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Titel
Karl vom und zum Stein. Der Akteur, der Autor, seine Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte


Herausgeber
Duchhardt, Heinz; Teppe, Karl
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abteilung für Universalgeschichte, Beih. 58
Erschienen
Anzahl Seiten
261 S.
Preis
€ 34,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric-Oliver Mader, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Freiherr Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein gehörte zweifellos zu jener Generation, der Johann Gottlieb Fichte in seinen „Reden an die deutsche Nation“ zu bedenken gab, dass sie die letzte sei, die den Reichsverband noch gesehen hätten und in deren Gewalt die großen Veränderungen stünden. Im Kontext der alten Welt sozialisiert, trat der Reichsritter, der in Göttingen Reichstaatsrecht studiert und Praktika an den Institutionen des Alten Reiches absolviert hatte, 1780 in preußische Dienste, wo er sich bekanntlich als Reformer hervortat. Darüber hinaus mischte sich Stein in die Debatte um die deutsche Verfassung seit dem Wiener Kongress ein – und er betrieb die Gründung der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, der späteren Monumenta Germaniae Historica.

Obgleich der historische Wandel um 1800 und seine Bewältigung verstärkt zum Forschungsgegenstand geworden ist [1] und der Freiherr von und zum Stein traditionell zum historischen Stammpersonal gehört, stellt eine moderne Biografie über ihn ein Desiderat dar und wir sind noch immer auf die mehr als 70 Jahre alte Studie von Gerhard Ritter angewiesen.[2] Dies hängt einerseits auch damit zusammen, dass die rheinbündischen Reformen seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts gegenüber den preußischen Reformen aufgewertet wurden. Zum anderen haben politische Instrumentalisierungen des Freiherrn von und zum Stein seit dem 19. Jahrhundert eine unbefangene Beschäftigung erschwert. Vor diesem Hintergrund ist es um so erfreulicher, dass sich der vorliegende Band, der eine im Februar 2002 durchgeführte wissenschaftliche Konferenz dokumentiert, vornimmt, einen Impuls für die internationale Stein-Forschung zu setzen. Dies geschieht auf drei Ebenen.

Erstens wird die wechselvolle Rezeptionsgeschichte Steins, die einen deutlichen Schwerpunkt des Sammelbandes bildet, gründlich aufgearbeitet: Das Spektrum reicht von der interessenpolitisch geleiteten Instrumentalisierung der politisch-sozialen Ordnungsentwürfe Steins im 19. und 20. Jahrhundert (Paul Nolte) über eine kritische Aufarbeitung der Stein-Historiografie von Ernst Moritz Arndt bis Otto Hintze (Thomas Stamm-Kuhlmann) bis hin zu Beiträgen über seine Stilisierung im Rahmen von Jubiläen des 20. Jahrhunderts (Heinz Duchhardt) und seine Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten am Beispiel der Deutschen Gemeindeordnung von 1935 (Wolfgang Stellbrink). Ein Beitrag über die Gründungsphase der 1952 entstandenen Freiherr von Stein-Gesellschaft ergänzt den diachronen Überblick über die Stein-Rezeption in diesem Band.

Während so ein dichtes Bild über die Vereinnahmungen Steins entsteht, die freilich mehr über die Zeit der Rezipienten als über Stein selbst aussagen, wird als zweites Thema die Frage nach den Einflüssen auf sein Denken und Agieren auf dem Wiener Kongress aufgegriffen. Als bisher wenig beachtete, jedoch zentrale Kategorie gerät dabei der Institutionenbegriff in den Blick. Willibald Steinmetz und Thomas Kleinknecht führen seine Genese auf englische Einflüsse zurück. Zwar gelingt der Nachweis englischer Referenzpunkte in Steins Überlegungen zur Reform der lokalen Selbstverwaltung, in seinen Plänen zur künftigen deutschen Verfassung aus den Jahren 1812 bis 1822 jedoch scheinen englische Prägungen keine Rolle gespielt zu haben. Hier dürften vielmehr die Erfahrungen des Freiherrn im Kontext des Endes des Alten Reiches entscheidend gewesen sein – und nicht, wie Steinmetz in einer umständlichen These konstruiert, der von Edmund Burke stammende und über Friedrich Gentz und andere vermittelte Gedanke, an Vorhandenes anzuknüpfen, der aus „englischen Wissensbeständen“ (S. 25) übernommen worden sei.

Die Präsenz des Alten Reiches als Denkrahmen während des Wiener Kongresses wird demgegenüber in Anke Johns Aufsatz deutlich, der Steins Deutschlandpläne mit denen des Hannoverschen Staatsministers Herbert Ernst Friedrich zu Münster vergleicht: Beide knüpften an die alte Verfassung an, wobei jedoch Münsters stets verhandelbare Positionen den wechselnden und unsystematischen Vorschlägen Steins überlegen waren. Komplementär zu diesem stärker innenpolitisch ausgerichteten Beitrag sind die Überlegungen, die Wolfgang Pyta entlang der bahnbrechenden Diplomatiegeschichte von Paul W. Schroeder entwickelt.[3] Anhand von Steins Verbindungen zu Russland kann er überzeugend herausarbeiten, dass der Freiherr zwar kein Vordenker eines geeinten Europa war, jedoch Deutschlands politische Zukunft europaverträglich gestalten wollte.

Der dritte Zugang zu Stein ist stärker methodisch ausgerichtet: Steins Denkschriften werden als Quellengattung thematisiert. Theo Stammen plädiert dabei für eine Gattungstheorie politiktheoretischer Texte und beschreibt Denkschriften treffend als spezifische literarische Form mit „der intendierten Absicht, einen praktisch relevanten Beitrag zur Bearbeitung oder gar zur Lösung der als krisenhaft erlebten Situation des Gemeinwesens zu leisten“ (S. 113). Darüber hinaus betont er an konkreten Beispielen er die „gestalterische Wirkung“ (S. 124) von Steins Denkschriften. Für Peter Burg, der sich auf die Rekonstruktion des Entstehungs- und Verwertungszusammenhangs der berühmten „Nassauer Denkschrift“ konzentriert, scheint eine einfache geschichtliche Zuordnung von Steins Reformvorschlägen zur preußischen Gemeindeverfassung dagegen nicht möglich. Mit der Bemerkung, dass dies vor allem durch eine mythisierende Geschichtsschreibung erschwert wird, verweist er zurück auf die wechselvolle Rezeptionsgeschichte des Freiherrn.

Zwar kann dieser Band eine Steinbiografie nicht ersetzen. Allerdings gelingt es durch den multiperspektivischen Ansatz, der durch einen Beitrag von Andrea Hofmeister über „Presse und Staatsform in der Reformzeit“ noch bereichert wird, in der Tat neue Forschungsakzente zu setzen: Nicht nur kann die Befreiung des Freiherrn vom Ballast seiner unterschiedlichen Instrumentalisierungen als gelungen betrachtet werden, mit der Frage nach den Einflüssen und Wirkungen ist die dadurch gewonnene neue Offenheit zugleich in eine produktive Richtung gewendet. Man kann nur hoffen, dass sich bald jemand des Stein-Nachlasses auf Schloss Cappenberg annimmt.

Anmerkungen
[1] Vgl. etwa: Brakensiek, Stefan, Fürstendiener – Staatsbeamte – Bürger. Amtsführung und Lebenswelt der Ortsbeamten in niederhessischen Kleinstädten (1750- 1830), Göttingen 1999; Hartmann, Anja Victorine u.a. (Hgg.), Eliten um 1800. Erfahrungshorizonte, Verhaltensweisen und Handlungsmöglichkeiten, Mainz 2000. Ferner seien die Forschungsprojekte „Elitenwandel in der gesellschaftlichen Modernisierung“ (http://www.geschichte.hu-berlin.de/projekte/eliten/elite3.htm.) sowie „Die Wahrnehmung und Bewältigung der historischen Brüchen um 1800 durch Funktionseliten des Alten Reiches“ (http://www.geschichte.uni-muenchen.de/gfnz/schulze/forschung_lp_wahr.shtml) genannt.
[2] Ritter, Gerhard, Stein. Eine politische Biographie, neu gestaltete 3. Aufl., Stuttgart 1958.
[3] Schroeder, Paul W., The transformation of European politics 1763-1848, Oxford 1994.

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Veröffentlicht am
09.03.2004
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