Cover
Titel
The Cultural Life of James Bond. Specters of 007


Herausgeber
Verheul, Jaap
Erschienen
Anzahl Seiten
336 S.
Preis
€ 109,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Falkenhayner, Englisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Das kulturwissenschaftliche Interesse an der Figur des James Bond als Ikone einer kommodifizierten Vorstellung von „Britishness“, aber auch als Knotenpunkt verschiedener Ströme einer globalisierten Populärkultur, ist seit Jahrzehnten ungebrochen, wobei sich der Fokus bereits seit Längerem von Ian Flemings Romanen auf die Filmreihe von Eon-Productions verschoben hat. Gerade seit der geglückten „Runderneuerung“ und Re-Popularisierung der Reihe durch den ersten Film mit Daniel Craig in der Titelrolle (Casino Royale, 2006) ist eine Vielzahl von teils sehr umfangreichen Sammelbänden erschienen.[1] Diese setzen sich mit den verschiedensten Fragestellungen von Gender bis zu sozio-kulturellen Vorstellungen von Empire und Nation am Beispiel des Bond-Phänomens auseinander. Es ist also sicher nicht falsch, festzustellen, dass zusätzlich zum Phänomen des Untersuchungsgegenstands mittlerweile auch von einer regelrechten „Bondologie“ innerhalb der Cultural Studies auszugehen ist. Dies zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die informierte Einordnung des vorliegenden Bandes in dieses Forschungsfeld in Jaap Verheuls Einleitung großen Raum einnimmt.

Es lässt sich also fragen, wozu es (schon wieder) einen Band zu James Bond in einem scheinbar durchsättigten Feld braucht. Erfreulicherweise findet das vorliegende Buch mehrere sehr gute Antworten auf diese Frage: Die in drei thematische Untergruppen gegliederten Beiträge werfen einerseits Licht auf neue Perspektivierungen und Einordnungen und bieten andererseits eine Weiterführung bereits bekannter Ansätze an. Der erste Teil, „Beyond Britain: The Transnational Configuration of the James Bond Phenomenon”, löst den „mobile signifier” (Verheul nach Bennett/Woollacott [2], S. 12) aus den tradierten Bezügen der Bond-Forschung heraus, die sich in ihren Analysen auf die Fleming-Romane, die Eon-Filme und den Kontext von „Britishness“ und post-imperialer sozio-kultureller Aspekte fokussierte. Stattdessen stehen hier filmische und televisuelle, transnationale Umkodierungen der Figur im Vordergrund. Die drei ersten kulturhistorischen Beiträge erweitern den Zugriff auf das Phänomen, zeigen seine Vielgestaltigkeit an und bieten gleichzeitig hochinteressante Einblicke in die transnationale Film- und Fernsehgeschichte. Sie befassen sich mit der televisuellen Amerikanisierung der Figur in den 1950er-Jahren (James Chapman), der Reaktion auf das Bond-Phänomen in der Populärkultur des sozialistischen Ost- und Mitteleuropa (Mikolaj Kunicki) und der Geschichte der Bondadaptionen im Bollywood-System. Abgerundet wird dieser erste Teil durch einen Beitrag über die exotisierende Darstellung nicht-westlicher Schauplätze in Skyfall (2012) und Spectre (2015) (Melis Behlil, Igancio M. Sánchez Prado und Jaap Verheul) und einen Beitrag aus der Rezeptionsforschung (Huw D. Jones und Andrew Higson). Dieser belegt, dass die viel besprochene ikonisierte „Britishness“ der James-Bond-Filme mit Daniel Craig in der internationalen Rezeptionserfahrung eine untergeordnete Rolle spielt – was erstaunen mag, da gerade diese Filme den Großbritannienbezug wieder sehr viel stärker betonten als frühere Beispiele.

Dass Fragen britischer Selbstverständigung dennoch nicht vom Bond-Phänomen ablösbar sind, zeigt sich in der zweiten Untergruppe von Artikeln: Toby Millers Beitrag zu Bond als einer „Ikone des Versagens“, die eine dominante, imperial konnotierte, hegemoniale Männlichkeit gleichermaßen performiert als auch dekonstruiert, sowie das konfliktreiche Changieren der Filmreihe zwischen Konservatismus und progressiver Revision in ihren Darstellungen von Rasse und Geschlecht (Beiträge von Lorrie Palmer und Anna Everett) belegen einmal mehr die Verflechtung des Bond-Phänomens mit Friktionen eines zeitgenössischen Selbstverständnisses britischer Identität. Gerade Everetts Diskussion der verpassten Möglichkeit, mit Idris Elba zum ersten Mal einen afro-britischen Darsteller für die Bond-Rolle zu wählen, zeigt besonders aufschlussreich, dass das Bond-Phänomen trotz seiner globalen Beweglichkeit noch immer in einer spezifisch britischen sozio-kulturellen Situation zu lokalisieren ist: „In turning our lens to Fleming’s construction of Eurocentric masculine whiteness, we are able to recognize Britain’s traumatic postwar collapse of its storied empire, and Fleming’s negotiation of this irretrievable, often inglorious colonial past“ (S.189). So wird das Bond-Phänomen auch als Teil von Diskursnetzen lesbar, die – ob als „postcolonial melancholia“ (Gilroy[3]) oder als „heroic failure“ (O’Toole[4]) – auch in jüngster Zeit für das Verständnis etwa von Tropen der Brexit-Debatte aufschlussreich sind. Der Artikel von Seung-hoon Jeong schließlich greift das Thema der individuellen Handlungsmacht der heroischen Titelfiguren in Skyfall und der Jason-Bourne-Reihe in einer globalisierten Überwachungsgesellschaft auf. Die Untersuchung diskutiert so relevante Aspekte von Subjektivitätsvorstellungen in einer von „big data“ geprägten Ära der Gouvernementalität.

Die dritte Untergruppe von Beiträgen unter der Überschrift „Beyond the Films: The Transmediality of the James Bond Franchise“ versammelt Einzelstudien, deren Untersuchungsgegenstände nicht alle im engeren Sinne „transmedial“ (also das Medium Film übergreifend) sind, da sowohl Titelsequenzen (Jan-Christopher Horak) als auch der ikonische „Goldfinger“-Song von Shirley Bassey (1964) als Teilaspekte der kinematischen Form aufgefasst werden können. Der Qualität der Beiträge in ihrer Eigenlogik tut das allerdings keinen Abbruch. Eine spannende Analyse der Verflechtungen der in den Bond-Filmen performierten „Casino Culture“ und deren faktualen Ausprägungen liefert der Beitrag von Joyce Goggin. Eine tatsächliche Analyse von transmedialen Adaptionen der Filme bietet Ian Bryce Jones und Chris Carloys Untersuchung von GoldenEye in Videospielen.

In der Gesamtschau sind es vor allem zwei Aspekte, die die hohe Qualität des Bandes ausmachen: Erstens ist die insgesamt sehr gute Abstimmung und Editierung der Beiträge durch einen Herausgeber zu erwähnen, der ein Kenner der televisuellen und filmischen Aspekte des Themas ist. Zweitens besticht im Gesamteindruck die ausnahmslos sehr hohe wissenschaftliche Qualität der Einzelstudien: Der Band versammelt unter seinen Autor:innen sowohl „Veteranen“ der Bond-Studien wie James Chapman, Expert:innen auf den Gebieten der Fernsehgeschichte Ost- und Mitteleuropas (Kunicki) und der critical race studies (Everett), als auch jüngere Wissenschaftler:innen, die durchweg auf informiertem Forschungsstand anregende Fallstudien vorlegen. So trifft die in der Einleitung geäußerte Feststellung zu, dass der Band gleichermaßen die Bondforschung als auch das Bond-Phänomen selbst thematisiert. Es handelt sich um eine gelungene Ausweitung interdisziplinärer Zugriffe auf das Bond-Phänomen, die dennoch klar in der zugehörigen Forschungslandschaft verankert ist. Dem „Endorsement“ von Christoph Lindner auf dem Einband, dass der Band einen facettenreichen Blick auf die Verflechtungen des Bond-Phänomens mit der globalen Medienkultur und transnationaler, auch geopolitisch bedingter Wechselwirkung von Strömen der Populärkultur bietet, ist daher zuzustimmen. In seinem vergleichsweise kompakten Format bietet er sich so sowohl für „Bondologie-Neulinge“ an, die auf informiertem Forschungsstand in die Materie einsteigen wollen, aber er hält auch genug innovative Zugriffe bereit, um kenntnisreiche Lesende zu stimulieren.

Anmerkungen:
[1] Robert G. Weiner / Jack Becker / Lynn Whitfield (Hrsg.), James Bond in World and Popular Culture. The Films Are Not Enough, Newcastle upon Tyne 2011; Christoph Lindner (Hrsg.), The James Bond Phenomenon. A Critical Reader, 2. Aufl., Manchester 2009; ders. (Hrsg.), Revisioning 007. James Bond and Casino Royale, London 2010.
[2] Tony Bennett / Janet Woollacott, Bond and Beyond. The Political Career of a Popular Hero, London 1987.
[3] Paul Gilroy, Postcolonial Melancholia, New York 2005.
[4] Fintan O’Toole, Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain, London 2018.