W. Becker u.a. (Hg.): Lexikon der Christlichen Demokratie

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Titel
Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, hrsg. im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V..


Herausgeber
Becker, Winfried; Buchstab, Günther; Doering-Manteuffel, Anselm; Morsey, Rudolf
Erschienen
Paderborn u.a. 2002: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
809 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dr. Frank Boesch, Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr Universität Bochum,

In jüngster Zeit scheint der Markt für Handbücher deutlich zu expandieren. Das gilt auch für biographische Nachschlagewerke über westdeutsche Politiker. Allein in den letzten drei Jahren erschienen Bände über die „Mitglieder des deutschen Bundestages 1949-2002“, die „Kanzler und Minister 1949-1998“, die „Bundestagskandidaten und Mitglieder der westzonalen Vorparlamente“ (1946-1961) und „Deutsche Politiker 1949-1969“[1]. Das neue biographische Interesse mag ein Grund hierfür sein. Zugleich spiegeln die Publikationen das Bedürfnis, nach fünfzig Jahren Bundesrepublik und dem erneuten Generationswechsel eine Bestandsaufnahme vorzunehmen.

Das von der Adenauer-Stiftung herausgegebene „Lexikon der Christlichen Demokratie“ steht in diesem Kontext. Mit ihm liegt nun erstmals ein Nachschlagewerk für eine Partei vor. Da die CDU trotz ihrer immensen Bedeutung lange Zeit vergleichsweise wenig erforscht wurde, ist diese Publikation sehr zu begrüßen [2]. Das Lexikon beschränkt sich zudem nicht auf die Partei im engeren Sinne, sondern bezieht auch historische Vorläufer und nahestehende Institutionen und Themenfelder ein. Sein ambitionierter Aufbau gliedert sich in fünf unterschiedliche Teile. Herzstücke des Bandes sind ein biographisches Lexikon und ein Sachlexikon. Ergänzt wird dies durch einen gerafften historischen Überblick, eine umfangreiche Zeitleiste und einen ausführlichen Datenanhang. Einführende Literaturverweise runden die Einträge ab.

Unter den über 200 Autoren finden sich ausgewählte Historiker, Politologen, Ökonomen und Theologen. Ein großer Teil der Einträge wurde von den Mitarbeitern der Adenauer-Stiftung selbst verfaßt, während Mitarbeiter der Seidel-Stiftung vor allem über die Politiker und Institutionen der CSU berichten. Daneben dokumentieren einige politische Akteure ihr eigenes Feld. So schreibt der frühere stellvertretende RCDS-Bundesvorsitzende Holger Thuß über den RCDS, der langjährige Generalsekretär der EVP, Thomas Jansen, über die EVP und der ehemalige Vorsitzende des „Landesverband Oder-Neiße der CDU/CSU“, Josef Stingl, über „Flucht und Vertreibung“.

Der einleitende historische Überblick gewährt eine knappe Gesamtschau über die Entwicklung der Christlichen Demokratie von 1870 bis zum Jahr 2000. Forschungskontexte oder -kontroversen werden dabei kaum aufgegriffen, und auf Anmerkungen wird verzichtet. Überraschende oder neue Einsichten findet der kundige Leser zwar nicht. Um so interessanter sind aber Auswahl und Gewichtung. Zur „Christlichen Demokratie“ des Kaiserreiches zählt Winfried Becker neben dem Zentrum die Altkonservativen und Stoeckers Christlich-soziale Arbeiterpartei. Rudolf Morsey rechnet für die Weimarer Republik neben dem Zentrum, der Bayrischen Volkspartei und einigen protestantischen Splittergruppen auch die „Christlichen Kräfte innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei“ hierzu. Brigitte Kaff listet zahllose Widerstandskämpfer auf, die zwischen 1933 und 1945 die Geschichte der Christlichen Demokratie verkörpert hätten. Der von Manfred Agethen verfasste Abschnitt über die CDU in der DDR nimmt eine Trennung zwischen der SED-treuen Führung und der oppositionellen Haltung weiter Teile der Basis vor. Selbst in den 70/80er Jahren, die der Artikel nur kursorisch streift, habe sich wie in den übrigen Parteien „ein verdecktes oppositionelles Potential“ (S. 111) gehalten, weswegen er vor dem Blockflöten-Vorwurf warne (S. 113). Vielen Fachhistorikern dürften diese Abschnitte mitunter etwas zu glatt erscheinen. Auch bei den Kapiteln zur CDU/CSU im Westen vermisst man die weniger rühmlichen Seiten der Parteigeschichte. So werden etwa die Vergangenheitspolitik der Ära Adenauer und die Kontroversen um Globke oder Oberländer ausgespart; beide werden nicht einmal mehr namentlich erwähnt. Ebenso erfährt der Leser wenig über die Krisen der Partei. So übergeht Horst Möller in seinem Abschnitt über Kohls erste Regierungshälfte den „Bremer Putschversuch“ von 1989 und die Jenninger-, Wörner-Kießling- und Flick-Affäre. Die Finanzierung der Partei ist in der gesamten Darstellung kein Thema, obwohl diese nicht nur die interne Parteiarbeit prägte, sondern auch ihre öffentliche Wirkung.

Großen Gebrauchswert hat der biographische Teil des Lexikons. Gerade für Politiker, die nicht dem Reichs- und Bundestag angehörten, bietet er hilfreiche Informationen. Zu Christdemokraten wie Albrecht, Altmeier, Heinemann, Kiesinger, Schröder oder Strauß finden sich ausgewogene und informative Darstellungen. Daneben stehen einige engagierte Verteidigungsschriften (wie über Hans Filbinger) oder hagiographische Lobeshymnen, zu denen etwa Theo Schwarzmüllers Eintrag über Helmut Kohl zählt, den er weitgehend wortgleich auch dem „Biographischen Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages“ beisteuerte. Junge Politiker sind zumindest mit knappen Lebensdaten verzeichnet. Die Biographien von zahlreichen Zentrumspolitikern und Mitgliedern von christlichen Organisationen ergänzen die Liste. Hochinteressant ist die Auswahl derjenigen, die als wichtige Vertreter der Christlichen Demokratie gewertet werden. Bischof Otto Dibelius oder der Zeitungswissenschaftler Emil Dovifat zählen hierzu. Dagegen findet jemand wie Hans Globke auch hier keinen Eintrag mehr, obwohl er in der Ära Adenauer sicherlich zu den einflußreichsten Christdemokraten neben dem Kanzler gehörte. Auch die von Kohl schließlich gestürzten Vor- und Querdenker der Partei (wie Peter Radunski, Wulf Schönbohm oder Warnfried Dettling), die in der Wissenschaft größere Aufmerksamkeit gefunden haben, rechnet man nicht zu den wichtigen Repräsentanten.

Ein ungewöhnlicher, aber durchaus interessanter Teil ist zudem das Sachlexikon. Es versammelt Überblicke über Politikfelder, Organisationen und Schlüsselbegriffe der Christlichen Demokratie. Besonders hilfreich sind die kurzen Einträge zum organisatorischen Umfeld der Union (wie ADK, CDA, DUD, EAK oder NEI), die in gewöhnlichen Nachschlagewerken kaum zu finden sind. Die Einträge zu den Politikfeldern geben jeweils eine generelle Einführung in den Gegenstand, um dann vor allem die Verdienste und Positionen der CDU/CSU auf diesem Gebiet darzustellen. Dabei ergeben sich leichte Doppelungen und Überschneidungen (etwa Bildungspolitik, Elternrecht, Schule oder Familienpolitik, Ehe und Familie, Schutz des Lebens). Keinen Eintrag gibt es etwa zur Frauenpolitik der CDU/CSU, wohl aber zur Frauenbewegung und zur Frauen-Union. Insgesamt überwiegt ein nüchterner Stil, auch wenn einzelne Artikel etwas überdeutlich zu Gesinnungsaufsätzen werden; etwa, wenn der Eintrag „Arbeit“ ausführlich vor der Einwanderung warnt. Andere Artikel behandeln weniger parteispezifische Stichworte, die sich in jedem anderen Nachschlagewerk finden lassen (wie Feminismus, Menschenrechte, Staatssymbole etc.). Ihre Aufnahme läßt sich nur damit erklären, dass für die Partei gemeinsame Sprachregelungen gefunden werden sollen. Von den Deutungsversuchen dürften nicht nur die aktiven Unionspolitiker der Gegenwart zehren, sondern auch die Historiker späterer Generationen zehren, die begriffsgeschichtlich arbeiten.

Abgerundet wird das Lexikon durch einen Anhang mit umfangreichen Daten. Hilfreich sind hier besonders die Listen mit den Vorsitzenden der Parteien und Parteivereinigungen. Aber auch die Einträge zu den Parteitagen und Programmbeschlüsse haben hohen Gebrauchswert. Wahlergebnisse über die einzelnen Bundesländer runden die Dokumentation ab. Eine Zeittafel von 1870 bis 1933 und 1945-2002 ergänzt dies. Hier ist ärgerlich, dass das erste Datum der Leiste, das „Soester Programm“ vom 28.10.1870, um ein Jahr falsch datiert wird.

Insgesamt hat die Adenauer-Stiftung einen interessanten und nützlichen Band vorgelegt. Sowohl für die Parteianhänger der Union als auch für die Parteienforschung ist das Buch von Bedeutung: Es ist ein Nachschlagewerk für allerlei Daten, und es ist eine Quelle, um das Selbstverständnis und die Selbstvergewisserung der Union nach Kohls Rücktritt auszumachen. Man wird mit Spannung erwarten, ob die Ebert-Stiftung nun mit einer ähnlichen historischen Ortsbestimmung für die Sozialdemokraten nachzieht.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rudolf Vierhaus/ Ludolf Herbst (Hg.), Biographisches Handbuch der Mitglieder des
Deutschen Bundestages 1949-2002, 2 Bde., München 2002; Udo Kempf/ Hans-Georg Merz (Hg.), Kanzler und Minister 1949-1998. Biografisches Lexikon der deutschen Bundesregierungen, Opladen 2001; Martin Schumacher (Hg.), Volksvertretungen im Wiederaufbau 1946-1961. Bundestagskandidaten und Mitglieder der westzonalen Vorparlamente. Eine biographische Dokumentation, Düsseldorf 2000; Torsten Oppelland (Hg.), Deutsche Politiker 1949-1969. 16 Biographische Skizzen aus Ost und West, 2 Bde. Darmstadt 1999.
[2] In den letzten Jahrzehnten erschienen nur zwei monographische Gesamtdarstellungen zur CDU-Geschichte; von Seiten der Adenauer-Stiftung bereits: Hans-Otto Kleinmann, Geschichte der CDU 1945-1982, Stuttgart 1993; sowie jetzt: Frank Bösch, Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU, Stuttgart/ München 2002.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.12.2002
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