J. Abele u.a. (Hg.): Innovationskulturen und Fortschrittserwartungen im geteilten Deutschland

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Titel
Innovationskulturen und Fortschrittserwartungen im geteilten Deutschland.


Herausgeber
Abele, Johannes; Barkleit, Gerhard; Hänseroth, Thomas
Reihe
Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung 19
Erschienen
Köln 2001: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
421 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Burghard Ciesla

Die vorliegende Publikation geht auf eine Tagung des Hannah-Arendt-Instituts zurück, die am 9. und 10. Dezember 1999 unter dem Thema „Politische Herrschaft und moderne Technik. Innovationskulturen in der DDR und der Bundesrepublik“ in Dresden stattfand. Der Sammelband ist in drei Teile unterteilt und setzt sich aus 18 Einzelbeiträgen zusammen. In der Einführung skizziert der Mitherausgeber Johannes Abele (Dresden) das Anliegen, den Rahmen, die Darstellungsebenen und die Forschungsergebnisse der einzelnen Beiträge. Die ersten sieben Beiträge fungieren als Leitbeiträge und stellen den Zusammenhang „Politisches System – technische Kultur“ vor. Im zweiten Teil werden unter dem Thema „Schlüsseltechnologie und technischer Fortschritt“ konkrete Fallbeispiele untersucht und zuletzt wird die Bildungspolitik der Bundesrepublik und der DDR fokussiert.

In einem Leitartikel geht Ulrich Wengenroth (München) auf den Perspektivwechsel in der Innovationsforschung ein. Beim Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft habe sich in den westlichen Industriestaaten eine Schere zwischen dem etablierten Innovationssystem und den neuen Strukturen der Dienstleistungsgesellschaft gebildet.

Johannes Bähr (Dresden) zieht in seinem Beitrag - mit einem besonderen Blick auf die DDR - eine Forschungsbilanz und geht auf die Perspektiven der neueren wirtschaftshistorischen Forschungen ein. Als Befund stellt er heraus, dass die ungenügende Innovationsfähigkeit des planwirtschaftlichen Systems ganz offensichtlich eine der entscheidenden Ursachen für das Scheitern der DDR war.

Wann und wie sich die bundesdeutsche Technologiepolitik nachhaltig veränderte, wird von Helmuth Trischler (München) analysiert. Ausgehend vom Ansatz der „langen fünfziger Jahre“ vergleicht er den Wandel des bundesdeutschen Innovationssystems als ursprüngliche Reaktion auf die „amerikanische Herausforderung“ mit den „langen siebziger Jahren“, d.h. mit der Phase der Großen Koalition und der sozialdemokratischen Regierung von 1966 bis 1982.

André Steiner (Potsdam) nimmt die Technologiepolitik der DDR in den Jahren der Wirtschaftsreform (1963-1970) unter die Lupe. Sein zentrales Argument ist, dass aufgrund des ideologischen Anspruchs und der Wahrung der politischen Stabilität nie ernsthaft die staatssozialistische Wirtschaftslenkung in Frage gestellt wurde und deshalb letztlich das Aufbrechen der Innovationsblockaden scheiterte.

Dirk van Laak (Jena) setzt sich mit der zeitgenössischen Begriffsdiskussion (Technik, Fortschritt, Rationalität) auseinander und verweist auf deren „geradezu heilsgeschichtliche Aufladung“ im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Darauf aufbauend zeigt er, dass überall dort, wo ein Versagen der Politik und Wirtschaft offenkundig wurde, sowohl totalitär als auch liberal ausgerichtete Gesellschaften den technischen Fortschritt als Königsweg in die Zukunft wählten.

Die neuere Innovationsforschung akzeptiert zwar, dass Innovationssysteme zugleich soziale Systeme sind, aber überwiegend bleiben die bislang vorliegenden Studien „geschlechterblind“. Karin Zachmann (Dresden) befasst sich mit dieser Schieflage und macht deutlich, dass es gerade der Geschlechtervertrag ist, der von entscheidender Bedeutung für die Innovationskultur einer Gesellschaft ist.

Am Ende des ersten Teils des Sammelbandes untersucht Christoph Boyer (Dresden) die Phase des „Konsumsozialismus“ unter Honecker. Der nach dem Machtwechsel 1970 vorgenommene Politikwechsel habe starke wohlfahrtsstaatliche Züge getragen und die Herrschaftsstabilisierung zum Ziel gehabt, gleichzeitig aber den Weg in den Untergang mit vorbereitet.

Der zweite Teil des Sammelbandes geht auf die konkrete Umsetzung der Forschungspolitik im geteilten Deutschland an den Beispielen Mikroelektronik und Biotechnologie in der Bundesrepublik bzw. der Kernenergie, Automatisierungstechnik und Mikroelektronik in der DDR vergleichend ein. Alexander Gall (München) fragt nach den Eigenheiten der bundesdeutschen Innovationspraxis am Beispiel der bundesdeutschen Mikroelektronik-Politik in den 1980er-Jahren. Er kann am konkreten Fallbeispiel den Übergang der Initiative bei der Forschungspolitik vom Bund auf die Länder aufzeigen. Tatsache ist, dass in den 1980er-Jahren auf Länderebene Entscheidungen zur Mikroelektronik sehr zügig, pragmatisch und mitunter überstürzt gefasst wurden.

Susanne Giesecke (Teltow) fragt nach der „Lernfähigkeit“ der bundesdeutschen Forschungs- und Technologiepolitik. Sie widmet sich den Mechanismen der Rückkopplung zwischen Innovationsprojekt und Staat am Beispiel der deutschen Biotechnologie-Politik über einen Zeitraum von dreißig Jahren. Obwohl sie die Entwicklungen in der DDR nicht berücksichtigt, lässt der Beitrag erkennen, dass es vor allem der Mangel an funktionsfähigen Rückkopplungsmechanismen gewesen sein muss, der ganz wesentlich zur Innovationsschwäche der DDR beitrug.

Peter Liewers (Rossendorf) zeichnet die Höhen und Tiefen der Kernenergieentwicklung in der DDR nach. Er legt die - vor allem sowjetischen - Gründe dar, warum nach den Aufschwungjahren der 1950er-Jahre das Kernenergieprogramm radikal zurückgefahren werden musste.

Mit dem facettenreichen Thema der Automatisierungstechnik in der DDR befasst sich Ralf Pulla (Dresden). Er untersucht die Netzwerke, die auf mittlerer Ebene für die Einführung und Entwicklung von Automatisierungstechniken in der DDR von Bedeutung waren. Seine Untersuchung zeigt die Wechsellagen zwischen euphorischen Automatisierungsplänen, Bestrebungen nach Forschungskonzentration und schwierigen Wirtschaftsbedingungen.

Gerhard Barkleit (Dresden) zeichnet die Strategie des Nacherfindens am Beispiel der DDR-Mikroelektronik ab Mitte der 1970er-Jahre nach. Sowohl das Wirtschaftsembargo des Westens, die mangelnde Kooperationsbereitschaft innerhalb des östlichen Bündnissystems als auch die vorhandenen ökonomischen Sachzwänge und ideologischen Tabus verhinderten letztlich, dass eine lebensfähige Mikroelektronikindustrie aufgebaut werden konnte.

Einen deutsch-deutschen Vergleich auf dem Gebiet der Lasertechnikentwicklung bietet die Untersuchung von Helmuth Albrecht (Freiberg). Die Förderung der Lasertechnik verlief in der DDR und Bundesrepublik weitgehend in der gleichen zeitlichen Abfolge. Im Gegensatz zur Bundesrepublik kam es in der DDR aber schon seit dem Ende der 1960er-Jahre zu einer verhängnisvollen Einengung der wissenschaftlichen Handlungsspielräume, da die Entwicklung maßgeblich auf die Industrieforschung ausgerichtet wurde.

Im letzten Teil des Sammelbandes wird die Rolle der Hochschulen und Universitäten als „eine tragende Säule der Infrastruktur des Wissens“ untersucht. Kai Handel (Freiberg) befasst sich mit dem Einfluss und der Bedeutung von Hochschulen in der Bundesrepublik bei der Förderung des regionalen Strukturwandels. Am Beispiel der Ruhr-Universität Bochum legt er dar, wie Debatten um den „Ingenieurmangel“ oder die „Deutsche Bildungskatastrophe“ in den 1960er-Jahren zu Versuchen führten, die Bildungsstrukturen in der Bundesrepublik grundlegend zu reformieren.

Thomas Hänseroth (Freiberg) widmet sich der Entwicklung der Technischen Hochschule Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg. Er zeigt die im Vergleich zur Bundesrepublik etwas anderen Akzente der DDR-Hochschulpolitik und macht an einem konkreten Fallbeispiel auf den dringenden Bedarf der Erforschung der so genannten apolitischen Experten als Stützen der beiden deutschen Diktaturen aufmerksam.

Im Beitrag von Johannes Abele (Dresden) wird erklärt, warum die Hochschulen in der DDR bereits in den 1960er-Jahren eine beachtliche Rolle als Ressourcen für neue Technologien spielten und in der Bundesrepublik erst ab den 1970er-Jahren. Überraschend ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass es in der DDR im Einklang mit der zentralen Führung Tendenzen zu einer Regionalisierung der Hochschulforschung gegeben hat.

Gabriele Valerius und Hans-Jürgen Wagner (Frankfurt an der Oder) ziehen mit der Analyse von Innovationskollegs an den Hochschulen in den neuen Bundesländern eine Zwischenbilanz und zeigen, ob und inwieweit Innovationskollegs die Forschung im Osten Deutschlands nach 1990 gefördert haben.

Der Sammelband bietet materialreich eine Vielzahl von Anregungen für die weitere Forschungsdiskussion. Es liegt freilich in der Natur solcher Sammelbände, dass sich die einzelnen Beiträge in ihrer Lesbarkeit und Aufbereitung voneinander stark unterscheiden. Doch geben alle Beiträge kompetent darüber Auskunft, welchen Stellenwert Wissenschaft und Technik im Systemkonflikt einnahmen und sie lassen erstaunliche Parallelen und Gemeinsamkeiten in der Technologiepolitik der DDR und Bundesrepublik erkennen.

Hervorzuheben ist zudem, dass den Herausgebern das Kunststück gelungen ist, nicht nur mehrere Fachdisziplinen mit oft gegensätzlichen Forschungsansätzen auf fruchtbare Weise zusammenzuführen, sondern sie haben es auch verstanden, die End- und Zwischenergebnisse von zwei größeren Forschungsprogrammen zu präsentieren.

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Veröffentlicht am
06.05.2004
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