St. Martus u.a. (Hgg.): Schlachtfelder

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Titel
Schlachtfelder. Codierung von Gewalt im medialen Wandel


Herausgeber
Martus, Steffen; Münkler, Marina; Röcke, Werner
Erschienen
Berlin 2003: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
300 S.
Preis
€ 69,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Steffen Bruendel, Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Frankfurt am Main

„Stell Dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin“[1] – mit diesem Slogan begleitete die Friedensbewegung in den 1980er-Jahren die NATO-Nachrüstung. Die irreal anmutende und zugleich reizvolle Vorstellung von einem leeren Schlachtfeld machte die Parole zur Metapher für kollektive Verweigerung aufgrund unbedingter Friedensliebe. Zwar wird der Slogan in dem Sammelband „Schlachtfelder“ nicht erwähnt, aber er veranschaulicht auf sehr markante Weise, worum es geht: um das Schlachtfeld als imaginativen Raum, um die mediale Darstellung von Schlachten und ihre Deutung. Ziel ist, so die Herausgeber Steffen Martus, Marina Münkler und Werner Röcke, die Ubiquität kriegerischer Gewalt historisch-systematisch zu untersuchen, um „sowohl Formen der Gewalt als auch das spezifische Imaginationspotential konkreter Räume des Krieges zu analysieren“ (S. 9). Die Bedeutung eines Schlachtfeldes wird durch die Memorialkultur bestimmt (S. 13), die es zum „bevorzugten Ort der Kriegsrepräsentation“ (S. 14) macht. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Humboldt-Universität geförderte Graduiertenkolleg „Codierung von Gewalt im medialen Wandel“ hat Schlachtfelder als imaginative Orte epochenübergreifend, interdisziplinär und vergleichend untersucht. Die Forschungsergebnisse wurden erstmals im Juni 2000 auf einer Tagung in Berlin vorgestellt und liegen nun gedruckt vor: In diesem Sammelband beleuchten Historiker und Kunsthistoriker, Soziologen und Juristen sowie Literatur-, Musik- und Filmwissenschaftler die Codierung von Gewalt im medialen Wandel. Sechs Aufsätze befassen sich mit der „Schlachtenrepräsentation“ (S. 19-128), sechs weitere mit der „sozio-kulturellen“ (S. 131-246) und drei mit der „technisch-medialen“ (S. 249-300) Codierung des Schlachtfeldes.

1. Die mediale Repräsentation von Schlachten
Im ersten Beitrag untersucht der Luzerner Mediävist Valentin Groebner Berichte über exzessive Gewalt auf Schlachtfeldern des 15. und 16. Jahrhunderts.[2] Greueltaten und Täuschungen sind häufige Topoi dieser Schlachtbeschreibungen (S. 28). Indem die „blutigen Heterologien“ (S. 32) Feind- und Selbstbilder verbreiten, unterscheiden sie sich nicht von der Greuelpropaganda moderner Kriege. Am Beispiel der Schlacht von Borodino[3] zeigt der Berliner Politologe Herfried Münkler, dass Clausewitz die impressionistische Berichterstattung des Augenzeugen mit der klaren Analyse des Strategen meisterhaft verband (S. 88f.). Hermann Danusers Beitrag ist nicht Berichten, sondern der Musik als Repräsentationsmedium von Schlachtereignissen gewidmet.[4] Der Musikwissenschaftler weist nach, dass die Gattung der Battaglien schon in der Frühen Neuzeit Geräuschwelten aufgriff, die erst im 20. Jahrhundert als ‚musikalisch’ akzeptiert wurden, und veranschaulicht am Beispiel Beethovens, dass diese Gattung in einer Symphonik aufging, welche die semiotische Bestimmtheit zugunsten eines musiksprachlich autonomen Kunstwerks aufgab (S. 49). Die Symphonie „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“ analysiert er als narrativ konzipierte Darstellung des Ereignisverlaufs und bezeichnet sie als „musikalisches Gemälde“ (S. 45). Das Gemälde als Medium der Schlachtdarstellung untersucht Godehard Janzing, Doktorand der Kunstgeschichte, in seiner sehr anregenden Abhandlung über Goyas Kriegsgrafiken.[5] Er zeigt, wie Goya ab 1810 die Auflösung des Schlachtfeldes und die Entgrenzung des Krieges in der Auflösung traditioneller Schlachtbilder spiegelte. Exzessive Grausamkeiten werden dargestellt, aber die „leichengesäumte[n] Landschaftszüge“ (S. 52) machen jede topografische Bestimmung der „Schlachten“ unmöglich. In der von Goya gewählten formalen Dekomposition des klassischen Schlachtbildes erkennt Janzing die Absicht des Künstlers, überkommene Darstellungsmuster und mit ihnen die im spanischen Partisanenkrieg unbrauchbar gewordenen Regeln formalisierter Kabinettskriege in Frage zu stellen (S. 54).

Eine ganz andere Dekomposition des klassischen Schlachtbildes illustriert der junge Literaturwissenschaftler Martin Dönike am Beispiel eines Schlachtendenkmals des italienischen Bildhauers Canova.[6] Anstatt den Sieger der Schlacht von Magnano im Gestus des Triumphes darzustellen, bot er der Stadt Verona seine Figurengruppe Herakles und Lichas[7] an, die er vier Jahre zuvor angefertigt hatte (S. 94f.). Man lehnte ab, weil seine Skulptur zwar den Kampf, nicht aber den Sieger, streng genommen sogar nur Opfer repräsentierte (S. 109). Indem Canovas Figurengruppe die selbst zerstörerische Logik der Gewalt reflektierte, nahm sie die Problematik vorweg, die sich insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert noch oft stellen sollte: Wie kann man Kriegsopfern angemessen gedenken, wie mit Sieg oder Niederlage umgehen? Diese Fragen stellten sich auch in Bezug auf das modernste Medium, mit dem Schlachten repräsentiert werden konnten, den Film.[8] Da keine Originalaufnahmen von Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg gemacht wurden, zeigte man entweder Soldaten kurz vor dem Angriff oder dessen Folgen: Zerstörungen. Das Schlachtfeld erschien somit als leerer tödlicher Raum. Das wirkte nach, so der amerikanische Kulturwissenschaftler Anton Kaes, denn verschiedene Bildmotive aus den Kriegswochenschauen kehrten in bekannten Spielfilmen der Weimarer Republik wieder: klaustrophobische Räume und verzerrte Dimensionen, abstrakte Landschaften, Aggression und Gewalt.[9]

2. Die sozio-kulturelle Codierung des Schlachtfeldes
Der Münsteraner Mediävist Gerd Althoff legt dar, dass Gewalteskalation im Mittelalter wahrscheinlicher war gegenüber Andersgläubigen oder Angehörigen anderer, d.h. niederer Stände als innerhalb einer christlich-adligen Kriegergesellschaft.[10] War man „unter sich“, wurde ein Regelwerk beachtet, um „Gewalt einzudämmen, zu vermeiden oder die Folgen von Gewalt zu verringern“ (S. 137). Regelwerke sind auch Voraussetzungen, um Schlachten als „Rechtsentscheide“ zu deuten. Dies versucht der Bielefelder Jurist Wolfgang Schild in seinem sprachlich verunglückten und inhaltlich unklaren Beitrag zu erhellen.[11] Schlachtfeldern kommt als Orten der Kriegsentscheidung eine besondere Bedeutung zu. Wie unterschiedlich Siege und Niederlagen gedeutet werden können, untersucht Gernot Kamecke am Beispiel eines kolonialen Schlachtfeldes.[12] Der Übersetzer und Publizist zeichnet nach, wie die historische Überlieferung eines Sieges der französischen Armee über eine aufständische Kolonie „in die Legende vom heldenhaften Selbstmord einer karibischen Widerstandsbewegung“ (S. 177) transferiert wurde. Dass in der Erinnerung an Schlachten und Kriege Geschlechtsstereotype aktiviert werden, betont die Regensburger Soziologin Ruth Seifert.[13] Sie bezeichnet Geschlecht, Nation und Krieg als „kulturelle Konstruktionen“ (S. 235) und stellt fest, dass „über die Frauen der Nation auch die Nation in besonderer Weise angreifbar ist“ (S. 241). Die soziokulturelle Codierung von Schlachtfeldern erfolgt mittels Weiblichkeits- und Virilitätskonstruktionen, die für das Konzept des Soldaten als Beschützer von zentraler Bedeutung sind.

Was aber bringt Soldaten dazu, Schlachten auszuhalten und weiterzukämpfen? Diese Frage haben amerikanische Soziologen bereits im Zweiten Weltkrieg untersucht. Ulrich Bröckling stellt die Ergebnisse dieser Analysen vor.[14] Der Freiburger Soziologe zeigt, dass die Codierung des Schlachtfeldes mit der Konstruktion des optimal einsetzbaren Soldaten einherging und reflektiert den Zusammenhang von Kampfmotivation und Gefechtsverhalten. Ausschlaggebend sind die vielfältigen sozialen und affektiven Bindungen innerhalb der unmittelbaren Kameradengemeinschaft.[15] Für die kämpfenden Soldaten sind diese deshalb so bedeutend, weil das Schlachtfeld letztlich – in den Worten eines amerikanischen Armeehistorikers – „die einsamste Gegend ist, in der Menschen beisammen sind“ (S. 201). Auch wenn sich das Schlachtfeld als Raum im postindustriellen Zeitalter zunehmend auflöst, bleiben die Erkenntnisse der amerikanischen Forscher gültig. Dass das Schlachtfeld als Ort des Leidens und Schreckens an Bedeutung verliert, konstatiert der in New York lehrende Bernd Hüppauf.[16] Intelligente und unbemannte Waffen sowie die Digitalisierung der Kriegführung machen heutige und künftige Kriege zu einer „Konstruktion ohne Raum“ (S. 228). Mit Blick auf den „War against Terror“ seit dem 11. September 2001 spricht er vom „Krieg ohne Schlachtfeld und geographisch festgelegte Front“ (S. 230) und sieht in der allgemeinen Verunsicherung das Hauptmerkmal dieses neuartigen Krieges aller gegen alle.

3. Die technisch-mediale Codierung des Schlachtfeldes
Ein ungewöhnliches Kriegsspiel beschreibt der Berliner Kulturwissenschaftler Philipp von Hilgers. Mit Hilfe des 1912 für den preußischen König angefertigten „taktischen Kriegsspielapparats“ (S. 261) sollten taktisches Geschick geübt und künftige Schlachten geplant werden.[17] Die Simulation einer Schlacht in Echtzeit – was heutigen Armeen durch rechnergestützte Programme vertraut ist – und die Komprimierung des Schlachtfeldes auf Tischgröße ermöglichten dem Feldherrn den Überblick, der allerdings Ludendorff fehlte, als er 1918 „Schlachten ohne strategische Gesamtsicht“ (S. 266) plante, die – da nur auf den Durchbruch ausgerichtet – scheiterten.[18] Der Medienwissenschafter Peter Berz arbeitet heraus, wie die (Tank-) Schlachten von 1918 zwei Prinzipien begründeten, die nach dem Krieg verfeinert wurden: „die absolute Bewegung und der absolute Plan“ (S. 267). Maschinentechnische Standardisierung und kriegswirtschaftliche Planung verbanden sich zu einem modularen Kreislauf und machten das Schlachtfeld zum variablen Raum (S. 280).

Die Digitalisierung des Schlachtfeldes in den letzten Jahren hat diese Variabilität noch gesteigert und dazu geführt, dass nicht nur die räumliche Begrenzung aufgelöst wurde, sondern auch die körperliche Präsenz der Soldaten, ihre Anwesenheit auf dem Schlachtfeld ihre Bedeutung verloren hat.[19] Statt der bloßen Gewalt, so der Freiburger Soziologe Stefan Kaufmann, wird die Kriegsentscheidung immer mehr vom zielgerichteten Einsatz von Computertechnik abhängen (S. 287). Rechnergestützte Gefechtsleitsysteme sollen künftig die Informations- und Befehlsübermittlung in Echtzeit ermöglichen. Aber auch der Infanterist der Zukunft wird technologisch aufgerüstet – zum Beispiel mit Nachtsichtgerät, Kamera und Monocular-Display am Helm –, auch wenn diese Rüstung noch nicht in den Körper dringt. Von einer Symbiose aus Mensch und Maschine sind wir noch entfernt. Ziel ist die Risikominimierung für den Kämpfer. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die Abhängigkeit des Soldaten von der Technik bei gleichzeitiger sinnespsychologischer Isolierung ausschließlich Fortschritt bedeutet. Mit Blick auf den Aufsatz von Bröckling erinnert Kaufmann daran, dass Kampfmotivation und Gefechtsverhalten ganz wesentlich von seinen unmittelbaren Kameraden, also Menschen bestimmt werden.

5. Resümee: Das Schlachtfeld als imaginativer Raum
Die Herausgeber haben mit ihrem, im renommierten Berliner Akademie Verlag erschienenen, Sammelband ein anspruchsvolles Projekt vollendet. Es ist ihnen gelungen, die Codierung von Gewalt im medialen Wandel anhand sehr unterschiedlicher Beispiele aus verschiedenen Epochen zu untersuchen und aufzuzeigen, dass Schlachtfelder nicht nur konkrete Orte, sondern auch Vorstellungswelten, „Räume der Veranschaulichung und Ästhetisierung von Kriegen“ (S. 13) sind. Zwar ist die Geschichte von Schlachtfeldern nicht mit der Geschichte des Krieges identisch, aber – so ein Fazit des Buches – sie strukturiert die Erinnerung und macht „den Krieg erzählbar“ (S. 13). Das stimmt. Zu kritisieren ist allerdings, dass die Qualität der Beiträge unterschiedlich ist und einige besser noch einmal überarbeitet worden wären. Außerdem ist zu bedauern, dass es den Herausgebern nicht gelingt, die methodische Grundlage aller Beiträge oder eine Synthese zu skizzieren. So wirken die zum Teil hochinteressanten Aufsätze etwas disparat. Auch ist bedauerlich, dass Angaben zu den Autoren fehlen. Gerade weil so diverse und zum Teil spezielle Themen behandelt werden, hätte sich der Leser ein paar Informationen gewünscht. Gleichwohl ist überzeugend dargelegt worden, dass das Schlachtfeld konkreter Ort und hochgradig imaginativer Raum zugleich ist. Gerade deshalb irritiert der heutige Antiterrorkrieg, weil nicht nur der Ort, sondern auch der Raum aufgelöst und doch omnipräsent sind. Das sprengt jede Vorstellungskraft. Vielleicht ist der friedensbewegte Slogan „Stell Dir vor...“ auch deshalb Geschichte geworden, weil ein Schlachtfeld, dass überall ist, nie leer sein wird.

Anmerkungen:
[1] Es handelt sich hierbei nicht um ein Zitat von Brecht. Vgl. die Ausführungen von Wolfgang Jeske in: Brecht, Bertold, Gedichte. Zusammengestellt von Wolfgang Jeske. Frankfurt am Main 1991, S. 551.
[2] Groebner, Valentin, „Menschenfett und falsche Zeichen. Identifikation und Schrecken auf den Schlachtfeldern des späten Mittelalters und der Renaissance“, S. 22-32.
[3] Münkler, Herfried, „Clausewitz’ Beschreibung und Analyse einer Schlacht: Borodino als Beispiel“, S. 68-91.
[4] Danuser, Hermann, „Kriegsgetöse. Zur Semiotik musikalischer Battaglien“, S. 33-49.
[5] Janzing, Godehard, „Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Graphik. Krieg als Capricho bei Francisco de Goya“, S. 51-68.
[6] Dönike, Martin, „Antonio Canovas Herakles und Lichas oder die Unmöglichkeit des Schlachtendenkmals“, S. 93-115.
[7] Aus Sophokles’ Tragödie „Die Trachinierinnen“ (S. 94f.).
[8] Kaes, Anton, „Schlachtfelder im Kino und die Krise der Repräsentation“, S. 117-128.
[9] So z.B. in den Filmen: „Das Kabinett des Dr. Caligari“, „Das Nibelungenlied“, Metropolis“ und „M“.
[10] Althoff, Gerd, „’Besiegte finden selten oder nie Gnade’, und wie man aus der Not eine Tugend machte“, S. 131- 145.
[11] Schild, Wolfgang, „Schlacht als Rechtsentscheid“, S. 147-168.
[12] Kamecke, Gernot, „Zur Codierung kolonialer Schlachtfelder. Die heldenhafte Niederlage des Louis Delgrès in Mantouba 1802“, S. 169-188.
[13] Seifert, Ruth, „Im Tod und Schmerz sind nicht alle gleich: Männliche und weibliche Körper in den kulturellen Anordnungen von Krieg und Nation“, S. 235-246.
[14] Bröckling, Ulrich, „Schlachtfeldforschung. Die Soziologie im Krieg“, S. 189-206.
[15] Folgende fünf Punkte beeinflussten die Kampfmotivation: die Überzeugung von der Notwendigkeit des Krieges, die Strafandrohung für Befehlsverweigerung, die Beziehung zum unmittelbaren Vorgesetzten, der Zusammenhalt in der Primärgruppe sowie religiöse Bindungen und Weltanschauungen. Dabei bildete die Primärgruppenbindung nicht nur die wichtigste Einzelvariable der individuellen Kampfbereitschaft, sondern auch den Transmissionsriemen der übrigen Einflussfaktoren (S. 194-199; S. 205f.).
[16] Hüppauf, Bernd, „Das Schlachtfeld als Raum im Kopf. Mit einem Postscriptum nach dem 11. September 2001“, S. 207-233.
[17] Hilgers, Philipp v., „Räume taktischer Kriegsspiele“, S. 249-263.
[18] Berz, Peter, „Die Schlacht im glatten und gekerbten Feld“, S. 265-283.
[19] Kaufmann, Stefan, „Der Soldat im Netz digitalisierter Gefechtsfelder. Zur Anthropologie des Kriegers im Zeichen des Network Centric Warfare“, S. 285-300.

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Veröffentlicht am
14.05.2004
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