Cover
Titel
Les rois de papier. La caricature de Henri III à Louis XVI


Autor(en)
Duprat, Annie
Reihe
Essais d'Histoire Moderne
Erschienen
Paris 2002: Belin
Anzahl Seiten
367 S.
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Naima Ghermani, Université de Lyon II / Université de Picardie

Seit ungefähr 15 Jahren versuchen Historiker und Kunsthistoriker das europäische Phänomen der Verbildlichung des Fürsten durch Porträts zu entschlüsseln. Die Zahl der Studien über die von Fürsten oder vom Hof bestellten Porträts, der so genannten "Staatsporträts", ist inzwischen groß. Selten sind hingegen Untersuchungen zu den "Gegenporträts", den Zerrbildern des guten Monarchen, die sich seit dem 16. Jahrhundert entwickeln.

Solche ikonographischen und literarischen Karikaturen sind der Schwerpunkt des Buches von Annie Duprat. Diese Spezialistin des revolutionären Bildes bedient sich der vergleichenden Methode, um diese Gattung zu analysieren: Sie kontrastiert zwei zentrale Regierungsphasen, die von Henrich III. (Henri de Valois, 1551-1589) und die von Ludwig XVI. (1754-1793). Obwohl zwei Absolutismusjahrhunderte zwischen ihnen liegen, haben die beiden Regenten mehrere Ähnlichkeiten. Beide endeten mit einem Königsmord. Diesem gingen in beiden Fällen lange Jahre von Angriffen durch aggressive Schmähschriften voraus. Beide Regierungen sahen sich überdies mit chaotischen Zuständen konfrontiert: mit einem vierzig Jahre andauernden Religionskrieg die eine, mit der Revolution die andere.

Annie Duprat bietet also einen diachronen Blick, indem sie elegant zwischen zwei Epochen wandert, deren Besonderheiten sie stets konkret benennt. Auf diese Weise vermag sie verschiedene repetitive und manchmal gemeinsame Themen zu erkennen, die die Beharrlichkeit vieler diffamatorischer Muster über die Jahrhunderte hinweg beweisen. Dennoch brachten beide Regentschaften spezifische Typen des politischen Angriffes hervor: Henri de Valois konzentrierte die Attribute des Mörders, Kinderfressers und Wüstlings auf seine Person; nur der Tod des Tyrannen konnte diesen Darstellungen zufolge das Königreich von seinen Plagen befreien. Im deutlichen Gegensatz zu diesem Bild eines entfesselten Monsters steht Ludwig XVI. als schwacher König, als Kindkönig, als Spielzeug einer niederträchtigen Königin (reine scélérate). Diese zieht die aggressivsten Angriffe auf sich. Die Formen der Verleumdung und der Kritik aber bleiben sehr beständig: Die Vorliebe für sexuelle Anspielungen – sei es in Form unkontrollierter oder fehlender Sexualität – , für monströse Figuren und zoomorphe Verwandlungen, die Ludwig XVI. zum "Schweinekönig" (roi-cochon), Marie Antoinette zur Sirene oder Harpyie und Heinrich III. zu einem hybriden Monster werden lässt. Monstruöse Genealogien entstehen, wenn dargestellt wird, wie Marie Antoinette von Katharina von Medici in der Hölle empfangen wird ("Marie Antoinette accueillie aux enfers par Catherine de Médicis").

Diese Bilder wollten nicht nur das Lachen oder den Aufstand provozieren. Sie rüttelten am Fundament königlicher Macht, indem sie ihren doppelten, sakralen und sterblichen Körper auf letzteren reduzierten. Die große Stärke des Buches liegt darin, dass es den allzu häufig wiederholten Topos der "anti-königlichen Propaganda", die lediglich Ausdruck eines momentanen Volkszorns gewesen sei, hinter sich lässt, um im Gegenteil die politische Tiefendimension der Karikaturen zu unterstreichen: Es ist kein Zufall, wenn sie mit dem Regierungsantritt Heinrichs IV., der die Karikatur seines Vorgängers zerstören lässt, und erst recht mit der Regierung Ludwigs XIV. quasi verschwinden.

So wirft Annie Duprat die zentrale und schwierige Frage der Wirksamkeit der Bilder auf, indem sie deren antizipatorischen und indirekt tödlichen Aspekt beleuchtet. Dabei ist allerdings bedauerlich, dass die konkreten Produktionsvoraussetzungen erst am Schluss des Buches erwähnt werden. Dennoch erlauben der ständige Dialog zwischen zwei Epochen und die Vielfältigkeit der Quellengrundlage, die Mehrdeutigkeit des politischen Ikonoklasmus, den die Karikatur darstellt, von allen Seiten zu erhellen.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.07.2003
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