: Eine Stadt sucht einen Mörder. Gerücht, Gewalt und Antisemitismus im Kaiserreich. Göttingen  2002. ISBN 3-525-36267-6

: Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt. Göttingen  2002. ISBN 3-89244-612-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Föllmer, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften

Am 11. März 1900 wurde in der westpreußischen Kleinstadt Konitz die zerstückelte Leiche des 18jährigen Gymnasiasten Ernst Winter gefunden. Die Art des Mordes legte den Schluss nahe, dass er von einem versierten Schlachter begangen worden war. Doch der Kriminalpolizei gelang es nie, den Täter zu finden. Dagegen waren viele Einwohner von Konitz und Umgebung schnell davon überzeugt, dass es sich um einen jüdischen Ritualmord handelte. Es folgten eine Flut von Beschuldigungen und Gerüchten sowie gewalttätige Ausschreitungen, die die örtlichen Juden in Todesangst versetzten und nur durch den Einsatz des preußischen Militärs beendet werden konnten. Die Untersuchung dieses Falls ermöglicht interessante und grundsätzliche Aufschlüsse über den Antisemitismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit Christoph Nonn und Helmut Walser Smith haben jetzt gleich zwei Historiker Bücher dazu vorgelegt, die ein genaues Bild von Ursachen, Verlauf und Konsequenzen der Ereignisse von Konitz vermitteln.

Die große Mehrheit der lokalen Bevölkerung glaubte an das Ritualmordgerücht und ein in sich heterogener Teil war aktiv an seiner Produktion beteiligt. Außenseiter, darunter mehrere Dienstmädchen bei jüdischen Familien, setzten mit ihren Geschichten einen Wettlauf um Aufmerksamkeit in Gang und übten Macht über die Beschuldigten aus. Tagelöhner, Handwerksgesellen und Fabrikarbeiter beteiligten sich an den antisemitischen Krawallen. Im "Überwachungskomitee" versammelten sich konservative Honoratioren, um die "Aufklärung" der Ritualmordvorwürfe voranzutreiben. Schließlich verschafften Konitzer und Berliner Journalisten dem lokalen Antisemitismus Anerkennung und weltanschauliche Legitimation.

Demgegenüber befand sich die jüdische Minderheit in einer prekären Situation. Die liberale Unterstützung beschränkte sich auf den Bürgermeister, einen Gymnasiallehrer und einen Teil der Berliner Presse. Die Rolle des preußischen Staates war ambivalent: Während den Ausschreitungen mit Härte entgegengetreten wurde, waren verschiedene Beamte selbst nicht frei von antisemitischen Ressentiments und hielten einen Ritualmord prinzipiell für möglich. Zudem leistete das anfänglich dilettantische Vorgehen bei der Tätersuche sowie das Aussetzen einer astronomisch hohen Belohnung den Beschuldigungen gegen die Juden Vorschub.

Christoph Nonn und Helmut Walser Smith behandeln den Fall Konitz mit beeindruckender Kompetenz und auf hohem Reflexionsniveau, aber aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt des Buches von Nonn steht die kommunikative Dynamik der Beschuldigungen und Gerüchte, die von dem Geltungsbedürfnis ihrer Urheber angetrieben wurde. Zwar erscheint es problematisch, dieses Geltungsbedürfnis als "anthropologische Konstante" zu bezeichnen, aber in seiner detaillierten mikrohistorischen Untersuchung arbeitet Nonn die Zusammenhänge zur lokalen, regionalen und reichsdeutschen Gesellschaft um 1900 klar heraus. Er zeigt, wie Honoratioren, Unterschichten und rechtsradikale Journalisten vor dem Hintergrund eines breiten antisemitischen Konsenses dazu beitrugen, dass die Beschuldigungen so bereitwillig rezipiert wurden. Smith greift historisch weiter aus und geht ausführlich auf die Tradition des Ritualmordglaubens seit dem Mittelalter ein. Diese christliche Judenfeindschaft wirkte bis weit in die Moderne hinein fort und wurde durch den ungeklärten Mord an Ernst Winter abgerufen. Das bösartige Ritual der Ausschreitungen schloss die jüdische Minderheit aus der lokalen Gemeinschaft aus; es bewirkte wenn nicht den tatsächlichen, so doch einen gesellschaftlichen Tod der angeblichen Ritualmörder.

Beide Zugänge schließen sich nicht aus, sondern lassen sich komplementär verstehen. Bei Smith erfährt man mehr über den historischen Hintergrund der Ritualmordvorwürfe und über die Ausschreitungen selbst, die zudem plausibel interpretiert werden. Nonn leuchtet den Raum zwischen beidem aus und widmet sich detaillierter den Akteuren, die an der Verbreitung und Rezeption der Beschuldigungen beteiligt waren. Die übergeordnete Bedeutung der Bücher liegt darin, dass sie stärker als bisherige Arbeiten auf den prozessualen Charakter und die kommunikative Konstruktion des Antisemitismus im Kaiserreich aufmerksam machen. Zudem bestätigen beide die neuere Tendenz in der Forschung, die etablierte Unterscheidung zwischen traditionaler, christlicher Judenfeindschaft und modernem, wissenschaftlich legitimiertem Antisemitismus zu relativieren - weder um 1900 noch nach 1933 brauchte man Rassenantisemit zu sein, um seinen jüdischen Nachbarn die "Hölle auf Erden" zu bereiten.[1] Es war gerade das Zusammenspiel von älterem Ritualmordglauben und modernen antisemitischen Deutungen, von Gerüchten und medialer Agitation, das den Ereignissen von Konitz ihre Brisanz verlieh.

Das wiederum verweist auf ein Grundproblem der politischen Kultur des Kaiserreichs: Die Menschen in den Kleinstädten und ländlichen Regionen fühlten sich von der modernen, großstadtzentrierten Welt und dem Staat häufig unverstanden - so wie die Konitzer von den Berliner Kriminalisten, die ihre Erzählungen in barschem Ton unterbrachen und auf klaren Aussagen bestanden. Liberale mochten individuellen Respekt genießen, aber aufgrund der sozialen und kulturellen Distanz zu den unterbürgerlichen Schichten standen sie meist ebenso auf verlorenem Posten wie der örtliche Gymnasiallehrer "Professor" Prätorius.[2] Die Nachfrage der Kleinstädter und Landbewohner nach Vermittlerfiguren, die ihre Überzeugungen anerkannten und ideell aufwerteten und gleichzeitig die Verbindung zu Großstadt und Massenmedien herstellten, wurde von Exponenten der neuen Rechten wie dem antisemitischen Journalisten Wilhelm Bruhn besser erfüllt.[3] Die Isolation der Konitzer Juden im Frühjahr 1900 erinnert daran, welche Konsequenzen diese spezifische Variante politischer Modernität haben konnte.

Anmerkungen:
[1] Robert v. Friedeburg: Ländliche Gesellschaft und Obrigkeit. Gemeindeprotest und politische Mobilisierung im 18. und 19. Jahrhundert, Göttingen 1997, S. 294; vgl. auch Michael Wildt: Gewalt gegen Juden in Deutschland 1933 bis 1939, in: WerkstattGeschichte 18 (1997), S. 59-80.
[2] In ländlichen Regionen konnten sich die Nationalliberalen oft nur um den Preis einer Allianz mit dem radikalnationalistischen Bund der Landwirte behaupten, vgl. Geoff Eley: Notable Politics, the Crisis of German Liberalism, and the Electoral Transition of the 1890s, in: Konrad H. Jarausch; Larry Eugene Jones (Hgg.): In Search of a Liberal Germany. Studies in the History of German Liberalism from 1789 to the Present, New York 1990, S. 187-216.
[3] Das Paradebeispiel hierfür war Diederich Hahn, der Direktor des Bundes der Landwirte, vgl. George Vascik: Agrarian Conservatism in Wilhelmine Germany: Diederich Hahn and the Agrarian League, in: Larry Eugene Jones; James N. Retallack (Hgg.): Between Reform, Reaction, and Resistance. Studies in the History of German Conservatism from 1789 to 1945, Oxford 1993, S. 229-260.