W. Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde

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Titel
Die Ostdeutschen als Avantgarde.


Autor(en)
Engler, Wolfgang
Erschienen
Berlin 2002: Aufbau Verlag
Anzahl Seiten
207 S.
Preis
€ 16,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Ihme-Tuchel, FU Berlin

Auch im vorliegenden Band geht Wolfgang Engler den Ursachen der ostdeutschen Andersartigkeit nach. Diese klopft er in seinem bewährten soziologisch-essayistischen Stil auf ihre gesamtdeutsch-gesellschaftstauglichen Potenziale ab und entwirft darüber hinaus Szenarien, wie diese Andersartigkeit, die stark im ausgeprägteren „sozialen Sinn“ der Ostdeutschen fundiert sei, im Sinne einer ostdeutschen Avantgarde bei der Überwindung der (nach Meinung Englers finalen) Krise der Arbeitsgesellschaft zum Einsatz kommen könnte.

Der bereits vielfach als „überforscht“ geltenden DDR-Geschichte soll dabei keine weitere kleinteilige Arbeit hinzu gefügt werden. Vielmehr geht es Engler, dem ein Dokumentarfilm „ein Dutzend Bücher“ zu ersetzen vermag, um die großen Linien. Vor die Wahl gestellt, seine Gedanken in ausgefeilter soziologischer Fachterminologie auszudrücken oder die „leibhaftige Rede der Akteure für sie zeugen zu lassen“, hat er sich daher zumeist gegen den akademischen Diskurs entschieden (S. 9f). Wie bereits „Die Ostdeutschen“ kann auch dieser Band als ein Versuch gelten, die ostdeutsche Erfahrung „von innen zu rekonstruieren“. [1] Daneben fragt Engler aber auch, wie die „nacharbeiterliche“ Gesellschaft gestaltet werden sollte.

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Das erste (S. 11-41) untersucht, warum „die Ostdeutschen“ - auch jene, die diesen Staat abgelehnt hatten - als Ostdeutsche aus der DDR hervor gegangen sind. Peter Benders Überlegung, wonach die Westdeutschen Europäer geworden seien, während die Ostdeutschen „deutsch“ geblieben seien, überzeugt Engler nicht. Vielmehr seien die Ostdeutschen nicht als Deutsche „erster Klasse“ akzeptiert worden und hätten daher ihren „Wissens- und Erfahrungsvorrat [...] nach Anknüpfungspunkten für die neue Zeit“ befragt (S. 16f). Engler verweist auf entsprechende Untersuchungen, wonach sich seit dem Umbruch die Verbundenheit mit Ostdeutschland stetig erhöht, die mit der Bundesrepublik aber abgekühlt hat. „Ostdeutschland“ identifiziert er als den kulturellen Bezugsrahmen, der den dort lebenden Menschen die stärksten Zusammengehörigkeits- und Identitätsgefühle vermittelt. Die viel diskutierte „ostdeutsche Identität“ sei weder ein Nachwendeprodukt noch eine bereits zu DDR-Zeiten erworbene Prägung. Sie sei vielmehr zugleich „erfunden und entdeckt“ worden. Ihre Grundlage seien kollektive Denk- und Verhaltensmuster, die zu DDR-Zeiten nicht weiter aufgefallen seien.

Direkt nach dem Umbruch seien ostdeutsche Eigenschaften und Verhaltensweisen wie mangelnde Selbstständigkeit, Obrigkeitshörigkeit oder eine zu große Schüchternheit lediglich im Sinne von Handicaps thematisiert worden; damals seien den meisten Befragten keinerlei zu verteidigende ostdeutsche „Tugenden“ eingefallen. Dies habe sich allerdings mit der Entzauberung der Bundesrepublik geändert.

Am stärksten litten viele Ostdeutsche unter dem ihnen „aufgezwungenen Desinteresse am Geschick der anderen, Bekannter wie Unbekannter.“ Sie könnten aber gar nicht anders, „als die anderen zu ‚sehen‘.“ Wenn sie aufgrund ihrer Herkunft einen geschichtlichen Auftrag hätten, dann den, Gleichheit und Freiheit miteinander zu versöhnen (S. 29, 33). Auch die bislang beachtlichen Wahlerfolge der PDS führt Engler auf die kulturelle Ebene zurück, weil die PDS das ostdeutsche Idiom „virtuos“ beherrsche. Allerdings bleibt vor dem Hintergrund der Bundestagswahl 2002 abzuwarten, inwieweit es der PDS auch künftig gelingen wird, ihre kulturelle Verankerung im „Ostdeutschen“ in Stimmen umzumünzen.

Das zweite Kapitel (S. 41-70) fragt, warum ein ostdeutscher Generationenkonflikt ausgeblieben sei und wie die um 1970 Geborenen den Umbruch verarbeitet hätten. Bei dieser Generation seien keine Anzeichen für politische Auseinandersetzungen mit dem Elternhaus erkennbar. Engler untermauert seine Befunde mit Schulaufsätzen aus Thüringen von 1991. Diese verdeutlichten den auf den Familien lastenden enormen sozialen Anpassungsdruck. So färbten die Sorgen der Eltern erkennbar auf die Jugendlichen ab; viele Aufsätze zeigten sogar eine gemeinsame Sprache von Eltern und Kindern. Besonders die Arbeiten von Realschülern kreisten um zwei Themen, die Wut auf die „Kommunisten“ und den Hass auf die „Ausländer“. Unmittelbar nach dem Umbruch müsse die Ausländerfrage die Familien „wie kaum eine andere Problematik“ beschäftigt haben (S. 65). Engler bestätigt hier die These, wonach die Jungen mit ihren extremen Ansichten und Haltungen lediglich als Sprachrohr ihrer Eltern fungierten. Der auf den Familien lastende Außendruck schweiße diese offensichtlich so stark zusammen, dass - wie bereits zu DDR-Zeiten - häuslicher Zwist nicht zum Generationenstreit eskalieren könne.

Der Entwicklung vom „Kollektiv zum Team“ ist das dritte Kapitel gewidmet (S. 71-97). Englers scheinbar paradoxe These lautet hier, dass die „arbeiterliche Gesellschaft“ der DDR die industrielle Vergangenheit zwar konserviert, die Menschen aber dennoch für die Zukunft gerüstet habe. Gerade wegen der teilweise vormodernen Produktionsweise und gerade wegen ihrer Einbindung in das Kollektiv seien die Ostdeutschen in besonderer Weise zur derzeit geforderten Teamarbeit mit ihren flacheren Hierarchien geeignet. Weil der „Fordismus“ im Staatssozialismus sich nicht gänzlich durchsetzen konnte, hätte ein bestimmter „Werktätigentyp“ mit seinen Fähigkeiten zum „Basteln, Tüfteln, Improvisieren“ in der DDR überleben können. Deswegen seien die Ostdeutschen heute besonders gut an die Anforderungen der globalisierten Weltgesellschaft angepasst. Über Nacht sei die ostdeutsche Nachhut „zur Avantgarde“ geworden. „Der stereotype Vorbehalt, die kollektivierten Lebensformen hätten die Ostdeutschen nach 1989 habituell blockiert, hält keiner Überprüfung stand.“ (S. 82f) Engler stützt seine durchaus diskussionswürdige These von der vorteilhafteren mentalen Anpassung der Ostdeutschen im Angesicht des globalisierten Arbeitsmarktes mit den Aussagen von Wirtschaftsjournalisten und Managern. Ob seine weiter gehende These zur Erklärung der geringeren ostdeutschen Arbeitsproduktivität so haltbar ist, bedarf noch der Klärung. Bedenkenswert sind seine Argumente zur Produktivitätslücke aber allemal.

Im vierten Kapitel (S. 98-127), „Downsizing auf ostdeutsch“, zeichnet Engler eindringlich nach, wie die „arbeiterliche“ von der „Transfergesellschaft“ abgelöst wurde. Scheinbar mühelos kann offensichtlich der größere Teil des Landes die materiellen Bedürfnisse des kleineren befriedigen, diesem einen „passiven“ Wohlstand bescheren, was die Menschen dort aber keineswegs glücklich macht. Allein zwischen 1989 und 2000 sei die Zahl der Erwerbstätigen von 9,7 auf 6,4 Millionen gesunken. Rechne man die mehr als 400.000 Pendler, die im Westen arbeiteten mit ein, sei ihre Zahl sogar auf sechs Millionen gesunken. 1,3 Millionen Ostdeutsche hätten seit 1989 das Land verlassen. Angesichts dieses Desasters verwirft Engler die üblichen Gegenstrategien, die diesen unglaublichen Schrumpfungsprozess aufhalten sollen: So haftet den vielen „touristischen Rettungsversuchen“ seiner Meinung nach beinahe schon etwas Masochistisches an; ebenso glaubt er nicht daran, dass der umfassenden Modernisierung der ostdeutschen Infrastruktur verstärkte industrielle Investitionen folgen werden.

Im fünften Kapitel (S. 129-161) untersucht Engler, warum die Ostdeutschen ihr Scheitern „nicht psychologisieren, sondern unbeirrt in soziale Begriffe fassen.“ Wie bereits in früheren Arbeiten thematisiert er auch hier die Unmöglichkeit eines sozialen Scheiterns in der DDR. Die Möglichkeit eines sozialen Scheiterns ist also - im Urteil Englers -
eine für DDR-Bürger völlig neue Erfahrung im bundesdeutschen System, von der
sie aber massenhaft betroffen sind.
Nach 1990 habe es im Osten für dieses Scheitern im Zeitverlauf verschiedene Erklärungen gegeben: Zuerst hätten die Betroffenen die Misswirtschaft der SED, wenig später „alte Seilschaften“, schließlich die „Treuhand“ und danach das kapitalistische Wirtschaftssystem verantwortlich gemacht. Nahezu jeder zweite Ostdeutsche führe eine „prekäre Existenz“. Engler zieht aus der Massenarbeitslosigkeit im Osten und angesichts der Menge der Bezieher diverser Transferzahlungen den Schluss, dass den Ostdeutschen die Fremdzurechnung ihres Scheiterns durch die Umstände aufgenötigt worden sei. Was den etwa 3,5 Millionen „Unglücklichen und Überflüssigen“ seit dem Umbruch zugestoßen ist, führt Engler in diesem Kapitel vor dem Hintergrund historischer Parallelen beklemmend aus. Er kommt zu dem Schluss, dass diese Menschen nicht gescheitert, sondern vielmehr von den Verhältnissen „gescheitert worden“ seien (S. 160).

Im sechsten und letzten Kapitel (S. 163-197) entwickelt Engler Szenarien für den Umgang mit dem Ende der Arbeitsgesellschaft. Unter allen zeitgenössischen Legenden sei die „Rückkehr zur Vollbeschäftigung“ die „bei weitem populärste - postreligiöses Opium fürs Volk“ (S. 165). Obwohl die Arbeitsgesellschaft nach der dritten industriellen Revolution an ihr Ende gelangt sei, beherrsche das Arbeitsparadigma nach wie vor die Köpfe. Das müsse aufhören und werde dies womöglich auch, sobald die Betroffenen eine kritische Masse überschritten hätten. Diesen Ausführungen folgt ein Plädoyer für die Zahlung eines Bürgergeldes. Engler stellt hier Überlegungen darüber an, wie die Menschen ihrem Leben auch ohne Arbeit Sinn und Erfüllung geben könnten. Selbstredend hält er die Ostdeutschen aufgrund ihrer speziellen Erfahrungen und Prägungen auch hier für eine „Avantgarde der Zukunftsgesellschaft“, nicht aber für eine Nachhut der Moderne“ (S. 177).

Wolfgang Engler ist erneut ein anregendes Buch gelungen, das viele vermeintlich gesicherte Erkenntnisse über die DDR und die deutsche Transformationsgesellschaft auf den Prüfstand stellt, in jedem Fall aber zum Nachdenken anregt. Besonders bedenkenswert scheint mir seine These vom ausgeprägteren „sozialen Sinn“ der Ostdeutschen, seine Erklärungen für das Ausbleiben eines ostdeutschen Generationenkonflikts sowie seine Überlegungen zur Verwandlung der „arbeiterlichen“ in eine Transfergesellschaft und zu deren Konsequenzen.

Englers Thesen regen an und provozieren zum Teil. Doch wenn man sich anregen lässt, bietet diese Arbeit viel Stoff zur Diskussion über eine gemeinsame deutsche Zukunft mit unterschiedlichen Prägungen, Mentalitäten und Handlungsmustern. Diese Diskussion ist auch während des „Solidarpakts 2" dringend notwendig.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 9.

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Veröffentlicht am
06.12.2002
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