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Titel
Im Umgang mit der Macht. Herrschaft und Selbstbehauptung in einem autoritären politischen System


Autor(en)
Borgwardt, Angela
Anzahl Seiten
579 S.
Preis
€ 36,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Ihme-Tuchel, Freie Universität Berlin

Angela Borgwardt untersucht in ihrer von Ralf Rytlewski an der Freien Universität Berlin am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften betreuten und mit „summa cum laude“ bewerteten Dissertation die Handlungsspielräume dreier prominenter ostdeutscher Künstler im „autoritären System“ der DDR: Welche Konfliktstrategien entwickelten diese kritischen, den Sozialismus aber grundsätzlich bejahenden, in ihrer Biografie und nach ihrer Generationszugehörigkeit aber deutlich verschiedenen Autoren Stefan Heym, Christa Wolf und Wolf Biermann, um sich gegen eine diktatorische Kulturpolitik zu behaupten? An welchen Punkten verweigerten sie sich, und wo passten sie sich an? Obwohl die Selbstbehauptungsstrategien dieser Autoren im Mittelpunkt stehen, analysiert Borgwardt auch die Herrschaftsseite und die aus den künstlerischen Autonomiebestrebungen und der angemaßten kulturpolitischen Deutungshoheit seitens der SED sich ergebenden Wechselwirkungen und Interaktionen, indem sie ebenso nach den Herrschaftstechniken der SED zur Abwehr dieser Autonomiebestrebungen fragt, wie nach den Themen und Handlungsweisen, an denen sich die Konflikte zwischen „Geist“ und „Macht“ jeweils kristallisierten. Letztlich zielt das Erkenntnisinteresse diese Studie auch auf die exaktere Erfassung der „Grenzen der Diktatur“ (Richard Bessel, Ralph Jessen).

Zur Beantwortung ihrer Fragestellung hat Borgwardt ein interdisziplinär angelegtes Forschungsdesign entwickelt, das sie ausführlich darlegt. Hier erläutert sie die Auswahl ihrer Protagonisten und ihre Materialbasis, definiert zentrale Begriffe wie „Handlung“, „Wertorientierung“, „Typus“, „Macht“, „Herrschaft“, „Loyalität“, „Legitimität“, „Strategie“, „Habitus“, „Opposition“, „Widerstand“, „Dissidenz“, „Konflikt“, und legt schließlich ihr „Schema politischer Systemdistanz“ (S. 49-51; S. 516-518) dar.

Die Materialbasis dieser konzeptionell innovativen und zugleich außerordentlich materialreichen Studie bilden die Akten der „Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen“ im Bundesarchiv (SAPMO-BArch) und der „Stiftung der Akademie der Künste“ (SAdK), während die Unterlagen der Staatssicherheit nur eine untergeordnete Rolle spielen. Da Borgwardt aber politik- und literaturwissenschaftliche Herangehensweisen miteinander verschränkt, hat sie zusätzlich zu diesen Archivalien und der immensen Fülle der relevanten Sekundärliteratur noch zahlreiche weitere Textsorten wie Belletristik, Lieder, Essays, öffentliche Reden, Autobiografien, Briefe, journalistische Texte, Interviews und Gespräche der drei Künstler in ihre Untersuchung miteinbezogen.

Sie vertritt einen handlungstheoretisch basierten Akteursansatz, und strebt in Anlehnung an Bourdieus Kulturtheorie eine Erfassung der „subjektiven“ und der „objektiven“ Dimension der Handlungen der Akteure an. Vergleichend werden ausgewählte Konflikte (in „systematischer Perspektiven-Triangulation“) der drei Autoren mit der Staatsmacht untersucht, in deren Ergebnis ein „kaleidoskopartiges“ Bild entsteht: „Das zu erforschende Phänomen wird an verschiedenen Akteuren, zu verschiedenen Zeitpunkten und in unterschiedlichen Situationen untersucht. Allerdings müssen die möglichst breit variierten Faktoren durch einen statischen Faktor erst vergleichbar werden - in diesem Fall der kulturelle Produktionsraum einer Diktatur, der sich zwar wandelte, aber dennoch kontinuierliche Merkmale aufwies.“ (S. 30)

Diese Arbeit definiert schließlich verschiedene „Handlungstypen“ und ist im Bereich der qualitativen Sozialforschung anzusiedeln. Ihr liegt die These zugrunde, dass die kritische Literatur „sowohl herrschaftslegitimatorische wie auch herrschaftsuntergrabende Elemente“ beinhaltete (S. 20).

Bevor auf Seite 137 die praktische Umsetzung dieses theoretisch akribisch hergeleiteten und auch abgesicherten Forschungsdesigns beginnt, erfolgt noch ein Abriss zur mehr als vierzigjährigen Geschichte von „Politik und Literatur in der DDR“. Obwohl auch dieser knapp 60-seitige Abschnitt von der großen Sachkenntnis der Autorin zeugt und auf die Fragestellung bezogen bleibt, hätte er doch etwas kürzer ausfallen können.

Heym, Wolf und Biermann werden schließlich gemäß des ausgeklügelten Untersuchungsrasters nacheinander „abgearbeitet“. Welche spezifischen Merkmale wiesen ihre Biografien auf und welche Wertorientierungen (bei Heym etwa die Forderung nach Glaubwürdigkeit in der Politik, bei Wolf sozial-ethische Überzeugungen) waren für sie bestimmend? Welches Literaturverständnis hatten sie, und wie veränderte sich dieses im Verlauf von vier Jahrzehnten? Welche Konflikte trugen sie mit der Staatsmacht aus, und an welchen Ereignissen und Projekten entzündeten sich diese? Im Fall Heyms werden unter dieser Fragestellung die Romane, Essays und Reden, „Der Tag X“, „Stalin verlässt den Raum“, „Die Langeweile von Minsk“, „Tatsachen und Dokumente“, „Lassalle“, „Die Schmähschrift“ und „Collin“ analysiert. Bei Christa Wolf stehen die Arbeiten „Nachdenken über Christa T.“, „Lesen und Schreiben“, „Kindheitsmuster“, „Kassandra“, „Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht“, „Kleiner Ausflug nach H.“, „Die Dimension des Autors“ und „Was bleibt“ im Mittelpunkt. Bei Wolf Biermann wiederum behandelt Borgwardt vor allem „die Drahtharfe“.

Auf diese Weise arbeitet sie für alle drei Künstler spezifische Konfliktphasen mit „der Macht“ heraus und legt zudem überzeugend dar, welcher Strategien sich die Staatsführung gegenüber den künstlerischen Autonomiebestrebungen jeweils bediente. Hierzu gehörten im Wesentlichen Überzeugungsversuche, interne Drohungen, öffentliche Attacken, Diffamierungskampagnen, Disziplinierung mittels gesteuerter Rezensionen, Gutachten oder verweigerter Druckgenehmigung, Ausgrenzung, Parteiverfahren, Kriminalisierung („Devisenvergehen“!), Auftrittsverbote, geheimdienstliche Überwachung und Bekämpfung, zuletzt sogar Ausbürgerung und Aberkennung der Staatsbürgerschaft.

Zudem analysiert Borgwardt in allen Fällen jeweils akribisch die Konfliktdynamik zwischen Staatsführung und Schriftsteller. Auch fragt sie nach dem Erfolg der beiderseitigen Konfliktstrategien und darüber hinaus, mit welchen Mitteln die Künstler ihre Handlungsspielräume in der Diktatur im Zeitverlauf zu erweitern suchten: Durch offensive Verteidigung der eigenen Position, offene Konfrontation, Untergrabung der Autorität der Staatsmacht mittels Satire, direkte Gespräche mit führenden Funktionären wie Otto Grotewohl, Erich Honecker oder Kurt Hager, Loyalitätsbekundungen gegenüber der Führung, Abgrenzung gegenüber westlichen Versuchen der Vereinnahmung, Veröffentlichungen im Westen oder Nutzung westlicher Medien, Chiffrierung der Texte etwa durch Hinwendung zu historischen Stoffen, Kritik an der offiziellen Literaturpolitik. Diese 400 Seiten sind trotz der durch das vorgegebene Raster sich ergebenden Redundanzen sehr anregend.

Borgwardt kann überzeugend drei verschiedene „Handlungstypen“ definieren: Der ich-starke parteilose Schriftsteller und Journalist Heym, der Deutschland 1933 hatte verlassen müssen und 1952 aus innerer Überzeugung in die DDR gegangen war, steht für den Typus des „öffentlichkeitszentrierten“ Akteurs. Sein selbstbewusstes Auftreten gegenüber der Staatsmacht sei auf seine starke antifaschistische Legitimation zurück zu führen; im Agieren der Konfliktgegner existierten zahlreiche strukturelle Ähnlichkeiten, die dem „Handlungsreservoir männlich-patriarchalischer Muster“ entstammten. (S. 265f.)

Die defensive und anpassungsbereite Christa Wolf dagegen, 1929 geboren und bis fast zuletzt Mitglied der SED, verkörpert den „literaturzentrierten“ Handlungstyp, weil die dissidentischen Anteile ihrer politischen Haltung fast ausschließlich in ihrem Werk zum Ausdruck kamen. Ihr Verhalten gegenüber dem sozialistischen Staat sei zum großen Teil moralisch motiviert gewesen und habe sich aus einem Schuld- und Pflichtgefühl gespeist. Wie bereits Wolfgang Emmerich und andere verweist auch Borgwardt auf eine Art „Beißhemmung“, an der Wolfs Generation wegen ihrer fehlenden eigenen antifaschistischen Legitimation gegenüber der den „Antifaschismus“ verkörpernden SED-Machtelite gelitten habe. (S. 393, 495).

Der kompromisslose und proletarisch eingestellte Wolf Biermann schließlich, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war, und der immer Distanz zur „Macht“ wahrte, indem er keinerlei staatliche Funktion übernahm, wird als „kämpferisch-rebellischer Handlungstyp“ bezeichnet. Während bei Wolf auch von einem typisch weiblichen Rollenverhalten die Rede ist, weist Biermanns Verhalten, was kaum überraschen dürfte, Aspekte männlicher Rollenmuster auf.

Hier näher auf die Fallbeispiele einzugehen, erübrigt sich, zumal alle drei zu jenen Vertretern der ostdeutschen Kulturszene gehören, über die bereits eine Fülle von Literatur vorliegt. Daher ist es sicher nicht zuvörderst das Verdienst dieser Arbeit, etwa besonders viele bislang unbekannte Details zur Person, zum Werk oder zu den zahlreichen Konflikten dieser Künstler mit der Staatsführung zusammengetragen zu haben. Vielmehr besticht diese Studie durch die gelungene Operationalisierung eines ambitionierten und komplexen interdisziplinären Konzepts zur Analyse von Konflikten zwischen „Geist“ und „Macht“ in der Diktatur am Beispiel dreier prominenter Literaten.

Darüber hinaus kann dieses Konzept auch angewendet werden auf die Analyse von Konflikten zwischen anderen prominenten kritischen Künstlern und der SED-Diktatur; hier wären Brigitte Reimann, Franz Fühmann, Jurek Becker, Günter de Bruyn, Stefan Hermlin, Günter Kunert, Heiner Müller und eventuell sogar Erwin Strittmatter zu nennen. Zudem kann das Konzept zur Untersuchung des abweichenden Verhaltens von Schriftstellern in Diktaturen sowjetischen Typs generell herangezogen werden, während es für die Anwendung auf die „erste deutsche Diktatur“ nur begrenzt tauglich ist. Am Ende bleibt noch festzuhalten, dass diese Arbeit auch sprachlich sehr gut gelungen ist und sich da, wo sie urteilt, den drei Protagonisten gegenüber wohltuend fair verhält. Künftige Arbeiten werden sich an den von Angela Borgwardt gesetzten Standards messen lassen müssen.

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25.06.2003
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