U. Machtemes: Bildungsbürgerliche Witwen

Titel
Leben zwischen Trauer und Pathos. Bildungsbürgerliche Witwen im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Machtemes, Ursula
Erschienen
Osnabrück 2001: V&R unipress
Anzahl Seiten
301 S.
Preis
€34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Mirjam Hausmann

Die vorliegende geschichtswissenschaftliche Dissertation beschäftigt sich mit dem Leben protestantischer Witwen im Kontext bildungsbürgerlicher Gefühlskonventionen des 19. Jahrhunderts. Das Ziel der Arbeit war, die typischen Lebensentwürfe für die Witwenzeit zu analysieren, um festzustellen, "inwieweit ein ritualisierter Verhaltenskatalog die Wahrnehmungsmuster bezüglich einer weiblichen Identität leitete, modifizierte oder beeinflusste" (S. 11). Die zentrale Frage des Forschungsprojekt lautete, ob und wenn ja wie bildungsbürgerliche Witwen traditionelle weibliche Identitätsmuster überschreiten konnten, ohne deswegen gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Machtemes rekonstruierte das Leben der Witwen mit Hilfe eines Samples von umfangreichem Quellenmaterial zu 23 Frauen. Dieses Quellenmaterial besteht aus Briefen, Tagebüchern, Biographien, Testamenten und Kondolenzbriefen und bettet die Einzelpersonen in die soziale Gruppe des Bildungsbürgertums ein. Nach einem einleitenden Kapitel beleuchtet die Autorin die wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen der Witwen. Es folgt das Kapitel "Bürgerleben zwischen Totenkult, Pathos und Mitgefühl", in dem Machtemes das bürgerliche Trauerklima beschreibt und auf die sozialen Funktionen der Kondolenzen eingeht, sowie deren subtil disziplinierende Wirkung auf die Witwen erörtert. Das dritte Kapitel ist den Strukturmerkmalen weiblicher Verwitwung gewidmet, das vierte dem Leben zwischen Kult und Kritik. Abschließend fasst die Autorin ihre Ergebnisse zusammen und fügt als Anlage statistische Auswertungen von 1871-1910 hinzu.

Der Grund für das Vorherrschen weiblicher Verwitwung war der große Altersunterschied der Eheleute, da Männer erst heirateten, wenn sie sich beruflich etabliert hatten. Hinzu kam die steigende Lebenserwartung von Frauen im Laufe des 19. Jahrhunderts. Finanziell waren diese Witwen meistens durch Erbschaft, Tantiemen oder Pensionsansprüche der staatlichen Hinterbliebenenpension gut abgesichert. Außerdem hatten sie ein Einkommen durch die finanzielle Ausbeutung der Arbeitsleistung der Verstorbenen durch Veröffentlichungsrechte, Publikationen usw. Wiederheirat kam unter verwitweten Männern oft, unter Frauen dagegen kaum vor, weil sie gesellschaftlich negativ bewertet wurde. Nur Frauen waren an das romantische Ideal der unzertrennlichen Partnerschaft gebunden. Es gab aber auch pragmatische Gründe gegen eine Wiederheirat. Diese brachte den Frauen Nachteile, indem sie z.B. die elterliche Gewalt über ihre Kinder verloren oder ihre finanzielle Sicherheit wegfiel, wenn der Verstorbene dies testamentarisch festgelegt hatte. Der Zivilstand der Witwe bot der Frau mehr Freiräume als der der Ehefrau, so dass ein Leben als Witwe mehr Handlungsspielräume ermöglichte.

Witwen blieben im sozialen Netz der Schicht durch Kontakte mit anderen Witwen, durch Fortführung der Korrespondenzen des Verstorbenen und durch materielle und immaterielle Hilfe von Bekannten und Freunden gut eingebunden. Eine Depression wurde durch intensive Arbeit, z.B. die Nachlassverwaltung, verhindert. Ziel der Nachlassverwaltung war es, das geistige Erbe des Verstorbenen für die Nachwelt zu erhalten und umfasste z.B. die Herausgabe von Briefeditionen. Je nach Qualifizierung der Witwen führten sie auch die Arbeit des Gatten fort oder entwickelten eigene Arbeitsprojekte. Durch die erfolgreiche Erledigung unterschiedlicher Arbeiten, die z.T. ungewohnt und neu für die Frauen waren, entwickelten sie oft ein neues Selbstbewusstsein. Sie identifizierten sich genauso mit dem gängigen Leistungsethos wie ihre Männer. Wichtig ist, dass sie ihre Ehen im Geiste fortführten und all ihr Handeln im Namen ihrer Männer stattfand oder in deren Sinne war. Sie wurden auch weiterhin als Ehefrauen wahrgenommen, was ihnen ermöglichte, an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen und mit Männern unbefangen umzugehen. Die Anpassung an die neue Lebenssituation erfolgte also einerseits durch verschiedene Arbeitsprojekte, wodurch die Witwe einen Rollenwechsel vollzog, da sie jetzt z.B. die delegierte Hausarbeit beaufsichtigte und selbst am Schreibtisch des Verstorbenen arbeitete. Manche nahmen auch eine Freundin oder Verwandte ins Haus, um Einsamkeit zu verhindern und um bei den verschiedenen Arbeitsprojekten eine Mitarbeiterin zu haben, die sie wiederum anleiteten und beaufsichtigten, was den Rollenwechsel unterstreicht.

Das bürgerliche Trauerklima stellt Machtemes in den Zusammenhang der Hochschätzung des Gefühls in der bildungsbürgerlichen Schicht. Sie diagnostiziert eine regelrechte Trauerhysterie, in der die Verstorbenen im Zuge des Kulturpessimismus glorifiziert und zu Trägern hoher kultureller Werte stilisiert wurden. Das Bildungsbürgertum erhob Gelehrte zu Heroen, deren Tod demnach ein kultureller Verlust für die ganze Nation war. Das bevorzugte Medium der Trauerbekundung waren Kondolenzbriefe. Sie hatten verschiedene soziale Funktionen, wie z.B. Trost zu spenden, den Toten zu würdigen, Trauer und Mitgefühl zu vermitteln und den Witwen materielle und immaterielle Hilfe anzubieten. Darüber hinaus boten sie aber auch Lebensentwürfe für die Witwenzeit an und wirkten subtil disziplinierend. Die Kondolenzbriefe dienten also auch dazu, die unsterbliche geistige Verbindung der Eheleute zu verdeutlichen. Durch das soziale Idealbild der romantischen Ehe waren die Witwen verpflichtet, sich auch nach dem Tod des Partners emotional an ihn zu binden. Dies gelang durch die Etablierung eines Trauerkults. Zur Trauer gehörte auch die Kultivierung trauerbegleitender Emotionen wie Ergriffenheit, Wehmut oder Sehnsucht. "Gefühlserziehung wurde zur bewussten Arbeitsleistung"(S. 250). Die meisten Witwen folgten dem Rat der Kondolenzbriefe und entwickelten diesen Trauerkult mit einem entsprechenden Vokabular. Machtemes charakterisiert diesen Trauerkult als affektive Machtressource, weil Witwen durch ihn Eigeninteressen wie z.B. eigene Arbeitsprojekte durchsetzen oder Kontrolle ausüben konnten.

Denn die kultivierte Trauer wurde als Argument für verschiedene Arbeitsprojekte eingesetzt, durch die der Verstorbene geehrt werden sollte. Auf diese Weise blieb der Verstorbene Sinnbezug der Arbeit. Aber die Witwen nutzten den Status des Verstorbenen, ihr "kulturelles Kapital" (S. 153), als potentiellen Gestaltungsfreiraum aus. Da die Witwen die Ehe im Geiste fortführten, waren sie weiterhin nur dem toten Ehemann Rechenschaft schuldig über ihr Handeln. So bildete sich "ein Witwenhabitus" (S. 111) heraus. Die Witwen nutzten ihre Position, um Einfluss auf die posthume Darstellung des Toten auszuüben, z.B. in Biographien. Sie versuchten dabei stets, bei dem Autoren der Biographie darauf hinzuwirken, den Toten in bestmögliches Licht zu setzen und sich selbst dazu, indem sie ihre Leistung bei der Gefühls- und Ethikerziehung des Mannes betonten, die ihre Aufgabe als Ehefrau war. Ebenso wurde der eigene Anteil der Arbeitsleistung des Gatten hervorgehoben. Einige Witwen schrieben auch selbst eine Biographie ihres Mannes, was bedeutete, dass sie selbst kreativ tätig wurden und an die Öffentlichkeit traten. Es gab also in der Witwenzeit durchaus emanzipatorische Tendenzen durch gestärktes Selbstbewusstsein bei erfolgreichen Projekten oder neuen Arbeitsprojekten, und die nicht mit dem Trauerhabitus in Einklang zu bringen sind. Im Allgemeinen brachte die Gesellschaft den Witwen für deren Handeln Wertschätzung und Würdigung entgegen. Diese verloren sie jedoch nach ihrem Tode, was darauf hinweist, dass der Witwenkult posthum zusammenbrach.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Gestaltungsspielraum der Witwen von ihrer Selbstdisziplinierung bezüglich der Gefühlskontrolle abhing. Je mehr sie einen Witwenhabi-tus pflegten, desto mehr Handlungsspielraum konnten sie erlangen. Die Rechtfertigung ihres Handelns, im Sinne des Verstorbenen zu handeln, nutzten sie strategisch für ihre Selbstbe-hauptung. Der Witwenhabitus mit seiner Kultivierung der Trauer "wurde zum Synonym für Abgrenzung, Selbstbestimmung und Handlungsrechtfertigung" (S. 251). Die Witwen konnten also bis zu einem gewissen Maße das traditionelle weibliche Identitätsmuster überschreiten, auch wenn ihnen die gesellschaftliche Wertschätzung nicht bis nach ihrem Tode gewährleistet war.

„Leben zwischen Trauer und Pathos“ ist eine interessante und durch den anekdotischen Stil gut lesbare Dissertation. Machtemes´ Forschungen sind tiefgehend und sorgfältig, und das Leben der Witwen wird durch ihre eigenen Worte lebendig. Ein Vergleich dieser Witwenleben mit denen anderer Milieugruppen und Religionszugehörigkeiten wäre Gegenstand weiterer Forschungen. „Leben zwischen Trauer und Pathos“ liefert einen wichtigen Beitrag zu der bisher mangelhaften Erforschung weiblicher Lebensentwürfe und Handlungsspielräume im 19. Jahrhundert.

Redaktion
Veröffentlicht am
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension