M. Denzel u.a. (Hgg.): Kaufmannshandbücher

Cover
Titel
Kaufmannsbücher und Handelspraktiken vom Spätmittelalter bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Merchant's Books and Mercantile Pratiche from the Late Middle Ages to the 20th Century


Herausgeber
Denzel, Markus A.; Hocquet, Jean-Claude; Witthöft, Harald
Reihe
VSWG Beiheft 163
Erschienen
Stuttgart 2002: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
219 S., Ill., graph. Darst., Kt
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Irmgard Fees, Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Erklärtes Ziel des vorliegenden Bandes ist es, einen Überblick über den Forschungsstand zu Kaufmannshandbüchern und Handelspraktiken als einer zentralen Quellengattung der Wirtschaftsgeschichte und der Historischen Metrologie vom Mittelalter bis in das beginnende 20. Jahrhundert zu geben.

In seinem einleitenden Beitrag unternimmt Markus A. Denzel, Handelspraktiken als wirtschaftshistorische Quellengattung vom Mittelalter bis in das frühe 20. Jahrhundert. Eine Einführung (S. 11-45, davon S. 38-45 englische Zusammenfassung) präsentiert zunächst eine Begriffsklärung. Zu unterscheiden sind Geschäftsbücher, die erfolgte kaufmännische Aktivitäten dokumentieren, von Handelspraktiken, die als Bücher zur Unterweisung von Kaufleuten dienen; bei diesen ist wiederum zu differenzieren zwischen Notizbüchern, die familien- oder firmenintern geführt und tradiert werden, und allgemein gehaltenen „Standardwerken“, die sehr rasch auch durch den Druck Verbreitung finden. Allgemein lässt sich über die Jahrhunderte eine Ausweitung von italien- oder mittelmeerkonzentrierten Werken auf solche außeritalienischer Herkunft und mit gesamteuropäischem Horizont und schließlich auf solche Werke feststellen, die Handelsplätze außereuropäischer Länder mit einbeziehen. Die Zeit des 17./18. Jahrhunderts ist durch die Entstehung von Spezialpraktiken zu bestimmten, engeren Bereichen des kaufmännischen Wissens gekennzeichnet; hier kommen Kombinationen von Rechenbüchern und Handelspraktiken auf, bei denen manchmal der Schwerpunkt auf der Handelspraxis lag, während die Rechenkunst nur als Hilfsmittel diente, und in anderen Fällen zwar das Rechnen im Vordergrund stand, dabei jedoch detaillierte Angaben zu Münzen, Maßen und Gewichten „nebenbei“ vermittelt wurden. Die ebenfalls in dieser Zeit aufkommenden kaufmännischen Enzyklopädien, die alle kaufmännischen Wissensfelder erfassten, richteten sich vor allem an junge Kaufleute mit fehlender Erfahrung oder aber an außerhalb der großen europäischen Handelszentren tätige Männer. Der Nachteil dieser Handbücher war ihre Größe, ihre Ausführlichkeit und nicht zuletzt ihr Preis - sie waren für den alltäglichen „Handapparat“ des Kaufmanns zu unpraktisch. So erklärt sich die Rückkehr zur klassischen Handelspraktik in Form des Taschenbuchs, das die Zeit vom ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert beherrschte. Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Vereinheitlichung in nahezu allen Bereichen des kaufmännischen Wissens (Währungen, Maße und Gewichte, Zentralbanksysteme, Herausbildung von Leitbörsen) detaillierte Artikel zu einzelnen Regionen oder Städten überflüssig erscheinen ließ, entstanden wiederum neue Formen der Handelspraktiken, bei denen der Lehr- und Unterweisungszweck im Vordergrund stand. Abschließend umreißt Denzel die Aufgaben künftiger Forschungen.

Peter Spuffords Beitrag, Late Medieval Merchant’s Notebooks: A Project. Their Potential for the History of Banking (S. 47-61), die leicht ergänzte und erweiterte englische Originalfassung seines zuerst in deutscher Sprache publizierten wegweisenden Aufsatzes „Spätmittelalterliche Kaufmannsbücher als Quelle zur Bankengeschichte“ [1], liefert einen Überblick über alle bekannten, publizierten wie unpublizierten einschlägigen Quellen, referiert den Forschungsstand und weist auf die noch zu bearbeitenden Aufgaben hin. Spufford plädiert dafür, zwischen „merchant’s notebooks“ oder „zibaldoni“, also kaufmännischen Notizbüchern einerseits und „merchant’s manuals“ oder „manuali“, also kaufmännischen Handbüchern, andererseits zu unterscheiden.

Kurt Weissen, ‚Dove il Papa va, sempre è caro di danari‘. The Commercial Site Analysis in Italian Merchant Handbooks and Notebooks from the 14th and 15th Centuries (S. 63-73), untersucht die wichtigsten edierten Kaufmannsnotiz- und -handbücher des Spätmittelalters im Hinblick auf die Frage, ob unternehmerische Strategien in ihnen eine Rolle spielen: Pegolotti interessieren vor allem der Markt für Handelsgüter und der Zeitbedarf für den Geldtransfer zwischen den Handelsplätzen, während die fluktuierenden Wechselkurse und deren Gründe dahinter völlig zurücktreten. Dagegen zeichnet sich das unter dem Namen des Saminiato de’Ricci bekannte Manuale di Mercatura durch hohes Interesse an Finanzfragen aus; der Autor behandelt Fragen von Bargeldüberfluss oder -knappheit und ihre Ursachen und Folgen an den internationalen Finanzplätzen vor allem unter dem Gesichtspunkt des Profits, den der Kundige aus diesen Phänomenen ziehen kann. Ähnlich lebhaftes Interesse, bei noch stärkerem Eingehen auf die Gründe von Geldknappheit oder -überfluss, ist bei Giovanni da Uzzano zu konstatieren, der aber auch Empfehlungen für bestimmte Handelswaren ausspricht. Benedetto Cotrugli unterscheidet sich von den übrigen Quellen dadurch, dass er nicht praktische Handelsratschläge, sondern grundsätzliche Richtlinien für ein erfolgreiches Kaufmannsleben geben will. - Als bemerkenswert konstatiert Weissen zusammenfassend, dass der Gedanke von Wettbewerb und Konkurrenz in seinen Quellen völlig fehlt.

John Dotson, Fourteenth Century Merchant Manuals and Merchant Culture (S. 75-87), unterzieht vier Quellen des 14. Jahrhunderts, den Zibaldone da Canal, die Tarifa, Pegolotti und Saminiato de’Ricci, die er alle unter dem Begriff „merchant manuals“ fasst, einer vergleichenden Betrachtung; er plädiert für eine Auswertung der kaufmännischen Schriften auch als Quellen für die Kultur- und Mentalitätsgeschichte und führt die Erkenntnismöglichkeiten sogleich vor – nicht nur am Beispiel des Zibaldone da Canal, der sich aufgrund seiner thematisch breit gefächerten, sogar literarische Texte umfassenden Stoffes für eine solche Betrachtung auf den ersten Blick anbietet.

Jean Claude Hocquet, Weights and Measures of Trading in Byzantium in the Later Middle Ages. Comments on Giacomo Badoer’s Account Book (S. 89-116), wertet das Rechnungsbuch des venezianischen Kaufmanns Giacomo Badoer aus, der gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts in Konstantinopel Handel trieb. Der Zuschnitt seiner Geschäfte - Kauf und Verkauf von Waren aller Art aus dem gesamten Mittelmeerraum -, sein Handelsstützpunkt, an dem er mit Einheiten nach byzantinischen, venezianischen und genuesischen Standards arbeitete und rechnete, sowie die Sorgfalt seiner Aufzeichnungen machen sein privates Geschäftsbuch zu einer Quelle von hohem Nutzen auch für die historische Metrologie. Zahlreiche Tabellen ergänzen den Beitrag.

Matthias Steinbrink, ‚Item ich han mit im gerechnet‘. Das Geschäftsbuch des Ulrich Meltinger. Ein Werkstattbericht (S. 117-123), stellt das von kurz vor 1470 bis 1493 geführte Geschäftsbuch des Baseler Handelsherrn vor, das zwar unter verschiedenen Fragestellungen in Teilen ausgewertet, aber noch nicht in seiner Gesamtheit untersucht wurde; es bietet Einblick in Familie, politische Aktivitäten und eben vor allem die Handelstätigkeit des Ulrich Meltinger.

Markus A. Denzel, Eine Handelspraktik aus dem Hause Fugger (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts). Ein Werkstattbericht (S. 125-152, davon S. 147-152 englische Zusammenfassung), mit 4 Karten, stellt ein Kaufmannsnotizbuch vor, das, wie er wahrscheinlich machen kann, im Augsburger Kontor des Fuggerschen Handelshauses größtenteils in den 20er bis 40er Jahren des 16. Jahrhunderts entstanden ist und dessen „geistiger Urheber“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Fuggersche Hauptbuchhalter Matthäus Schwarz war. In der Tradition der spätmittelalterlichen Kaufmannsnotizbücher Italiens stehend, liefert die Handschrift Informationen über Münzen, Maße, Gewichte, Transportwesen, Transportwege, bargeldlosen Zahlungsverkehr und Handelsinstitutionen, vor allem Messen; sie spiegelt dabei die Besonderheiten des Fuggerschen Handelshauses und die geografische Ausdehnung seines Handelsnetzes.

Gabriel Imboden, Die Handels- und Rechnungsbücher Kaspar Stockalpers vom Thurm 1609-1691 (S. 153-172), kommentiert die von ihm edierten Handels- und Rechnungsbücher [2] des mächtigsten Mannes der Landschaft Wallis im 17. Jahrhundert (S. 153), der seine Geschäftsbücher - erhalten sind 14 Bände eines nachweislich einstmals sehr viel größeren Bestandes - fast ausschließlich von eigener Hand führte. In ihnen spiegelt sich die geografische Spannbreite dieses europaweit agierenden Unternehmers ebenso wie seine Geschäftsmethoden und seine Haltung zum Leben. So weist Imboden darauf hin, dass Stockalpers Unterlagen erheblich mehr als reine Rechnungsbücher sind; „sie enthalten eine unglaubliche Fülle an Informationen über praktisch alle Lebensbereiche des 17. Jahrhunderts im Ober-, Unterwallis und ‚extra patria‘“ (S. 168). Vier Abbildungen, davon zwei - allerdings allzu knapp kommentierte - Faksimile-Seiten aus den Rechnungsbüchern (S. 163f.) komplettieren den Beitrag.

Der in englischer Sprache verfasste Aufsatz von Harald Witthöft, ‚Nelkenbrecher’s Taschenbuch‘ on Coin, Measure and Weight (1762-1890) - Merchants‘ Arithmetic and Handbooks as Sources for a Material Economy of Long Duration (S. 173-196)[3], widmet sich nach einer überblicksartigen Einführung in die Historische Metrologie mit umfangreichen Literaturhinweisen dem so genannten ‚Nelkenbrecher‘, einem über Maße, Gewichte und Währungen informierenden kaufmännischen Handbuch, von dem zwischen 1762 und 1890 allein in Berlin 20 Auflagen erschienen; im Anhang (S. 190-196) werden insgesamt fast 50 verschiedene Auflagen nachgewiesen. Für das späte 18. und 19. Jahrhundert, eine Zeit, in der die Vielfalt der alten Maß-, Gewichts- und Währungseinheiten zunehmend durch einheitliche Systeme abgelöst wurde, stellt das Handbuch damit in doppelter Hinsicht eine Quelle von herausragender Bedeutung dar: Es liefert einerseits konkrete Antworten auf die Frage, welche Maße, Gewichte und Währungen zu bestimmter Zeit in einer bestimmten Region Gültigkeit besaßen, und an ihm lassen sich andererseits die Veränderungen und Umbrüche dieser Epoche verfolgen.

Zum Schluss des Bandes zieht Harald Witthöft, Handelspraktiken und Kaufmannschaft in Mittelalter und Neuzeit - Rechen und Scheiben mit Zahlen. Resümee und Perspektiven (S. 197-217), in deutscher und englischer Sprache ein Fazit und zeigt Wege zu weiterer Forschung auf.

Die behandelten Quellen umfassen zeitlich wie inhaltlich eine große Spannbreite, die von den Kaufmannsnotizbüchern und Handelspraktiken des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (Spufford, Weissen, Dotson, Denzel) über Rechnungsbücher des 15. bis 17. Jahrhunderts (Hocquet, Steinbrink, Imboden) bis hin zu Nachschlagewerken der Neuzeit (Witthöft) reicht. Ein Verdienst der Autoren ist nicht zuletzt ihr - nicht völlig gelungener - Versuch, zu einer einheitlichen Begrifflichkeit in der Bezeichnung der Quellenarten zu gelangen. Entstanden ist ein grundlegender und weiterführender Band zu einer Quellengattung, die über die eingangs gekennzeichneten Wissenschaftsbereiche der Handels- und Wirtschaftsgeschichte wie der Historischen Metrologie hinaus zweifellos auch für die Sozial- und die Kulturgeschichte fruchtbar zu machen wäre, wie in mehreren Beiträgen eigens betont wird oder doch zumindest anklingt.

Anmerkungen:
[1] Spufford, Peter, Spätmittelalterliche Kaufmannsnotizbücher als Quelle zur Bankengeschichte. Ein Projektbericht, in: North, Michael (Hg.), Kredit im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa, Köln 1991, S. 103-120.
[2] von Stockalper, Kaspar Jodok, Handels- und Rechnungsbücher, bearb. von Gabriel Imboden, Bd. I-XI, Brig 1987-1997.
[3] So der Titel des Aufsatzes laut Inhaltsverzeichnis; tatsächlich (S. 173) trägt er die Überschrift: ‚Nelkenbrecher’s Taschenbuch‘ on Coins, Measures and Weights (1762-1890) -Economic Historical Projects and Metrological Reflections.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.10.2003
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