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Titel
Apographa epistolarum – Die Tegernseer Briefsammlung des 15. Jahrhunderts. Untersuchung und Regesten-Edition


Autor(en)
Agethen, Teresa
Reihe
Beiträge zur Geschichte des alten Mönchtums und des Benediktinertums, Neue Folge/Serie II, 2
Erschienen
Aschendorff 2019: Aschendorff Verlag
Anzahl Seiten
402 S.
Preis
55,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nita Dzemaili, Historisches Institut, RWTH Aachen University

Im Rahmen des von Marc-Aeilko Aris geleiteten DFG-Projekts zu den Schriften von Bernhard von Waging erschien im vergangenen Jahr die Dissertation von Teresa Agethen. Im Fokus der Arbeit steht die mittelalterliche Briefsammlung des Tegernseer Klosters aus dem 15. Jahrhundert.

Dabei unterzieht Agethen die Handschrift einer synchronen wie diachronen Analyse. Sie fragt zuvorderst nach der Intentionalität der Briefsammlung, kontextualisiert diese im Zusammenhang mit der ars dictandi und fragt nach stilistischen und inhaltlichen Merkmalen im Hinblick auf ihre Verwendung als Musterbriefe. Sodann betrachtet die Autorin die Briefsammlung in ihrer Nähe zur Historiographie und vor allem im Kontext der spätmittelalterlichen Klosterreformen, die einen Großteil des Inhalts der Handschrift ausmachen. Weiterhin sind Berührungspunkte mit der Frömmigkeitsbewegung der devotio moderna sowie der Bildungsbewegung des Humanismus Thema der Arbeit. Schließlich mündet die Erschließung der Quelle in eine umfangreiche Regestenedition.

Nach der thematischen Einführung und einem Überblick zu bisherigen Forschungsfragen (S. 13–16) folgt eine begriffliche Vorüberlegung, in der Agethen die spätmittelalterliche Brieftheorie in den Blick nimmt. Hier werden die Begrifflichkeiten der Untersuchung vorgestellt, definiert und terminologisch abgegrenzt (S. 17–23). Beginnend mit dem Begriff der Briefsammlung möchte sie diesen, von bereits bestehenden Vorüberlegungen abgrenzend und frei von Spezifika und Charakteristika, als Sammlung von Briefen festlegen. Dabei stützt sie sich auf die in der Handschrift gemachten Angaben (littere, scripta, epistula) (S. 18). Anders dagegen verhält es sich mit den Begriffen copia, formula und apographa, die sich in den Inhaltsverzeichnissen und den Überschriften der Handschrift finden und die Abschrift von Briefen betonen (S. 18). Den Schwerpunkt legt sie auf die Musterbriefe. Hier werden Formularbriefe, die als Ganzes als Vorlage für die Verfassung neuer Briefe dienen, von Formelbriefen unterschieden, die nur in Teilen bzw. in ihren beinhaltenden Redewendungen als Vorlage genutzt werden (S. 18–20 sowie S. 219). Besondere Aufmerksamkeit widmet die Untersuchung den Begriffen der ars dictandi und artes dictaminis.

Das dritte Kapitel widmet sich der kodikologischen und inhaltlichen Beschreibung der insgesamt 454 gezählten Briefe (S. 26–32). Agethen findet zwar keinen konkreten Bibliotheksvermerk, verortet die Handschrift jedoch im Umfeld des Tegernseer Klosters und laut einer Anmerkung des Priors Ulrich von Landau ins 15. Jahrhundert. Eine genaue Datierung sei nicht möglich, den letzten Brief jedoch datiert die Autorin ins Jahr 1481 und sieht die Hauptarbeit an der Briefsammlung in der Mitte der 1440er Jahre. Das im Kontext stehende Wasserzeichen mancher Briefbögen gibt weitere Datierungsansätze; leider bleibt eine paläographische Analyse aus (S. 24–25).

Die Beschreibung mündet in eine umfangreiche und wertvolle Regestenedition der Briefsammlung. Auf 130 Seiten wird jede Epistel nummeriert und mit Daten zu Absender, Empfänger, Aufbewahrungsort, Datum, Inhalt und Deskriptionen versehen. Parallelüberlieferungen, Editionen und weiterführende Fachliteratur ergänzen die Angaben (S. 35–164), ebenso das im Anhang befindliche Briefregister, welches auf die einzelnen Epistel verweist (S. 393–396).

Von Nutzen ist die Untersuchung von parallel überlieferten Briefen, die Fragen zur Entstehung der Sammlung sowie Abhängigkeiten innerhalb der Briefsammlung klärt. So lassen sich von der Überlieferungsart anderer Codices unterschiedliche Interessensschwerpunkte ausmachen. Die Autorin stellt hier fest, dass abhängig vom thematischen Kontext historisch-inhaltliche, stilistische oder literarische Interessen auszumachen sind (S. 165). Nach der Analyse vor allem briefdidaktischer Texte hält Agethen im Fazit fest, dass der Briefcodex historisch im Kontext der spätmittelalterlichen Melker Reform zu verorten ist. Eine stilistische Ausrichtung der Rezeption erklärt Agethen mit der Verwendung der Briefe als Musterbrief. Hier greift sie erneut die Begriffe von Formularbrief und Formelbrief auf und wendet sie inhaltsbezogen auf die untersuchte Handschrift an (S. 219).

Ab dem vierten Kapitel findet eine vertiefte Untersuchung der Briefsammlung statt. Die Autorin fragt hier nach den Hintergründen und dem Umstand der Zusammenstellung sowie der Sammlung, weiterhin nach der Intention, der Form und der Rezeption im 15. Jahrhundert. In einem weiteren Schritt untersucht Agethen die Verbindung von Brieftheorie und Briefpraxis (S. 220). Agethen verdeutlicht am Beispiel eines Briefes des Priors Bernhard von Waging an den Erfurter Studenten Paul Aman die Verbindung der artes dictandi und den Musterbriefen (S. 221). Sie sieht hier eine Verknüpfung von ars und usus dictandi (S. 221) und überprüft die brieftheoretischen Texte auf ihre Benutzung hin (S. 229–234). Weiterhin beschäftigt sie sich mit Fragen der Konzeption und Rezeption der Sammlung. Ferner werden die Formelhaftigkeit der Sammlung sowie die Beziehung einzelner Briefe untereinander in detaillierter Analyse untersucht (S. 235ff.). Der synchrone Vergleich mit anderen klösterlichen Briefsammlung des 15. Jahrhunderts zeigt eine, im Kontext des Basler Konzils entstandenen, historisch-inhaltliche Tendenz, während Briefe verschiedener Rhetorik-Lehrer ganz offensichtlich eine stilistische Tendenz aufweisen (S. 246–247). Ein diachroner Vergleich, der nach strukturellen Ähnlichkeiten sucht, bestätigt Agethens Annahme der spätmittelalterlichen Rezeption der im 11./12. Jahrhundert verfassten Briefe als Musterbriefe (S. 253ff.). Besonders wertvoll ist der am Ende dieses Kapitels gemachte Vorschlag die gängige jedoch unspezifische, da synonym verwendete Terminologie, um den Begriff des usus zu erweitern. Damit wäre die ars (dictandi /dictaminis) für die theoretischen Traktate von dem usus (dictandi / dictaminis) für die schematische Formelsammlung zu unterscheiden (S. 260).[1]

In einem zweiten Teil setzt Agethen den Forschungsanstaz des 19. Jahrhunderts fort und untersucht die Briefsammlung bezüglich ihres historischen Quellenwerts, indem sie diese als Dokument der Klostergeschichtsschreibung ausfragt (S. 263ff.). Hervorgehoben wird die Beziehung des Tegernseer Klosters zum Kloster Melk, als Ausgangspunkt der auch in Tegernsee eingeführten Reform (S. 319–320). Der Mehrwert dieser Analyse liegt im somit gewährten Einblick in das zum Teil auch unstimmige Verhältnis der beiden Gemeinschaften (S. 283–285) sowie in die Unionsverhandlungen mit der Bursfelder Kongregation und Kastler Reform (S. 287–289).

Interessant ist das Unterkapitel zum Humanismus. Hier untersucht die Autorin die Briefsammlung auf mögliche humanistische Elemente hin, indem sie die Erziehungsbriefe des Enea Silvio Piccolomini heranzieht, die als Quelle für das Bildungsprogramm der humanistischen Strömung gelesen werden können (S. 324). Ihre Analyse stellt humanistische Charakteristika in den Bereich der Absender, der Thematik um die artes liberales sowie vorgeschlagenen Lektürelisten fest, doch kann die Briefsammlung nicht als humanistische bezeichnet werden, da die Briefe eine moralische Erziehung im Sinne des klösterlichen Lebens zum Inhalt haben (S. 330–338). Der Aussage Harald Müllers folgend, dass „Humanist ist, wer mit anderen Humanisten im Gespräch ist und bleibt“ [2], geht die Arbeit der Frage nach, inwiefern die Briefsammlung als Teil eines humanistischen Netzwerkes gelesen werden kann. In Anbetracht der vorab genannten thematischen Abgrenzung zum Humanismus überrascht es nicht, dass Agethen hier zu dem Schluss kommt, dass die Tegernseer Mönche, basierend auf Briefen, zwar ein Kommunikationsnetzwerk aufbauen, dieses jedoch keine Verbindung mit den humanistischen Gemeinschaften aufzeigt und somit auch keine humanistischen Verhaltensmuster im Kloster (S. 338–347). Zuletzt sucht Agethen Verbindung zur Frömmigkeitsbewegung der devotio moderna und findet Einflüsse in der Tegernseer Bibliothek (S. 347–354).

In einer Schlussbetrachtung trägt Agethen pointiert ihre Ergebnisse zusammen. Für künftige Untersuchungen schlägt Agethen vor, den Aspekt der historischen Dokumentation bei der Frage nach der Fiktionalität von Briefsammlung kritischer zu betrachten, da ein solcher nicht unbedingt die Echtheit von Briefen beweist. Agethen hält fest, dass die Handschrift in ihrer literarischen, wie historiographischen Konzeption als Spiegel verschiedener Reformtendenzen dient, im Kern jedoch die literarische Bildung und produktive Erinnerungskultur einigt (S. 358–361).

Der Nutzen von Agethens Arbeit liegt zum Ersten in der Erschließung der bis dahin schwer zugänglichen Quelle. Die umfangreiche Regestenedition sowie das Briefregister systematisieren diese Erschließung. Des Weiteren kann die inhaltliche Untersuchung den historischen Quellenwert der Briefsammlung hinsichtlich der Rolle des Tegernseer Klosters im 15. Jahrhundert und im Kontext der Reform näher beleuchten. Ebenso wertvoll ist die hier vorgenommene kritische Auseinandersetzung mit Terminologie von ars und usus, die es erlaubt mit neuer Terminologie die synonyme Verwendung von ars dictandi aufzubrechen. Besonders lohnend erscheint ein weiterführender Blick der hier, wenn auch nicht in umfangreicher Gänze, vorgenommenen Untersuchung zu den Themen von Humanismus und Briefsammlung im Kontext der spätmittelalterlichen Reformen. Ebenso erlaubt es die Detailanalyse parallel überlieferter Briefe weitere Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen zu generieren.

Anmerkungen:
[1] Misslich ist hier nur, dass Agethen für die Diskussion der Terminologie, der erst nach ihrer Veröffentlichung erschienen Band von Florian Hartmann und Benôit Grévin (Hrsg.), Ars dictaminis. Handbuch der mittelalterlichen Briefstillehre (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 65), Stuttgart 2019 nicht vorlag.
[2] Harald Müller, Habit und Habitus. Mönche und Humanisten im Dialog, Tübingen 2006, S. 77.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.09.2020
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