G. Maierhof: Frauen in der jüdischen Selbsthilfe

Cover
Titel
Selbstbehauptung im Chaos. Frauen in der jüdischen Selbsthilfe 1933-1943


Autor(en)
Maierhof, Gudrun
Erschienen
Frankfurt am Main 2002: Campus Verlag
Anzahl Seiten
390 S., 11 s/w Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Kimmel, Berlin

“Selbstbehauptung im Chaos”: unter diesem Titel stellt Gudrun Maierhof dar, auf welche Weise jüdische Frauen in den Jahren zwischen 1933 und 1943 versuchten, innerhalb einer Juden zunehmend ausgrenzenden und schikanierenden Umwelt dennoch “Inseln menschlicher Wärme” (S. 303) zu schaffen. Detailliert beschreibt Maierhof die Lebensläufe von 13 Jüdinnen, die sich, teilweise nachdem ihre beruflichen Karrieren als Juristinnen und Lehrerinnen 1933 abrupt beendet wurden, teilweise aber auch in Fortsetzung ihrer bisherigen Arbeit in der Wohlfahrt, gezielt für andere jüdische Frauen und Männer einsetzten. Das besondere Augenmerk der Dissertation gilt dabei der Hilfe von Frauen für Frauen. Maierhof greift auf eine breite Quellenbasis zurück, die sie durch eigene Interviews ergänzt.

Sie unterteilt die Arbeit der jüdischen Selbsthilfe in drei Phasen. Innerhalb der ersten, von 1933 – 1938 reichenden, sei in sehr kurzer Zeit unter dem Dach der Reichsvertretung der deutschen Juden ein Netz verschiedener, gut koordinierter Einrichtungen aufgebaut worden. Die Hilfe für arbeitslos gewordene Juden und Jüdinnen in rechtlichen Fragen, deren finanzielle und psychische Unterstützung, die Schaffung von Ausbildungsplätzen und Schulen für Jugendliche und Kinder habe im Mittelpunkt der regen Aktivitäten gestanden. Neben der Hilfe zur Verbesserung von Emigrationschancen – gerade für junge Frauen -, gehörten wachsende Fürsorgeleistungen für die verarmenden jüdischen Menschen in Deutschland zu den wichtigsten Aufgaben. Bei diesen Leistungen sei der besondere Druck unter dem Jüdinnen – als Angehörige der Minderheit und als Frauen – zu leiden hatten, stets zu berücksichtigen (S. 31ff.). Maierhof stellt abschließend zu dieser Phase fest, dass tatsächlich innerhalb der abgegrenzten jüdischen Sphäre demokratische Spielregeln (unter Beobachtung der Gestapo) geherrscht hätten; die staatlichen Spitzel nahmen zu dieser Zeit noch relativ wenig Einfluss auf Interna (S. 304).

Nach dem 9./10. November 1938 habe es derartige Freiheiten nicht mehr gegeben; zahlreiche Einrichtungen hätten unmittelbar schließen müssen, die bisherige Reichsvertretung wurde im Februar des folgenden Jahres in die wesentlich zentralistischer strukturierte Reichsvereinigung der Juden in Deutschland – der nun alle Juden in Deutschland angehören mussten – überführt. Innerhalb der Jahre von 1938 bis 1941 (der zweiten von Maierhof definierten Phase) hatten die finanzielle und beratende Unterstützung möglichst vieler Menschen während der Emigration bzw. die Fürsorge für jene, für die dieser Schritt nicht in Frage kam, Vorrang. Gerade in der Frage der Auswanderung nach Palästina waren dabei nicht selten rechtlich zweifelhafte Schritte erforderlich, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Die NS-Behörden übten während dieser Phase eine strenge Kontrolle über sämtliche Schritte der jüdischen Organisationen aus. Bei der Palästina-Auswanderung wurden allerdings v. a. die Einwanderungsbestimmungen der britischen Mandatsträger gebrochen – ein Rechtsbruch, der die deutschen Stellen nicht interessierte (vgl. S. 217-221). Diese legten größeren Wert darauf, dass die zur Auswanderung gedrängten Menschen zuvor ihr Hab und Gut möglichst vollständig in Deutschland zurückließen. Viele von denen, die ohnehin nichts mehr besaßen, mussten von den Auswanderungsstellen in der Reichsvereinigung unterstützt werden. Einen besonderen Stellenwert besaßen die sog. “Kindertransporte”, mit denen rund 7200 Kinder in erster Linie zu englischen Gastfamilien kamen.

Ab dem 24. Oktober 1941 war eine legale Ausreise aus Deutschland für Juden nicht mehr möglich. Diese dritte Phase jüdischer “Selbsthilfe” in Deutschland wurde im Sommer 1943 mit der Deportation der letzten Funktionäre der Reichsvereinigung nach Theresienstadt beendet. Bereits in dieser Zeit wurde der Personalapparat der Reichsvereinigung auf Drängen von Gestapo und Reichssicherheitshauptamt immer wieder drastisch reduziert, viele Angestellte – darunter einige der von Maierhof porträtierten Frauen – wurden in den Osten deportiert, die meisten wurden dort umgebracht. “Selbsthilfe” reduzierte sich nun – neben fürsorgerischen Diensten - größtenteils auf die Mithilfe bei den Deportationen. Frauen wurden eingeteilt, Statistiken und Listen zu erstellen, Verpflegungspakete und Kleidung für die Deportationszüge vorzubereiten und zur Deportation Bestimmte von ihren Wohnungen abzuholen. Hannah Arendt und Raul Hilberg haben diese Tätigkeit auf Schärfste verurteilt, Maierhof ist in ihrem Urteil zurückhaltender. Sie würdigt die Tatsache, dass in Einzelfällen, so es eben ging, Hilfe geleistet wurde, und verweist darauf, dass bis etwa Sommer 1943 die jüdischen Funktionäre nichts von den Vernichtungslagern wussten (S. 260-263).

Im Anhang präsentiert Maierhof neben Dokumenten zur Geschichte der jüdischen Organisationen im Nationalsozialismus auf knapp dreißig Seiten Kurzbiografien von deutschen Jüdinnen und Juden, die in der Selbsthilfe mitarbeiteten. Diese ergänzen die ausführlicheren Darstellungen im Haupttext. Trotz der engagierten Beschreibung Maierhofs ist die Bereitschaft zur Selbstaufopferung für andere, die aus den Lebensgeschichten deutlich wird, aus heutiger Perspektive manchmal schwer nachvollziehbar. Einige – wie etwa Hannah Karminski – scheinen durch Liebesbeziehungen gegen die zunehmend unerträglichen Lebensbedingungen in Deutschland zeitweise “immunisiert“ worden zu sein. Für andere ging es schlicht darum, dass sie in Deutschland anderen, schwächeren Menschen helfen konnten (S. 198f.).

Überzeugend ist das Fazit Maierhofs, dass letztlich all diese selbstbewussten und gebildeten Frauen zwar nicht selbst dem tradierten Frauenbild entsprachen, dieses aber in den entsprechenden Organen propagierten (S. 313). Ebenso zwingend ist ihre abschließende Einschätzung, dass die Unterdrückung durch die Nationalsozialisten zwar die Rolle der jüdischen Frauen im Privatleben aufgewertet habe – häufig wurden diese zu den einzigen Geldverdienern – dass aber auch für die jüdische Selbsthilfe prägende Frauen wie Cora Berliner und Hannah Karminski nie eine tatsächliche Statusverbesserung innerhalb der Reichsvereinigung erreichen konnten. Die beträchtliche Verantwortung, die sie übernahmen, die Vielzahl von Leistungen, die sie erbrachten, führte nicht dazu, dass sie auch offiziell Männern gleichgestellt wurden – oder wenigstens gleichen Lohn für ihre Arbeit erhielten. So wurden sie häufig auf Rollen als “soziale Mütter” reduziert (S. 315). Inwieweit dieser Effekt mit dem von ihnen perpetuierten Frauenbild korrespondierte, erläutertet Maierhof nicht.

Die Leistungen von Maierhof, die den bislang weitgehend ignorierten Anteil von Frauen in den jüdischen Organisationen anschaulich beschreibt, ist beachtlich. Dennoch stört an einigen Stellen die fehlende Struktur des Bandes. Die vorgenommene Periodisierung ist zwar durch die Erläuterungen im abschließenden Kapitel nachvollziehbar, während der Lektüre jedoch häufig nicht.

Schade ist außerdem, dass Gudrun Maierhof nicht alle ihre Erkenntnisse in diesem Buch verwertet zu haben scheint. So bemerkt sie im auswertenden Kapitel, dass die im Zusammenhang mit der Deportation geleisteten Arbeiten nicht unter den Begriff “Selbsthilfe” zu fassen seien. Die von Martha Wertheimer 1941 gegründete Jüdische Anlernwerkstätte stellt sie hingegen im Rest des Bandes nicht mehr genauer vor.

So macht Maierhofs Arbeit trotz ihrer Materialfülle deutlich, dass es weiterhin enormen Forschungsbedarf in diesem Bereich gibt. Zudem verdeutlichen die von Maierhof recherchierten und vorgestellten Biografien, dass - mit Ausnahme von vielleicht Recha Freier (S. 221-233) - alle Funktionärinnen so fest in einem rechtstaatlichen und bürgerlichen Denken verwurzelt waren, dass ein Verstoß gegen diese Normen kaum denkbar und noch viel weniger durchführbar war. Tragischerweise war es genau dieses Vertrauen auf “deutsche” und bürgerliche Tugenden, die diese Frauen allen Bedrängungen zum Trotz in Deutschland bleiben ließ, bis es für viele von ihnen zu spät war.

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Veröffentlicht am
12.06.2003
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