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Titel
Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert


Herausgeber
Babel, Rainer; Paravicini, Werner
Reihe
Beihefte der Francia 60
Erschienen
Ostfildern 2005: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
677 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Irrgang, Referentin Tönissteiner Kreis e.V., Berlin

Antje Stannek und Mathis Leibetseder haben in den letzten Jahren ihre beiden verdienstvollen Studien zum Grand Tour vorgelegt und damit bereits die Stigmatisierung der frühneuzeitlichen Kavalierstour als dekadent und ausschließlich vergnüglich aufgebrochen. Anhand einiger regionaler und familialer Fallstudien sind inzwischen Reisetraditionen und Normen, Fragen der Finanzierung von Bildungsreisen, das Standesbewusstsein, Formen und Wandlungen, Personenkonstellationen, Bildungsinhalte und Reiseberichte untersucht worden. Dass der Grand Tour auf Italien und das 18. Jahrhundert beschränkt blieb, ist ebenso längst in das Reich der Fabel verbannt. Der vorliegende Sammelband von Rainer Babel und Werner Paravicini war lang erwartet und geht zurück auf zwei Tagungen, die das deutsche Historische Institut Paris in den Jahren 1999 und 2000 zunächst in der Villa Vigoni am Comer See, dann in Paris im Hôtel Duret de Chevry durchgeführt hat. Ein imposantes Unterfangen kann nun einem breiten Fachpublikum eröffnet werden, und der Schluss liegt nahe, das letzte Wort sei nun gesprochen.

Die Doppeltagung konzentrierte sich auf die Zeit vor 1800 und auf die soziale Schicht des Adels. Sie basiert ferner auf vier Grundannahmen: 1.) der Grand Tour des 17. und 18. Jahrhunderts war weitgehend mit der Adelsreise identisch und hat seine Wurzeln in alten adeligen Ausbildungstraditionen, 2.) schon im 14. und 15. Jahrhundert war die adelige Reise an allen Höfen bekannt und wurde auch entsprechend rezipiert, 3.) die Adelsgrenzen ließen sich partiell aufweichen, 4.) die Kavalierstour ist für die Prägung einer europäischen Kultur der Repräsentation und der „Verhaltensform“ (S. 12) unabdingbar. Die erste Tagung in Italien beschränkte sich dann zunächst auf das Phänomen der Adelsreise in ihrer Genese und stellte Fragen nach der Chronologie, Form und Funktion. Dazu bündelt der Sammelband 16 Beiträge. In Paris standen weitergehende Überlegungen zur Wirkung der Kavalierstour, zu Einheit und Vielfalt einer abendländischen Adelskultur im Blickfeld. Hierzu sind 20 Beiträge zu lesen.

Die erste Erörterung galt der Überlegung, ob es sich bei der Adelsreise um eine alte Praxis oder um eine neue Entwicklung handelt. Die drei Beiträge von Karl-Heinz Spieß, Joachim Ehlers und Jaroslav Pánek/Miroslav Polívka unterscheiden hierbei zwischen unterschiedlichen Reisetypen: Brautreise, Hoffahrt, Pilgerreise, Badereise, Heerfahrt und Bildungsreise. Entscheidend blieben die Elemente des Ehr-Erwerbs und der Status-Sicherung sowie das Streben nach höfischen Kenntnissen, die durch einen Aufenthalt an prestigeträchtigem Orte erworben werden konnten. Der Ortswechsel setzte fürstliche Akzeptanz und Protektion voraus, ermöglichte aber gleichermaßen eine gewisse Emanzipation von fürstlicher Kontrolle aufgrund der örtlichen Distanz. Bei der Definition divergierender Begriffe zur Sichtbarmachung von Bedeutungsebenen der Adelsreise plädiert Spieß abschließend für den Begriff der Fürstenreise.

Die zweite Sektion skizziert, wie sich die Elemente der Pilgerfahrt, der Hoffahrt, der universitären Bildungsreise und der Badereise überlagern und wandeln. Schematisierbar sind die wenigsten Reisen, wie Gerhard Wiedmann am Beispiel der Romreise des Nürnberger Bürgermeisters Nikolaus Muffel analysiert. Immer enthalten einzelne Adelsreisen Elemente auch anderer Kategorien. Häufiger waren Kavalierstouren nicht mehr auf den Hof fixiert. Die Universität mutiert in diesem Prozess immer stärker zu einem hofähnlichen Ort sozialer Repräsentation. Die Anziehungskraft Italiens wurde dabei stetig inspirierender und die Antike-Rezeption seit 1500 zum eigentlichen Reiseziel (Gerrit Walther, Arnold Esch).

Durch diese Marginalisierung der Pilgerfahrt und des Heidenkampfes seit 1400 und durch die zunehmende Bedeutung der Badereise und der universitären Bildungsreise entstehen neue Quellen in Form von Korrespondenzen und Tagebüchern, die den intentionalen Charakter des Reisevorhabens greifbar machen. Diese Schriftstücke und Realien, angefertigt zur bleibenden Erinnerung an die Reise, sind Gegenstand der nächsten Gruppe von Beiträgen. Die große Zahl an Erinnerungstücken, Büchern (Jill Bepler), Wappen, Inschriften (Detlev Kraack), Grabsteinen, Objekten der Goldschmiedekunst (Johannes Tripps), Apodemiken und poetischen Texten zeugen davon, dass die Adelsreise nicht nur dem individuellen Ehr-Erwerb diente, sondern eine familiale Tradition begründete, die noch Generationen später ideell über dichte Beziehungsnetze aber eben auch materiell zu belegen ist.

Die vier Beiträge zum Aspekt der Erziehung auf Reisen (an österreichischen, spanischen und französischen Beispielen) spannen den facettenreichen Bogen von der klassischen, universitär geprägten Bildungsreise hin zu Hof- und Ritterreisen. Bildung wurde vielfältig vermittelt, nicht nur in Form antiker Bildung. Das Vergnügen, die Repräsentation oder die Jagd spielten eine ebenso deutliche Rolle im Bildungsauftrag. Auch das Altersspektrum ist größer als nur auf juvenes beschränkt. Die bürgerlichen Hofmeister als Begleiter der Kavaliere personifizieren die Akademisierung breiter Schichten und verdeutlichen gleichzeitig die Attraktivität des Reisens auch für nichtadelige Gebildete.

Die Beschäftigung mit Herkunftsländern und Zielregionen klärte die Fragen, wann Italien ins das Zentrum der Bildungsbemühungen rückte und ob es Unterschiede zwischen Peripherie und Zentrum gab. Die Rolle der Iberischen Halbinsel (Klaus Herbers), Polens und Litauens (Hans-Jürgen Bömelburg), der Niederlande (Eva Bender) und Siziliens (Eva Faber/Elisabeth Garms-Cornides) werden exemplarisch sowohl als Ziel als auch als Herkunftsregion patrizischer und adeliger Reisender untersucht.

Ohne die wirkungsvolle Entfaltung von Netzwerken und Bekanntschaften ist keine Kavalierstour denkbar. Sechs Beiträge bündelt der Sammelband zu den Mechanismen des „networking“, Reisebegleitern, Reisegruppen, dem Verhältnis zwischen Heimat und Fremde, der Nachhaltigkeit von Reisebekanntschaften, Empfängen bei Hofe und der Frage, ob klientelistische Verflechtungen tatsächlich Karriere beschleunigende Wirkung hatten. Einmal mehr wird deutlich, nur regionale und exemplarische prosopografische Studien vermögen solche Fragen wirklichkeitsnah zu beantworten. Dazu hält der Sammelband Studien zur Italienreise Herzog Georgs von Sachsen (Barbara Marx), zu Brandenburg und dem Haus Reuß (Mathis Leibetseder), zum Adel des Fürstentums Münster (Marcus Weidner) und zu Skandinavien (Lotte Kurras) bereit. Die Universitäts- und Bildungsreise erfüllte neben dem funktionalen akademischen Zweck stets die Aufgabe sozialer Verortung innerhalb der Adelsgesellschaft, war eine Karrierevorbereitung und schuf stabile Beziehungsnetze, die lebenslang ein Kontinuum darstellten.

Auf die Rezeption des Gelernten und die Nachahmung des Gesehenen konzentriert sich der nächste Abschnitt. Besondere Aufmerksamkeit wird der Frage zuteil, in welchem Maße das erworbene Wissen verändert wurde und ob das Übernommene nicht nur ein bloßes Abbild des Originals blieb. Anschaulich wird dies am Beispiel der Architektur (Andreas Tönnesmann), an der Struktur von Landschaftsgärten (Joachim Rees) und der Rezeption des Neoklassizismus in England (Tim Blanning). Die Interpretationsmuster beim Wissenstransfer deuten darauf hin, dass soziale Kompetenz allein bald nicht mehr ausreichte, sondern formales Fachwissen entscheidend wurde bei der Vorbereitung auf den Fürstendienst und die frühneuzeitliche Herrschaftspraxis. Die Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzenden öffentlichen Debatten um die Bildungsziele einer Fürstenreise unterstreichen die Relevanz der Tradierung von Wissen aus Sicht der Zeitgenossen.

Sechs Überlegungen zu den „Grenzen des Modells“ (S. 553), die den Untergang des Grand Tour bedeuteten, runden die intensive Betrachtung des Phänomens ab. Konfessionelle, staatliche und nationale Gründe sind für das Ende des Grand Tour auszumachen, aber ebenso die Adaption der Bildungsreise durch bürgerliche Reisende. Werner Paravicini benennt perspektivisch vier Anregungen für die weitere Forschung: 1.) eine systematische und quellengestützte Begriffsschärfung, 2.) Klärung der Frage, warum im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besonders Deutsche unterwegs waren, 3.) die „Reisefolgenforschung“ (S. 673) und Überlegungen zur Rückkehr der Reisenden, 4.) das Anschwellen der internationalen Reisetätigkeit um 1900 und die Frage, welchen Stellenwert der Bildungsaspekt dabei hatte.

Das letzte Wort über den Grand Tour ist nicht gesprochen, aber das Tor weit aufgestoßen zu vielen spannenden Fragen. Zu kritisieren ist lediglich die große Zeitspanne zwischen Tagung und Publikation und die damit verbundene bedauerliche Tatsache, dass die nach 2000 erschienene Literatur nicht mehr in der wünschenswerten Systematik eingearbeitet worden ist.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.11.2005
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