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Titel
Leopold Weiss alias Muhammed Asad. Von Galizien nach Arabien 1900-1927


Autor(en)
Windhager, Günther
Erschienen
Anzahl Seiten
232 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heidemarie Petersen, Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Gesteswissenschaftliches Zentrum Universität Leipzig

Leopold Weiss, 1900 als Jude im galizischen Lemberg geboren, gehört zu den Schriftstellern und Journalisten, die, wie Joseph Roth, Arthur Holitscher oder Egon Erwin Kisch, in den 20er Jahren mit ihren Reiseberichten bekannt wurden. Als Muslim Muhammad Asad wurde er seit den 30er Jahren zu einem Vorkämpfer erst der arabischen und dann der pakistanischen Nationalbewegung. 1952 vertrat er Pakistan bei den Vereinten Nationen, in den folgenden Jahrzehnten widmete er sich überwiegend Islamstudien. 1992 starb Weiss alias Asad hochbetagt in Spanien.

Im vorliegenden Buch zeichnet Günther Windhager, Ethnologe und derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Weiss‘ frühen Lebensweg von der Kindheit in Lemberg bis zu dessen endgültiger Konversion zum Islam im Jahre 1927 nach. Ergänzt wird die Darstellung durch eine biografische Übersicht über das weitere Leben sowie ein Verzeichnis der Beiträge, die Weiss zwischen 1923 und 1927 als reisender Reporter im Nahen Osten für die „Frankfurter Zeitung“ verfasst hat.

1954, nach seinem Rückzug aus der Politik, veröffentlichte Weiss alias Asad seine viel beachtete Autobiografie „The Road to Mecca“, die, wie der Titel bereits nahe legt, eine Konversionserzählung ist. [1] Windhager hat seine biografische Studie als eine Art kritischen Kommentar zu diesem Text angelegt. Ausführlich zitierte Passagen ergänzt er um die Ergebnisse eigener Archivrecherchen, teilweise korrigiert er. Darüber hinaus hat er Angehörige in Interviews und Briefen befragt, deren Aussagen der Darstellung eine weitere Facette hinzufügen.

In vier Kapiteln wird der Weg „von Galizien nach Arabien“ nachvollzogen. Obwohl von Windhager nicht als solche thematisiert, wird darin die typische Biografie eines (ost)mitteleuropäischen Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts sichtbar: Geboren in einem bürgerlich-aufgeklärten Haus (der Vater Akiba ist Rechtsanwalt), erhält Leopold Weiss neben der weltlichen auch eine traditionell-jüdische Erziehung – wohl ein Zugeständnis an den Großvater Benjamin, der im bukowinischen Czernowitz das Amt eines orthodoxen Rabbiners versieht. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges siedelt die Familie aus dem kriegsbedrohten Lemberg nach Wien über. Nach einigen Semestern an der Wiener Universität zieht es Leopold, wie viele jüdische Intellektuelle des einstigen Habsburgerreiches, nach Berlin, wo er sich als Journalist und Drehbuchschreiber versucht. Zunehmend abgestoßen vom „ethischen Chaos“ (S. 101) der Weimarer Republik und der westlichen Kultur generell, beginnt er sich mit dem „Osten“ zu beschäftigen - zuerst mit fernöstlicher Philosophie und schließlich mit dem muslimischen Kulturkreis. Als Reporter der „Frankfurter Zeitung“ unternimmt er zwischen 1922 und 1926 zwei längere Orientreisen, die ihn nach Palästina und Transjordanien, nach Ägypten, Syrien, in die Türkei, den Irak, nach Persien und schließlich nach Afghanistan führen. Doch anders als viele andere Juden in jener Zeit wendet er sich nicht der zionistischen Idee zu, sondern konvertiert 1927 gleich zweimal, erst in Berlin und dann noch einmal in Kairo, zum Islam.

Was in der Autobiografie von Weiss alias Asad sehr zielgerichtet, ja geradezu teleologisch erscheint, erweist sich in der kritischen Rekonstruktion Windhagers als mühsame Suchbewegung eines existentiell Verunsicherten. Als Leitmotiv der Darstellung erscheint die Suche des Protagonisten nach „Identität“, wobei diese ausdrücklich als „konstruiert, wandelbar, an einen spezifischen historischen Kontext gebunden“ (S. 44) aufgefasst wird. Das Nachzeichnen jenes historischen Kontextes steht auch im Zentrum des Buches. Dabei stößt Windhager auf eine eigentümliche Leerstelle in der Selbstdarstellung von Weiss alias Asad, nämlich die auffällige Ausklammerung aller jüdischen Bezüge in dieser doch so exemplarisch jüdischen Biografie. In einem kurzen Abschnitt unter der Überschrift „Antisemitismus, jüdische Identität und Zionismus“ (S. 71-76) skizziert Windhager dieses Problem, ohne es jedoch weiter zu vertiefen. Ein Seitenblick auf die Lebensläufe jüdischer Zeitgenossen seines Protagonisten hätte hier womöglich aufschlussreich sein können.

Weiss alias Asad war ein entschiedener Gegner des politischen Zionismus, den er als muslimischer Neophyt ganz aus dem arabischen Blickwinkel beurteilte. Bei näherem Hinsehen lassen sich hinter seiner Ablehnung der zionistischen Alija in Palästina jedoch durchaus spezifisch jüdische Begründungsmuster entdecken. So wirkt es wie ein später Reflex der traditionell-religiösen Erziehung, wenn er seine antizionistische Haltung mit einer schicksalhaften Notwendigkeit des Golus, der Diaspora, begründet: „Es lag doch ein Sinn in dem Verlust der Heimat; und solange dieser Sinn nicht erfüllt ist, ist es eben sinnlos, alten Formen ohne neuen Geist nachzustreben“ (S. 125). Die Suche nach „Heimat“ erscheint auch als Leitmotiv seiner Konversionsgeschichte, die er folgerichtig als „Heimkehr“ deutet: „Ich habe Einkehr in Arabien gehalten: oder ist es vielleicht Heimkehr gewesen? Heimkehr des Blutes, das über den Bogen der Jahrtausende zurück seine alte Heimat erspäht hat und nun diesen Himmel – meinen Himmel – mit einem schmerzhaften Jubel wieder erkennt?“ (S. 198). Das Arabien des Leopold Weiss erweist sich hier unversehens als ein Zion in neuem Gewand; und Muhammad Asad erscheint als ein weiterer, wenn auch besonders eigenwilliger, „hozer bitshuvah“ – als einer, der zur Antwort zurückkehrt, wie die zum Glauben zurückfindenden Juden genannt werden.

Dieser spezifische Aspekt der Konversionsgeschichte des Leopold Weiss kommt in der Darstellung Günther Windhagers leider zu kurz. Dennoch ist es ihm gelungen, dessen Weg „von Galizien nach Arabien“ nicht allein als individuelle religiöse Sinnsuche, sondern als besondere Ausprägung einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts allgegenwärtigen Zivilisations- und Modernekritik nachzuvollziehen.

Anmerkung:
[1] Muhammad Asad: The Road to Mecca, New York 1954; deutsch: Der Weg nach Mekka, Berlin, Frankfurt / Main 1955.

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Veröffentlicht am
09.01.2003
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