S. Weiß: Die Versorgung des päpstlichen Hofes

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Titel
Die Versorgung des päpstlichen Hofes in Avignon mit Lebensmitteln (1316-1378). Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eines mittelalterlichen Hofes


Autor(en)
Weiß, Stefan
Erschienen
Berlin 2002: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
752 S., 7 Karten
Preis
€ 84,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Brigide Schwarz, Berlin

Die auf den ersten Blick vielleicht abseitig anmutende Perspektive, die Stefan Weiß für seine Analyse des päpstlichen Hofes gewählt hat, erweist sich als unerwartet aufschlussreich. - Quellengrundlage sind einmal die kurialen Rechnungsbücher, zum anderen die einschlägigen Archivbestände für die Region in den Departemental-Archiven in Avignon und in Marseille. Die Hauptbücher der Ausgaben der Apostolischen Kammer sind – wenn auch nicht vollständig - seit langem ediert durch K.H. Schäfer. Weiß untersucht erstmals das System der Rechnungslegung und das Verhältnis der Hauptbücher zu den Rechnungsbüchern der einzelnen Hofämter (eine ausführliche Darstellung folgt separat). Sämtliche die Versorgung betreffenden Angaben werden trotz großer Unterschiede in der Buchführung der einzelnen Ämter und unter Berücksichtigung der Lücken so aufbereitet, dass der ständige Vergleich zwischen den Sparten (Getreide, Fleisch, Fisch, Wein, Spezereien, Brennmaterial) und zwischen den einzelnen Pontifikaten ermöglicht wird.

Naturalverpflegung erhält nach 1316 nur noch der Kern der Hofgesellschaft, der Papst und seine familia – nicht die Kardinäle und andere Kuriale, die nicht zur engeren Familia gehören. Zu den „Ämtern“, die so versorgt werden, gehören natürlich die Hofämter selbst, denen die Versorgung oblag. Sie bildeten Tischgemeinschaften ebenso wie die Kollegien der Rotarichter, der päpstlichen Kapläne und der Sänger der päpstlichen Kapelle, aber auch wie die Spitzen der Verwaltung, die Apostolische Kammer und die Kanzlei. Aus dem Blickwinkel der Hofämter sind diese päpstlichen Behörden überhaupt eine hierarchisch abgestufte Folge von Tischgemeinschaften, die die „Behördenleiter“ mit ihren Mitarbeitern und diese wiederum mit ihren Familiaren bilden. Andere Ämter, die zu Anfang des Jahrhunderts noch zur familia gehörten, verschwinden im Laufe des Jahrhunderts aus den Ausgaben-Büchern; die Amtsinhaber behielten aber den Status eines familiaris, was sie zum zollfreien Einkauf von Lebensmitteln berechtigte, den sie aber selbst zu organisieren hatten.

Die Quellen geben auch Aufschluss über die räumliche Unterbringung der päpstlichen Familia. Nepoten und Gäste werden gerne in den Nebenresidenzen Sorgues, Chateuneuf-du-Pape und Noves untergebracht. Auch die Päpste selbst (nicht Johannes XXII.) residieren nicht so konstant in Avignon, wie bisher angenommen (124 f.). An der Unterbringung in räumlicher Nähe zum jeweiligen Papst (und an der Qualität der Lieferungen von Küche und Keller) kann man das Vertrauensverhältnis ablesen, das ein familiaris genießt.

Bevor Weiß auf die Organisation der Versorgung eingeht, untersucht er die politischen und ökonomischen Voraussetzungen, die Johannes XXII. 1316 bei der dauerhaften Niederlassung der Kurie in Avignon vorfand. Politische Sicherheit wurde (bis 1357) geboten, ökonomisch allerdings waren die Voraussetzungen erst zu schaffen, um den päpstlichen Hof und die Menge von Menschen, die er anzog, zu versorgen: Der Markt war der einer Landstadt, die landwirtschaftliche Produktion vor allem auf Weidewirtschaft konzentriert; der Ölbaum etwa war nicht verbreitet. Dieses Problem löste der Markt in kurzer Zeit. Bald nach 1316 war er imstande, den gesamten Bedarf der übrigen Kurialen (deren Zahl die der familia im engeren Sinn weit übertraf), der Kurienbesucher und der gewaltig emporgeschnellten Anzahl der Einwohner zu befriedigen. Er hätte leicht auch die Kurie im engeren Sinn mitversorgen können, wie der Pontifikat Benedikts XII. (1334-1342) bewies. Dass sein Vorgänger und seine Nachfolger sich für andere Lösungen entschieden, war bestimmt durch die wirtschaftliche Doktrin, der diese Päpste anhingen.

Diese Doktrin war die zeitübliche eines adeligen Großhaushalts, die verlangte, dass die familia möglichst vollständig aus Eigenwirtschaft versorgt und dass erwirtschaftete Überschüsse für die besonderen Ausgaben der standesgemäßen Lebensführung des Hauptes des Hauses verwandt würden. Daher nutzten die Päpste die Eigengüter der mensa des Bischofs von Avignon und erwarben ständig neue hinzu. Was nicht auf diesem Wege produziert werden konnte, wurde en gros in der Ferne eingekauft durch päpstliche Bedienstete, idealiter einmal im Jahr, d.h. Massengüter, die haltbar waren; frische Ware wurde auf dem Markt in Avignon eingekauft. Bei diesen Großeinkäufen kaufte man Getreide auf dem Halm, Wein am Stock, Brennmaterial und organisierte deren Verarbeitung, Verpackung und Transport. Zu diesen Kosten kamen die der sachgemäßen Lagerung bzw. Haltung (bei Vieh und Lebendfisch) in Avignon. Diese Einkäufe beförderte man vornehmlich auf der Rhône und ihren Zuflüssen, über Land wurde insbesondere Fisch (getrocknet und gesalzen) transportiert, was die Kosten in die Höhe trieb. Spezereien – für die feinen Küche wie für Arzneien – kaufte man ebenfalls en gros (in Montpellier), obgleich hier ein ökonomischer Vorteil schwer zu erkennen ist. Die Transporte waren durch den Ausbruch des 100-jährigen Krieges zunehmend gefährdet. Zur gleichen Zeit stiegen die Schwierigkeiten, der kurialen Doktrin der Zollfreiheit für die Kurie und alle ihre Angehörigen überall Anerkennung zu verschaffen bei den entstehenden Territorialmächten, die zudem wegen der Kriege dringend die Einkünfte brauchten. Zwar waren die Zölle ein geringer Kostenfaktor im Vergleich zu den genannten, doch um das Prinzip hochzuhalten nahm man allerhand Scherereien und zusätzliche Kosten in Kauf oder orientierte sich anderswohin. Ein weiterer Grund der Preissteigerungen in der 2. Jahrhunderthälfte war die Teuerung vor und nach der Pest 1348, die die Provence besonders hart traf. Dagegen hätte nur eine Reduzierung des Aufwandes geholfen, wozu aber gerade Clemens VI. (+ 1352), unter dem die feine Lebensart am Papsthof einen Höhepunkt erreichte, nicht bereit war. Seine beiden Nachfolger Innozenz VI. (+ 1362) und besonders Urban V. (+ 1370) vermochten zwar, die Repräsentation nach außen drastisch zu reduzieren, es gelang ihnen aber nicht, die an Luxus gewöhnten Kurialen auf die Standards Johannes‘ XXII. und Benedikts XII. zurückzuführen. Erkennbare Sparmaßnahmen waren die Einstellung sämtlicher Leistungen an alle, die nicht zur engeren Familie gehörten, und das Einfrieren des Etats des Almosenamtes auf dem Stand von vor der Pest. Zweimal versuchten die Päpste, dem unwirtlich gewordenen Avignon zu entkommen durch Übersiedlung in den inzwischen rekuperierten Kirchenstaat. Der zweite Versuch stand insofern unter einem Unstern, als Gregor XI. (+ 1378), der seinen Onkel Clemens VI. an Prunksucht noch übertraf, anders als dieser aber auch Kriege führte, sich so verschuldet hatte, dass er in Abhängigkeit von seinem Gläubiger und Protektor, Ludwig von Anjou (von Weiß an anderer Stelle untersucht), dessen Projekte in Italien fördern musste und so zum Ausbruch des Großen Schismas (1378-1417) beitrug.

Trotz gewisser Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen weltlichen Höfen, besonders unter den Päpsten Clemens VI. und Gregor XI., blieb die Kurie ein Hof sui generis. Das ist bereits ablesbar an der geringen Bedeutung der Hofämter, an der Abwesenheit von Frauen, am vergleichsweise nüchternen Lebensstil. Höfischer Aufwand herrschte nur, wenn Gäste standesgemäß zu unterhalten waren. Höfischen Festen, soweit sie am Papstsitz gefeiert wurden, blieben die Päpste in der Regel fern. Sie speisten meist in kleinem Kreise, am Papsttisch wie in den Tischgemeinschaften wurde alltags bescheiden und monoton gegessen, wobei selbstverständlich den Ranghöheren Besseres vorgesetzt wurde. Nur an den hohen Feiertagen, an denen der ganze Papsthof feierte, wurde davon abgegangen. Bei diesen Gelegenheiten wie bei den höfischen Festen zeigte auch der Papst die zeitübliche largesse, doch davon – anders als bei den weltlichen Höfen - profitierten ungeschmälert auch die Armen.

Die Arbeit – eine Habilitationsschrift der Universität Augsburg, von Bernhard Schimmelpfennig betreut – ist in allen Kapiteln systematisch auf den Vergleich angelegt. Dadurch tritt die Eigenart der einzelnen Pontifikate sehr deutlich hervor. Die „Zusammenfassungen“ am Ende bieten immer auch eine Einordnung in größere Zusammenhänge. Lobend hervorzuheben ist, dass Weiß (fast) immer ganz konkret vorgeht: man riecht und hört sozusagen das Vieh unter dem Fenster des Papstes. Als nützliche „Nebenprodukte“ der Arbeit seien genannt die Ausführungen über die Währungen und über Maße und Gewichte (57-75), die über Schäfer hinausführen, sowie der Exkurs über die Preise und die Kaufkraft der Löhne (354-360). Den Band beschließen Quellenauszüge zu den bewirteten Gästen (Gästelisten, 449-515), Tabellen über die Großeinkäufe der Apostolische Kammer (516-652), eine kommentierte Quellen- und Literaturliste (653-703), ein Personen- und Ortsregister sowie 7 nützliche Karten. Die Lektüre kann allen an einer modernen Sozialgeschichte des Mittelalters, nicht nur der Höfe Interessierten nur empfohlen werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.10.2002
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