S. Jaeger: The Second World War in the Twenty-First-Century Museum

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Titel
The Second World War in the Twenty-First-Century Museum. From Narrative, Memory, and Experience to Experientiality


Autor(en)
Jaeger, Stephan
Erschienen
Berlin 2020: de Gruyter
Anzahl Seiten
XIV, 354 S.
Preis
€ 86,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christina Flöhr, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

Wie lässt sich Krieg im Museum vermitteln? Seit der Wende zum 21. Jahrhundert hat diese Frage in der Museumsforschung mehr Hinwendung erfahren.[1] 2010 legte der Kulturwissenschaftler Thomas Thiemeyer einen ersten systematischen Vergleich westeuropäischer Museumsausstellungen vor. Besonders in der deutschsprachigen Forschung zu Kriegsmuseen gilt seine Monografie „Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“ als ein Meilenstein.[2]

Dass damit keineswegs alles zur Thematik gesagt ist, zeigt Stephan Jaeger mit seiner jüngst erschienenen Publikation „The Second World War in the Twenty-First-Century Museum“. Darin geht er der zentralen Frage nach, wie Museen des 21. Jahrhunderts den Zweiten Weltkrieg für Besucher/innen aus verschiedenen Kulturen verständlich und erlebbar machen können. Dazu nimmt er einen systematischen Vergleich von zwölf Dauerausstellungen in Nordamerika und Europa vor und versucht, das literaturwissenschaftliche Konzept der experientiality für die Museumsanalyse fruchtbar zu machen.

Jaeger beruft sich bei der Ausarbeitung dieses Konzepts auf die Ausführungen der Literaturwissenschaftlerin Monika Fludernik, die experientiality als „quasi-mimetic evocation of ‚real-life experience‘“[3] bezeichnet. Auch das Museum ist für Jaeger eine Simulation der Vergangenheit: Die Museumsgäste werden zu Mediator/innen der experientiality, indem sie die simulierte Vergangenheit aus der Sicht eines „collective human consciousness“ (S. 49) erleben. Dies kann auf verschiedene Art und Weise geschehen, wie Jaegers Unterteilung in primary und secondary experientiality verdeutlicht. Primary experientiality bezieht sich vor allem auf die Inszenierung von tatsächlichen historischen Ereignissen, die die Besucher/innen innerhalb der Simulation körperlich und mental „miterleben“ können. Secondary experientiality hingegen zielt auf die Verdeutlichung struktureller, abstrakter Zusammenhänge ab. Voraussetzung für beide Arten der experientiality ist allerdings, dass die museale Simulation den Museumsgast nicht überwältigt – er soll weiterhin in der Lage sein, das Gesehene zu reflektieren und als Konstruiertes zu erkennen.

Jaegers Analyse zeigt, dass die verschiedenen Arten der experientiality keine sich ausschließenden Kategorien darstellen, sondern vielmehr fließend ineinander übergehen. Es gibt deshalb kein Museum, das nur eine Form der experientiality bedient: Unterschiedlich ist nur die Durchmischung beider in den einzelnen Häusern. Da die Reflexionsfähigkeit der Museumsgäste Dreh- und Angelpunkt seines Konzepts ist, stellt Jaeger zudem fest, dass zu starkes oder einseitiges Framing in Ausstellungen die Entstehung von experientiality einschränken kann: „This […] strongly reduces the possibility of integrating the visitor’s present perspectives and providing room for their affective, ideological/ethical, and cognitive capacities” (S. 58). Auf der anderen Seite begünstigen transnationale Inhalte experientiality. Denn durch die Gegenüberstellung von unterschiedlichen nationalen Narrativen kann ihr sozial konstruierter Charakter verdeutlicht werden.

Die Stärke der Studie liegt unzweifelhaft in der Fülle von unterschiedlichen Beispielen, die Jaeger präsentiert – so wird der Facettenreichtum des experientiality-Konzepts verdeutlicht. Hilfreich sind außerdem die Ausstellungsreflexionen des Autors, der neben der reinen Ausstellungsanalyse immer wieder versucht, alternative Möglichkeiten der Ausstellungsgestaltung aufzuzeigen. Auch die Struktur des Buches ist positiv hervorzuheben: Auf detaillierte Einzelanalysen folgt ein punktueller Vergleich der Museen in Bezug auf kriegsspezifische Themenschwerpunkte, womit Jaeger die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den musealen Präsentationen besonders hervorhebt.

Bemerkenswert ist auch sein Befund über die Rolle des Holocausts in Museen des Zweiten Weltkriegs. Jaeger merkt an, dass beide Thematiken klassischerweise nicht zusammengedacht werden, dementsprechend auch Holocaustmuseen und Weltkriegsmuseen als zwei verschiedene Museumstypen verstanden werden. Dies liege nicht zuletzt an der „unsayability“ (S. 223) des Holocausts und der Diskussion darüber, ob man diesen überhaupt angemessen museal repräsentieren kann. Dennoch stellt Jaeger fest, dass sich diese Unterscheidung langsam auflöst und der Holocaust nun stärker in Weltkriegsmuseen vertreten ist – eine Entwicklung, die er mit einem äußerst gut begründeten Plädoyer begrüßt (S. 221ff.).

Zu bedauern ist hingegen, dass Jaeger sein Projekt zwar als „global“ (S. 11) bezeichnet, tatsächlich aber in der westlichen Hemisphäre verbleibt. Sowohl Süd- als auch Osteuropa – mit Ausnahme des mittelosteuropäischen Polen – sind mit den analysierten Museen nicht vertreten. Dabei wäre Italien als ehemalige Achse – oder Russland als östliche Siegermacht sicherlich spannende Ergänzungen gewesen. Auch Afrika, Australien und Asien wurden in der Studie nicht berücksichtigt, wobei letzteres vom Autor selbst aus der Analyse ausgeklammert wird (S. 34).

Das Konzept der experientiality für die Museumsanalyse fruchtbar machen zu wollen, ist eine kreative Idee. Doch sind ihre einzelnen Kategorien zu fließend in den Übergängen, als dass Ausstellungen wirklich eindeutig systematisch danach kategorisiert werden können. Deutlich wird dies am Beispiel des US-amerikanischen National WWII Museums, mit dem Jaeger die Kategorie der primary experientiality illustriert. Dabei ist die Ausstellung des Museums so stark geframed, dass es seinen Ausführungen nach zur restricted experientiality gehören müsste. Jaeger begründet diese Einteilung mit dem „strong focus on oral history accounts and historical witness accounts” (S. 94) des Museums. Da jedoch auch die Ausstellungen, denen er eine restricted experientiality attestiert, mit Oral History arbeiten, fällt hier eine konkrete Unterscheidung schwer.

Jaegers Konzept der experientiality lenkt den Fokus automatisch auf die Rezipient/innen der Ausstellungen. Die Intentionen der Ausstellungsmacher/innen und der Blick auf die politischen Netzwerke hinter den Ausstellungen werden von ihm deshalb nur angeschnitten. Eine tiefergehende Analyse wäre hier wünschenswert gewesen, denn gerade, wenn es um Framing in den Ausstellungen geht, sind sie die entscheidenden Faktoren. Überhaupt ist die Frage spannend, ob experientiality, wie Jaeger sie versteht, von den einzelnen Museen gewünscht ist. Liegt ihr Ziel nicht eher darin, die Informationen und Botschaften in den Ausstellungen so zu vermitteln, dass sie (notfalls auch unhinterfragt) Anschluss bei den Besucher/innen finden?

Dass Jaeger diese Frage so nicht stellt, ist wahrscheinlich damit zu begründen, dass seinem Konzept ein normatives Bild des Museums zugrunde liegt: dasjenige einer neutralen, wissenschaftlichen Institution, die einen Selbstzweck – den Bildungsauftrag – verfolgt und damit dem Allgemeinwohl dient. Dass dem mitnichten so ist und das Museum seit dem Beginn seiner Existenz als ein politisches Medium fungiert, das von seinen Geldgebern und politischen Entscheidungsträgern abhängig ist, haben in der Vergangenheit unzählige Publikationen aufgezeigt – unter anderem von Thomas Thiemeyer[4], Clive Gray[5] und Katrin Pieper[6] –, aber auch Projekte wie die Enola-Gay-Ausstellung im Smithsonian 1994/95. Wie und ob experientiality möglich ist, muss also auch immer in diesem Rahmen betrachtet werden.

Mit dem Konzept der experientiality hat Jaeger eine neue Methode für die Museumsanalyse fruchtbar gemacht. Sein Buch – das stilistisch und formal sauber gearbeitet ist – gibt nicht nur einen Einblick in die Museen heute, sondern macht neugierig darauf, wie sich die museale Sicht auf den Zweiten Weltkrieg in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verändern wird.

Anmerkungen:
[1] S. etwa Eva Zwach, Deutsche und englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert. Eine kulturgeschichtliche Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit Krieg, Münster 1999.
[2] Thomas Thiemeyer, Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum, Paderborn 2010.
[3] Monika Fludernik, Towards a ‚Natural‘ Narratology, London 1996, S. 12.
[4] U.a. Thomas Thiemeyer, Identitäts- und Wissensparadigma. Zwei Perspektiven auf kulturhistorische Museen, in: Museumskunde 80 (2015), S. 92-99.
[5] Clive Gray, The Politics of Museums, Basingstoke 2015.
[6] Katrin Pieper, Resonanzräume. Das Museum im Forschungsfeld Erinnerungskultur, in: Joachim Baur (Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld 2010, S. 187-212.

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16.07.2021
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