E. Fraenkel: Gesammelte Schriften

Titel
Ernst Fraenkel. Gesammelte Schriften, 4 Bände.


Herausgeber
Brünneck, Alexander v.
Erschienen
Baden-Baden 2000: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
Preis
a.Anfr.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kiran Klaus Patel, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Vom Klassenkampf zur normativen Verwestlichung. Zur Edition der Schriften Ernst Fraenkels

Rund ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod – und kurz nach seinem 100. Geburtstag – liegen nun die ersten Bände von Ernst Fraenkels Gesammelten Schriften vor; nur wenige Wissenschaftler werden so kurz nach ihrem Ableben in den Stand von Klassikern erhoben. Tatsächlich war Fraenkel nicht nur einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler im 20. Jahrhundert, sondern er hat in mehrerlei Hinsicht auch die historische Forschung wesentlich geprägt. Davon zeugen die vier bereits vorliegenden Bände der Edition, die hier primär in Bezug auf ihre Relevanz für die Geschichtswissenschaft besprochen werden. Die noch ausstehenden Bände befassen sich mit Theorie und Verfassung des Pluralismus (Bd. 5) sowie Internationale Politik, Völkerrecht und Abhandlungen zur Politikwissenschaft (Bd. 6) und werden durch einen Registerband (Bd. 7) abgerundet.

Bei Fraenkel ist der Wert einer Schriften-Ausgabe besonders groß, da er wesentliche Teile seines Oeuvres nicht in Monographien, sondern in Aufsätzen und Zeitungsartikeln niederlegte. Viele dieser Studien sind nur schwer zugänglich und wenig bekannt. In seinem bewegten Leben publizierte Fraenkel zudem zeitweise anonym. Manche seiner politischen Analysen, etwa aus dem Exil, wurden bisher gar nicht veröffentlicht, andere noch nie in Europa. Die vorliegende Edition strebt zwar keine Vollständigkeit an, im Rahmen des siebenbändigen Projekts kann sich Fraenkels Werk jedoch ganz entfalten. Während die Bände insgesamt thematisch gegliedert sind, ist jeder einzelne Band chronologisch aufgebaut und enthält eine längere Einführung des jeweiligen Herausgebers.

Geboren wurde Fraenkel 1898 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Köln. Nach dem frühen Tod seiner Eltern empfing er wesentliche Impulse von seinen Verwandten mütterlicherseits, besonders von dem Onkel Wilhelm Epstein, einem Sozialdemokraten und bürgerlichen Pazifisten. Nach der Schulzeit in Köln und Frankfurt/Main, dem Notabitur 1916 sowie der Teilnahme am Ersten Weltkrieg studierte Fraenkel in Frankfurt und Heidelberg Rechtswissenschaften und Geschichte. Nach der Promotion 1923 und dem Assessorexamen 1925 arbeitete er zunächst als Dozent an der Wirtschaftsschule des Deutschen Metallarbeiterverbandes, 1927 ließ er sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder. In den folgenden Jahren war Fraenkel Syndikus des Deutschen Metallarbeiterverbandes und beriet seit 1931 den Parteivorstand der SPD in Rechtsfragen. Von der Machtübertragung bis zu seiner Emigration war er Teil des Widerstands in Deutschland, unter anderem als Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes.

Nach Emigration in die USA Ende 1938 studierte Fraenkel von 1939 bis 1941 amerikanisches Recht an der University of Chicago. Danach arbeitete er Konzepte für die Neugestaltung eines demokratischen Nachkriegsdeutschlands aus; parallel lehrte er als Dozent an der New School of Social Research in New York. Von 1944 bis 1951 war Fraenkel im US-Staatsdienst, nicht zuletzt als Berater für sozial- und verfassungsrechtliche Fragen der amerikanischen Militärregierung in Südkorea. 1951 kehrte er nach Berlin zurück. Erst jetzt, mit 53 Jahren, begann seine akademische Laufbahn im engeren Sinne. 1953 wurde er am späteren Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Professor für Vergleichende Lehre der Herrschaftssysteme. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland prägte Fraenkel die deutsche Politikwissenschaft und gab ihr eine interdisziplinäre Ausrichtung. Von 1964 bis zur Emeritierung 1967 war er Direktor des neu gegründeten John F. Kennedy-Instituts für Nordamerika-Studien der FU. Fraenkel trug maßgeblich dazu bei, dieses Institut zu einem der wichtigsten Zentren der Amerika-Forschung außerhalb der USA zu machen. Der „Amerikaner in Berlin“ hatte enge Kontakte in die Vereinigten Staaten und hielt sich auch nach 1951 länger dort auf, etwa als Gastprofessor an der University of Colorado und der University of North Carolina. Im Mittelpunkt der letzten Jahren seines Lebens stand die Auseinandersetzung mit der 1968er-Studentenbewegung, der Fraenkel einen demokratiefeindlichen Dogmatismus vorwarf.

Die Edition veranschaulicht, was für ein bewegtes Leben Fraenkel als Zeitzeuge, politischer Publizist und Wissenschaftler in verschiedenen Disziplinen im „kurzen“ 20. Jahrhundert führte. Der erste Band zu Recht und Politik in der Weimarer Republik setzt – nach einer autobiographischen Skizze – mit Fraenkels arbeitsrechtlicher Dissertation ein. Betreut wurde die Studie mit dem Titel Der nichtige Arbeitsvertrag (1923) von Fraenkels Frankfurter Lehrer Hugo Sinzheimer. Sinzheimer war ein Pionier des Arbeitsrechts in Deutschland. Er kämpfte in der Weimarer Republik für eine Ergänzung der Staatsverfassung der ersten deutschen Demokratie durch eine eigenständige Sozialverfassung – und in diesen Kontext ordnet sich Fraenkels Dissertation ein. Wie Sinzheimer in seinem Werk Grundzüge des Arbeitsrechts von 1921, so plädierte auch Fraenkel zwei Jahre später für die Eigenständigkeit des Arbeitsrechts. Inhaltlich versuchte der junge Jurist, die Rechte der Arbeitnehmerseite systematisch zusammenzufassen und zu stärken. Auch in der Folgezeit trat er in zahlreichen Schriften für Arbeitnehmerrechte und besonders für das Zustandekommen von Kollektivverträgen ein. Diese Arbeiten sind vor allem rechtshistorisch von Bedeutung, geben sie doch Einblicke in die Frühphase des deutschen Arbeitsrechts. Aus diesen Studien läßt sich aber auch Fraenkels ambivalente politische Haltung ablesen. Der Sozialdemokrat sympathisierte grundsätzlich mit dem linken Flügel der Partei und sprach dem Klassenkampf auf dem Weg zum Sozialismus das Wort. Trotzdem war Fraenkel nie für die Revolution, nie für die Aufgabe der gesetzlichen Grundlagen – vielleicht war er dafür zu sehr Jurist. Trotz weitreichender Zielvorstellungen und gelegentlich radikaler Rhetorik ist er vielmehr dem reformistischen Flügel der SPD in der Weimarer Republik zuzuordnen.

Fraenkels politische Haltung läßt sich auch in seinen Analysen zur politischen Kultur und zu den sozialen Grundlagen der Weimarer Republik finden, die ebenfalls im ersten Band versammelt sind. Hervorzuheben ist seine Studie zur Soziologie der Klassenjustiz (Bd. 1, S. 177-211). Darin versuchte Fraenkel zu erklären, warum „die Rechtsprechung eines Landes einseitig von den Interessen und Ideologien der herrschenden Klasse beeinflußt“ (Bd. 1, S. 207) werde – womit er die Bourgeoisie meinte. Angesichts der Parteilichkeit der Richter empfahl Fraenkel jedoch kein umfassendes Revirement, sondern plädierte für die engere Bindung dieser Berufsgruppe an die Buchstaben des Gesetzes. Zugleich versuchte er, die politische Standortgebundenheit der Richter sozialwissenschaftlich zu erklären. Fraenkel schrieb eine scharfsinnige Einzelstudie zum verunsicherten Bürgertum der Weimarer Republik und seinen Ängsten, die Ansätze einer modernen Sozialgeschichte enthält und angesichts der Bedeutung dieser sozialen Gruppe für die Geschichte und den Untergang der ersten deutschen Demokratie heute noch sehr lesenswert ist.

Noch wichtiger sind Fraenkels Schriften zur verfassungstheoretischen Debatte über die Zukunft der Demokratie in der Endphase der Republik. In diesem Kontext entstand Ende 1932 sein für die Parlamentarismusgeschichte wegweisender Vorschlag eines konstruktiven Mißtrauensvotums, das später in Artikel 67 des Grundgesetzes aufgenommen wurde. Daß Fraenkel nach 1945 selbst darauf verwies, sein Vorschlag zur Sicherung der parlamentarischen Handlungsfähigkeit habe damals „in der Luft“ gelegen (Bd. 1, S. 660), verringert dessen Wert ebensowenig wie die Tatsache, daß Carl Schmitt und andere bereits vor Fraenkel ähnliche Überlegungen angestellt hatten. Fraenkel war 1932 außerdem Realist genug, um zu erkennen, daß dieser und weitere Reformvorschläge zu der Zeit nicht umsetzbar waren. Die Situation, vor deren Hintergrund er schrieb, faßte er selbst folgendermaßen zusammen: „Wäre mit dem bestehenden Reichstag eine Verfassungsreform möglich, so wäre diese Verfassungsreform überflüssig. Aus der Unmöglichkeit, die Verfassungsreform durch das Parlament durchführen zu lassen, ergibt sich deren Notwendigkeit.“ (Bd. 1, S. 528). In diesen beiden Sätzen sind Dramatik und Dilemma der späten Weimarer Republik wie in einem Brennglas zusammengefaßt.

In den Band haben schließlich auch einige Erinnerungen Eingang gefunden, die Fraenkel nach dem Zweiten Weltkrieg im Rückblick auf die Weimarer Republik verfaßte. Erwähnt sei nur ein Brief an Karl Dietrich Erdmann, in dem Fraenkel ein atmosphärisches Zeugnis zur Bereitschaft der Arbeiterbewegung zu Widerstand gegen den „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932 ablegte. Die Bedeutung des Dokuments zeigt sich etwa daran, daß Erdmann daraus in seinem Band des „Gebhardts“ ausführlich zitierte. Auch seitdem wurde dieser Brief als historische Quelle immer wieder angeführt.[1] In den ersten Band der Schriften wurde auch Fraenkels Analyse von 1967 über den Ruhreisenstreit von 1928/29 aufgenommen – einem politischem Konflikt, in dem der streitbare Sozialdemokrat Fraenkel seinerzeit selbst das Wort ergriffen hatte. Fast 40 Jahre später leistete der Wissenschaftler Fraenkel mit seiner Analyse einen wesentlichen Beitrag dazu, das bis dahin gängige Bild der Mittelphase der Weimarer Republik zu modifizieren, indem er auf die damals weiterhin schwelenden Problemfelder hinwies; fortan ließ sich nicht mehr uneingeschränkt von der stabilen Periode der Republik sprechen. Insgesamt zeigt somit bereits der erste Band der Ausgabe den Facettenreichtum von Fraenkels Werk, der uns nicht nur als juristisch, historisch und politologisch arbeitender Wissenschaftler, sondern auch als politischer Publizist und Chronist der Weimarer Republik entgegentritt.

Den Mittelpunkt des zweiten Bandes bildet Fraenkels frühes Hauptwerk, der Doppelstaat. Da er am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, konnte Fraenkel trotz seines jüdischen Hintergrunds nach 1933 zunächst als Anwalt in Deutschland weiterarbeiten. Parallel dazu verfaßte er im Geheimen zwischen 1936 und 1938 diese Studie, in die seine eigenen Erfahrungen mit dem Regime ebenso wie seine juristischen Kenntnisse einflossen. Veröffentlicht wurde das ursprünglich auf Deutsch verfaßte Buch zunächst 1941 in den USA unter dem Titel The Dual State. A Contribution to the Theory of Dictatorship und erst 1974 in Deutschland als von Fraenkel erneut bearbeitete Rückübersetzung aus dem Amerikanischen. Der Doppelstaat war die erste bedeutende, empirisch fundierte Analyse des politischen Systems des NS-Regimes. Bekanntlich unterschied Fraenkel darin zwei Formen von Herrschaft: den „Normenstaat“, in dem bestehende Rechtsvorschriften fortexistierten, vor allem um das privat-kapitalistische Wirtschaftssystem zu stützen; und den gesetzliche Regeln mißachtenden „Maßnahmenstaat“, in dem nach politischer Opportunität entschieden werde. Mit dieser Interpretation hat Fraenkel die Historiographie zum Nationalsozialismus wesentlich beeinflußt. Der Doppelstaat wurde vor allem zum Bezugspunkt von funktionalistischen Deutungen des NS-Herrschaftssystems, wobei gelegentlich übersehen wurde, daß Fraenkel in der Studie nur die Friedensphase des Regimes bis ungefähr 1938 beschrieben hatte.

Die Edition zeichnet sich dadurch aus, daß sie neben dem Doppelstaat von 1941/1974 auch den bisher unveröffentlichten Urdoppelstaat von 1938 einem breiten Publikum zugänglich macht. Er unterscheidet sich deutlich von der publizierten Fassung. Der Urdoppelstaat ist kürzer und kommt ohne die Ergänzungen und Glättungen aus, welche die Buchform für das angelsächsische Publikum verständlicher machten. Der Duktus ist weniger wissenschaftlich, dafür polemischer und pointierter. Das zeigt sich besonders an Fraenkels Haltung gegenüber der Person, mit deren Oeuvre und Charakter sich der Doppelstaat am stärksten auseinandersetzt: Gemeint ist nicht Adolf Hitler, sondern jener Carl Schmitt, der schon in Weimarer Tagen Lehrer und intellektueller Kontrahent Fraenkels und seiner politischen Altersgenossen und Freunde, Otto Kirchheimer und Franz Neumann, gewesen war. Im Urdoppelstaat ist die Kritik an Schmitt noch direkter als in der später publizierten Form. Trotzdem deutet sich hier schon die gleichzeitige Wertschätzung Schmitts an, die man auch in Fraenkels Schriften aus der Zeit nach 1945 findet: Immerhin nannte er bereits im Urdoppelstaat den zehn Jahre Älteren den „geistreichste(n) Staatstheoretiker des Nachkriegsdeutschlands“ (gemeint ist nach dem Ersten Weltkrieg, Bd. 2, S. 398) – dessen Annäherung an die Nationalsozialisten deswegen für Fraenkel um so schwerer wog.

Daneben enthält der Band kleinere Arbeiten zum Nationalsozialismus und dem Widerstand aus den Jahren 1934 bis 1974. Viele davon sind Studien aus dem Umfeld des Doppelstaates, hinzu kommen neben einem Aufruf zum Widerstand gegen das Regime von 1935 einige Buchrezensionen und kleinere Schriften. Insgesamt hat Fraenkel, gemessen an seinem Einfluß auf die Forschung, somit erstaunlich wenig über das „Dritte Reich“ geschrieben; nach seiner Rückkehr aus dem Exil beteiligte er sich kaum an den Debatten der NS-Historiographie. Möglicherweise fürchtete er Kritik an seinem frühen Hauptwerk. Hinzu kam aber sicher „ein seelisches Problem“ (Bd. 2, S. 12) – Fraenkel wollte sich nicht noch einmal intensiv mit der Epoche beschäftigen, die er selbst am eigenen Leib hatte erleiden müssen.

Mit dem Neuaufbau der Demokratie in Deutschland und Korea nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich der dritte Band. Die meisten der in ihm versammelten Arbeiten entstanden zwischen 1943 und 1951, als Fraenkel zunächst für das Carnegie Endowment und später für verschiedene Behörden der amerikanischen Regierung tätig war.

1942/43 erhielt Fraenkel vom Carnegie Endowment for International Peace einen Forschungsauftrag, die Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg zu analysieren und Schlüsse daraus für die künftige Besatzungspolitik zu ziehen. So beteiligte er sich an den Planungen für ein Deutschland nach der Niederlage des Nationalsozialismus. Fraenkel plädierte dafür, an ältere deutsche (Rechts-)Traditionen anzuknüpfen, und wandte sich dagegen, ein angelsächsisches System direkt zu importieren; allgemein versuchte er, die künftigen Sieger für die deutsche Situation zu sensibilisieren. Inhaltlich liefen seine Ideen nichtsdestotrotz auf eine markante Veränderung der ökonomischen und politischen Strukturen hinaus – was 1918 verpaßt worden sei, müsse nun nachgeholt werden. Denn nach dem Ersten Weltkrieg hätten sich die Entente-Mächte zu sehr an die alten Eliten gehalten, statt auf die Arbeiterklasse zu setzen. Diese, und besonders die Gewerkschaftsbewegung, müsse man jetzt wiederbeleben und stärken. Seine Sicht, daß die Arbeiterschaft „voll hinter der Weimarer Verfassung“ gestanden habe (Bd. 3, S. 109), war freilich eine Verklärung der Situation vor 1933. Auch die antikommunistische und prowestliche Grundierung von Fraenkels Expertisen änderte nichts daran, daß die Westalliierten seinen Vorstellungen wenig abgewinnen konnten und einen anderen Weg beim Wiederaufbau Deutschlands einschlugen, als Fraenkel empfohlen hatte.

Es war nicht zuletzt dieser Mißerfolg, der Fraenkel in eine ganz andere Gegend der Welt führte: Für das U.S. War Department ging er Ende 1945 nach Korea. Dort verfaßte er keine Grundsatzerklärungen zur künftigen Politik, sondern wirkte als Rechtsberater mit konkreten Vorschlägen beim Aufbau demokratischer Strukturen mit. Die profunden Kenntnisse des deutschen und des amerikanischen Rechtssystems, die er sich bis dahin erworben hatte, kamen ihm dabei sehr zugute. Unter anderem war Fraenkel dabei am Entwurf des Wahlgesetzes für ein Gesamtkorea beteiligt; nach der Gründung der Republik (Süd-)Korea 1948 arbeitete er dort in amerikanischem Auftrag zunächst als Rechtsberater weiter und wurde erst kurz nach Ausbruch des Korea-Krieges evakuiert.

Eindrucksvoll in diesem Band ist aber auch ein Zeugnis, das einen ganz anderen Fraenkel zeigt als den Wissenschaftler und Politikberater. Ein erstmals veröffentlichter Brief an die Familie Otto Suhrs vom März 1946 gibt einen Einblick in seine persönlichen Erfahrungen im Exil – mit solchen Aussagen hielt er sich ansonsten zurück. Hier wird Fraenkels zunehmende Isolierung in der deutschen sozialdemokratischen Exilantenszene der Ostküste deutlich, die sich nicht zuletzt aus seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Neuen Welt erklärt. Wie sehr sich Fraenkel gegenüber dem Westen öffnete, zeigt etwa seine emotionale Schilderung des Todes von Präsident Roosevelt im April 1945. Der jüdische Exilant empfand eine tiefe Dankbarkeit für den Präsident patrizischer Herkunft – unter seiner Führung seien die USA ein „anderes Land geworden“, in dem die Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle spiele, und die Bevölkerung für einen Kriegseintritt vorbereitet worden sei (Bd. 3, S. 393). Fraenkel vergaß auch nie, daß Amerika „dem herausgeworfenen Anwalt Studiengeld und Unterhalt zahlte“, und er so die Chance für einen Neuanfang erhalten hatte (Bd. 3, S. 390).

Daß sich Fraenkel auch wissenschaftlich für das Land zu interessieren begann, das ihn als Flüchtling aufgenommen hatte, dokumentiert der vierte Band der Edition. Seit den 1950er Jahren untersuchte er Geschichte und Gegenwart der Vereinigten Staaten. Fast alle diese Arbeiten entstanden jedoch nicht in den USA, sondern nachdem Fraenkel entgegen seiner ursprünglichen Absicht nach Deutschland zurückgekehrt war. Diese Amerikastudien sind zwar politikwissenschaftlich angelegt, beeinflußten aber aufgrund seines fachübergreifenden Ansatzes und der engen Verbindung zwischen Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in den ersten Jahrzehnten nach 1945 auch die Geschichtswissenschaft. Fraenkels Hauptwerk auf dem Gebiet ist Das amerikanische Regierungssystem (1960), im dem er das politische System der USA für ein deutsches Publikum darstellte – so, wie er in den USA in den Kriegsjahren die deutsche Problematik den amerikanischen Entscheidungseliten hatte verständlich machen wollen, bemühte er sich nun, die politischen Verhältnisse der Vereinigten Staaten und deren Geschichte einem deutschen Publikum begreifbar zu machen. In der Studie hob Fraenkel besonders die politische Kultur Amerikas als Garant der Demokratie hervor; allgemein maß er diesem Faktor in seinem Oeuvre einen hohen Stellenwert bei. Insgesamt porträtierte er die USA als das Symbol des Westens und als grundsätzliche Alternative zu totalitären Staaten. Angesichts der idealisierenden Interpretation mag es nicht erstaunen, daß Fraenkel gegenüber seinem Verleger das Buch „die Konfession meines Lebens“ bezeichnete.[2] Allgemein sind die Amerikastudien heute primär in historiographiegeschichtlicher Perspektive interessant, nicht zuletzt aufgrund ihrer interdisziplinären Ausrichtung. Sie weisen außerdem auf den Neuaufbau und die Erweiterung der Amerika-Forschung in der frühen Bundesrepublik hin,[3] an der Fraenkel als Wissenschaftsorganisator wesentlichen Anteil hatte – schließlich ging die Initiative zur Einrichtung des John F. Kennedy-Instituts für Nordamerika-Studien der Freien Universität Berlin wesentlich auf sein Engagement zurück.

Da sich Fraenkel mit seinen Amerikastudien primär an ein deutsches Publikum wandte, war es naheliegend, sich auch mit den deutschen Wahrnehmungen und Stereotypen zu Amerika zu beschäftigen. Für Fraenkel war deren Analyse auf methodischer Ebene sogar die unerlässliche Vorbedingung, um sich einen angemessenen Zugang zu Geschichte und Gegenwart der Neuen Welt verschaffen zu können. Deswegen untersuchte er das deutsche Amerikabild in mehreren historisch angelegten Arbeiten, die von bleibendem Wert sind. Fraenkel widmete sich dabei nicht nur den Schriften eines Weber oder Sombart, sondern stieg auch vom Höhengrat der großen Denker hinab in die Ebene intellektuell weniger bedeutsamer, aber massenwirksamer Werke – ausschlaggebend für diese „Art sozial- und politikwissenschaftlicher Psychoanalyse“ (Bd. 4, S. 334) war demnach der jeweilige Einfluß einer Schrift auf die politische Urteilsbildung in Deutschland. Wenngleich einige der erkenntnistheoretischen Annahmen, die diesen Studien zugrunde liegen, heute nicht mehr konsensfähig sind, leistete Fraenkel so doch einen Beitrag, der modernen Perzeptionsforschung den Weg zu bereiten.

Zusammenfassend läßt sich bereits in diesen vier Bänden die Breite und Bedeutung des Oeuvres von Ernst Fraenkel erkennen – obwohl die Publikation seiner dritten großen Schrift neben dem Doppelstaat und dem Amerikanischen Regierungssystem, die Aufsatzsammlung Deutschland und die westlichen Demokratien, im Rahmen der Schriften-Ausgabe noch aussteht. Alle vorliegenden Bände sind vorzüglich ediert und mit guten Einleitungen versehen. Sie lassen – sieht man von ihrem Preis ab, der bei der Bargeldeinführung des Euro noch in geradezu schamloser Weise erhöht wurde – in nichts zu Wünschen übrig und dürften in Zukunft bei ähnlichen Editionsprojekten beispielgebend wirken.

Aus den hier besprochenen Bänden ergibt sich somit insgesamt, daß Fraenkel in mehrerlei Hinsicht für die deutsche Geschichtswissenschaft bedeutsam war und bleibt: Erstens als „Quelle“, da dieser Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts einige der wichtigsten Beiträge zur verfassungsrechtlichen Debatte über die Perspektiven der Weimarer Republik verfaßte und sich neben anderen Themen an den Planungen für die Neuordnung Deutschlands und Koreas beteiligte; zweitens als scharfsinniger Analyst des Nationalsozialismus, der mit dem Doppelstaat eines der einflußreichsten Erklärungsmodelle zum Herrschaftssystem des Regimes vorgelegt hat; drittens als Amerikahistoriker, der die Geschichte der Neuen Welt den Deutschen nach 1945 nahebrachte, dabei häufig mit vergleichenden Fragestellungen arbeitete und ein Wegbereiter der modernen Erforschung von Wahrnehmungen und nationalen Stereotypen war. Eine vierte Dimension erschließt sich aus den Schriften Fraenkels nur indirekt, obgleich auf dieser Ebene sein Einfluß besonders groß war: Gemeint ist seine nachhaltige Wirkung auf die nachfolgende Wissenschaftlergeneration. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland prägte er mit seinen Schriften und mehr noch im persönlichen Kontakt viele der damals jungen Historiker und zeithistorisch arbeitenden Politologen. Christian Hacke, Jürgen Kocka, Gerhard A. Ritter, Heinrich August Winkler – um nur einige zu nennen – haben darauf verwiesen, wie bedeutsam Fraenkel für sie war.[4] Diese für die Geschichtsschreibung wie auch für die Geschichte der Bundesrepublik enorm wichtige, „lange Generation“ von Wissenschaftlern,[5] die ungefähr zwischen 1930 und 1940 geboren wurde, ist selbst bisher kaum erforscht worden. Es gibt auch noch keine Studien zu der Frage, inwieweit sich Elemente von Fraenkels Werk in ihren Arbeiten widerspiegelt; dabei dürfte es sich jedoch um eine interessante Aufgabe späterer Generationen von Historikerinnen und Historikern handeln.

Davon ausgehend gibt es noch einen fünften Bereich, in dem Fraenkel für die historische Forschung relevant ist: durch seinen Beitrag zur Herausbildung einer demokratischen politischen Kultur in der frühen Bundesrepublik. Die Debatte, wie Deutschland nach 1945, als autoritäre und antidemokratische Einstellungen zunächst sehr weit verbreitet waren, schließlich zu einer stabilen Demokratie werden konnte, ist noch nicht abgeschlossen. Soviel steht aber heute schon fest: Der Einfluß von Remigranten wie Arnold Bergstraesser, Franz L. Neumann oder eben auch Ernst Fraenkel kann in diesem Zusammenhang nicht überschätzt werden. Alfons Söllner etwa hat diesen Personenkreis jüngst als Träger der „normativen Verwestlichung“[6] der Bundesrepublik begrifflich auf den Punkt gebracht. Demnach importierten Fraenkel und andere zum einen demokratisch-atlantische Wertmuster; zum anderen waren sie aufgrund ihres deutschen Hintergrundes in besonderem Maße in der Lage, diese Werte mit deutschen Traditionen zu amalgamieren und zusammenzuführen, um so die Ideen des Westens den Deutschen „schmackhaft“ zu machen. Vieles spricht für diese These, die auf methodischer Ebene einem Plädoyer für eine Zusammenschau der Remigrationsforschung mit der Geschichte der frühen Bundesrepublik sowie deren „Westernisierung“[7] gleichkommt. Auf ihr aufbauend ließe sich auch die eher unproduktive Dichotomie überwinden, die in der Remigrationsforschung bislang zwei rivalisierende Deutungsmuster unterscheidet: zum einen die Sicht, daß die Rückkehr der Emigranten als ein konservativer, an die Weimarer Republik anknüpfender Impuls zu verstehen sei, und zum anderen die Gegenthese, wonach die Remigranten zur Modernisierung Deutschlands wesentlich beigetragen hätten.[8] Vielleicht liegt die Bedeutung dieser Gruppe darin, beides verkörpert zu haben – und in einem dritten, dialektischen Sinne gerade dadurch die Westernisierung der Bundesrepublik befördern konnten. Zu diesem Problem wird für die Person Fraenkels vor allem der fünfte, noch ausstehende Band der Edition weiteren Aufschluß geben.

Allgemein darf man hoffen, daß die Edition jetzt zügig abgeschlossen werden wird. Es mag übrigens erstaunen, daß sich bislang noch kein Biograph gefunden hat, um Fraenkels bewegtes Leben zu erzählen.[9] Gerade die Publikation der Schriften macht diese Aufgabe noch reizvoller – und dringlicher. Angesichts des neuen Interesses an dem „Klassiker“ Ernst Fraenkel dürfte das aber nur eine Frage der Zeit sein.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Karl Dietrich Erdmann, Die Zeit der Weltkriege (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 4/1, 9. Aufl., Stuttgart 1973, S. 326f.; aufgegriffen z.B. in: Heinrich August Winkler, Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933, Berlin/Bonn 1987, S. 665f.
[2] Zitiert nach: Hubertus Buchstein, Ernst Fraenkel als Klassiker?, in: Leviathan 26 (1998), S. 462.
[3] Vgl. zur historischen Amerikaforschung in der alten Bundesrepublik Wolfgang J. Helbich, United States History in the Federal Republic of Germany: Teaching and Research, in: Lewis Hauke (Hrsg.), Guide to the Study of United States History outside the U.S. 1945-1980, Bd. 2, White Plains 1985, S. 39-121.
[4] Vgl. z.B. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/intervie/kocka.htm; ebd., /ritter.htm; ebd., /winkler.htm.
[5] Vgl. Paul Nolte, Die Historiker der Bundesrepublik. Rückblick auf eine „lange Generation“, in: Merkur 53 (1999), S. 413-432.
[6] Alfons Söllner, Normative Verwestlichung. Der Einfluß der Remigranten auf die politische Kultur der frühen Bundesrepublik, in: Heinz Bude/Bernd Greiner (Hrsg.), Westbindungen. Amerika in der Bundesrepublik, Hamburg 1999, S. 72-92.
[7] Vgl. zu Begriff und Konzept der „Westernisierung“ Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.
[8] Vgl. zu diesen beiden Positionen jüngst zusammenfassend: Marita Krauss, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001, v.a. S. 154-162.
[9] Vgl. als Vorarbeit dazu v.a. Hubertus Buchstein/Gerhard Göhler (Hrsg.), Vom Sozialismus zum Pluralismus. Beiträge zu Werk und Leben Ernst Fraenkels, Baden-Baden 1999.

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30.05.2002
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