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Titel
Geheimreport.


Autor(en)
Zuckmayer, Carl
Herausgeber
Nickel, Gunther; Schrön, Johanna
Erschienen
Göttingen 2002: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
528 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carsten Kretschmann, Forschungskolleg 435 "Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel", Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im Grunde bedarf dieses Buch keiner Rezension. Es spricht für sich selbst. Und für Carl Zuckmayer. Nicht von ungefähr avancierte sein „Geheimreport“ – von Johanna Schrön und Gunther Nickel sorgfältig ediert, kenntnisreich kommentiert – rasch zum literarischen Ereignis der Saison. Denn jene rund 150 Dossiers über in Deutschland verbliebene Künstler und Intellektuelle, die Zuckmayer 1943/44 auf Wunsch des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes OSS, zusammenstellte, bilden nicht nur ein außerordentlich nützliches Who’s who der zwanziger, dreißiger Jahre, sondern ein Panoptikum menschlichen Verhaltens überhaupt. Dramatische Fingerübungen sind sie, Skizzen zu einem zeitgeschichtlichen Satyrspiel, zum großen Zuckmayerschen Welttheater.

Keine Frage: Dieser „Geheimreport“ will Literatur sein, große Literatur, nichts als Literatur. Ebendarum ist er zugleich ein historisches Dokument ersten Ranges. Und ein Psychologisches überdies. Denn wie jeder gute Theatermann ist auch Zuckmayer vor allem eines: ein Kenner der menschlichen Seele. Und als solcher ist er durch nichts zu überraschen. Eine solch skeptische Gelassenheit wiederum ist in einer an bösen Überraschungen nicht gerade armen Zeit, die etwa die „wildkommunistische revolutionäre Gesinnung“ eines Heinrich George in einen „ebenso raserischen Nationalsozialismus“ (S. 95) umschlagen sah, ein wichtiges Kapital. Es bewahrt Zuckmayer zuverlässig vor allzu schnellen Schlüssen – und Verdammungen.

Freilich: Zuckmayer ist zu sehr Schriftsteller, um sich auch nur eine Pointe entgehen zu lassen. Und so wird in diesem Buch viel geplappert und geplaudert, über Friedrich Sieburg („Höllenfahrt eines enormen Talents“, S. 86) oder Benno Reifenberg („eine gewisse stilistische und geistige Charakterlosigkeit“, S. 158), über Käthe Dorsch, eine alte Göring-Freundin („Ich laufe zu Hermann und kriege einen Weinkrampf“, S. 39), Hans Albers („er spielt jetzt schon im Film den Mann, der das Mädchen nicht kriegt sondern sich an seinem Sohne erfreut“, S. 48) oder Richard Billinger („Süsse Liköre und Pralinés [...] sind seine Lieblingsnahrung“, S. 70). Über solche Plaudereien verliert Zuckmayer indes nie das Wesentliche aus den Augen. Und in der Tat: Seine Anekdoten sind in erster Linie Interpretationshilfen. Sie sichern Zuckmayers Urteil ab, das durchweg überraschend ausfällt – nämlich überraschend abgewogen. Weil seine biografischen Divisionen mehr als einmal nicht ohne Rest aufgehen, rechnet er stets mit diesem Letzten, diesem Ungewissen und Inkalkulablen: „Niemand der nicht dabei war, weiss genau, unter welchen Zwangseinflüssen solche Handlungen zustande gekommen sind“ (S. 113).

Unter diesem Vorbehalt steht der gesamte „Geheimreport“. Nicht von ungefähr gilt schon der Anfang vor allem der Entkräftung eines Generalverdachts. Am Beispiel Peter Suhrkamps, der „wie Viele, die Überzeugung hatte, dass man die besseren Kräfte in Deutschland nicht einfach allein lassen könne und dürfe“ (S. 21), entfaltet Zuckmayer nämlich gleichsam eine Ethik des Dableibens – die dem Selbstbild vieler Emigranten strikt zuwiderläuft. Gegen „Missdeutungen von Seiten ausgewanderter Kreise“ (S. 20) erklärt sich Zuckmayer so zum Kronzeugen für die Integrität der inneren Emigration. Aber noch weitere Urteile überraschen, so etwa im Falle Ernst Jüngers, dessen Kriegsverherrlichung „nichts mit Agression [!] und Weltbeherrschungsplänen“ (S. 102) zu tun habe, oder im Falle Gottfried Benns, der, „auch wenn er dem Rassenmythus und der Blutmystik verfiel, es ehrlich meinte und keinerlei Anschmeisserei betrieb“ (S. 76). Weil Zuckmayer über der großen Politik nie das kleine Glück, das kleine Unglück vergisst, zeichnen sich seine Wertungen durch eine glühende, geradezu alttestamentliche Gerechtigkeit aus. Das gilt etwa mit Blick auf Heinz Rühmann und dessen Scheidung von seiner jüdischen Frau („eine Landplage“, S. 45), mit Blick auf Hans Carossa („Einzelgänger von unbedingter Integrität und Noblesse“, S. 23) oder den „Volk ohne Raum“-Grimm („kein Nazi, sondern ein vereinsamter deutschnationaler Eigenbrödler“, S. 163). Werner Krauss („Jud Süß“!) schließlich dürfe „die deutsche Bühne nie verlieren, so lang er lebt. Wie er sich im einzelnen in der Nazizeit verhalten hat mag bei einem Schauspieler wie ihm vielleicht nicht so wichtig sein“ (S. 149).

Damit soll nicht gesagt sein, Zuckmayer gewähre hier großzügig Künstlerrabatt. Als Mann des Theaters hat er freilich, wie nicht zuletzt die vorangestellte „Charakterologie“ beweist, einen besonderen Sinn für die psychische Disposition seiner Kollegen. Nichts beweist dies besser als das Porträt Gustaf Gründgens, den Zuckmayer „nicht für den abgründigen Bösewicht [hält], als den ihn die Enttäuschung seiner früheren Freunde sieht“. Sein Engagement im Dritten Reich resultiere vielmehr aus einer gewissen „Lust am Gewagten, am Jonglieren und der glänzenden Equilibristik, am Sprung auf einen schwindelhaften Gipfel, an Wurf und Gewinn, an Repräsentation, grosser Schaustellung und fabelhaft beherrschter Maske, – an Macht und Gefahr“ (S. 131). Eindringlicher ist die in jeder Hinsicht außergewöhnliche Attraktion, die die nationalsozialistische Bewegung auf Künstler und Intellektuelle ausübte, bislang kaum analysiert worden. Und wenn Zuckmayer schließlich anmerkt, Spiel und Leben seien für Gründgens (und andere) „kongruent“ (S. 131) gewesen, dann wird man hinzufügen dürfen, dass auch der Nationalsozialismus, der ein neues Leben verhieß, mit seinen theatralischen Inszenierungen und blutigen Kulthandlungen bis zu einem gewissen, freilich todernsten Grade eben ein Spiel war. Tatsächlich konnten sich viele Schauspieler, so Zuckmayer, ihrer „Bewunderung für die Tricks der Regie, den Glanz und die Wirksamkeit der Vorstellung, die dramatische Akzentuierung und den routiniert gesetzten Knalleffekt“ im Hitlerstaat (S. 10) schlechterdings nicht entziehen.

Auf dieser Grundlage entwirft Zuckmayer in seinen Charakterporträts zugleich eine Typologie des ,Anschmeissens‘. Denn die Verführbarkeit hatte durchaus verschiedene Ursachen: sei es (etwa im Falle Mary Wigmans) die Begeisterung für Masse und Kollektiv (S. 112), sei es (wie bei Eugen Rex) schlichtes Unvermögen, sei es (wie bei Rainer Schlösser) der Neid des Zukurzgekommenen: „jetzt sind wir dran!“ (S. 57). Von größtem Interesse ist dabei Zuckmayers Beobachtung, dass die entschiedensten „Umfaller, Nachläufer und Renegaten aus dem linksradikalen Lager, häufig direkt aus dem kommunistischen, seltener aus den gemässigten Linkskreisen und fast nie aus den bürgerlich liberalen Gesinnungsschichten“ (100) gekommen seien. Und die Beispiele Hans Reimanns, Karl Heinz Martins oder Fritz Genschows und Renee Stobrawas („bekannten sich offen zum Kommunismus und betrachteten das Theater vor allem als Propagandamittel, – Beide traten sofort nach Hitlers Machtergreifung der NSDAP bei“, S. 97) belegen es in aller Deutlichkeit: Les extrèmes se touchent!

Dabei ist Zuckmayer in allem ein ebenso brillanter wie skrupulöser, ja gelegentlich sogar verständnisvoller Beobachter des deutschen Unglücks. Das mag damit zusammenhängen, dass Zuckmayer selbst von der ,nationalen Revolution‘ durchaus fasziniert war und im März 1933 mit Blick auf die Nationalsozialisten von „elementaren und wohlmeinenden Kräften“ (S. 472) sprach. Zuckmayer ist – und das verleiht seinem Urteil besonderes Gewicht – in allem ganz Kind seiner Zeit. Das gilt auch für manches Deutungsmuster, das aus dem „Geheimreport“ hervorblitzt. Wenn es etwa über Peter Suhrkamp heißt, man möchte ihm „eine innere Auflockerung wünschen, einen Tropfen keltischen, romanischen, jüdischen Bluts – aber leider waren alle seine Vorfahren entschlossene Niedersachsen“ (S. 22), dann ist das durchaus mehr als eine hübsche Pointe. Und wenn Zuckmayer in Richard Billingers (und Hitlers!) Heimat, „in dieser Ecke – nah der Inn-Mündung in die Donau“ einen „besondere[n] Boden für das Wachstum zwielichtiger zweitgesichtiger medialer oder auch pathologisch deformierter Halb-Genies oder Ganz-Charlatane“ sieht (S. 69), dann argumentiert er hier – Persönlichkeit und Landschaft aufeinander beziehend – ganz im Sinne Josef Nadlers und seiner „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“.

Zuckmayer, der nach dem „Anschluss“ über die Schweiz in die USA emigriert war, blieb auf seiner Farm in Vermont von vielen Informationen abgeschnitten. Gleichwohl war die Spekulation seine Sache nicht. Er wolle, so bemerkt er am Beginn des „Geheimreports“ nur berichten, „was aus eigner Beobachtung oder sichersten Quellen feststeht“ (S. 15) – ein wahrhaft thukydideisches Ideal, das freilich schon in der „Geschichte des peloponnesischen Krieges“ unerreicht geblieben ist. Und so finden sich auch bei Zuckmayer gelegentliche Versehen, Irrtümer und Fehlurteile, die allerdings – wie etwa im Falle des schrecklich talentierten Veit Harlan (S. 184f.) – von besonderem Interesse sind. Wie der athenische Stratege des 5. Jahrhunderts schrieb auch Zuckmayer, der Beinahehistoriker, seine Geschichte nicht ohne Ziel.

Dieses verborgene Telos seines „Geheimreports“ wird von Gunther Nickel und Johanna Schrön in einem exzellenten Nachwort verdeutlicht, in dem sie Zuckmayers Charakterstudien in die Meinungskämpfe anlässlich der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland in Moskau 1943 einordnen – und damit, ganz nebenbei, ein wichtiges Kapitel der Exilforschung neu schreiben. Zuckmayers Dossiers lassen sich in der Tat als Antwort auf die Kollektivschuldthese lesen, wie sie etwa von Erika Mann 1944 in der New Yorker Exilzeitung „Aufbau“ vertreten worden war. Indem Zuckmayer, dem alle Theoreme und Doktrinen suspekt waren, mit seinem „Geheimreport“ bewusst das Konzept der autonomen Persönlichkeit vertrat, wandte er sich zugleich gegen die soziologischen Großentwürfe Franz Neumanns und Herbert Marcuses. Für ihn lag es – mit Blick auf die Nachkriegszeit – auf der Hand, dass Schuld stets individuell und Erziehung immer Selbsterziehung sei. Völker, so bemerkte Zuckmayer im Mai 1944 in einem Offenen Brief an Erika Mann, seien nun einmal aus Menschen zusammengesetzt, „und Menschen sind Geschöpfe, die beide Wesenspole, den des Guten, den des Bösen, in sich tragen“.

Darin liegt tiefe Wahrheit. Gelegentlich hat Zuckmayer geseufzt, in seinem „Geheimreport“ könne „nicht von Nazipsychologie die Rede sein (wozu eine hundertseitige Abhandlung kaum ausreichen würde, die der Verfasser bestimmt nie schreiben wird)“ (S. 26). Bestimmt nie? Das Gegenteil ist richtig. Weil Zuckmayer die „Nazipsychologie“ bereits in seinem „Geheimreport“ am Einzelfall entwickelt hatte, blieb jede weitere Studie überflüssig. Denn hier war Zuckmayer nicht nur Staatsanwalt, sondern Verteidiger, Richter und psychologischer Sachverständiger in einer Person. Eine juristische Ungeheuerlichkeit, ein historischer Glücksfall.

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10.02.2003
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