H.P. van Tuyll van Serooskerken: The Netherlands

Cover
Titel
The Netherlands and World War I. Espionage, Diplomacy and Survival


Autor(en)
van Tuyll van Serooskerken, Hubert P.
Reihe
Histroy of Warfare 7
Erschienen
Anzahl Seiten
XVII; 386 S.
Preis
$115.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
André Beening, Amsterdam

Bis vor kurzem war die Aufmerksamkeit für die Geschichte der Niederlande zwischen 1914 und 1918 begrenzt. Ausländische Historiker richteten ihre Aufmerksamkeit auf die kriegführenden Staaten. Die Niederlande zogen nur die Aufmerksamkeit von einigen Spezialisten auf sich, die sich mit kleineren und/oder neutralen Staaten beschäftigten.[1] Auch die niederländischen Historiker haben dem Ersten Weltkrieg traditionell wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die Weltwirtschaftskrise, der Zweite Weltkrieg und die Entkolonisierung waren die großen Themen der niederländischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Erste Weltkrieg war ein „blinder Fleck“ im historischen Bewusstsein der Niederlande, und viele hatten den Eindruck, dass das 20. Jahrhundert erst mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 begann.[2]

In den letzten Jahren ist eine Veränderung bemerkbar. Es wächst die Einsicht, dass die Niederlande zwar kein kriegführender Staat gewesen sind, aber dem Einfluss der internationalen Entwicklungen ausgesetzt waren. Schon vor dem Krieg hatten sich Imperialismus, der Rüstungswettlauf und internationale politische Krisen auch auf die Niederlande ausgewirkt.[3] Der Krieg selber hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf das Land. Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, ein Revolutionsversuch, eine erste Welle der Frauenemanzipation, die Beschleunigung der Industrialisierung und eine größere Rolle des Staates in der sozial-ökonomischen Ordnung stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg. Kurzum: Der Erste Weltkrieg muss als eine wichtige Zäsur betrachtet werden. Diese Einsicht führte dazu, dass das „Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie“ [4], das sich bis vor kurzem sich ausschließlich auf den Zweiten Weltkrieg konzentrierte, in den letzten Jahren einen Teil seiner Forschungen speziell dem Ersten Weltkrieg widmet. Es wurde ein „Studiecentrum Eerste Wereldoorlog“ ins Leben gerufen, und die Anzahl an Publikationen nahm zu.[5]

Auch im Ausland ist ein zunehmendes Interesse für die Niederlande im Ersten Weltkrieg festzustellen. In Deutschland veröffentlichte Marc Frey [6] vor einigen Jahren eine gediegene Dissertation, und 2001 publizierte der amerikanische Historiker niederländischer Herkunft Hubert P. van Tuyll van Serooskerken „The Netherlands and World War I. Espionage, Diplomacy and Survival“. In diesem Buch geht es um die Außenpolitik der Niederlande vom Ausbruch des Krieges im Juli 1914 bis zum Auftreten des niederländischen Außenministers H.A. van Karnebeek auf der Friedenskonferenz von Paris im Mai 1919.

Zunächst möchte ich feststellen, dass Van Tuyll ein gut lesbares Buch geschrieben hat und das behandelte Material beherrscht. Aber sein Buch weist leider eine ganze Reihe von Schwachpunkten auf.

An erster Stelle ist die Quellenbasis schmal. Van Tuyll hat nur im Nationalarchiv in Den Haag geforscht. Frey demgegenüber (um ihn als Vergleichsmaßstab zu nehmen) hat in Archiven in München, Freiburg, Koblenz, Berlin, Bonn, Köln, London, Oxford, Den Haag und Washington Forschungen betrieben. Außerdem hat sich Van Tuyll für eine sehr beschränkte Thematik entschieden, nämlich die Diplomatie- und Militärgeschichte. Bei dem neu erwachten Interesse für den Ersten Weltkrieg geht es jedoch nicht in erster Linie um Diplomatie- und Militärgeschichte, sondern um Wirtschaft, Innenpolitik, die sozial-ökonomischen Strukturen und Emanzipationsprozesse. Bei Van Tuyll ist von alledem nichts wiederzufinden. Wenn er beispielsweise einmal auf die bedrängte wirtschaftliche Lage der Niederlande oder die zunehmende Erbitterung und Unruhe unter der niederländischen Bevölkerung eingeht, so geschieht dies ausschließlich unter diplomatisch-politischen Gesichtspunkten. Nun hätte man über diese Einwände hinweggehen können, wenn Van Tuyll wichtiges neues Material ausgewertet hätte. Einiges an neuem Material liefert das Buch auch, etwa zu Spionageaktivitäten von Niederländern oder von Ausländern, die sich in den Niederlanden aufhielten. Aber so wertvoll das Material an sich auch ist – es ist zu wenig, um eine umfangreiche Monographie zu rechtfertigen. Ein letzter Kritikpunkt ist, dass eine historiographische Einordnung fehlt. Der Autor hat sich offenbar keine Rechenschaft abgelegt über den heutigen Forschungsstand und seinen eigenen Platz innerhalb der Forschung. Viele der genannten Fehler hätten vielleicht vermieden werden können, wenn er eine historiographische Einordnung vorgenommen hätte.

Das Buch enthält, und das ist grundsätzlich lobenswert, zwei spannende Thesen, die quer liegen zu vorherrschenden Ansichten. Es ist eine geläufige Ansicht, dass die großen Mächte die Niederlande nicht berücksichtigten, sondern völlig selbständig zu der Schlussfolgerung kamen, dass ihren Interessen mit der Neutralität der Niederlande am besten gedient sei. Deutschland sah in den Niederlanden ein mögliches Transitland; darüber hinaus sorgten die Niederlande durch ihre geographische Lage für eine Deckung des rechten Flügels der deutschen Armee, und schließlich hielt sich Deutschland durch die Entscheidung, das kleine Nachbarland nicht anzugreifen, alle Optionen offen. Im Falle eines Sieges konnte das Deutsche Reich nachträglich Forderungen an die Niederlande erheben, bei einer Niederlage würden unversehrte Beziehungen zu den Niederlanden Gold wert sein. Auch für Großbritannien galt, dass die Vorteile der niederländischen Neutralität deren Nachteile aufwogen. So hätte sich Großbritannien nicht mehr als Beschützer der kleinen Staaten profilieren können, wenn seine Truppen in die Niederlande einmarschiert wären. Van Tuyll legt nun dar, dass die niederländische Politik sehr wohl einen Unterschied gemacht hat. Dank der niederländischen Rüstungspolitik, der raschen Mobilisierung und dem guten Krisenmanagement sind die Niederlande außerhalb des Ersten Weltkrieges geblieben.(S. 2f.)

In der Schlussfolgerung seines Buches geht Van Tuyll noch einen Schritt weiter und gelangt zu einer zweiten These. Er bezeichnet den Einfluss der Niederlande auf den Ersten Weltkrieg als „enormous“ und zeigt, dass die Verbesserung der niederländischen Verteidigung seit 1906 eine zentrale Rolle spielte beim Entschluss von Moltke jr., die Niederlande nicht anzugreifen und stattdessen die belgische Festung Lüttich zu überrumpeln. Dies setzte die deutschen Pläne unter einen derartigen Zeitdruck, dass die europäischen Politiker im Juli 1914 keine Zeit mehr für ein diplomatisches Krisenmanagement hatten und die Ausweitung des Krieges zu einem großen europäischen Konflikt unvermeidlich wurde. „Inadverntently and unintentionally, this Dutch activity led Germany to plan on the huge gamble that Liège could be captured quickly. This in turn slashed the time diplomats and leaders had to make decisions by 10-12 days and triggered the unstoppable decent of Western Europe into the abyss.“( S.342f.)

Die erste These ist eine brauchbare Korrektur des ziemlich geläufigen Bildes, dass die Niederlande ausschließlich ein willenloses und passives Objekt der großen Mächte waren und niederländische Politiker keinerlei Einfluss auf das Schicksal ihres eigenen Landes hatten. Van Tuyll weist zurecht darauf hin, dass Cort van der Linden, Loudon, Van Karnebeek, Snijders und Treub – um nur die wichtigsten Politiker zu nennen – die begrenzten Möglichkeiten optimal genutzt haben, um die Niederlande aus dem Krieg herauszuhalten. Durch die schnelle Mobilisierung wurden alle Nachbarländer von der Bereitschaft der Niederländer überzeugt, ihr Land zu verteidigen. Durch die rasche Begründung der „Nederlandse Overzeese Trustmaatschappij“ als der zentralen Gesellschaft für den Überseehandel konnte die Neutralität aufrecht erhalten werden und zugleich die Lieferung von Gütern bis zum Frühjahr 1917 mit britischer Zustimmung gewährleistet werden. Durch Verzögerungstaktiken und gelegentliche Zugeständnisse wurde immer wieder kostbare Zeit gewonnen.

Doch die These, dass die niederländische Politik namentlich die deutschen Militärplanungen verändert und somit zur Eskalation des Krieges beigetragen habe, überzeugt nicht. Diese Argumentation beruht auf drei Annahmen: A) Die niederländische Aufrüstung machte solch einen Eindruck auf die deutsche Armee, dass diese ihre Pläne entsprechend anpasste und sich für eine Überrumpelung der Festung Lüttich entschied. B) Der Überraschungsangriff auf Lüttich setzte die deutsche Heeresführung unter großen Zeitdruck und zwang sie im Juli 1914 zum Handeln. C) Die europäische Diplomatie hätte bei etwas mehr Zeit eine friedliche Lösung der Krise finden können.

Jede dieser Thesen ist zweifelhaft. 1907/08, kurz bevor sich Moltke zum Angriff auf Lüttich entschloss, gab er eine Untersuchung über den Zustand der niederländischen Verteidigung in Auftrag.[7] Die Schlussfolgerung hieraus lautete, dass die niederländische Armee zwar nicht ignoriert werden können, doch ihre Leistungsfähigkeit wurde nicht hoch eingeschätzt. Dagegen wurde die Festung Holland als ein lästiges Hindernis betrachtet, und zusammen mit der Möglichkeit, dass die Briten durch eine Landung die Niederländer unterstützen könnten, hätten diese beiden Faktoren bedrohlich werden können für den geplanten Einmarsch in Belgien und Frankreich. Wenn die Niederlande jedoch neutral blieben, war der rechte Flügel gedeckt. Die jüngsten Verbesserungen der niederländischen Verteidigung wurden in dem Bericht nicht besprochen. Die Berichterstatter kamen nicht zu neuen Ergebnissen im Hinblick auf die niederländische Verteidigung.[8]

Auch die zweite Annahme ist spekulativ. Die deutsche Armeeführung stand von dem Augenblick an, als man sich für den Schlieffenplan entschieden hatte, unter großem Zeitdruck. Man musste Frankreich besiegen, ehe Russland zu einem Angriff auf den Osten Deutschlands bereit war. Die Anpassungen Moltkes machten in dieser Hinsicht keinen wesentlichen Unterschied. Es verursachte bei der Heeresführung allenfalls eine noch größere Hektik, da die deutsche Armee zum Handeln gezwungen war, ehe Belgien die Festung Lüttich in den Verteidigungszustand versetzen konnte.

Die dritte These, dass die europäischen Politiker den Zeitgewinn für einen diplomatischen Ausweg aus der Krise genutzt hätten, ist schlichtweg unwahrscheinlich. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die politischen Führer in Berlin, Wien, St. Petersburg, London oder Paris im Juli 1914 ernsthaft versucht hätten, die Krise einzudämmen. Es gibt keinerlei Hinweis, dass sie dies sehr wohl getan hätten, wenn sie mehr Zeit gehabt hätten. Abgesehen davon stellt sich die Frage, ob namentlich die politische Führung von Deutschland überhaupt über Mittel verfügte, um seine eigenen Militärs im Zaum zu halten. Ein entscheidendes Kennzeichen des deutschen Kaiserreiches war gerade die weitreichende Autonomie der Streitkräfte, und diese hatten im Juli 1914 auf Konfrontation gesetzt.

Das Buch von Van Tuyll ist ein gut lesbares Überblickswerk. Als solches verdient es Leser und wird zweifellos seinen Weg finden. Aber es enthält zahlreiche Schwachpunkte: eine kleine Quellenbasis, eine veraltete Thematik, eine begrenzte Menge an neuem Material, keine Einbettung in die Historiographie und eine nicht überzeugende These. Dies weist dem Buch einen begrenzten wissenschaftlichen Wert zu.

Anmerkungen:
[1] Siehe zum Beispiel Vandenbosch, A., Dutch foreign policy since 1815. A study in small power politics, Den Haag 1959; Voorhoeve, J.C.C., Peace, profits and principles. A study of Dutch foreign policy, Den Haag 1979.
[2] Brands, M.C., The Great War die aan ons voorbij ging. De blinde vlek in het historische bewustzijn in Nederland, in: Berman, M.; Blom, J.C.H. (Hgg.), Het belang van de Tweede Wereldoorlog, Den Haag 1979, S. 9ff. Eine Aufzählung der bekanntesten Werke passt denn auch in eine Fußnote: Ritter, P.H., De donkere poort, ’s Gravenhage 1931; de Leeuw, A.S., Nederland in de wereldpolitiek van 1900 tot heden, Amsterdam 1936; Smit, C., Nederland in de Eerste Wereldoorlog, 3 Bd., Groningen 1971-1973. Darüber hinaus wurde eine Reihe von wirtschaftshistorischen Untersuchungen und Quelleneditionen publiziert sowie eine etwas größere Anzahl von populärwissenschaftlichen Darstellungen.
[3] Klinkert, W., Het vaderland verdedigt. Plannen en opvattingen over de verdediging van Nederland, 1874-1914, Den Haag 1992. Beening, A., Onder de vleugels van de adelaar. De Duitse buitenlandse politiek ten aanzien van Nederland, 1890-1914, Diss. phil. Amsterdam 1994.
[4] Das frühere „Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie“ (RIOD, Amsterdam). Siehe http://www.niod.nl.
[5] de Roodt, E., Oorlogsgasten. Vluchtelingen en krijgsgevangenen in Nederland tijdens de Eerste Wereldoorlog, Zaltbommel 2000; van Lith, H., Plotseling een vreselijke knal. Bommen en mijnen treffen neutraal Nederland, 1914-1918, Zaltbommel 2001; Binneveld, H. (Hg.), Leven naast de catastrofe. Nederland tijdens de Eerste Wereldoorlog, Hilversum 2001; sowie Moeyes, P., Nederland buiten schot. Nederland tijdens de Eerste Wereldoorlog, Amsterdam 2001.
[6] Frey, M., Der Erste Weltkrieg und die Niederlande. Ein neutrales Land im politischen und wirtschaftlichen Kalkül der Kriegsgegner, Berlin 1998.
[7] Siehe hierzu Frey (wie Anm. 6), S. 37 f.
[8] Hierbei stellt sich das Problem, dass die Archive der preußisch-deutschen Armee während des Zweiten Weltkriegs verbrannt sind. Dadurch ist die Grundlage, auf der die Diskussionen beruhen, äußerst schmal. Uns stehen Schriften von Beteiligten zur Verfügung (von Moltke, H., Erinnerungen, Briefe, Dokumente, Stuttgart 1922), das Werk des deutschen Historikers Gerhard Ritter, der noch in den dreißiger Jahren in den Archiven der Armee Forschungen unternommen hatte und später auf der Grundlage seiner Aufzeichnungen über den Schlieffenplan publiziert hat (Ritter, G., Der Schlieffenplan. Kritik eines Mythos, München 1956), sowie das Material, das in den Archiven der bayerischen Armee in München gefunden worden ist. Der im Text genannte Bericht beispielsweise stammt aus dem Münchener Archiv.

Übersetzung der Rezension aus dem Niederländischen: Johannes Koll, Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (johannes.koll@uni-muenster.de).

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19.06.2003
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