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Titel
Die Kapuziner zwischen Konfessionalisierung und Alltagskultur. Vergleichende Fallstudie am Beispiel Freiburgs und Hildesheims 1599-1750


Autor(en)
von Thiessen, Hillard
Erschienen
Freiburg 2002: Rombach
Anzahl Seiten
541 S.
Preis
€ 75,70
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Ohlidal, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas, Universität Leipzig

Der bei Wolfgang Reinhard entstandenen, äußerst anregenden und gut lesbaren Dissertation von Hillard von Thiessen gelingt es, einige jener Forschungslücken zu schließen, die sich in der umfangreichen Konfessionalisierungsforschung der letzten Jahre aufgetan haben. Thiessen wählt mit den Kapuzinern einen Orden, der historiografisch bisher im Schatten der Jesuiten stand, und behandelt zudem die lange eingeforderten kulturgeschichtlichen Fragestellungen der Konfessionalisierung. Dabei berücksichtigt er von Anfang an jene Doppelperspektive, deren Fehlen den frühen Arbeiten zur Konfessionalisierung häufig vorgeworfen wurde: Thiessen interessiert sich nicht nur für die Kapuziner als aktive Gestalter des Konfessionalisierungsprozesses, sondern stellt dezidiert die Frage, wie sich dieser Prozess umgekehrt auf die Ordensangehörigen auswirkte. Zwangsläufig sind dann auch die Gläubigen für Thiessen kein passives Ziel der Konfessionalisierungsbemühungen von „oben“, sondern sie treten im Kontext der vorhandenen Verhältnisse und Strukturen selbst als erfolgreiche Akteure in einem permanenten Prozess der Aneignung und Aushandlung in Erscheinung. Die Wahl von zwei Städten als Untersuchungseinheiten begründet Thiessen mit der dadurch zur Verfügung stehenden Quellenvielfalt: Annalen, Elogia, Predigten und Akten aus den Kapuzinerarchiven erlauben es, im Verbund mit Protokollen und Gerichtsakten geistlicher und weltlicher Provenienz ein ausreichend scharfes Bild der Verhältnisse vor Ort zu zeichnen und dennoch universale Aussagen zu treffen.

Im Anschluss an die Einleitung mit instruktivem Forschungsüberblick, ausführlicher Quellenkritik und Formulierung der eigenen Erkenntnisinteressen stellt Thiessen die Rahmenbedingungen der ausgewählten Städte in der Frühen Neuzeit vor, um die ausgewählten Vergleichsobjekte plausibel zu machen. Freiburg, Marktmittelpunkt des vorderösterreichischen Breisgaus mit einer agilen – aber fernen – Landesherrschaft, besaß um 1600 circa 8.000 Einwohner und verfügte über beachtliche kommunale Autonomie, hatte der Reformation aber nie eine Heimstatt geboten. In Hildesheim, der Zentralstadt einer schwachen fürstbischöflichen Landesherrschaft, war dagegen 1542 die Reformation eingeführt worden: Von den circa 11.000 Einwohnern bekannten sich vor 1618 nur etwa 3000 zur katholischen Konfession. Die Kapuziner fanden bei ihrer Niederlassung 1599 in Freiburg und 1630 in Hildesheim also recht unterschiedliche Voraussetzungen für ihr Wirken vor.

Das nächste Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit christlicher Obrigkeit und katholischer Seelsorge in Freiburg und Hildesheim. Thiessen verweist dabei auf die unterschiedlichen Seelsorgesysteme der beiden Städte, in die sich die Kapuziner eingliedern mussten: Während die Seelsorge in Freiburg stark städtisch kontrolliert wurde, war sie in Hildesheim durch den bischöflichen Landesherrn und durch die Jesuiten geprägt. Am Beispiel Freiburgs kann Thiessen belegen, dass ein an Rom orientierter Katholizismus nicht zwangsläufig im Gegensatz zu kommunaler Religiosität stehen musste. Die Kapuziner wirkten an der Ausgestaltung kommunaler Frömmigkeitspraktiken mit, wobei sie Formen wählten, die den Anforderungen der katholischen Reform entsprachen oder in diese Richtung verändert werden konnten. Aufgezeigt wird dies am Beispiel des Loretokults und an den Wallfahrten ins Umland, die der Erweiterung der städtischen Heilstopografie dienten. Gänzlich anders war die Situation in Hildesheim, wo die Anwesenheit der Katholiken die protestantische Heilsgemeinschaft zerstörte, während die Machtverhältnisse gleichzeitig die Bikonfessionalität zementierten. Hier gelangt Thiessen zu einer gewissen Modifizierung der Konfessionalisierungsthese, indem er auf das Bedürfnis der Angehörigen der großen Konfessionen verweist, sich eben nicht nur mit „dem“ Katholizismus bzw. „dem“ Luthertum zu identifizieren, sondern diese „in lokale Gemeinschaften zu übersetzen und durch kommunale Rituale und Frömmigkeitstraditionen zu betonen“ (S. 131). Gerade das war jedoch in einem durch Bikonfessionalität geprägten städtischen Raum wie Hildesheim unmöglich.

Die nächsten beiden Kapitel sind verschiedenen Formen der Seelsorgetätigkeit gewidmet, wobei Thiessen exemplarisch die Predigt der Kapuziner hervorhebt und auf der mikrohistorischen Ebene von Freiburg und Hildesheim die Entfaltungsbedingungen, Umfang und Rezeption der Predigttätigkeit untersucht. Aussagen zum letzten Punkt sind allerdings nur sehr eingeschränkt zu treffen, wie der Autor schon in der Einführung anmerkt. Nach Thiessen diente die Predigt in erster Linie dazu, Voraussetzungen für die Bildung einer einigermaßen homogenen konfessionellen Großgruppe zu schaffen, während sich die von der Konfessionalisierungs- und Sozialdisziplinierungsforschung bisher stark betonte Disziplinierung der Laien als Fernziel erwies. Seine These unterstreicht Thiessen durch die ausführliche Analyse von drei Predigtwerken. Indirekt lassen diese auch Aussagen zur Rezeption zu: Die Autoren der Sammlungen waren entweder als Kapuziner vor Ort aufgetreten, oder ihre Werke waren in überproportional großer Zahl in den dortigen Klosterbibliotheken vertreten. Die Ausführungen zur Seelsorge nutzt Thiessen überdies dazu, ein weiteres (Neben-)Thema der Arbeit zu vertiefen: Den entscheidenden Motor der Seelsorge sieht er nämlich in der Ordenskonkurrenz besonders zwischen Jesuiten und Kapuzinern, die von ihm im Folgenden immer wieder unter verschiedenen Aspekten beleuchtet wird.

Die folgenden drei Kapitel zu den Kapuzinern in und außerhalb der „Welt“, zu religiösen Virtuosen und zu Heiligen des Kapuzinerordens liefern eine Fülle von für die weitere Forschung sicherlich sehr anregenden Einzelbeobachtungen, die über den gewählten Untersuchungsraum Freiburg/Hildesheim weit hinausgehen und hier nicht im Einzelnen zu nennen sind. Hervorgehoben seien nur einige Ergebnisse zur Untersuchung des Selbstverständnisses der Kapuziner, das nach Thiessen auf drei Grundpfeilern basierte: erstens auf der Gottesnähe des Ordens mit Kontemplativität als spiritueller Basis, zweitens auf den verschiedenen Formen der Seelsorge am Rand der Gesellschaft, die den Kapuzinern eine erhöhte Glaubwürdigkeit nach außen sicherten, und drittens auf der Regeldisziplin, welche die unverzichtbare Interaktion der Kapuziner mit der Außenwelt in begrenzte Bahnen lenkte. Thiessen kontrastiert das Selbstverständnis der Kapuziner mit dem Bild des „machtgierigen und hoffärtigen Jesuiten“ (S. 309), das auch und gerade unter den Kapuzinern verbreitet war. Hierbei kann er nachweisen, dass die Kapuziner in Auseinandersetzungen mit den Jesuiten häufig genau so handelten, wie sie es dem anderen Orden vorwarfen, ohne dass dies ihr eigenes Bild oder ihr Bild in der Öffentlichkeit beeinträchtigte. Die gegenseitige Wahrnehmung von Kapuzinern, Jesuiten und Protestanten greift Thiessen später in einer ersten Schlussbetrachtung noch einmal auf. Erstaunlicherweise – gerade angesichts seiner differenzierten Betrachtung der Kapuziner – werden die Jesuiten von ihm eher monolithisch gesehen und dargestellt, obwohl er in den Bemerkungen zur vergleichenden Ordensforschung der Frühen Neuzeit die Reichweite des „disziplinierenden Impetus“ (S. 475) dieses Ordens zu den Forschungsdesideraten zählt. Der von den Jesuiten in eigener Sache gestrickte Mythos scheint hier noch wirksam zu sein. [1]

Die Überlegungen zu den religiösen Virtuosen und Heiligen wären vielleicht in einer Reihe von Aufsätzen besser aufgehoben gewesen; hier leidet erstmals die Stringenz der Arbeit unter den ausführlichen Exkursen des Autors, und der Zusammenhang mit der letztlich doch stadtgeschichtlich verankerten Dissertation ist manchmal nur noch unter großen Mühen herstellbar. So wird ein Unterkapitel zum reisenden Wundertäter Marcus Aviano damit begründet, dass dieser sich zwar weder in Freiburg noch in Hildesheim aufgehalten habe, in diesem Zusammenhang aber trotzdem behandelt werden müsse, da sein Wirken in den beiden Städten intensiv rezipiert worden sei (S. 351)!

Glücklicherweise leitet Thiessen dann mit seinen Überlegungen zum Heiligenkult der Kapuziner (besonders treffend zur Figur des Heiligen als Komplizen am Beispiel des hl. Antonius von Padua) zum zweiten Schwerpunkt seiner Arbeit im Bereich der Alltagskulturgeschichte über, mit dem er einen gewichtigen Beitrag zur Modifizierung der Konfessionalisierungsthese leistet: Er belegt schlüssig, dass es der Kirche (gerade durch das Wirken der Kapuziner) im Verlauf der Frühen Neuzeit gelang, Gläubige an sich zu binden und außerkirchliche „Magie-Experten“ auszuschalten, dass sie hierfür aber erst einmal ihr Disziplinierungsziel aufgeben oder zumindest aufschieben musste. Besonders deutlich wird dies im letzten, theoriegesättigten, aber auch wieder stärker auf Freiburg und Hildesheim bezogenen Kapitel zu Sakramentalien und Alltagsmagie. Indem die Kapuziner „den Gläubigen Sakramentalien als Heil- und Hilfsmittel gegen Krankheiten, Angriffe von Dämonen und die Unbilden der Natur zur Verfügung“ (S. 411) stellten, betraten sie Bereiche, in denen die Lebenswelt bisher durch außerkirchliche Experten geprägt war. Da es sich bei der Alltagsmagie aber um einen offenen und vielschichtigen Bereich handelte, war die Unterdrückung durch Kirche und weltliche Obrigkeit nicht die einzige Reaktionsmöglichkeit; vielmehr konnten den Gläubigen auch von der Kirche genehmigte Mittel als Ersatz der bisherigen alltagsmagischen Praktiken angeboten werden. Alltagsmagie wurde also gezielt mit christlichen Inhalten aufgeladen – und bei diesem Prozess spielten die Kapuziner eine Schlüsselrolle. Thiessen geht davon aus, dass der Orden seine Funktion als Mittler auch deshalb so gut wahrnehmen konnte, weil es den krassen Antagonismus zwischen einer Volks- und einer Elitenkultur nie gegeben habe – wofür seine eigenen quellennahen Untersuchungen einen weiteren Beweis liefern. Denn die Marginalisierung der Magie beruhte nicht auf einer prinzipiellen Abwendung der Gläubigen von „ihrer“ Kultur, sondern auf der Wahl einer gottgefälligeren und als ebenso wirksam begriffenen, dabei aber nicht von Strafverfolgung bedrohten Variante – der Sakramentalien.

Thiessen belegt mit seiner Studie nicht nur sorgfältig, wie die katholische Kirche unter anderem durch das bisher unterschätzte Wirken der Kapuziner bis Mitte des 18. Jahrhunderts in den alltagsreligiösen Praktiken einen Grundstock für die Verinnerlichung der Konfession legte. [2] Seine Ergebnisse zeigen darüber hinaus auch, wie fruchtbar die Arbeit mit einem zwanzig Jahre alten Forschungsparadigma sein kann, wenn man Blickwinkel und Erkenntnisinteressen modifiziert.

Anmerkungen:
[1] Nach dem Druck der Dissertation erschienen erste Studien, die diesen jesuitischen Mythos kritisch hinterfragten. Stellvertretend erwähnt sei hier nur die Studie von Sieber, Dominik, Jesuitenmission und „Magie“ der Sakramente Ende des 16. Jahrhunderts in Luzern, in: Haag, Norbert; Holtz, Sabine; Zimmermann, Wolfgang (Hgg.), Ländliche Frömmigkeit. Konfessionskulturen und Lebenswelten 1500-1850, Stuttgart 2002, S. 207-228.
[2] Die Notwendigkeit, die Epoche der Konfessionalisierung zeitlich weiter auszudehnen, um gerade den Verinnerlichungsaspekt zu erfassen, hat in letzter Zeit Andreas Holzem in seiner Habilitation überzeugend thematisiert: Religion und Lebensformen. Katholische Konfessionalisierung im Sendgericht des Fürstbistums Münster 1570-1800, Paderborn 2000.

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Veröffentlicht am
29.09.2004
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