K. Keller: Landesgeschichte Sachsen

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Titel
Landesgeschichte Sachsen.


Autor(en)
Keller, Katrin
Erschienen
Stuttgart 2002: UTB
Anzahl Seiten
424 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wulf Wäntig, Technische Universität Chemnitz

Wissenschaftliche Überblicksdarstellungen zur Geschichte Sachsens werden seit der Wiederbegründung des Landes 1990 in regelmäßigen Abständen eingefordert. In der Regel wird der Bedarf, mit dem Forschung und interessierte Öffentlichkeit diesem Desiderat gegenüberstehen, mit dem Hinweis auf die wiederholten Auflagen der „Sächsischen Geschichte“ Rudolf Kötzschkes und Hellmut Kretzschmars von 1935 untermauert, die zuletzt 2002 als Nachdruck der 2. Auflage von 1965 erschien. [1] Nach einem von Karl Czok 1989 herausgegebenen Sammelband [2] und der ersten wissenschaftlich fundierten Überblicksdarstellung seit 1990, die Reiner Groß 2001 vorgelegt hat [3], ist nun erneut ein Buch anzuzeigen, das zwar in seiner Einleitung explizit den Anspruch negiert, selbst „die immer noch fehlende moderne Gesamtdarstellung sächsischer Geschichte“ zu liefern (S. 9). Im Rahmen der nach eigener Einschätzung „knappe[n] historische[n] Überblicksdarstellung“ (ebd.) füllt das Werk jedoch in vielfacher Hinsicht Lücken, die bislang zu besagten Defizitbekundungen zur Landesgeschichtsschreibung in und über Sachsen geführt haben.

Die Autorin, seit 2001 Universitätsdozentin für neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien, zuvor Privatdozentin am Historischen Seminar der Universität Leipzig und Mitarbeiterin am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden, stellt sich die Aufgabe, die Geschichte des Landes Sachsen unter Betonung der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte darzustellen, „ohne deshalb Grundlinien politisch-administrativer Entwicklung ganz zu vernachlässigen“ (S. 9). Hierzu legt sie einen Gang durch die sächsische Geschichte in sechs Abschnitten vor. Dieser nimmt seinen Ausgangspunkt bei den Rahmenbedingungen historischer Entwicklung, indem die naturräumliche Gliederung und territoriale Entwicklung des historischen Sachsen vorgestellt werden (Kapitel 1, 22 Seiten einschließlich Literaturangaben). Anschließend werden die Vor- und Frühgeschichte (15 Seiten), das Mittelalter (73 Seiten), die Frühe Neuzeit (127 Seiten) sowie das 19. und 20. Jahrhundert (138 Seiten) behandelt, wobei das letzte Kapitel mit dem Jahr 1950 und damit kurz vor der Abschaffung der Länder in der DDR 1952 endet. Ein Ausblick unter der Überschrift „Auflösung und Wiederbegründung“ (12 Seiten) beschließt den Band.

Die drei Hauptkapitel - vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert - sind nach einheitlichem Muster untergliedert: Auf Politik, Verfassung und Verwaltung folgen jeweils Kirchengeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie ein Abschnitt über „Aspekte kultureller Entwicklung“. Nochmals untergliedert ist die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, die auf die Unterabschnitte Landwirtschaft, Stadt und Stadtbewohner, Bergbau und Gewerbelandschaften sowie Adel verteilt wird. Variationen ermöglichen es, diese Gliederung über die Spanne vom 10. bis ins 20. Jahrhundert beizubehalten: Im 19./20. Jahrhundert erweitern Industrialisierung und Urbanisierung die Stadtthematik, Arbeiterschaft und Bürgertum rücken anstelle des Bergbaus in den Mittelpunkt, und an der Seite der in ihrer Gewichtung zurücktretenden Kirchengeschichte erhält die Geschichte der politischen Bewegungen einen eigenen Abschnitt.

Die Darstellung greift erfreulich intensiv auf aktuelle Forschungen zur sächsischen Geschichte zurück - einschließlich einer Reihe neuester, noch unveröffentlichter Hochschulschriften - und rezipiert auch internationale Studien in stärkerem Maße, als dies in der Regel geschieht. Auf dieser Basis gelingt es der Autorin, stringent, vielschichtig und ausgewogen die Geschichte Sachsens zu konturieren. Die den einzelnen Kapiteln beigegebene Auswahlliteratur spiegelt dabei wider, in welchem Maß der Forschungsstand auf den unterschiedlichen Feldern auseinanderklafft: Während einzelne Gebiete in den letzten Jahren regelrechte Forschungsschübe erlebt haben und andere Bereiche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest selektiv in einiger Breite behandelt worden sind, datieren die jüngsten Forschungserträge an anderer Stelle noch immer von Beginn des 20., zum Teil auch aus dem 19. Jahrhundert. Keller legt diese Divergenz mehrfach offen, beweist aber zugleich, dass sich trotz dieser Ausgangslage eine moderne Geschichte Sachsens schreiben lässt, die sich von überkommenen Deutungsmustern, zum Teil auch von populären Mythen löst. Wo aktuelle Ergebnisse fehlen, erreicht sie dies dadurch, dass sie die Abhängigkeit historischer Bewertungen vom Ausmaß der (verwerteten) Quellenüberlieferung und vom historiographischen Standpunkt der jeweils Forschenden transparent hält. Dadurch gelingt es, auch an diesen Stellen etablierte Elemente des sächsischen Geschichtsbildes in Frageform zur Revision auszuschreiben.

Die Zusammenführung aktueller und älterer Einzelergebnisse der Forschung zur sächsischen Geschichte ist ein Verdienst des Bandes. Ein anderes liegt in der konsequenten Einbindung der sächsischen in parallele oder auch gegenläufige Entwicklungen, die sich auf Reichsebene oder in anderen Territorien beobachten lassen, oder die als Wesensphänomene der jeweiligen Epoche gelten. In dieser Hinsicht ist der Titel des Buches Programm: ‚Landesgeschichte Sachsen‘ - nicht ‚Sächsische Geschichte‘ oder ‚Geschichte Sachsens‘ - knüpft den vorgelegten Überblick an Definitionsfragen zum Verhältnis von ‚Allgemeiner‘ und Landes- bzw. Regionalgeschichte und eröffnet einen Horizont, innerhalb dessen sich Geschichte als „auf den Raum beziehbare historische Entwicklung“ (S. 395) zusammensetzt aus den Elementen von Allgemeinem, das sich am kleinräumigen Beispiel materialisiert, und von Besonderem, das aus der Spezifik der jeweils gegebenen Bedingungen entsteht und nur in deren Rahmen erklärbar ist. Auch mit dieser Konzeption bewegt sich Keller souverän auf der Höhe der Forschung.

Insgesamt wird der stark systematische Aufbau dem Anliegen des Buches durchaus gerecht. Übergreifende Zusammenhänge werden durch ihn keineswegs verdeckt. Zwar sind die einzelnen Abschnitte durch die jeweils in die Überschrift gesetzte Bindestrichgeschichte (Politik-, Wirtschafts-, Sozial-, Kirchen-, Kulturgeschichte) vorstrukturiert, in deren Rahmen die Autorin ihre Längsschnitte durch die drei Hauptepochen legt. Querbezüge sowie Rück- und Ausblicke sorgen jedoch dafür, dass die durch den vorgegebenen Fächerkanon drohende Segregation nach Geschichtsbereichen ausbleibt und auch den Epocheneinschnitten die Schärfe genommen wird. Lediglich im Abschnitt über Politik und Verfassung im 19. und 20. Jahrhundert (S. 253-279) stellt sich bisweilen Ungeduld ein, die daraus resultiert, dass Zusammenhänge, ohne die sich Ereignisgeschichte und strukturelle Entwicklungen nur unzureichend erschließen, in den Abschnitt über die Geschichte der politischen Bewegungen (S. 280-297) ausgelagert werden. Nach dessen Lektüre klingt diese Ungeduld ab. Dennoch erscheint in diesem Kapitel der zeitliche Bogen - von etwa 1830 bis 1950 - als zu weit gespannt: Am Ende der einzelnen systematischen Durchgänge hat der Leser bisweilen Mühe, den Sprung von den ersten Jahren der DDR zurück in die Regierungszeit König Antons mit zu vollziehen und im jeweils folgenden Durchgang dennoch die gedankliche Querverbindung zum bis dahin Gelesenen aufrechtzuerhalten. Die ansonsten einsichtige Gewichtung von Systematik und Chronologie hätte hier differenzierter ausfallen dürfen.

Dem Buch gelingt es, beim Leser das Bewusstsein für die Welt hinter den Strukturen und großen Prozessen wach zu halten. An verschiedener Stelle wird die Suche nach den übergreifenden Großkategorien von Modernisierung oder Staatsbildung ausgerufen, ohne dass diese absolut gesetzt werden. Die Ebene des Menschen in der Geschichte bleibt durch mehrfache Einschübe präsent, in denen die jeweils erschlossene strukturelle Entwicklung zu Wahrnehmung und Erfahrungen der Zeitgenossen in Beziehung gesetzt wird (so etwa S. 140f., 172f., 263). Insofern bemüht sich die Autorin, ihrer an anderer Stelle formulierten Diagnose gerecht zu werden, wonach insbesondere die Disziplin der Sozialgeschichte „mehr und mehr Merkmale einer ‚historischen Kulturforschung‘“ zeige. [4] Dass sich dieses Bemühen auf die besagten Einschübe beschränkt, führt Keller in der Einleitung auf Defizite in der Forschung zurück, in der etwa „Volkskultur respektive Alltagsgeschichte“ bislang zu wenig für Sachsen thematisiert worden seien, als dass sie stärker hätten berücksichtigt werden können (S. 10). Trotz dieser Vorbemerkung (expliziert auf S. 111, 225) lässt die Tatsache, dass sich die Abschnitte zur kulturellen Entwicklung fast ausschließlich auf die materielle und im traditionellen Sinn institutionelle Kultur beziehen, den Leser einigermaßen unbefriedigt. Angesichts des Stellenwertes, den Neuere Kulturgeschichte und Historische Anthropologie in der Forschungslandschaft nicht nur zur Frühen Neuzeit, sondern auch etwa zur Arbeitergeschichte mittlerweile einnehmen, hätte eine Überblicksdarstellung, die es ansonsten in der beschriebenen Weise versteht, neueste Ergebnisse zusammenzuführen und auf dieser Basis zugleich drängende Fragen für die zukünftige Forschung freizulegen, diese Perspektive stärker öffnen und von der Forschung einfordern können und müssen. Das Potential hierzu blitzt auf, wenn etwa für das Mittelalter die Funktion von Grabmälern als Gedächtnis- und Herrschaftszeichen betont wird (S. 114). In vielen weiteren Passagen bleibt diese Ebene aber implizit und erschließt sich daher nur denjenigen Lesern, die für diese Zusammenhänge bereits sensibilisiert sind.

Ein kurzer Absatz mit kritischen Anmerkungen: Gelegentliche Anachronismen in der geographischen Zuordnung hätten durch die jeweils zeitgenössische Bezeichnung (im 17. Jahrhundert Oberungarn für die heutige Slowakei, S. 196) vermieden werden können. Hinzu kommen vereinzelte Ungenauigkeiten - das Simultaneum im Bautzener Dom wurde zwar durch Johann Leisentritt (1527-1581) auf Dauer gesichert, geht aber nicht auf ihn zurück, sondern datiert von 1523/24 (S. 174) - sowie Unschärfen in der Bewertung bestimmter Phänomene. So wird die Einschätzung, dass die Phase nach 1945 einen Aufbruch zu praktizierter politischer Pluralität beinhaltet habe, trotz des Hinweises auf unmittelbar einsetzende Gegenentwicklungen nicht unwidersprochen bleiben (S. 295-297). Dass der Ausblick (Kapitel 6) nur bis 1952 führt und dann wieder 1990 einsetzt, ist mit dem Verweis auf die zwischen diesen Jahren wirksame Zentralisierungspolitik (S. 395) etwas knapp begründet. An anderer Stelle lassen sich Irritationen des Lesers auf unglückliche Formulierungen zurückführen: Die Judenverfolgung unter dem Nationalsozialismus ist nicht mit der Wendung zusammenzufassen, die ermordeten sächsischen Juden seien „den völkischen Idealen des Regimes geopfert“ worden (S. 274); dies liegt auch quer zu den an anderer Stelle eingebrachten Befunden der Antisemitismusforschung, die auch für Sachsen Kontinuitätslinien bis ins Kaiserreich zurückverfolgt hat (S. 290f.). Beim gleichen Thema fehlen der im Nebensatz erwähnten so genannten „Arisierung“ die Anführungszeichen (S. 345). An die Adresse des Lektorats ergeht der Hinweis auf eine auffällige Menge störender Satz- und Trennfehler (u.a. S. 118, 167, 227, 275, 313, 376, 395).

Das in den bibliografischen Abschnitten vorgestellte Quellen- und Literaturmaterial erschließt vielfältige Informationsquellen zum jetzigen Forschungsstand und stellt am Ende des ersten Abschnitts mit dem Nachweis sämtlicher Bibliografien, Archivführer und Nachschlagewerke zur Geschichte Sachsens, einschließlich der Inhaltsverzeichnisse für die relevanten heimat- und landeskundlichen Zeitschriften, ein Arsenal an Arbeitsmitteln zur Verfügung, mit dem die Autorin sowohl ihre Forschungs- als auch ihre Lehrerfahrung anwendbar weitergibt. Dem Register kommt in der Konzeption des Bandes zusätzliche Bedeutung zu: In einem Kompromiss zwischen Vollständigkeit - zentrale Begriffe, Namen und Orte wurden umfassend aufgenommen - und Handhabbarkeit erhält es die Funktion einer Konkordanz, die hilft, langfristige Entwicklungen abschnittsübergreifend zu verfolgen. Das Verhältnis von Fürst und Ständen oder die Stellung der Oberlausitz zu den Erblanden bieten hier Beispiele.

Insgesamt ist ein Grundlagenwerk entstanden, das sein Ziel, Überblick und Einstieg in die Geschichtsforschung zu Sachsen zu bieten, mehr als erfüllt. Der systematische Aufbau, die umfassende Angabe von Hilfsmitteln und die transparente Darstellung offener Forschungsfragen und neuer Perspektiven, die die Landesgeschichte Sachsens in aktuelle Entwicklungen der Geschichtswissenschaft einbinden, machen das Buch so nützlich, wie es seit langem überfällig war.

Anmerkungen:
[1] Kötzschke, Rudolf; Kretzschmar, Hellmut, Sächsische Geschichte, 2 Bde., Dresden 1935; 2. Aufl. in einem Band, Frankfurt am Main 1965, ND Augsburg 1995, Würzburg 2002.
[2] Czok, Karl (Hg.), Geschichte Sachsens, Weimar 1989.
[3] Groß, Reiner, Geschichte Sachsens, Berlin 2001.
[4] Keller, Katrin, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Alte Themen, Neue Akzente, in: Völker-Rasor, Anette (Hg.), Frühe Neuzeit, München 2000, S. 147-166, hier S. 147.

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08.07.2003
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