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Titel
Sinti und Roma im Dritten Reich. Geschichte einer Verfolgung


Autor(en)
Bastian, Till
Erschienen
München 2001: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
94 S., 2 Abb. und 2 Karten
Preis
€ 7,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Holler, Freie Universität Berlin, Fachbereich Geschichte

Till Bastian ist ein äußerst produktiver Autor. In jedem Jahr veröffentlicht der gelernte Mediziner und Leiter des Forschungsinstituts „Umwelt, Kultur und Frieden“ in Isny mindestens ein neues Werk, wobei er sich in den letzten Jahren mehr und mehr auf griffige Überblickswerke der C.H. Beck-Reihe spezialisiert hat. „Sinti und Roma im Dritten Reich“ passt inhaltlich in eine ganze Reihe von Titeln, die sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander setzt. [1]

Die Absicht des Autors besteht laut eigener Aussage in einer „knapp gefassten Darstellung des nationalsozialistischen Völkermordes an den ‚Zigeunern’“. (S.8) Den Schwerpunkt bildet daher auch die Beschreibung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zwischen 1933 und 1945. In drei vorangestellten Kapiteln geht Bastian auf die “Vorläufer der Diskriminierung vom Mittelalter bis zur Weimarer Republik” ein, während in einem abschließenden Kapitel eine Bilanz gezogen und auf die ausbleibende Strafverfolgung der NS-Täter hingewiesen wird. In einem Nachwort, das mit “Und heute?” betitelt ist, geht Bastian schließlich in aller Kürze auf die ungebrochen antiziganistische Mentalität im Nachkriegs- und heutigen Deutschland ein.

Als Materialbasis der gesamten Darstellung dienen im wesentlichen wissenschaftliche Publikationen der letzten zehn Jahre. Kaum nachvollziehbar ist insofern Bastians Entscheidung, Michael Zimmermanns umfangreiches und detailliertes Standardwerk zur NS-„Zigeunerpolitik“ [2] unberücksichtigt zu lassen. Darüber hinaus lässt die Zitierform des öfteren zu wünschen übrig, denn trotz eines Anmerkungsapparats finden sich immer wieder Formulierungen wie „einige Autoren vermuten sogar...“ oder auch ganze Zitate ohne exakte Quellenangabe.

Sprachlich und stilistisch orientiert sich Bastian nicht gerade an sachlicher Nüchternheit, sondern erweist sich als engagierter, anklagender Autor. Im Hinblick auf die Ungeheuerlichkeit der NS-Verbrechen, aber auch im Sinne der populärwissenschaftlichen Zwecke des Buches, muss dies jedoch kein Nachteil sein.

Ein Überblickswerk auf beengtem Raum zu verfassen, verlangt von einem Autor ein sicheres Gefühl für die Gewichtung des Wesentlichen und den Mut zu unvermeidbaren Auslassungen. Am überzeugendsten gelingt dies Bastian in den Kapiteln, die sich konkret mit der NS-Verfolgung der Sinti und Roma beschäftigen. Das richtige Maß an Fakten und Urteilen garantiert eine souveräne Wissensvermittlung. [3] Auch bei der prägnanten Beschreibung des rassentheoretischen Hintergrundes der „Zigeuner“-Verfolgung spürt man die Erfahrung und Kompetenz Bastians. Die folgenschwere „Zigeunerforschung“ Robert Ritters, des einflussreichen Leiters der „Rassenhygienischen und Erbbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamts“ in Berlin-Dahlem, wird in ihrem pseudowissenschaftlichen Charakter anschaulich entlarvt. Ebenso überzeugend definiert Bastian den Runderlass Himmlers von 1938, in welchem er die vollständige Erfassung und „rassenbiologische Begutachtung“ aller deutschen „Zigeuner und nach Zigeunerart umherziehenden Personen“ anordnete, um die „Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus“ zu behandeln, als unmittelbare Voraussetzung für den kommenden Völkermord: „Himmlers ‚Erlaß zur Bekämpfung der Zigeunerplage’ vom 8. Dezember 1938 machte dann endgültig jenen Weg frei, der für Tausende von Menschen direkt in die Gaskammern führte.“ (S.42) Die Rechtssprechung der 50er Jahre leugnete die rassische Verfolgung der 30er Jahre und erkannte deren Beginn erst ab dem 16.12.1942 (Himmlers „Auschwitz-Erlass“) bzw. März 1943 (Beginn der systematischen Massendeportationen nach Auschwitz) an.

Sehr zu bedauern ist, dass Bastian an keiner Stelle auf neuere Forschungsansätze [4] und aktuelle historiographische Kontroversen eingeht. Dabei bezieht er selbst immer wieder Positionen derselben, ohne jedoch die dahinter liegende Diskussion zu erwähnen. So spricht Bastian – zurecht – von einem Völkermord an den Sinti und Roma, lässt dabei jedoch vollkommen unerwähnt, dass sich in jüngster Zeit eine heftige Kontroverse über diese Kategorie entfachte. Im Hinblick auf die Intention, Motivation und Totalität schließt z.B. Yehuda Bauer eine Vergleichbarkeit zum Genozid an den europäischen Juden aus. [5] Bezeichnenderweise übernimmt Bastian dennoch die Ansicht, die Mordaktionen der Einsatzgruppen im Russlandfeldzug hätten – im Gegensatz zu Serbien - ausschließlich wandernde, d.h. nichtsesshafte „Zigeuner“ betroffen. (S.68-69) Gerade diese nicht belegbare Vermutung dient Yehuda Bauer jedoch als ein Argument gegen den Genozid-Begriff, da die Vernichtung nicht das gesamte Volk der Sinti und Roma betroffen habe. Romani Rose wiederum versucht im Gegenzug nachzuweisen, dass in der Praxis kein Unterschied zwischen sesshaften und nichtsesshaften Roma gemacht wurde und somit sehr wohl von einem intendierten Völkermord gesprochen werden muss. [6]

Zwischen dem Hauptteil und den einleitenden Kapiteln klafft leider ein auffallender qualitativer Unterschied. An erster Stelle ist hier das erste Kapitel zu kritisieren, das sich der „Vorgeschichte der ‚Zigeunerpolitik’ Hitlerdeutschlands“ widmet. Die Auswahl einzelner Aspekte aus der frühen Neuzeit wirkt willkürlich gewählt und oberflächlich. Bastian referiert vornehmlich die Ansichten von Burke, Irsigler und Lasotta. [7] Mit dem Verlust der eigenen Urteilssouveränität rächt sich der rein kompilatorische Rückgriff auf Sekundärliteratur. So übernimmt Bastian die weitverbreitete Meinung, bereits Friedrich der Große habe 1775 bei Friedrichslohra „Zigeuner“ angesiedelt (S.17) [8], übergeht dafür aber vollkommen den Göttinger Gelehrten Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann, der mit seinem „historischen Versuch“ das negative „Zigeunerbild“ bis ins ausgehende 19. Jahrhundert entscheidend prägte. [9]

Bastian wird also seiner Vorgabe, die „Vorläufer der Diskriminierung vom Mittelalter bis hin zur Weimarer Republik“ aufzuzeigen, nur bedingt gerecht. Erst mit der Beschreibung des rassistischen Antiziganismus ist Bastian in seinem Spezialgebiet angekommen, was eine deutliche qualitative Steigerung zur Folge hat.

Ungeachtet der inhaltlichen Kritikpunkte hinterlässt Till Bastians Überblickswerk insgesamt einen positiven Eindruck. Einen Beitrag zur Forschung kann und will der Autor mit „Sinti und Roma im Dritten Reich“ freilich nicht leisten. Aber dem Anspruch, auf begrenztem Raum grundlegendes Wissen zu vermitteln, wird er – zumindest im Hauptteil – größtenteils gerecht.

Anmerkungen:
[1] Zuvor von Till Bastian bei C.H. Beck erschienen: Auschwitz und die „Auschwitz-Lüge“ (1997; 5.Auflage); Furchtbare Soldaten (1997; 2.Auflage); Furchtbare Ärzte (2001; 3.Auflage); Homosexuelle im Dritten Reich (2000).
[2] Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage“. Hamburg 1996.
[3] Die einzige Ausnahme dieser Regel besteht darin, dass Bastian das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 nicht erwähnt. Unter den Tausenden Opfern von Zwangssterilisationen befanden sich auch Sinti und Roma, denen von zuständigen Erbgesundheitsgerichten ein „angeborener Schwachsinn“ unterstellt wurde. Vgl. hierzu Bock, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und zur Frauenpolitik. Opladen 1986, S.236-238, a.a.O.
[4] Stellvertretend zu erwähnen seien hier die Parallelen und Differenzen zwischen der antisemitischen und der antiziganistischen Ideologie, die Wolfgang Wippermann in einer vergleichenden Studie nachgewiesen hat. Vgl. Wippermann, Wolfgang: „Wie die Zigeuner“. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich. Berlin 1997.
[5] Vgl. Bauer, Yehuda: Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. Frankfurt am Main 2001. (Engl. Originalausgabe: ders.: Rethinking the Holocaust. New Haven 1998). Darüber hinaus bestreitet Guenter Lewy vehement die rassistische Intention und Planmäßigkeit der NS-„Zigeunerverfolgung“ sogar innerhalb des Reichsgebiets. Vielmehr hätten soziale Faktoren, wie etwa der Grad der gesellschaftlichen Anpassung, dominiert. Vgl. Lewy, Guenter: „Rückkehr unerwünscht“. Die Verfolgung der Zigeuner im Dritten Reich. Berlin 2001, S.368-372. (Engl.: ders.: The nazi persecution of the gypsies. Oxford 2000). Groteske Ausmaße nimmt Lewys Argumentation an, wenn er die Deportation deutscher Sinti und Roma nach Auschwitz im März 1943 als improvisierte Maßnahme bezeichnet, die ohne Vernichtungsabsicht verlaufen sei. Vgl. Lewy, ebenda.
[6] Vgl. Rose, Romani: Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma in der Geschichtsschreibung. (Nachwort des Herausgebers). In: ders. (Hrsg.): „Den Rauch hatten wir täglich vor Augen“. Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Heidelberg 1999, S.344-353.
[7] Vgl. Burke, Peter: Helden, Schurken und Narren. Europäische Volkskultur in der frühen Neuzeit. München 1985. ; Irsigler, Franz; Lasotta, Arnold: Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Außenseiter in einer mittelalterlichen Stadt. München 1989.
[8] Widerlegt wurde diese Legende durch folgenden Essay: Danckwortt, Barbara: Franz Mettbach – Die Konsequenzen der preußischen „Zigeunerpolitik“ für die Sinti in Friedrichslohra. In: Danckwortt, Barbara; Querg, Thorsten; Schöningh, Claudia (Hrsg.): Historische Rassismusforschung. Ideologien – Täter – Opfer. Hamburg; Berlin 1995, S.273-295. Versuche mit Zwangsansiedlungen gab es im 18. Jahrhundert allein in Österreich-Ungarn unter Maria Theresia und Joseph II.
[9] Vgl. Grellmann, Heinrich Moritz Gottlieb: Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volkes in Europa, nebst ihrem Ursprunge. Dessau und Leipzig 1783.

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Veröffentlicht am
22.10.2002
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