I. Albers u.a.(Hgg.): Blicke auf Afrika nach 1900

Cover
Titel
Blicke auf Afrika nach 1900. Französische Moderne im Zeitalter des Kolonialismus


Herausgeber
Albers, Irene; Pagni, Andrea; Winter, Ulrich
Erschienen
Tübingen 2002: Stauffenburg Verlag
Anzahl Seiten
292 S.
Preis
€ 49,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Simo, Fakultät für Humanwissenschaften, Universität Yaoundé

Die vom postkolonialen Diskurs entwickelten Positionen und Kategorien scheinen nach und nach wissenschaftliche Untersuchungen auch in Deutschland auf eine erfreuliche Weise zu befruchten. Das von Irene Albers, Andrea Pagni und Ulrich Winter herausgegebene Buch ist ein Beispiel davon.

Das Buch besteht aus Beiträgen, die in der Sektion „Blicke auf Afrika nach 1900“ des 26. Deutschen Romanistentages (26.-29. September 1999 in Osnabrück) präsentiert wurden. Wie oft in ähnlichen Publikationen, die auf Tagungen zurückgehen, ist das Buch nicht sehr kohärent und systematisch. Daher versuchen die Herausgeber in einer ausführlichen Einleitung, die Beiträge in einen umfassenden theoretischen Rahmen zu stellen.

Es geht also nicht nur darum, Einzelstudien zusammenzustellen, sondern es werden anspruchsvolle theoretische und epistemologische Ziele verfolgt. Das Buch schreibt sich ausdrücklich in die Folge von zwei wichtigen und einflussreichen Schriften ein, und zwar Edward Saïds Buch „Culture and Imperialism“ (1993) und Frederic Jamesons Aufsatz „Moderne und Imperialismus“ (1997). Den Herausgebern geht es also darum, den von diesen beiden Autoren postulierten und analysierten Zusammenhang zwischen europäischer Moderne und Kolonialismus zu dokumentieren. Und dies wird nicht unbedingt verstanden als Kritik an der Moderne. Die Moderne wird also nicht auf kolonialistische Propaganda und auch nicht auf einen ästhetischen Eskapismus reduziert. Vielmehr wird Literatur als „Schreiben der Kultur“ ernst genommen und nach ihrem Aussagekontext befragt, wobei ihre Beziehung zu verschiedenen anderen Diskursen sichtbar wird, und zwar zur Ethnologie. Im Buch geht es also weniger um politische Positionen der Autoren als um spezifische Wahrnehmungsmodi, die auf den Kolonialismus zurückzuführen sind und ein repräsentatives Spektrum französischer und frankophoner Afrikadiskurse dokumentieren, die sich parallel und in Abhängigkeit zur kolonialen Expansion während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Feld von Avantgarde („Art Nègre“), exotischer Negrophilie, ethnografischer Theorie und Feldforschung, Reiseliteratur, Kulturkritik und Populärkultur ausgebildet haben.

Dadurch soll eine These der Herausgeber untermauert werden, wonach die Rolle, die der Orient im kulturellen Bewusstsein des 19. Jahrhunderts als Projektionsfläche und Bühne für das „andere“ Europa, als ein romantischer Traum von einem „underground self“ (Saïd 1995 [1978], 3) und als eine Welt des eigenen kulturellen Ursprungs gespielt hatte, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Afrika, d.h. genauer Schwarzafrika, übernommen wurde. Es ist schade, dass die Autoren diese These nicht weiter erläutern und den Grund einer solchen Veränderung des Projektionsobjektes nicht zu erfassen versuchen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden Beiträge gruppiert, die die lustvollen Regressionen in avantgardistischen Phantasien vom „Primitiven“ thematisieren und zugleich Textmodelle, mit welchen die Ambivalenz von Abwehr und Identifikation mit dem eigenen, inneren Primitiven erkundet wird. Zwar versucht der Aufsatz von Joachim Schutz einen Überblick über die Negrophilie der europäischen Avantgarde von 1900 bis 1930 zu skizzieren, aber die anderen Beiträge in diesem Teil fokussieren auf den Roman Claire Golls „Der Neger Jupiter raubt Europa“. Dieser Roman wird mit Philippe Soupault „Le Nègre“ verglichen. Dass ein deutscher Roman im Mittelpunkt der Überlegungen über französische Moderne in ihrer Beziehung zum Kolonialismus steht, ist ein Paradox. Diese Wahl hat mit dem Handlungsort des Romans Claire Golls, nämlich Paris, und den besonderen Beziehungen zu tun, die diese Schriftstellerin und ihr Mann Ivan Goll mit Frankreich gepflegt haben. Beide Autoren sind wohl als deutsch-französische Autoren zu betrachten.

Weitere französische Autoren wären trotzdem notwendig gewesen, um unterschiedliche Textmodelle aufzuzeigen.

Der zweite Teil handelt von Afrikareisenden. Hier werden vor allem zwei Autoren behandelt, nämlich André Gide und Georges Simenon. Die Beiträge kreisen um die Beziehung zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Erfahrung und Schreiben, Visionen und Erfahrungen. Die Beiträge zeigen auch, wie Afrika zum exterritorialisierten Schauplatz einer ethisch-ästhetischen Selbstverständigung in einem literarischen und politischen Feld wurde, das durch die Moderne bestimmt war. Auch hier muss bemängelt werden, dass so wenige literarische Beispiele behandelt wurden.

Der dritte Teil handelt, so die Herausgeber, vom Afrika-Diskurs als „intermediärem Raum“. Ziele und Ansätze der Beiträge dieses Teils sind am schwierigsten unter einen Hut zu bringen. Und so undeutlich klingen auch die Ausführungen der Herausgeber, die schreiben: „Der Exotismus mit seinen Ausdrucksformen wird hier als Medium der Erkenntnis behandelt, als Medium einer kulturinternen Kommunikation über andere Kulturen, das nicht einfach an den Kriterien von „richtig“ und „falsch“ gemessen werden kann.“ (S. 23) Damit ist doch gemeint, dass die Texte einfach als Literatur, also als Fiktion, als Simulation von Erfahrungen gelesen wurden, wobei kulturinterne Kommunikationssprache und Muster über andere Kulturen beobachtet werden können. Die Texte werden also nicht als Sachbücher oder als Lebenserfahrungsprotokoll gelesen, was bedeutet, dass die von der Avantgarde aufgehobene Differenz zwischen Poesie und Leben wieder eingeführt wird. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Dass man dies an Raymond Roussels „Impressions d’Afrique“ versucht, kann man verstehen, aber dass dies an Untersuchungen über Marcel Griaules „Dieu d’eau“, an Positionen von karibischen Autoren wie Alejo Carpentier aus Kuba, Jacques Stephen Alexis aus Haiti und Edouard Glissant von den Antillen auch exemplifiziert wird, ist schwer zu verstehen.

Die Herausgeber vermissen in der Romanistik eine postkoloniale Theoriebildung , die mit der anglistischen vergleichbar wäre. Mit ihrem Buch haben sie sicherlich einen Baustein dieser Theoriebildung geliefert. Vielleicht wäre es ratsam, nicht 1900 als Anfang der Entdeckung Afrikas durch die französische Moderne zu nehmen, sondern bei Rimbaud, Claudel und Bergson zu beginnen, wie Leopold Seden Senghor es tut.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.01.2004
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