“, typischerweise doppelseitige Kurzbiographien von berühmteren Seeräubern im oder aus dem nordeuropäischen Raum oder Personen, die mit solchen in Zusammenhängen stehen.

Im Folgenden konzentriere ich mich auf die wissenschaftlichen Aufsätze. Die Grundaussage des Bandes treffen Franziska Evers und Gregor Rohmann in der knappen Einleitung. Hier betonen sie, dass im Hoch- und Spätmittelalter noch kaum eine sinnvolle Unterscheidung von Piraten zu anderen, scheinbar legitim agierenden maritimen Gewaltakteuren zu machen sei. In einem Zeitalter, in dem die Fehde noch ein anerkanntes Rechtsinstrument war und Staatswesen mit einem chronischen Mangel an Durchsetzungsfähigkeit behaftet waren, griffen vorstaatliche Logiken der Ausübung und Eindämmung maritimer Gewalt. Der Übergang vom Händler oder Admiral zum Seeräuber war dementsprechend fließend und dies erklärt entsprechend paradox anmutende Biographien oder Praktiken der Güterwegnahme oder -restituierung. Um die Wende zum 16. Jahrhundert sehen die Autor/innen einen Wandel vonstattengehen: „der frühneuzeitliche Staat und seine globale Expansion“ bringen die „Piraterie (…) also recht eigentlich erst hervor“ (S. 12).

Im ersten Aufsatz präsentiert Emily Sohmer Tai maritime Gewalt und Güterwegnahme im spätmittelalterlichen westlichen Mittelmeerraum. Obgleich sich seit dem 13. Jahrhundert eine rechtliche Ächtung des „Piraten“ durchgesetzt hatte, waren private Gewaltakteure weiterhin ubiquitär für die verschiedenen Staatswesen im Einsatz. Für diese wurde der Begriff Korsar im gesamten Mittelmeerraum üblich. Sohmer Tai zeigt die vielfältigen Überlappungen und Grauzonen zwischen Korsaren, Händlern und Piraten bis ins ausgehende 15. Jahrhundert sowie die vielfachen üblichen Regelungen zur Einhegung von Gewalt. Seeraub, so die Autorin, war ein integraler Bestandteil des wirtschaftlichen Austauschs und trug das seinige zur innermediterranen Güterzirkulation und Migration bei.

Gregor Rohmann beleuchtet in seinem Beitrag, der passenderweise an ein Biogramm des in den historischen Quellen äußerst schwer greifbaren Johann Störtebekers anschließt, die berühmten „Vitalienbrüder“. So bezeichneten sich um 1400 Gruppen von Gewaltdienstleistern, die, im Gegensatz zu tatsächlichen Piraten, jedem zahlungskräftigen maritimen Akteur potentiell zur Verfügung standen. Zeitweise hatte Lübeck auf die Vitalienbrüder zurückgreifen müssen, ab den 1430er-Jahren jedoch wollte man dies vergessen machen, indem man politische und auch innerhansische Konflikte im Ostseeraum dieser nun explizit als Seeräubern bezeichneten Gruppe anlastete. Diese Umdeutung der eigenen Geschichte ging in die Chroniken des 16. Jahrhunderts und damit in den Druck ein, was bis heute unser Geschichtsbild der Vitalienbrüder prägt – und verzerrt.

Christine Reinle nimmt einen umfassenden Vergleich des mittelalterlichen Fehdewesens mit der maritimen Gewalt vor. Sie zeigt die hohe Komplexität, den Facettenreichtum und die rechtliche Verankerung der Fehde zu Land. Wenngleich es überraschend viele Parallelen zwischen dem Fehdeführer und dem Korsar oder dem Raubritter und dem Piraten gibt, so zeigt Reinle auch Unterschiede zwischen beiden Phänomenen auf. Während die Fehde zu Land häufig umstrittene Herrschaftsrechte im Hintergrund hatte, war maritime Gewalt typischerweise eher an ökonomische Faktoren gekoppelt. Dementsprechend waren Adelige wichtige Akteure der Fehde, zur See waren Angehörige dieser Schicht nur selten in der Rolle von Korsaren zu finden. Reinle deutet an, dass von einem systematischen und gründlichen Vergleich wohl viel zu erwarten stünde.

Christian Peplow nimmt die Kaperungspraxis auf See sowie den Alltag an Bord in den Blick. Die Kämpfe zur See hingen von vielen Faktoren ab, insbesondere von sogenannten „Kastellen“, wobei die meisten Begegnungen mit Kaperfahrern angesichts der zahlen- und waffenmäßigen Überlegenheit der Angreifer mit der sofortigen Kapitulation der Angegriffenen endeten. Die plastischen Beschreibungen des Alltags an Bord mit eher fadem Essen und manchen Spielen zum Zeitvertreib zeigen den Leser/innen eine für alle Besatzungsmitglieder angesichts von Wind und Wetter recht aufzehrende und doch auch dröge Tätigkeit. Nur durch die häufigen Landgänge (meistens wurden mit dem Schiff nur Tagesreisen durchgeführt) erfuhren die Härten der Seefahrt eine bedeutende Milderung, was mit der Ausdehnung der Reichweite der Kraweelen allerdings tendenziell zu Lasten der einfacheren Besatzungen zurückging.

Thomas Heebøll-Holm betrachtet in einer besonders langfristigen Perspektive von ca. 500 bis 1500 das Verhältnis Englands zu maritimen Gewaltdienstleistern. Bis zur Eroberung des Königreichs durch die Normannen sieht er das Land eher als Opfer maritimer Gewalt, insbesondere aus dem skandinavischen Raum. Bis etwa 1200 trat England weder als Opfer noch als Verbreiter maritimer Gewalt in den Vordergrund, da die aus der Normandie stammenden englischen Könige als Herrscher über weite französische Küstenabschnitte kaum machtpolitische Gründe zur Förderung privater Gewaltunternehmer zur See hatten. Im Zuge des sukzessiven Verlusts von französischem Besitz traten die englischen Kaufleute immer stärker in Konkurrenz zu französischen Händlern und die Krone begann massiv, das Kaperwesen zu fördern. Das Resultat der letztlichen Niederlage in Frankreich war eine starke maritime Ausrichtung Englands, die für die Zukunft wegweisend sein sollte.

Nicolai Clarus beleuchtet einen bedeutenden Kaperfahrer und Anführer einer Gruppe von Vitalienbrüdern um die 1420/30er-Jahre im Nord- und Ostseeraum, Bartholomäus Voet. Dieser operierte im Auftrag der Hansestädte und mit offiziellen Kaperbriefen erfolgreich gegen die skandinavischen Königreiche und trug so maßgeblich dazu bei, dass der Hansebund eine politisch kritische Phase günstig überstehen konnte. Die Versuche, sich nach Friedensschluss von dem offenbar weit bekannten und berüchtigten Voet zu trennen, schlugen fehl, weshalb er in einer Art „Ruhestand“ über ein Jahrzehnt in Wismar lebte, bevor er 1458 aufgrund eines Irrtums von Engländern zur See angegriffen und sein Schiff dabei versenkt wurde.

Philipp Höhn fragt sich, warum und wie im Verlauf des 15. Jahrhunderts von Seiten der Kernstädte der Hanse wie Hamburg und Lübeck eine zunehmende Trennung von legaler und illegaler maritimer Gewalt durch Bezeichnung letzterer als Piraterie durchgesetzt wurde. Der Autor macht dafür einen Strukturwandel des Handels verantwortlich, der ein immer stärkeres Engagement von Konkurrenten der Hansestadt Lübeck (insbesondere der Holländer) im Ostseeraum brachte. In einem Prozess wirtschaftlichen Wandels, der eine stärkere Hierarchiebildung zwischen unterschiedlichen Hafenstädten bewirkte, wurde der Kampf gegen die Konkurrenten in steigendem Maße als Pirateriebekämpfung tituliert und verbrämt.

Beata Możejko widmet sich in ihrem Beitrag einem „deutschen“ Seehelden, dem Danziger (und damit einem Untertan der polnischen Krone) Paul Beneke, der in den 1470er-Jahren einer der erfolgreichsten Kaperfahrer der Hanse in ihrem Krieg gegen England war. Nach einer Skizze seiner Taten im Seekrieg und der Erbeutung des berühmten Triptychon „Das Jüngste Gericht“ von Hans Memling geht die Autorin auf die Vereinnahmung Benekes durch den deutschen Humanismus des 16. Jahrhunderts und durch den Nationalismus des 19. Jahrhunderts ein. Sie betont, dass er vor allem für Danzig und sich selbst kämpfte und solche Zuschreibungen daher seit Jahrhunderten an der historischen Gestalt eher vorbeigehen.

Daniel Fleisch widmet sich in seinem Beitrag der „Odyssee“ der Vitalienbrüder. Ein Lübecker Chronist schrieb im Jahr 1399 einen Eintrag zu einer über ein Jahr dauernden weiten Reise der Vitalienbrüder, die diese auch zu den „Roten Juden“ im Bereich des Kaukasus gebracht hätte. Fleisch erläutert diesen zeitgenössischen Topos und verortet ihn im Kontext der Zeit sowie im Bildungshorizont des Lübecker Chronisten. Die genaue Analyse des Textes zeigt apokalyptische Deutungsmuster in einer Epoche der verschärften Krise angesichts des anhaltenden Schismas.

Stephan Selzer führt die Leser/innen in die Praxis der mittelalterlichen Seekriegsführung im Nord- und Ostseeraum. In einer Zeit, in der es keine reguläre Kriegsflotte gab, wurden Handelsschiffe bei entsprechender Notwendigkeit für die Kriegsführung verwandt, eine Situation, die den Hansestädten mit ihrer ausgedehnten Handelsschifffahrt militärisch zugutekam. Zwei Seekriegstypen werden von Selzer aufgezeigt, einerseits die Kaperfahrten, andererseits Landungen von Soldaten für den Landkrieg. Seeschlachten waren selten bis inexistent in einer Zeit, in der es zur See kaum Möglichkeiten zur Versenkung der Schiffe gab.

Gabriele Poggendorf beleuchtet die Beteiligung von Herzog Bogislaw X. von Pommern an einer osmanischen Kaperung des venezianischen Schiffes, auf dem sich er und weitere Pilger auf dem Weg ins Heilige Land befanden. Die Episode, die offenbar vor Ort angesichts des Friedenszustandes zwischen Venedig und der Hohen Pforte rasch bereinigt werden konnte, fand in den Darstellungen venezianischer Dichter eine erste Überhöhung, die von Autoren aus Pommern bald geradezu ins Mythische gesteigert wurde, indem der Herzog zu einem besonderen Helden in der Abwehr der feindlichen Osmanen hochstilisiert wurde.

Johan Heinsen beleuchtet das späte 17. Jahrhundert, konkret die dänische Karibikinsel St. Thomas als ein Nest von Piraten, die sich kräftiger Förderung durch den Gouverneur Nicholas Esmit erfreuten. Diese Struktur geriet in den frühen 1680er Jahren unter schweren Druck durch die Engländer auf benachbarten Inseln und schließlich auch durch die dänische Westindienkompanie. Der Autor untersucht die Praxis dieser Piraten im späten 17. Jahrhundert und die Triebkräfte und Erzählungen hinter ihren Taten.

Jens-Karsten Reimann präsentiert die Piraterie der Gegenwart und konzentriert sich dabei auf Nigeria. Er zeigt die Praxis der Kapereien auf sowie die entsprechenden Abwehrstrategien und benennt die Schadenssummen für den internationalen Handel. Lösungen kurzfristiger Art sind die Bekämpfung der Piraterie, langfristig wird sich die Lage nur durch die Verbesserung von staatlichen Strukturen in den Ländern ändern, die derzeit von politischer Zerrissenheit und Armut gekennzeichnet sind und dadurch ideale Bedingungen für Seeräuberei gewähren.

Der Band bietet Geschichtswissenschaft auf hohem Niveau in einer ansprechenden und gut verständlichen Form, die auch einen weiteren Kreis an historisch interessierten Leser/innen ansprechen dürfte. Auch gute Kenner der Hansegeschichte erfahren viel über die ambigue Grenze zwischen Piraterie und proto-staatlich geförderter maritimer Gewalt gerade in der Zeit des Spätmittelalters, in der von Staaten noch kaum gesprochen werden kann. Der Hanseraum zeigt sich als ein Bereich, in dem nicht nur der Städtebund dominierte, sondern der auch mit der Etablierung und Absicherung eigener Handelsmonopole ein Art von Gegenüber notwendigerweise mit hervorbrachte: Maritime Gewaltdienstleister, die in einer legalen Grauzone operierten und für den Erfolg jedweden handelspolitischen Ziels doch unentbehrlich waren.

Anmerkung:
[1] Eine Suche explizit nur von Büchern mit dem Wort „Störtebeker“ im Titel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek bringt als Resultat 77 Bücher für den Zeitraum von 2000 bis 2020. Auch wenn im Suchresultat die Belletristik oder Sachbücher zweifelhafte Qualität überwiegen, finden sich hier auch eine Reihe an wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.04.2020
Beiträger
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