G. Haug-Moritz: Der Schmalkaldische Bund

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Titel
Der Schmalkaldische Bund 1530-1541/42. Eine Studie zu den genossenschaftlichen Strukturelementen der politischen Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation


Autor(en)
Haug-Moritz, Gabriele
Reihe
Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 44
Erschienen
Leinfelden-Echterdingen 2002: DRW-Verlag
Anzahl Seiten
764 S.
Preis
€ 118,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Ullmann, Universität Augsburg

Im Schmalkaldischen Bund als zentraler Vereinigung des deutschen Protestantismus verbinden sich zwei Themenkomplexe der Geschichte des 16. Jahrhunderts: Die Formierung der frühneuzeitlichen Reichsverfassung und die Reformation. Zur Bewältigung der Folgeprobleme des Glaubenszwiespalts gegründet, gilt er nicht nur als organisatorische Grundlegung der protestantischen Stände im Reich, sondern auch als Oppositionsbewegung gegen ein sich wieder machtvoller präsentierendes Kaisertum.

Mit ihrer Monografie lenkt Gabriele Haug-Moritz die aktuelle Diskussion über Wesen und Struktur der Reichsverfassung auf den Systemansatz von Volker Press und Peter Moraw zurück, [1] der über der Debatte um den Staatlichkeitsbegriff [2] fast schon in Vergessenheit geraten ist – und zeigt sehr überzeugend seinen heuristischen Wert gerade für die Frühphase der Reichsgeschichte. Die Studie erschließt dabei durch die empirische Aufarbeitung einer breiten Quellenlage ein zentrales Thema der Reichsgeschichte der Reformationszeit unter einem neuen Blickwinkel und Interpretationsansatz.

Die Einleitung bilanziert den gegenwärtigen Forschungsstand zum Schmalkaldischen Bund und liefert zugleich eine aufschlussreiche Dekonstruktion einflussreicher Interpretationstraditionen. Die gegensätzlichen Bewertungen v.a. von Thomas A. Brady und Georg Schmidt, denen es um den Versuch ging, die Ambivalenz des Bündnisses zwischen politisch-militärischem Schutzbund und Religionsbund aufzulösen, führt Gabriele Haug-Moritz aus der Sackgasse, indem sie das Bündnis – nicht wie bisher geschehen – von seinen äußeren Wirkungsfaktoren her analysiert, sondern von den Binnenstrukturen ausgeht und die genossenschaftlichen Elemente untersucht, also das Bündnis in den Kontext der Geschichte des Einungswesens stellt. Der heuristischen Kategorie des 'politischen Systems' verpflichtet, nimmt sie dabei das Bündnis als "ganzheitlichen, interdependenten Handlungszusammenhang in den Blick" (S. 31). Indem sie die Verfassungsgeschichtsschreibung für die neue am Begriff der 'Bedeutung' orientierte kulturwissenschaftliche Methodik zugänglich macht, geht sie allerdings weit über den klassischen strukturalistischen Ansatz hinaus.

Deutlich wird diese Vorgehensweise vor allem an solchen Stellen, in denen der "Handlungsraum" Schmalkaldischer Bund in die analytischen Ebenen "Regeln/Norm", "Diskurs" und "Praxis" aufgespalten wird, um die unterschiedlichen Dimensionen der bündischen Wirklichkeit zu thematisieren. So werden die Verhaltensweisen der Teilnehmer erklärt, indem z.B. das Spannungsfeld von normativer Egalität, ein Anspruch, der über die sprachliche Präsentation immer neu konstruiert wird, und praktisch gehandhabter Patronage zwischen den mächtigeren und mindermächtigen Mitgliedern (S. 385ff.) ausgelotet wird. Die Ergiebigkeit des neuen Ansatzes zeigt sich auch bei der Entschlüsselung der Sinnzuschreibungen und symbolischen Bedeutungsebenen, die politisches Handeln verständlicher machen. Besonders erhellend fallen hier die Gegenüberstellungen zwischen bündischem und reichsweitem Handlungsraum aus [3]: Waren die Fürsten auf den reichsständischen Versammlungen zu kostspieliger Prachtentfaltung gezwungen, um ihr politisches Kapital zu mehren, so entband der egalitäre Charakter der Einung die Teilnehmer der Schmalkaldischen Tage von vergleichbarem Aufwand und Kosten (S. 239). Auffällig werden die Unterschiede auch beim nahezu völligen Fehlen der für das Reichstagsgeschehen konstitutiven zeremoniellen Elemente, entsprechend finden sich auch keine Sessionsstreitigkeiten im bündischen Handlungszusammenhang (S. 258f.). Quasi nebenbei eröffnen Fragen nach der Anreise und den Kosten spannende Einblicke in die alltagsgeschichtlichen Dimensionen politischen Handelns (S. 242). So lernt der Leser etwa, dass die gemeinsame Anreise nicht nur mehr Sicherheit und Kosteneinsparung brachte, sondern eine gleichzeitige Ankunft am Tagungsort auch Einigkeit signalisierte (S. 238-246).

Die Beschreibung der Verfahrensformen und Handlungsorientierungen, wie das Konsensprinzip oder das Prinzip der Gegenseitigkeit, sind im Ergebnis mehr als nur kulturalistisches Beiwerk, sie führen zu einer grundlegenden Neuinterpretation, die die bisher vorherrschende funktionale Bedeutungsperspektive entscheidend erweitert: Weil das Bündnis vor allem darauf ausgerichtet war, gemeinsames Handeln nach außen zu ermöglichen, führten die Bestrebungen, die innere Reichweite des Bündnisses zu erweitern, letztlich zu seiner Auflösung. Dieser Schritt vollzog sich mit der Verabschiedung der 'Verfassung zur Gegenwehr', die Zweck und Inhalt des Bündnisses grundsätzlich veränderte. Die neue bündische Aufgabenstellung führte schließlich auch zu einer neuen Rollenzuweisung an die beiden Hauptleute und öffnete den Hegemoniebestrebungen des Sächsischen Kurfürsten den Weg. Die sich hiermit abzeichnende Hierarchisierung unterlief den grundsätzlich egalitären Charakter des Bundes(S. 581f.). Systemimmanente strukturelle Grenzen leiteten also seine Erosion lange vor der militärischen Niederlage 1546/47 ein (S. 574f.).

Die Studie liefert jenseits dieser zentralen Ergebnisse eine Reihe weiterer Einsichten, Informationen und Materialien, von denen einige hier kurz erwähnt seien, etwa eine Prosopographie der Teilnehmer, eine detaillierte Analyse der regionalen Unterschiede in der Bündnisstruktur, eine Neubewertung der strittigen Frage der Reichsgerichtsbarkeit sowie nicht zuletzt die vergleichende Bearbeitung der Finanzverfassung, mit der das bisherige Bild einer schlechten Zahlungsmoral revidiert wird (S. 442-452; S. 485-490).

Abschließend bleibt ein Punkt zu kritisieren, der den künftigen Lesern den Zugang zu dieser Arbeit erschweren wird: Der Argumentationsgang und die Vorgehensweise erschließt sich nur schwer über das Inhaltsverzeichnis - vielmehr muss man erst die Leseanleitung auf S. 37-41 finden, um den Aufbau zu verstehen. Die gewählte Darstellungsweise - der Aufbau des Hauptteils folgt der Chronologie, ihr wird die systematische Analyse zugeordnet - führt darüber hinaus zu unnötigen Wiederholungen.

Anmerkungen:
[1] Moraw, Peter; Press, Volker, Probleme der Sozial- und Verfassungsgeschichte des Heiligen Römischen Reiches im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit (13.-18. Jahrhundert). Zu einem Forschungsschwerpunkt, in: ZHF 2 (1975), S. 95-107.
[2] Vgl. zuletzt zur v.a. von Georg Schmidt, Heinz Schilling und Johannes Burkhardt geführten Debatte: Reinhard, Wolfgang, Frühmoderner Staat und deutsches Monstrum. Die Entstehung des modernen Staates und das Alte Reich, in: ZHF 29 (2002), S. 339-357.
[3] Stollberg-Rilinger, Barbara, Zeremoniell als politisches Verfahren. Rangordnung und Rangstreit als Strukturelemente des frühneuzeitlichen Reichstags, in: Kunisch, Johannes (Hg.), Neue Studien zur frühneuzeitlichen Reichsgeschichte (ZHF Beihefte 19), Berlin 1997, S. 91-132.

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Veröffentlicht am
04.07.2003
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