Jaeger, C.S.: Die Entstehung der höfischen Kultur

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Titel
Die Entstehung höfischer Kultur. Vom höfischen Bischof zum höfischen Ritter


Autor(en)
Jaeger, C. Stephen; übersetzt von Sabine Hellwig-Wagnitz
Reihe
Philologische Studien und Quellen 167
Erschienen
Anzahl Seiten
389 S.
Preis
€ 59,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Ertl, Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin

„Die Geschichte des Rittertums weist zwei Seiten auf, die in einem polaren Verhältnis zueinander stehen: eine militärische und eine zivilisatorische; die militärische gipfelt in den Kreuzzügen, die zivilisatorische in der Begründung der höfisch-ritterlichen Kultur. Erscheint die eine als Austrag eines weltgeschichtlichen Konflikts, so die andere dank der Zeit und Raum übergreifenden Kommunikation, die der Hof ermöglicht hat, als eine eigentümliche Form der Selbstverwirklichung einer großen Gemeinschaft im Dienst von Gesittung und Kultur. Wenn man auch beide schwerlich miteinander verrechnen kann, da sie im Grunde voneinander zehrten, so ist die Kommunikation als Lebensgesetz aller Kultur doch letztlich fruchtbarer geworden als der Konflikt, und es bleibt ein Ruhmestitel des Rittertums, dass es mit der Begründung der höfisch-ritterlichen Kultur Wertvorstellungen geschaffen hat, die in den großen geistigen Haushalt der Menschheit eingegangen sind“. Mit diesen Worten hat Josef Fleckenstein die Ergebnisse des von ihm 1990 herausgegebenen Sammelbandes über die „Curialitas“ zusammengefasst 1.

In einem eigenen Beitrag erklärte damals der Herausgeber die Ausbildung der höfisch-ritterlichen Kultur mit den engen Kontakten zwischen clerici und milites an den abendländischen Königs- und Fürstenhöfen. Nicht so sehr die Vermittlung von theoretischem Wissen, sondern die Ausbildung eines zivilisierten Verhaltens, das sich an antiken Vorbildern und christlichen Texten orientiert habe, sei das vorrangige Ziel dieser Kultur gewesen. Den nach Ruhm und Beute gierenden Kriegern habe ein pädagogisch ausgerichteter Akkulturationsprozess boni mores und virtutes gelehrt. Form und Inhalt, Förmlichkeit und tugendhaftes Verhalten seien in der höfisch-ritterlichen Kultur zu einer ideellen Einheit verschmolzen. Auf das Zusammenwirken von Geistlichkeit und Rittertum bei Hofe führt Fleckenstein die Entstehung der ersten Laienkultur des Mittelalters zurück 2.

Wenn Fleckensteins Beobachtungen am Anfang dieser Rezension stehen, so hat dies gute Gründe. Nicht die Erstveröffentlichung, sondern die deutsche Übersetzung eines 1985 erschienenen Buches bildet den Anlass dieser Besprechung. Neben die Vorstellung des Werks kann daher in diesem Fall eine kurze Rezeptionsgeschichte treten, die die Position des Buches in der aktuellen Diskussion zu bestimmen hilft. Fleckenstein, der Jaegers Werk mehrfach zitiert, schließt mit seinen Gedanken nahtlos an dessen Ergebnisse an. Zwar hat sich dieser weder mit der militärischen Seite der höfisch-ritterlichen Kultur noch mit ihrem historischen Vermächtnis auseinandergesetzt, sondern allein ihre Entstehungsphase zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert untersucht, doch hat er wie später auch Fleckenstein dem Zusammenwirken von Klerus und Adel am Hof eine grundlegende Bedeutung zugesprochen.

Seit der Regierungszeit Kaiser Ottos I., so die Hauptthese des Buches, hätten die Mitglieder der kaiserlichen Hofkapelle sowie die Reichsbischöfe, die vor der Übernahme ihrer hohen Ämter in der Regel ebenfalls Mitglieder der Kapelle gewesen waren, ein Erziehungs- und Zivilisierungsprogramm formuliert, mit dessen Hilfe es gelungen sei, im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte den kriegerischen Adel zu zivilisieren. In Otto I. und seinem Bruder Brun, Erzbischof von Köln, meint Jaeger das kongeniale Paar von Herrscher und Erzieher zu erkennen, dem dieser Prozess seinen Anfang verdankt. Diese beiden hätten die institutionellen Grundlagen geschaffen, um dem Reich eine gut ausgebildete Klerikerelite zu gewinnen, auf die Otto I. seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts bekanntlich immer stärker zurückgriff. Was zunächst ein funktionsbestimmtes Ideal geistlicher Staatsdiener im Rahmen des sogenannten Reichskirchensystems gewesen sei, habe sich beständig ausgeweitet und die erste Laienkultur des Mittelalters geformt. Das höfische Verhalten, die curialitas, gehe daher nicht auf die höfische Literatur und auch nicht auf das Rittertum selbst zurück. Vielmehr beruhe die hövescheit auf einer Wiederbelebung vorrangig antiker Traditionen durch die an den königlichen und fürstlichen Höfen wirkenden Kleriker. Deren in den deutschen Domschulen erworbene Wertvorstellungen und Verhaltensweisen seien verantwortlich zu machen für die Zivilisierung und die damit verbundene Selbstbeschränkung des kriegerischen Laienadels. Der höfische Bischof habe den triebgesteuerten und zügellosen Kriegeradel durch die Übertragung des eigenen Wertesystems zum höfischen Ritter erzogen, dessen ideale Überhöhung schließlich Gegenstand der ebenfalls als Erziehungsmittel eingesetzten höfischen Literatur des 12. Jahrhunderts gewesen sei.

Im ersten Teil des Buchs stehen ‚Hof und Hofmann’ im Mittelpunkt. Einleitend skizziert Jaeger die Struktur eines mittelalterlichen Hofes und weist dabei insbesondere auf Wesen und Bedeutung der ottonischen Hofkapelle als Ausbildungszentrum der Reichsprälaten hin. Das Berufsethos dieser geistlichen Führungsschicht habe mehr im königlichen Hofdienst als im liturgisch-religiösen Bereich gelegen. Den Wertekanon, dem sich diese Männer verpflichtet fühlten und den Jaeger den Bischofsviten entnimmt, reiche von äußerlicher Schönheit über Bildung und gute Sitten bis zu einem Konglomerat von Einzeltugenden, zu denen Sanftmut, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Mäßigung gehörten. Da die Verfasser der Hofkritik das Fehlen der in den positiven Idealisierungen der Viten genannten Eigenschaften und deren Ersetzung durch Ehrgeiz, Stolz und Machtgier beklagten, interpretiert Jaeger diese Texte als Korrektiv der Bischofsviten und gleichzeitig als Beleg für das Vorhandensein des positiven Kanons. War die Zielscheibe der Hofkritiker doch die Realität, kein literarisches Ideal.

Während im ersten Teil die gebenden Kleriker vorgestellt werden, geht es im zweiten Abschnitt um die empfangenden Adligen, die vom Hofklerus mit ethischen Werten ausgestattet wurden. Wiederum stehen soziologische Begriffsuntersuchungen, die die große Bedeutung antiker Denkmuster belegen, am Anfang. Der am ottonischen Königshof vorhandene Geist der renovatio imperii habe die Rezeption antiker Schriften über Sitten und Moral begünstigt. Mit zahlreichen Beispielen kann Jaeger belegen, dass die von den Hofklerikern propagierten Sitten und Tugenden in der volkssprachlichen Literatur wiederkehren. Die Übernahme des höfischen Verhaltens durch den weltlichen Adel führt Jaeger schließlich nicht auf soziale Veränderungen oder neuartige Hofstrukturen, sondern auf den Lehreifer der auf dem Weg der Zivilisierung vorangegangenen Geistlichen im Hofdienst zurück. Dieser Eifer sei auf eine generelle Bereitschaft des Adels getroffen, sich modische Ideale der Zeit anzueignen, zu denen neben der Kreuzzugsidee auch die in der Romanen gefeierte Verhöflichung zählte. Die Zunahme der Literalität, die Einsicht in die Überlegenheit höfischer Sitten sowie das Wetteifern um die Gunst des Herrschers oder einer umworbenen Frau hätten ebenfalls zur Verfeinerung der Sitten beigetragen. Diese Entwicklung sei jedoch – um nochmals Jaegers These aufzugreifen – untrennbar mit einem Erziehungssystem verbunden, das die episcopi curiales der Ottonenzeit auf Initiative Ottos I. und seines Bruders Brun wiederbelebt hätten und dessen zentrales Ideal die ‚Schönheit der Sitten’ (elegantia morum) gewesen sei.

Josef Fleckenstein sah wie Jaeger im Zusammenwirken von clerici und milites den Ursprung der höfisch-ritterlichen Kultur. Diesem geistesgeschichtlichen Erklärungsmodell stellte Werner Paravicini 1994 eine breite Argumentationskette gegenüber 3. In zwei Themenblöcken behandelt er den Strukturwandel des Adels sowie die geistig-religiösen Transformationen als Voraussetzungen höfischer Kultur, wobei er dem ersteren Bereich mehr Raum und offensichtlich auch mehr Bedeutung zumisst. Der soziale Wandel habe dem agnatischen Familienverständnis zum Durchbruch verholfen und dadurch zur Festigung der linearen Deszendenz beigetragen, so dass sich der Adel seit dem Hochmittelalter in klar umgrenzten Familien, nicht mehr in diffuse Sippen gliedere. Im gleichen Zeitraum habe auch die kulturelle Abgrenzung gegenüber nichtadligen Bevölkerungsgruppen zugenommen. Dem erstarkten Standesbewusstsein sei eine Differenzierung der sozialen Realität vorausgegangen: den Bauernstand kann man erst verlachen, wenn man weiß, von wem man spricht; zugleich erweiterte sich auch die adlige Binnenstruktur: die Ministerialen stiegen auf, es bildete sich ein neuer Reichsfürstenstand, die Ritterschaft wurde von einem Berufs- zu einem Geburtsstand. Die Bindungen innerhalb des Adels beruhten auf dem Lehnwesen, das als wechselseitiges Vertragsverhältnis beiden Seiten individuellen Handlungsspielraum eröffnete. Schließlich zählt für Paravicini auch die neue Stellung der Frau – im 12. Jahrhundert scheinen die romantische Liebe und die Gleichberechtigung der Geschlechter gleichsam erfunden worden zu sein – zu den sozialgeschichtlichen Ursachen für die Entstehung der ritterlich-höfischen Kultur. Neben den sozialgeschichtlichen stellt Paravicini einen geistesgeschichtlichen Strukturwandel: Der von der Kirche geforderte Tugendkatalog, der neben uralten Werten wie Tapferkeit und Freigebigkeit auch das Gebot des Schutzes Wehrloser enthalten habe, sei durch die Vermittlung der Kleriker vom Adel aufgegriffen worden. Im Rahmen des Gottesfriedens habe die Kirche den Ritter zu christlichen Diensten verpflichtet: der christliche Ritter als Friedensschaffer, nicht Kriegsherr. Die dreifunktionale Ordnung habe dem Adel ein gutes Gewissen bewahrt und seine Aufgaben im Rahmen einer christlichen Heilsordnung definiert. Seit der Renaissance des 12. Jahrhunderts habe sich schließlich der Austausch zwischen aristokratischer Laien- und gelehrter Klerikerkultur intensiviert. „Es beginnt die neuere Geschichte des nunmehr gleichrangigen Paares arma et litterae".

Paravicini hat an die Stelle eines monokausalen Erklärungsmodells die Aufzählung vieler sozial- und geistesgeschichtlicher Phänome ungewichtet nebeneinandergestellt. Damit repräsentiert er eine moderne Mediävistik, der das vorsichtige Kumulieren von Gründen und Argumenten näher steht als die monokausale Meistererzählung, die eine vielschichtige Realität gleichsam zu verschlingen droht. Die konträren Ansätze führen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Paravicini ist unangreifbarer, Jaeger aufregender. Vergleichbar sind die Bücher und ihre Ergebnisse jedoch nur sehr eingeschränkt, haben sie doch unterschiedliches Publikum im Blick. Paravicinis Buch will einer breiten Leserschaft eine einfache, aber dennoch umfassende Annäherung an die ritterlich-höfische Kultur bieten – dieses Ziel erreicht der renommierte Kenner mittelalterlicher Adelskultur souverän. Jaegers Buch richtet sich an den anspruchsvollen Kenner, der, mit dem Forschungsstand vertraut, einem originellen Denker mit dem Mut zur Stellungnahme und Bewertung auf seinem spannenden Weg durch das unwegsame Gestrüpp der Vergangenheit folgt. Im Vorwort zur deutschen Übersetzung hat Jaeger die zögerliche Rezeption seiner Arbeit im deutschsprachigen Raum bedauernd festgestellt. Diese Einschätzung ist zweifellos richtig, selbst bei Paravicini sucht man vergeblich nach der Nennung seines Buches. Wollen wir hoffen, dass die Übersetzung diesem Mangel ein schnelles Ende bereitet.

1 Josef Fleckenstein, Nachwort – Ergebnisse und Probleme, in: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur, hg. v. dems. (Veröfftl. des Max-Planck-Instituts für Geschichte 100), Göttingen 1990, 452-487, hier 487
2 Josef Fleckenstein, Miles und clericus am Königs- und Fürstenhof. Bemerkungen zu den Voraussetzungen, zur Entstehung und zur Trägerschaft der höfisch-ritterlichen Kultur, in: Curialitas, 302-325, bes. 325
3 Werner Paravicini, Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters (Enzyklopädie deutscher Geschichte 32), München 1994, 19-28

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