M. Wolffsohn u.a. (Hgg.): Geschichte als Falle

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Titel
Geschichte als Falle - Deutschland und die jüdische Welt. Aus der Arbeit der Forschungsstelle deutsch-jüdische Zeitgeschichte, München


Herausgeber
Wolffsohn, Michael; Brechenmacher, Thomas
Erschienen
Neuried 2001: ars una Verlag
Anzahl Seiten
246 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carsten Kretschmann, Forschungskolleg 435 "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel", Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Umgang mit Geschichte birgt Risiken und Nebenwirkungen. Zu ihnen will der Fachhistoriker befragt sein – so er denn in Zeiten fröhlichen Infotainments überhaupt Gehör findet. Allein an seinem Urteil nämlich liegt es zu verhindern, dass Vergangenes instrumentalisiert, dass Geschehenes missdeutet, kurz: dass aus der Geschichtspolitik eine Falle wird. Indem er die Grenzen der Wissenschaft, vor allem aber die Grenzen der Politik betont, legt der Historiker ein ums andere Mal sein Veto gegen jede Vereinnahmung der Vergangenheit ein.

In diesem Sinne versteht sich der von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher herausgegebene Sammelband als „Fallenprävention“ (S. 7), gleichsam als wissenschaftlicher Minenräumdienst. Dass diese Aufgabe keine ungefährliche ist, macht schon der rasche Blick auf das hier erkundete Terrain deutlich. Denn wer es unternimmt, das Verhältnis zwischen Deutschland und der jüdischen Welt ideologiekritisch zu erkunden, rührt beinahe zwangsläufig an vermeintlich unverrückbaren Deutungsmustern. Gerade darum ist dieser Sammelband brisant und wichtig zugleich. Er zeigt, in welchem Maße das deutsch-jüdisch-israelische Verhältnis noch immer durch eine ausschließliche Fixierung auf die Frage nach Tätern und Opfern bestimmt ist. Und er zeigt deshalb auch, wie unmittelbar die ,Last‘ der Vergangenheit noch immer das Handeln in der Gegenwart beeinflusst. Wobei es sich von selbst versteht, dass die deutsch-jüdische Geschichte nicht ohne den Holocaust als „zentrales Fanal“ (S. 8) denkbar ist. Aber diese Selbstverständlichkeit darf mit Blick auf die Geschichte, wie Wolffsohn und Brechenmacher zu Recht betonen, eben nicht dazu führen, „daß nur der Holocaust zu ihr gehört oder gar, daß sie sich zwangsläufig zum Holocaust zuspitzen mußte“ (S. 8).

Was aus solchen Überlegungen spricht, ist nicht modischer Revisionismus, sondern das Streben nach differenzierteren Erklärungen, nach tieferem Verstehen, mithin nach historischer ,Wahrheit‘. Sie spricht auch aus Michael Wolffsohns programmatischem Beitrag „Geschichte als Falle“, in dem Wolffsohn, in Anknüpfung an frühere Arbeiten [1], nachweist, dass Juden und nichtjüdische Deutsche nach 1945 zwar die jeweils „richtigen“ Lehren aus der Geschichte gezogen, diese „richtigen“ Lehren aber andererseits wiederum zu neuen Problemen geführt haben. Zu Recht interpretiert Wolffsohn etwa den hohen Stellenwert von Nationalismus, Religion und Krieg in Israel als unmittelbare Lehre aus der grauenvollen Erfahrung des Dritten Reichs (wobei man freilich auch die langfristigen Auswirkungen des älteren Zionismus nicht unterschätzen sollte). Mit ebensolchem Recht betont Wolffsohn zugleich, auf welche Vorbehalte eine solche Lehre in Deutschland stößt – und zu welchen mentalen, aber eben auch politischen Konsequenzen diese Vorbehalte führen.

Wie der Fixierung auf Auschwitz zumal für die nichtreligiösen Diasporajuden eine kompensierende, letzthin identitätsstiftende Funktion zukam, so entfaltete sie auch für die Bundesrepublik eine Kraft, mit der – noch dazu in Zeiten des Kalten Krieges – durchaus Politik gemacht wurde. So etwa, freilich nicht zu Unrecht, gegen Theodor Oberländer, Adenauers Vertriebenenminister, der, wie der instruktive Beitrag von Philipp Christian Wachs belegt, im Mai 1960, nach einer von Moskau und Ost-Berlin gesteuerten Kampagne gegen den „Mörder von Lemberg“ und einer geheimen Absprache zwischen CDU und SPD, zurücktreten musste.

Der „moralischen Falle“, in die deutsche Großunternehmen – ungeachtet aller juristischen und schein-juristischen Rechtfertigungen – durch (kalte) Arisierungen gingen, ist der Beitrag von Jens Schnauber gewidmet, der am Beispiel der Arisierung des Berliner Varietés „Plaza“ durch die Dresdner Bank den Quellenwert sogenannter Rückerstattungsakten eindrücklich vor Augen führt.

Die tückischste Falle war freilich jene „Assimilierungsfalle“ (S. 10), in die die deutschen Juden in Kaiserreich und Republik tappten: Sie steigerten ihren Akkulturationswillen – und wurden gleichwohl vernichtet. Dass der Wille zur „Eindeutschung“ außerordentlich stark war, versuchen Friederike Kaunzner und Dietmar Gauder, ausgehend vom Datenmaterial der Volkszählung von 1939, anhand der Dominanz „deutsch konnotierter“ Vornamen im Leipziger und Hamburger Bürgertum zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus nachzuweisen. Dass die Namensgebung einen Indikator für einen bestimmten Assimilationsgrad darstellt, liegt auf der Hand. Ob es sich hierbei freilich um einen entscheidenden, womöglich isoliert zu betrachtenden Indikator handelt, ist jedoch fraglich. Und ob man die bemerkenswerten Ergebnisse von Kaunzner und Gauder am Ende tatsächlich als ein Argument gegen Michael Brenners These einer ,jüdischen Renaissance‘ in den 1920er Jahren gelten lassen will, sei dahingestellt [2].

Dass auch Intellektuelle und Künstler wie Arnold Schönberg und Alexandre Tansman den Weg der Assimilierung erst nach Exil und Holocaust als Falle erkannten, ist sodann die im Grunde einsichtige These des Beitrags von Andrea Brill. Allerdings betreibt sie ihr Geschäft mittels einer nicht unproblematischen Ineinssetzung von Leben, Werk und Identität. Wenn sie etwa durch eine blanke Nacherzählung von Schönbergs „Moses und Aaron“ oder Tansmans „Isaïe le Prophète“ jene „treibende[n] Faktoren eines wachsenden Bewußtseins beider Künstler für ihre jüdische Identität“ (S. 145) aufspüren will, kann für den Erfolg nicht garantiert werden. Zumal man eigentlich besser von einer bewussten Konstruktion denn von einem ,wachsenden Bewusstsein‘ jüdischer Identität sprechen sollte. Um nichts anderes handelte es sich schließlich bei Schönbergs Annäherung an das Judentum, genauer: an jenen jüdischen Rassismus (das Judentum habe „das gesamte Genie seiner Rasse zusammengekratzt“, zit. n. S. 154), der am Ende nichts war als: eine weitere Falle.

Von besonderer Relevanz sind schließlich die Beiträge, die bewusst die internationale Dimension suchen. Neben Ingmar Niemanns aufschlussreichen Überlegungen zum japanischen Antisemitismus (dem Musterbeispiel eines ,Antisemitismus ohne Juden‘!) ist dies vor allem in Stefan Meinings erhellender Untersuchung zum „ostdeutsch-jüdisch-amerikanischen Wiedergutmachungspoker“ der Fall. Vor dem Hintergrund der diplomatischen Anerkennung der DDR durch die Vereinigten Staaten am 4. September 1974 analysiert Meining minutiös das Handeln Washington und Ost-Berlins, das sich aus ideologischen wie finanziellen Gründen zunächst jeder Wiedergutmachung widersetzte. Überzeugend legt Meining dar, wie Honecker, unter dem Eindruck des so genannten Jackson-Amendments von 1974/75, schließlich die Meistbegünstigungsklausel für die DDR durch die einmalige Zahlung von einer Million US-Dollar – einer lächerlich geringen Summe – zu erkaufen trachtete – und damit scheiterte.

Lange Zeit erfolgreich war, wie Andreas Maislinger aufzeigt, hingegen die Geschichtspolitik der SPÖ, die über Jahrzehnte den österreichischen Verbände- und Proporzstaat prägte, bis sie sich im Jahre 2000 als politische Falle entpuppte – und die SPÖ zum ,Opfer ihrer Opfertheorie‘ wurde [3]. Indem er diese Zusammenhänge benennt, spricht Maislinger zugleich die in Österreich noch immer weithin tabuisierte Tatsache aus, dass die österreichischen Sozialisten, die in der Zwischenkriegszeit zu den eifrigsten Verfechtern des ,Anschlusses‘ gehört hatten, nach 1945 maßgeblich die österreichische Nation konstruierten und jenen „Mythos der Lagerstraße“ pflegten, der zur Lebenslüge der Zweiten Republik wurde.

Um ein Kabinettstück der besonderen Art handelt es sich schließlich bei Thomas Brechenmachers Erkundungen zu den politischen, psychologischen und künstlerischen Fallen rings um Rolf Hochhuths Skandalstück „Der Stellvertreter“. Indem Brechenmacher kenntnisreich darlegt, unter welchen Bedingungen ein literarisch aufbereitetes Halbwissen diskursbeherrschend werden konnte, legt er zugleich eine Studie über die „Mechanismen einer Geschichtsdebatte“ vor, die von allgemeinem Interesse ist. Auch oder gerade weil ihr Befund durchaus ernüchternd wirkt: Die Stimme des Historikers ist leise, mitunter allzu leise.

Wie anders steht es da doch um das Wort des Politikers, in diesem Fall um dasjenige Klaus von Dohnanyis, dessen Münchener Geschwister Scholl-Gedächtnisvorlesung vom 18. Februar 1999 den vorliegenden Band bereichert. Freilich verkörpert Dohnanyi etwas, was es in der deutschen Gegenwart kaum mehr gibt: den gebildeten Politiker. Und als solcher plädiert er – vor dem Hintergrund der wissenschaftlich unergiebigen Walser-Bubis-Debatte – für eine entritualisierte Form des „Erinnerns und Gedenkens in der zweiten Generation nach Hitler“, für ein Erinnern, das neben den Opfern auch den deutschen Widerstand einschließe und „kein scheinbar sicheres Geländer von sorgfältig gehüteten Wortformen und Verhaltens-Konventionen mehr“ (S. 17) brauche.

Damit folgt Dohnanyi zugleich der Einsicht, dass man den Abgrund, dem man entrinnen wolle, zunächst aufs genaueste ausloten müsse [4]. In ebendieser Genauigkeit liegt der Vorzug des gesamten Bandes. Er dokumentiert zugleich die Arbeit der Forschungsstelle deutsch-jüdische Zeitgeschichte, die seit ihrer Gründung 1991 durch Mittel des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst finanziert wird. Allen Rechnungsprüfern sei gerne versichert: die Steuergelder sind bestens angelegt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Michael Wolffsohn: Ewige Schuld? 40 Jahre deutsch-jüdische Beziehungen, München 1988.
[2] Michael Brenner: The Renaissance of Jewish Culture in the Weimar Republic, New Haven 1996; Vgl. die Einwände bei Michael Wolffsohn: Re-Judaisierung der deutschen Juden 1933-1939? Eine neue Methode: Vornamen als vordemoskopischer Indikator, in: Gerhard Besier (Hgg.): Zwischen „nationaler Revolution“ und militärischer Aggression. Transformationen in Kirche und Gesellschaft 1934-1939 (= Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien, Bd. 48), München 2001, S. 137-153; Eine skeptische Einschätzung auch bei Moshe Zimmermann: Die deutschen Juden 1914-1945, München 1997.
[3] Zu den Hintergründen eingehend Matthias Pape: Ungleiche Brüder. Östereich und Deutschland 1945-1965. Köln, Weimar, Wien 2000, bes. S. 557-590.
[4] Klaus Hildebrand: Wer dem Abgrund entrinnen will, muß ihn aufs genaueste ausloten. Ist die neue deutsche Geschichtsschreibung revisionistisch?, in: Die Welt, 22.11.1986. Wiederabgedr. in: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 281-292.

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03.03.2003
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