R. Banken: Die Industrialisierung

Cover
Titel
Die Industrialisierung der Saarregion 1815-1914. Band 1: Die Frühindustrialisierung 1815-1850


Autor(en)
Banken, Ralf
Reihe
Regionale Industrialisierung 1
Erschienen
Stuttgart 2000: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
481 S.
Preis
DM 148,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Ziegler, Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Geschichtswissenschaft Historisches Institut

Das produktivste Jahrzehnt der deutschen Industrialisierungsforschung waren im letzten Jahrhundert zweifellos die siebziger Jahre. Einer der Schwerpunkte der Forschung war seinerzeit in Münster am Lehrstuhl von Richard Tilly angesiedelt. In mehreren Studien wurde insbesondere die Bedeutung der marktwirtschaftlichen Entwicklungsdynamik, statt des preußischen Staates, für den Industrialisierungsprozess herausgearbeitet und die methodische und empirische Grundlage für den Nachweis eines schwerindustriellen Führungssektorkomplexes gelegt. Diese überwiegend Sektoren bezogene Forschung war noch sehr stark nationalstaatsorientiert. Am Ende der siebziger Jahre wandten sich jedoch auch Tilly und seine Mitarbeiter – nicht zuletzt beeinflusst durch Sidney Pollards Plädoyer für eine Auslösung der nationalstaatlichen Perspektive – einem stärker regionalhistorischen Blickwinkel zu. Leider kam es damals nicht zu einem konzertierten Forschungsprogramm für die Führungsregionen der deutschen Industrialisierung, das mit der Forschungsleistung zu Führungssektorfrage vergleichbar gewesen war. Das ist auch deswegen bedauerlich, weil sich zu derselben Zeit der zweite Münsteraner wirtschaftshistorische Lehrstuhl dem Phänomen der regionalen Industrialisierung zuwandte.

Einer der Münsteraner Doktoranden der siebziger Jahre war Toni Pierenkemper, der sich seit dieser Zeit wiederholt mit den schwerindustriellen Führungsregionen vergleichend beschäftigt hat. Sein eigener Forschungsschwerpunkt lag dabei im Ruhrgebiet und in Oberschlesien. Insofern ist es naheliegend, dass er, nachdem er an die Universität Saarbrücken berufen worden war, seinem Mitarbeiter Ralf Banken das Saarrevier als die dritte montanindustrielle Führungsregion des 19. Jahrhunderts für ein Dissertationsprojekt ans Herz gelegt hat. Das Ergebnis liegt nun vor und bildet zugleich den ersten Band einer neuen, von Pierenkemper bei Steiner herausgegebenen Reihe zur „Regionalen Industrialisierung“.

Methodisch geht Banken einen anderen Weg als die Münsteraner Industrialisierungsforscher der siebziger Jahre. Denn Banken verzichtet darauf, etwa die Kopplungseffekte unter den von ihm untersuchten Branchen der Frühindustrialisierung im Saarrevier Steinkohlenbergbau, Eisen- und Stahlindustrie, Glashüttengewerbe und Keramikindustrie statistisch exakt zu beschreiben. Das wäre angesichts der Datenlage zur deutschen Frühindustrialisierung auf regionaler Ebene vielleicht auch etwas gewagt gewesen. Vielmehr versucht er anhand der verfügbaren Daten über soviel Einzelfälle wie möglich generalisierende Aussagen zu formulieren. Die Arbeit ist methodisch insofern wesentlich weniger „volkswirtschaftlich“ als die Münsteraner Arbeiten zum Führungssektorkomplex. Sie ist eher „historisch“, indem eine ungeheure Menge von Primärquellenmaterial zusammengetragen worden ist.

Den Schwerpunkt der Untersuchung bilden der Steinkohlenbergbau und die Eisenindustrie. Daneben werden aber auch das Glashüttengewerbe und die keramische Industrie ausführlich behandelt, wodurch die einseitigen Vorstellung einer monostrukturell geprägten, schwerindustriellen Region überzeugend korrigiert wird. Beiden Branchen war allerdings mit der Eisenindustrie gemein, dass sie sehr energieintensiv waren und die Verfügbarkeit von Steinkohle demzufolge einen wichtigen Standortfaktor darstellte. Insofern kann der Steinkohlenbergbau als der „zentrale Schlüsselsektor für die Entwicklung der Wirtschaftsregion Saar“ angesehen werden (S. 477). Die übrigen Gewerbe- und Industriezweige fallen in ihrer gesamtwirtschaftlichen Bedeutung in der ersten Hälfte des 19. Jh. deutlich gegenüber diesen vier Branchen ab, wobei allerdings die Entstehung einer Maschinenbauindustrie zwar vergleichsweise spät einsetzte, aber um die Jahrhundertmitte dennoch ein beachtliches Entwicklungsniveau erreicht hatte.

Ein besonderes Problem bildete für Banken die unterschiedliche und wechselnde territoriale Zuordnung der Region. Denn während zu Beginn des 19. Jahrhunderts die gesamte Region zu Frankreich gehörte, wurde sie 1815 zwischen Frankreich, Preußen und Bayern aufgeteilt. Gerade diese wechselvolle Geschichte der Region zeigt aber auch die Notwendigkeit einer regional differenzierteren Betrachtung als die herkömmlichen nationalen Industrialisierungsgeschichten. Besonders verdienstvoll ist es in diesem Zusammenhang, dass Bankens Darstellung keineswegs erst mit dem Jahr 1815 einsetzt, sondern auch das 18. Jahrhundert und insbesondere die französische Zeit ausführlich behandelt werden. Der relativ frühe Start der Region in das Industriezeitalter ist ohne die französische Vorgeschichte nicht zu verstehen. Denn die günstigen Rahmenbedingungen dieser Zeit (liberale Gewerbeverfassung, großer Absatzmarkt im französischen Hinterland) bildeten als gemeinsame Erbschaft eine notwendige Bedingung für den Modernisierungsprozess, der sich nicht nur im preußischen, sondern auch im französischen und im bayerischen Teil der Region in den folgenden Jahrzehnten Bahn brach.

Dennoch ist nicht zu übersehen, dass die Staaten die wirtschaftliche Entwicklung ihrer jeweiligen Teilregion maßgeblich beeinflussten. Insofern wäre es naiv, die Gestaltungskraft des Faktors Staat mit seiner Wirtschaftsordnungs-, Wirtschafts- und besonders mit seiner Finanzpolitik zu unterschätzen. Angesichts der territorialen Zersplitterung der Region kam der Handelspolitik der Staaten eine große Bedeutung zu. Denn mit Ausnahme des Steinkohlenbergbaus waren alle wichtigen Industriezweige der Region auf Absatzmärkte diesseits der jeweiligen Grenze angewiesen. Auf deutscher Seite kam angesichts der jeweiligen Randlage des Reviers im preußischen bzw. bayerischen Staatsgebiet der Bildung des Zollvereins im Jahr 1834 eine wichtige Funktion bei der Erweiterung der Absatzmärkte zu.

Wichtiger noch als die Handelspolitik war aber die Rolle des Staates als Unternehmer im Steinkohlenbergbau. Sehr anschaulich beschreibt Banken hierbei den Unterschied zwischen Bayern und Preußen. Banken betont zwar, dass auch die Unternehmenspolitik der preußischen Grubenverwaltung eher der „einer Behörde“ als der „eines Unternehmens“ glich (S. 91) und bezieht sich dabei insbesondere auf die Verzögerungen in der Entscheidungsfindung und Umsetzung durch den langen Instanzenweg vom Saarbrücker Bergamt über das Oberbergamt in Bonn bis zur Berliner Hauptbergmannschaft. Aber in der Darstellung wird dennoch deutlich, dass sich der preußische Staat durchaus wie ein vorsichtiger Unternehmer verhielt, der, um mittelfristig Gewinne machen zu wollen, investieren musste, während der bayerische Staat in erster Linie ein kurzfristiges fiskalisches Interesse an seinen Gruben hatte. Die Grubenverwaltung stand dort im Vergleich zu Preußen wesentlich stärker unter dem direkten Einfluss des Finanzministeriums in München. Konkret wirkte sich der Unterschied in der Unternehmenspolitik etwa bei der Einführung des Tiefbaus aus. Während auf preußischer Seite die Entscheidung über Stollenabbau oder Tiefbau in erster Linie nach betriebswirtschaftlichen Erwägungen erfolgte, hielt der bayerische Staat auch dann noch am Stollenabbau fest, als dieser im Vergleich mit dem Tiefbau nicht mehr rentabel war, weil man die hohen Investitionskosten scheute.

Aber nicht nur die staatlich bayerische und staatlich preußische Bergbaupolitik bietet einen interessanten Vergleichsfall. Banken vergleicht auch die Unternehmenspolitik des preußischen Staates mit der Unternehmenspolitik der einzigen privaten Grube im preußischen Teil der Region und kommt angesichts der bereits in den zwanziger Jahren modernen Ausstattung dieser Grube zu dem Schluss, dass die Umsetzung der ursprünglichen französischen Pläne für eine Privatisierung der Saargruben und deren Aufteilung in möglichst viele private Unternehmen „die Entwicklungschancen der Region aufgrund eines höheren Wettbewerbs zwischen den Gruben deutlich verbessert hätten“ (S. 208).

Dieses Argument ist allerdings nicht ganz überzeugend. Denn die Kapital- und Kreditbeschaffung kleiner privater Steinkohlenbergwerksgesellschaften dürfte zu dieser Zeit äußerst schwierig gewesen sein. Das Revier verfügte nicht über einen nahegelegenen Finanzplatz, der in der Lage und auch bereit gewesen wäre sich in dem Revier zu engagieren, wie es beispielsweise einige Kölner Banken im Falle des Aachener Reviers zu derselben Zeit getan hatten. Mainz und Mannheim verfügten über keine Oppenheims oder Schaaffhausens, und die Frankfurter Banken waren an kurzfristigen Krediten für die Industrie ebenso wenig interessiert wie die Frankfurter Börse an Industrieaktien oder gar Kuxen von bergrechtlichen Gewerkschaften. Die Kapitalbeschaffungsprobleme der anderen, jedoch wesentlich weniger kapitalintensiven Industrien deuten ferner an, dass die Ressourcen der Region selber niemals ausgereicht hätten, um den Steinkohlenbergbau in der ersten Hälfte des 19. Jh. so zu entwickeln, wie es der preußische Staat – trotz aller berechtigten Kritik an den behördlichen Entscheidungskanälen – schließlich doch geleistet hat. Außerdem war weder die Eisenindustrie noch die Keramikindustrie der Region durch einen wettbewerbsintensiven Markt geprägt. Vielmehr hatte die Kapitalintensität selbst dieser im Vergleich zum Steinkohlenbergbau wenig kapitalintensiven Branchen sehr rasch zu einer Konzentration der Eigentumsverhältnisse und zu einer Aufteilung der Märkte geführt.

Diese Kritik trifft natürlich nicht die Substanz des Buches. Es wäre ungerecht zu erwarten, dass der Autor alle diejenigen Fragestellungen schon beantworten würde, die er mit seinem regionalhistorischen Ansatz aufgeworfen hat. Manches würde sich allerdings auch schon durch die Lektüre der Fortsetzung klären, die leider immer noch nicht auf dem Markt ist. Das ist sehr bedauerlich. Denn der vorliegende erste Teil ist zweifelsohne eine der herausragenden Veröffentlichungen zur deutschen Industrialisierungsgeschichte der letzten Jahre, und es gibt keinen Grund für die Annahme, dass der zweite Teil diesen hohen Standard nicht ebenfalls erreicht.

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Veröffentlicht am
07.03.2002
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