S. Kuß (Hg.): Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand

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Titel
Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand.


Herausgeber
Kuß, Susanne; Bernd Martin
Reihe
Erfurter Reihe zur Geschichte Asiens 2
Erschienen
München 2002: Iudicium-Verlag
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Stoyke, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Forschung über den »Boxeraufstand« hat – vielleicht befeuert durch das 100-jährige Jubiläum – in den letzten Jahren eine Reihe von Publikationen hervorgebracht, die die Auseinandersetzungen zwischen China und den europäischen Mächten, den USA und Japan thematisieren. [1] Nicht allen Autoren ist es dabei gelungen, sich dem platten Mythos der heroisch gegen feige, verschlagene Chinesen kämpfenden Alliierten zu entziehen. Zu verlockend, zu schillernd scheinen der dramatische Gang der Ereignisse, zur sehr Abenteuerstoff die Belagerung der Gesandten und zahlreicher chinesischer Konvertiten in Peking und Tianjin und die in letzter Minute heranrückende Entsatzarmee, um daraus nicht eher einen Historienroman zu schreiben als eine wissenschaftliche Untersuchung. [2]

Zu kurz kommt insbesondere der Blick auf die chinesischen Akteure, der wichtig wäre, um die Mythen von der Überlegenheit der Waffen und vor allem der schieren Willenskraft der vorwiegend westlichen Verteidiger zu widerlegen. Hätten die Eingeschlossenen der enormen Übermacht der Yihetuan und der regulären chinesischen Armee standhalten können, wenn nicht hinter den Kulissen führende Staatsmänner wie Yuan Shikai und Li Hongzhang Einfluss genommen hätten? [3] Die moderne Bewaffnung der chinesischen Armee und ihr guter Qualifikationsstand, auch dank deutscher Ausbilder, lassen das unwahrscheinlich erscheinen. [4] Wie gestaltete sich die Kooperation zwischen den alliierten Mächten, insbesondere auch mit den Japanern, und was waren ihre Interessenkonflikte? Was genau geschah nach der Befreiung der Gesandtschaften im Rahmen der »Strafexpeditionen«?

Auf einige dieser Fragen geben die zwölf Beiträge im von Susanne Kuß und Bernd Martin herausgegebenen Band »Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand« eine Antwort. Der Band ist das Ergebnis einer Tagung im Juni 2000 in Freiburg, die Teil eines Tagungsprojektes mit Fortsetzung in Jinan (Shandong) und London war. Wie bei vielen Tagungsbänden betrachten die zwölf Beiträge dieses Bandes die Ereignisse aus den unterschiedlichsten Perspektiven, so dass kein kohärentes Gesamtbild entsteht. So ist es schwierig, einen geordneten Überblick zu geben. Inhaltlich gruppieren sich die Beiträge um die Schwerpunkte Militär- und Marinegeschichte und um die Auswertung der Boxerprotokolle. Befremdlich angesichts des Titels des Bandes wirken zwei Beiträge zur Beteiligung Österreich-Ungarns an diesem Konflikt, wenngleich eine genauere Erforschung der Rolle der k. u. k.-Monarchie durchaus ein Desiderat darstellt.

Insgesamt lassen sich die Beiträge drei Ebenen zuordnen: Zunächst versucht eine Reihe vorwiegend ereignisgeschichtlich orientierter Beiträge, nüchtern und quellennah die Entwicklung der Geschehnisse in China nachzuzeichnen – manchmal zu quellennah, so dass der Bezug zur Epoche insgesamt undeutlich bleibt. Hierzu zählt Bernd Martins Artikel über die Ermordung des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler und die Rolle, die diese bei der Eskalation des Konfliktes spielte. Ob Martin sich dabei von der Sprache der Quellen wegtragen lässt, wenn er feststellt: »Wie Tontauben wurden sieben oder acht Boxer auf der Mauer abgeknallt« (S. 86), oder ob er lediglich das Zitat nicht korrekt kennzeichnete, bleibt offen. Mit seinem Beitrag über die Rolle der deutschen Marine weist Cord Eberspächer auf eine wichtige Forschungslücke hin.

Deutsche Kanonenboote waren seit 1869/70 in ostasiatischen Gewässern präsent und bildeten die ständige Drohkulisse, die Deutschlands Politik in dieser Weltregion fortan genauso begleitete wie die der anderen Mächte. Darüber hinaus zeigen die Planungen für ein deutsches Einrücken in den Yangzi und die Einnahme der Stadt Jinjiang, weitab von den eigentlichen Unruhen in Nordchina, dass sich die deutsche Marine in ihren Überlegungen zu einer semikolonialen Durchdringung Chinas keineswegs auf ihre erklärte Einflusszone, die Provinz Shandong, beschränkte. Wolfgang Petters Beitrag befasst sich ebenfalls mit der deutschen Marine. Er zeigt, wie schlecht die Marine für diesen Einsatz vorbereitet war und verweist darüber hinaus auf die bereits von den Zeitgenossen geäußerte Skepsis am Sinn der Intervention. Petters Interpretation des Einsatzes als Akt symbolischer Beanspruchung von Weltgeltung markiert denn auch die richtige Richtung zum Verständnis des deutschen Einsatzes beim Aufbau der »Musterkolonie« Kiautschou (S. 155f.). Der Beitrag Roland Felbers untersucht die chinesische Kriegserklärung durch die Kaiserinwitwe Cixi und den Hintergrund dieser Eskalation. In einer konzisen Diskussion, die zudem den chinesischen Forschungsstand berücksichtigt, zeigt er die Interessenkonflikte am chinesischen Kaiserhof auf, die letztlich verantwortlich für das Überleben der im Pekinger Gesandtschaftsviertel belagerten Europäer, Amerikaner, Japaner und chinesischen Christen waren. Auf die wichtige Rolle der christlichen Mission geht Horst Gründer ein, dessen Beitrag leider nicht über seine früheren Ausführungen hinausgeht. [5]

Auf einer zweiten Ebene wird die Rezeption der Ereignisse in Deutschland betrachtet und somit die Frageperspektive umgedreht, d.h. es werden die Rückwirkungen der Ereignisse an der Peripherie auf die Metropole in den Blick genommen. Leider nur viel zu kurz wird von Bernd Martin die Instrumentalisierung der Ereignisse in Deutschland angesprochen, die in verschiedenen – heute praktisch vergessenen – Denkmal-Projekten in Berlin und Münster gipfelte (S. 95). So ist längst vergessen, dass viele der immer noch überall in Deutschland zu findenden Iltisstraßen nicht dem Raubtier, sondern der Erinnerung an das erste Gefecht mit deutscher Beteiligung in Fernost dienen sollten, bei dem der deutsche Kreuzer »Iltis« schwer beschädigt wurde. In Berlin ist das Museum für ostasiatische Kunst unter dieser Adresse zu finden. Ute Wielandt und Michael Kaschner präsentieren eine Durchsicht der Reichstagsdebatten vom November 1900, in denen die Intervention in China Thema war. Interessant ist an dieser Debatte nicht nur die Position August Bebels, der entgegen den zeitgenössischen Zivilisationshierarchien dem Feind ein durch nachvollziehbare Werte motiviertes Verhalten zubilligte, indem er feststellte, die »Boxer« seien »von ihrem Standpunkt aus Patrioten« (S. 184). Bemerkenswert ist ferner, dass die Opposition Feldpostbriefe als Argumentationsbasis gegen die Regierung heranzog, um die Unfähigkeit der Armeeführung und Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung anzuprangern. Deren Auswertung durch die beiden Autoren stellt außerdem eine anschauliche Grundlage für den weiter unten zu diskutierenden Artikel von Susanne Kuß dar, der einer dritten Ebene von Beiträgen zuzurechnen ist.

Beiträge dieser Ebene setzen sich einen über das Ereignis und die Epoche hinausweisenden Deutungsanspruch zum Ziel. Dies ist besonders zu begrüßen, da die deutsche Kolonialgeschichte allzu oft als ein Kuriosum der deutschen Außenpolitik der Kaiserzeit betrachtet wird. Diese Verkürzung der deutschen Kolonialgeschichte auf die Dauer ihrer administrativen Wirklichkeit ist inzwischen u.a. durch die Arbeiten Birthe Kundrus' und Susanne Zantops überwunden worden. [6] In diese Kategorie fällt der Beitrag von Klaus Mühlhahn, der interessanteste Text des Bandes. Mühlhahn analysiert die Auswirkungen der Friedensbestimmungen, der so genannten Boxerprotokolle, auf den entstehenden chinesischen Nationalismus und die politische Symbolik der jungen chinesischen Republik, in der die »nationale Schande«, die China durch die deutschen Sühneforderungen zugefügt worden sei, eine zentrale Rolle spielte und bis heute spielt. Mühlhahn verbindet hier Überlegungen zu Gedächtnisort und Geschichtspolitik mit der ungewohnten chinesischen Perspektive auf die europäische Intervention. Er zeigt, dass China nicht einfach passiver Empfänger historischer Impulse aus Europa war, sondern diese aktiv aufgriff und nicht nur mit Stoßrichtung gegen die kolonialen Usurpatoren instrumentalisierte. Ergiebig ist auch der Beitrag von Thoralf Klein, der den Boxeraufstand mit dem Konzept des »interkulturellen Konflikts« analysiert und damit vergleichend in diesen Forschungszusammenhang einbringt. Dabei sucht Klein nach der kulturellen Grenze, entlang der sich der Konflikt entfaltete, und nimmt dabei notwendig nicht nur die europäische Perspektive ein. So betrachtet er die Wahrnehmung der Europäer durch die Boxer, aber auch die Konfliktlinie zwischen den Boxern und den chinesischen Christen. Auf diese Weise zeigt er die Vielfalt der inneren und äußeren Beziehungen der involvierten Parteien und schlussfolgert überzeugend, dass das Interpretationsmuster des interkulturellen Konfliktes am seine Grenzen stößt, weil es zu stark von der Annahme (einfacher) kultureller Dichotomien ausgeht (S. 58). Ferner muss der Beitrag von Susanne Kuß erwähnt werden, die in bekannter Anlehnung an Hannah Arendt untersucht, inwiefern die Vernichtungspraktiken, derer sich die deutschen Truppen bei den Strafexpeditionen nach Ende der eigentlichen Kampfhandlungen schuldig machten, als unmittelbare Vorstufe der Genozide in Südwest- und Ostafrika (teilweise bei personeller Kontinuität) und der späteren Vernichtungsstrategien im Ersten und Zweiten Weltkrieg gelten können. Ob die Strafexpeditionen der verspätetet in China eingetroffenen deutschen Truppen wirklich als Vernichtungsfeldzug gedeutet werden können, ist zweifelhaft. Angemessener erscheint es, von einer Enthemmung durch die persistente Behauptung kultureller und rassistischer Hierarchien zu sprechen, wie sie in Wilhelms II. »Hunnenrede« ein sprachliches Denkmal gefunden haben.

Insgesamt bietet der Band eine Reihe von Perspektiven, die eine Ergänzung der bereits existierenden Literatur zum »Boxeraufstand« darstellen. Mangels einer umfassenden, übergeordneten Fragestellung wird er aber nur für LeserInnen mit ausgeprägten Vorkenntnissen von Interesse sein. Es bleibt zu hoffen, dass die aus den weiteren Tagungen dieser Reihe hervorgehenden Publikationen sowohl in methodischem Anspruch, als auch vor allem aber in einer ausgewogenen Berücksichtigung der Interessen und Handlungen der chinesischen Akteure mehr leisten als dieser Band.

Anmerkungen:
[1] Besonders herauszuheben ist: Cohen, Paul A., History in Three Keys. The Boxers as Event, Experience and Myth, New York 1997; Kaminski, Gerd, Der Boxeraufstand – entlarvter Mythos, Wien 2000. Außerdem zahlreiche Zeugnisse österreichischer Zeitzeugen, die den bisher angelsächsisch geprägten europäischen Blick relativieren könnten: Pechmann, Alexander von (Hg.), Peking 1900. Paula von Rosthorns Erinnerungen an den Boxeraufstand. März bis August 1900, Wien 2000; Ham, Claudia von; Ortner, M. Christian (Hgg.), Mit S.M.S. Zenta in China. »Mich hatte auch diesmal der Tod nicht gewollt...« Aus dem Tagebuch eines k.u.k. Matrosen während des Boxeraufstandes, Wien 2000; Paul, Gustav, Der Boxerkrieg in China 1900-1901. Tagebuchaufzeichnungen des späteren Hildesheimer Polizeioffiziers Gustav Pauk (Quellen und Dokumentationen zur Stadtgeschichte Hildesheims 11), hg. v. Mainzer, Hubert; Sieberg, Herward, Hildesheim 2001.
[2] Sehr kritisch ist der zuletzt veröffentlichte und in vielen Buchläden prominent placierte Band von Diana Preston zu sehen, der in der klischeehaften, eurozentrischen Darstellung weder analytisch noch stilistisch über die Darstellungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinausreicht: Preston, Diana, Rebellion in Peking. Die Geschichte des Boxeraufstands, München 2001. Bezeichnend ist v.a. der Titel der amerikanischen Ausgabe, der dem deutschen Publikum offenbar nicht zugemutet werden konnte: Dies., The Boxer Rebellion. The Dramatic Story of China's War on Foreigners That Shook the World in the Summer of 1900, New York 2001.
[3] Vgl. Kindermann, Gottfried-Karl, Der Aufstieg Ostasiens in der Weltpolitik 1840-2000, Stuttgart 2001, S. 88.
[4] Vgl. dazu u.a.: Kaske, Elisabeth, Bismarcks Missionäre. Deutsche Militärinstrukteure in China 1884-1890 (Asien- und Afrika-Studien der Humboldt-Universität zu Berlin 11), Wiesbaden 2002.
[5] Vgl. Gründer, Horst, Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 1984; Ders., Christliche Mission und deutscher Imperialismus 1884-1914, Paderborn 1982.
[6] Vgl. Kundrus, Birthe, Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt am Main 2003; Zantop, Susanne, Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland, 1770-1870 (Philologische Studien und Quellen 158), Berlin 1999.

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Veröffentlicht am
03.11.2004
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