S. Satjukow u.a. (Hgg.): Sozialistische Helden

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Titel
Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR


Herausgeber
Satjukow, Silke
Erschienen
Anzahl Seiten
312 S., 48 Abb.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Cord Arendes, Institut für Politikwissenschaft, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Die staatliche Neuorganisation der ehemals sozialistischen Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa erfolgte in der Mehrheit der Fälle im Rahmen einer bewussten symbolischen Abgrenzung der eigenen Nation von der nunmehr als ‚falsch‘ etikettierten oder sogar völlig ausgeblendeten Geschichte während der Sowjetzeit. Dabei wurde gern ‚verdrängt‘, dass die Imagination einer gemeinsamen Identität zur Integration der Gesellschaft nach innen und zur Erlangung staatlicher Handlungsfähigkeit nach außen – wenn auch unter anderen Vorzeichen – zu Beginn der Ära des Sozialismus ebenfalls ihren festen Platz hatte. Einen faszinierenden Einblick in die Entstehungsgeschichte und die nachwirkenden Prägungen solcher sowjetischer und sozialistischer Identitäten ermöglicht jetzt ein von Silke Satjukow und Rainer Gries herausgegebener Sammelband, der ausgewählte osteuropäische und ostdeutsche Propagandafiguren einem breiten Publikum vorstellen möchte. Dieser erste Versuch einer Aufarbeitung der Kulturgeschichte sozialistischer Helden ist in vergleichender Perspektive angelegt und basiert auf den Ergebnissen einer internationalen Tagung, die im September des Jahres 2001 in Krakau stattfand. Mit ihrer materialreichen und zudem methodisch aufwendigen Studie verfolgen die beiden Herausgeber zugleich das Ziel, einen spürbaren Anreiz für den bisher nur spärlichen wissenschaftlichen Austausch über Forschungsprobleme des „sozialistischen Weltsystems“ (S. 267) innerhalb Osteuropas zu geben.

Der Werdegang eines sozialistischen Helden folgte, länderübergreifend, immer einem bestimmten Grundmuster: Es handelte sich der Herkunft nach um gewöhnliche Menschen, die der Arbeiterklasse entstammten. Schon in frühester Jugend zeichneten sie sich durch besondere Begabung und Leistungswillen aus. Sie reiften in der Folgezeit unter der Führung der Partei heran bis eine Herausforderung auftrat, die sie bravourös meisterten. Nach der Tat führten sie ein moralisch sauberes und im sozialistischen Sinne vorbildliches Leben. Die eigentliche Tat, das Handeln eines Einzelnen, welches Nutzen für alle bzw. das Kollektiv der Werktätigen bringen sollte, stand dabei immer unter dem Motto „Vom Ich zum Wir“ (S. 11). Der Tat, d.h. dem Ursprung der Heldenerzählung, folgte in der Regel die verbale und visuelle Rezeption. Um die jeweils maßgeblichen „Kommunikatoren“ (S. 18) bei der Konstruktion der sozialistischen Helden identifizieren zu können, haben die beiden Herausgeber ein umfangreiches und auch im Detail überzeugendes Kommunikationsmodell entwickelt, auf das hier aber aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden kann. Eine zentrale Stellung nimmt dabei die Kategorie des Vertrauens, d.h. der Held als Vertrauensperson, ein, unabhängig davon, ob es sich um einen Kulturhelden (sozialistischer Arbeitsheld, Fliegerheld, Kosmosheld, Sportheld), einen politischen Führerhelden oder einen Kriegerhelden handelt. Der Held präsentiert nicht nur ein neues (sozialistisches) „Wir-Gefühl“ (S. 94). Man könnte über diese Feststellung von Rainer Gries noch hinausgehen und sagen, dass allen einzelnen Heldengeschichten zusätzlich noch der Aspekt des „Helden wie wir (es auch sein könnten)“ innewohnt.

Die Darstellung der einzelnen Heldengeschichten erfolgt in separaten Kapiteln, die wiederum zu Länderblöcken gebündelt werden. Als besonders aufschlussreich erweisen sich hierbei die jeweils vorangestellten Einführungen in den historischen Kontext der verschiedenen sozialistischen Staaten. Zur besseren Vergegenwärtigung der vorgestellten Propagandafiguren dienen zusätzlich die vielen Abbildungen in den Textbeiträgen. Den Ausgangspunkt des Vergleiches bilden die unterschiedlichen Typen sozialistischer Helden der Sowjetunion, da sie ihrerseits ein klar definiertes Vorbild für die Helden in den sozialistischen Bruderländern abgaben. Im Gleichklang mit der sozialistischen Theorie, so Rosalinde Sartorti, zählte in diesem Zusammenhang nicht der ‚besondere‘ Einzelne „sondern das revolutionäre Proletariat als Klasse“ (S. 35). Da ‚Arbeit‘ als Grundlage der Gesellschaftsdefinition verstanden wurde, hieß die Auszeichnung folgerichtig „Held der Arbeit“ (ab 1927) bzw. „Held der sozialistischen Arbeit“ (ab 1938). Erst wurden nur Kollektive, später auch Einzelpersonen geehrt. Seit dem Jahr 1934 gab es zusätzlich die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“. In Polen dagegen lag der Schwerpunkt der Heldenverehrung viel deutlicher auf der eigenen Landesgeschichte. Die polnischen Nationalhelden sollten eine Kontinuitätslinie zu den Befreiungskämpfen und Unabhängigkeitsaufständen herstellen. Erst später traten kommunistische Helden nach sowjetischem Vorbild hinzu. Der spezifisch polnische Charakter entspringt aus dem Zusammenspiel dieser beiden Anteile, es ging um die Präsentation sozialistischer und polnischer Nationalhelden (Marcin Zaremba, S. 182). In Ungarn wurden aufgrund der bereits früh erfolgten bolschewistischen Einfärbung der ungarischen Kommunistischen Partei unter den Schlagworten „Antireligiösität, Antiroyalismus und Wissenschaftsverehrung“ (Boldizsár Vörös, S. 208) alte nationale durch neue internationale Helden ersetzt. Auf diesem Weg fand eine Säkularisierung des Heldentums statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg rückten dann eher volkstümliche und nationalistische Komponenten, wie die Freiheitsbestrebungen gegen die Habsburger oder die Revolution von 1848/49, ins Zentrum der Betrachtung, bevor die Übernahme des sowjetischen Arbeitshelden auch in Ungarn griff. In der Tschechoslowakei bestimmten erst antifaschistische Helden das Bild, bevor Aufbauhelden nach sowjetischem Vorbild sie ablösten. Aus den politischen Helden des Prager Frühlings wurden nach der Niederschlagung Märtyrer für einen eigenen Weg zum Sozialismus. Als typisch tschechisch wird in der Überblicksdarstellung von Christiane Brenner und Peter Heumos der hohe Prozentsatz intellektueller und somit, im Vergleich zum Aktivisten der Arbeit, ‚schwacher‘ Helden bezeichnet (S. 237).

Während beispielsweise bei den Helden der sozialistischen Arbeit eine nach innen, an die Gesellschaft gerichtete Botschaft dominierte, besaßen die ‚Kosmoshelden‘ wie Juri Gagarin, Walentina Tereschkowa und Sigmund Jähn auch eine nach außen gerichtete Symbolkraft. Sie standen im Wettlauf mit westlichen Astronauten. Im Interkosmosprogramm der späten siebziger Jahre war die DDR nach der Tschechoslowakei und Polen zwar erst als dritter Bruderstaat ‚nominiert‘ worden, sie konnte gleichwohl den ersten Deutschen im All feiern. In dieser Aussage spiegelt sich bereits ein guter Teil der Besonderheit der Propagandafiguren der DDR wider, die die größte Heldengruppe im vorliegenden Sammelband stellen. Anschaulich werden die Unterschiede zu den anderen sozialistischen Staaten besonders in der von Rainer Gries verwendeten Figur der „Helden-“ bzw. „Propagandabühne“, auf der die sozialistischen Helden der DDR als „Akteure“ die klassischen Texte der sozialistischen Moral sprechen (mussten), ins Bild gesetzt von der „Regie“ aus Staat und Partei, den Verantwortlichen für Agitation und Propaganda (S. 85ff.). Als Bühnenbild diente hier der „geteilte Himmel“, d.h. es wird gleichsam vor dem Hintergrund der innerdeutschen Systemkonkurrenz gespielt. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass bezüglich der polnischen und ungarischen Helden in den entsprechenden Beiträgen nicht die Figur der Bühne benutzt, sondern, ganz ‚klassisch‘, von einem Pantheon der Helden gesprochen wird. Naheliegende Verbindungslinien dieser Art der identitätsstiftenden Repräsentation der nationalen Geschichte zu den bekannten Vorbildern in der Antike (Rom) oder in westlichen Staaten (Frankreich) werden von den Autoren leider nicht gezogen.

Auf ein zusammenfassendes Abschlusskapitel, welches noch einmal gezielt Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervorhebt, wurde von den Herausgebern verzichtet. Das Fehlen einer Zusammenfassung bedeutet im vorliegenden Fall aber keinen Makel, da der Band durch seine durchgängige Kohärenz besticht. Die in der Einleitung festgelegten theoretischen Grundlagen und Vorgaben wie die klare Unterscheidung von Botschafts- und Leistungsanalyse werden von den einzelnen Autoren in ihren Beiträgen strikt eingehalten. Diese gleich hohe Qualität der Betrachtungen und die klare und homogene Struktur des Sammelbandes erlauben es dem Leser, auf einfache Art und Weise für sich selbst bestimmte Heldenmuster hervorzuheben und über die Länder hinweg zu vergleichen. Insgesamt wird deutlich, dass das sozialistische Heldentum verschiedenen Konjunkturen unterlag, welche die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung und den jeweiligen Bedarf an emotionalen Sinnbildern widerspiegeln: In den dreißiger und vierziger Jahren dominierten die Helden des Krieges und des antifaschistischen Widerstandes. Sie wurden in den späten vierziger und den fünfziger Jahren von den Helden der Arbeit und des Aufbaus abgelöst und wichen in den sechziger Jahren ihrerseits den Kosmoshelden. Für die siebziger und achtziger Jahre hingegen konstatieren Satjukow und Gries eine im Großen und Ganzen „heldenarme“ bzw. „heldenlose“ Zeit (S. 27).

Für das Feld der ostdeutschen Helden bleibt anzumerken, dass die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz zwar als wichtige Besonderheit thematisiert, in den einzelnen Beiträgen des Länderblocks zur DDR aber nicht weiter verfolgt wird. Diesbezügliche inhaltliche Überlegungen mögen vielleicht über das eigentliche Thema hinaus verweisen, sie nicht zu erwähnen bedeutet aber gleichzeitig, entscheidende Aspekte im Dunklen zu lassen. So gibt es fernab von „Täve“ Schur und Adolf Hennecke auch ‚große Deutsche‘, die quasi posthum zu heldenhaften Vorkämpfern des Sozialismus wurden. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang nur kurz auf die doppelten Feierlichkeiten zu Goethes 200. Geburtstag 1949 oder die Diskussionen um eine gemeinsame Gestaltung des Lutherjahres 1983. Auch die oben skizzierte Heldenflaute der siebziger und achtziger Jahre zeigte sich im öffentlichen Raum der DDR so nicht. Im Zuge der Diskussion um „Tradition und Erbe“ traten nun auch hier nationale Freiheitshelden (zum Beispiel Thomas Müntzer) zutage, bis zu deren Wirken hin die sozialistische Tradition des besseren Deutschland in die Vergangenheit hinein verlängert wurde. Ihren Höhepunkt erreichte diese Welle in der sogenannten Preußenrenaissance und der Wiederaufstellung von Denkmälern „fortschrittlicher“ preußischer Generäle und Reformer. Fernab der noch einer überzeugenden Untersuchung harrenden ‚Wirkung‘ dieser Maßnahmen bleibt festzuhalten: Während in den anderen skizzierten osteuropäischen Staaten auf die nationalen Helden sozialistische folgten, legen die hier publizierten Ergebnisse für die DDR ein nahezu umgekehrtes Ablaufschema nahe. Erst als der sozialistische Held nicht mehr ‚stach‘, wurde gezielt auf die nationale Karte gesetzt. Hier scheint noch ein weitergehender Forschungsbedarf zu bestehen.

Auch sozialistische Helden ereilt irgendwann das Schicksal aller irdischen Helden: Die politische und gesellschaftliche Praxis ihrer Rezeption läuft aus. Sie werden zu „normalen“ Erinnerungsfiguren, ähnlich den Ikonen des Fernsehens oder der Werbung. Übrig bleibt allein das klassische Heldenmuster. Silke Satjukow und Rainer Gries ist es mit der Herausgabe dieser Kulturgeschichte sozialistischer Helden in jeder Hinsicht überzeugend gelungen, eine Form des politisch gesteuerten Umgangs mit diesem Muster in den sozialistischen Staaten zu verdeutlichen und das Interesse für weitere historisch-vergleichende Untersuchungen zum „sozialistischen Weltsystem“ zu wecken.

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28.02.2003
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