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Titel
Arkadia and its Poleis in the Archaic and Classical Periods.


Autor(en)
Nielsen, Thomas Heine
Reihe
Hypomnemata 140
Erschienen
Göttingen 2002: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
680 S.
Preis
€ 94,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Charlotte Schubert, Historisches Seminar, Universität Leipzig

Diese Monografie ist aus der Dissertation des Autors, die 1996 eingereicht wurde, hervorgegangen und steht im Zusammenhang mit den Arbeiten, die von Mogens Herman Hansen am "Copenhagen Polis Centre" initiiert worden sind. Das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit dieses Zentrums ist eine Bestandsaufnahme zu den archaischen und klassischen griechischen Poleis. Dahinter steht die zentrale Frage danach, was eine antike Polis gewesen ist bzw. - etwas zurückhaltender formuliert - was man sich in der Antike unter einer Polis vorstellte. In zwei Schriftenreihen, in den "Acts of the Copenhagen Polis Centre" (CPCActs) und den "Papers of the Copenhagen Polis Centre" (CPCPapers), sind dazu seit Anfang der 90er Jahre zahlreiche Publikationen vorgelegt worden, die verschiedenste Regionen (Arkadien, Achaia, Böotien, Kreta, die griechischen Kolonien an der Westküste des Schwarzen Meeres, in Italien, Sizilien und Ägypten) untersucht haben.

Immer im Vordergrund standen und stehen die grundsätzlichen Überlegungen, in welcher Bedeutung der Begriff "Polis" in den antiken Quellen benutzt worden ist, inwiefern ethnische Bezeichnungen in Beziehung zur Polis stehen und welche Rolle Stadtplanung und Entwicklung von Urbanität dabei spielen. Unter der Federführung von Hansen sind dabei das Verhältnis von Polis zu Ethnie (generell dabei auch die Bedeutung von tribalen Strukturen), die Frage nach der zeitlichen Priorität und - von Hansen selbst sehr stark betont - der Aspekt der Autonomie untersucht worden, wobei er hier zu dem vielbeachteten Ergebnis gekommen ist, dass Autonomie keine Voraussetzung für die Begründung eines Status als Polis gewesen ist.

Nielsen zeigt im Anschluss an diese Forschungen, in deren Rahmen er bereits mehrfach zu diesem Thema publiziert hat (allein 11 Aufsätze zwischen 1995 und 2000 in CPCActs und CPCPapers zu Arkadien), dass Arkadien nicht primär ein geographisches oder politisches Konzept ist, sondern ein ethnisches. Dazu legt er in einer Einleitung vor dem Hintergrund der bisherigen Forschungen zu Arkadien 1 die beiden Leitlinien seiner Herangehensweise dar, die vor allem den konzeptionellen (wie ist eine Polis gegenüber tribalen Strukturen abzugrenzen) und den geographischen Aspekt (Arkadien als ein geographisch fließendes, nicht wirklich festumrissenes Gebilde) umfassen.

Im Anschluss an Smith 2 geht er von einem Konzept der ethnischen Gruppe als kulturelles Konstrukt aus, das nach 6 Kriterien zu erschließen sei:
1. einen gemeinsamen Namen (vgl. dazu S. 54ff. zu Arkades, ARKADIKON, *Arkai),
2. den Mythos eines gemeinsamen Ursprunges (vgl. dazu S. 66ff. zu Lykaon),
3. eine gemeinsame Erinnerung an historische Ereignisse (vgl. dazu S. 73ff. mit den Belegen für die Tradition einer solchen gemeinsamen Geschichte seit der archaischen und klassischen Zeit),
4. Spezifika einer gemeinsamen Kultur (vgl. S. 74ff. zu den dialektalen, kultischen und religiösen Gemeinsamkeiten),
5. die Assoziation zu einem Territorium (vgl. S. 82),
6. einen solidarischen Gruppenzusammenhalt (vgl. S. 84ff. mit dem diesbezüglichen Nachweis erst seit dem 5. Jahrhundert).

Da in der Vorstellung von Arkadien alle diese Kriterien wiederzufinden seien, sieht er seinen Ansatz, dass es sich hier um ein spezifisch ethnisches Konzept handele, auch bestätigt. Darauf aufbauend analysiert er den Befund der Poleis für Arkadien und rekonstruiert einen Unterschied zwischen sog. tribalen Poleis und nicht-tribalen Poleis. Die Verwendung des Begriffs "tribal" lehnt sich wiederum an das verwendete Konzept einer ethnischen Gruppe an (S. 272), das er auch gleichbedeutend mit dem heute oft verwendeten Begriff der Ethnie verwendet. Unter tribalen Poleis (diesen Ausdruck zieht er verschiedenen bisher verwendeten vor, so u.a dem im deutschen Sprachgebrauch verwendeten Begriff der Dorfverbände, S. 272) versteht Nielsen eine tribale Struktur, die mehrere kleinere Poleis umfassen kann - im Gegensatz zu einer Polis im urbanen Sinn, die nicht Teil einer subethnischen Föderation (sub-ethnic federation, S. 278) ist. Dazu hat Nielsen auch einen ausführlichen Katalog mit den entsprechenden arkadischen Belegen in App. IV (The Communities of the "Tribal States" and their "Tribal Affiliations", S. 537ff.) zusammengestellt.

In diesem Befund sieht er auch das Hauptergebnis seiner Untersuchung (S. 271). Er stellt sich damit in eine klare Gegenposition zu Roy, der diese Gebilde keinesfalls als Poleis betrachten will. Die bekanntesten Beispiele sind die Eutresier, Triphylier, Mainalier, Parrhasier (vgl. Thuk. 5,33,2) und Kynurier, die Nielsen als Beleg für tribale Strukturen, die in sich Poleis umfassen, hervorhebt. Im Hinblick auf die Entstehung dieser Strukturen, also die grundlegende Differenz einer als evolutionär beschriebenen Entwicklung gegenüber einer rekonstruierenden Vorstellung, legt er sich nicht wirklich fest (S. 519f.), sondern lässt sowohl die eine (S. 519: "The standard view is that they arose as 'tribes' disintegrated. This may be so.") als auch die andere Möglichkeit zu (S. 519f.: "But at least the Triphylian state was an artificial construct from pre-existing poleis, designed to prevent new subjection to the powerful Eleiean neighbour.").

Neben den detaillierten Untersuchungen zu den hier beschriebenen grundsätzlichen Fragen widmet der Autor den Triphyliern und auch dem Synoikismos von Megalopolis noch eigene Kapitel. Insgesamt 10 Appendices zu Einzelfragen, Karten und Indices runden das umfängliche Buch ab. Insgesamt handelt es sich hier um ein außerordentlich stimulierendes Werk, das die fortdauernde Diskussion um die griechische Polis, die Frage nach ihrer Entstehung und Entwicklung wirklich bereichert.

Anmerkungen:
1 Vgl. Callmer, C.: Studien zur Geschichte Arkadiens bis zur Gründung des arkadischen Bundes, Lund 1943; Roy, J.: Studies in the History of Arcadia in Classical and Hellenistic Periods, Diss. Cambridge 1968.
2 Smith, A. D.: The Ethnic Origin of Nations, Oxford 1986; ders.: National Identity, London 1991; ders.: The Nation in History. Historiographical Debates about ethnicity and Nationalism, Oxford 2000.

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