Cover
Titel
The Roman Alexander. Reading a Cultural Myth


Autor(en)
Spencer, Diana
Erschienen
Anzahl Seiten
XXIV, 277 S.
Preis
£15.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Müller, Geschichts- und Kulturwissenschaften, Justus-Liebig-Universität Gießen

Diana Spencer, Lecturer in Classics an der Universität von Birmingham, die sich in ihrer unpublizierten Dissertation mit dem Alexanderbild des römischen Historiographen Quintus Curtius Rufus beschäftigt,[1] weitet die Thematik der römischen Alexanderrezeption in ihrer Monografie "The Roman Alexander. Reading a cultural myth" auf eine Auswahl römischer Quellentexte von der späten Republik bis zur Zeit Hadrians aus. Ziel der Untersuchung ist nicht die Annäherung an den historischen Alexander, sondern die Analyse der Entstehung und Entwicklung seiner mythischen Figur in der römischen Perspektive im Kontext des kulturellen und politischen Wandels innerhalb des römischen Reiches, "his impact on Roman political evolution" (S. xiv).

Mit dem interessanten Terminus "icon" versucht Spencer, das Phänomen des Mythos' Alexander des Großen und seiner "iconic career" (S. 2) in moderner, frischer Weise zu erfassen, als einer Ikone der antiken und modernen Welt, in die frei nach Wilckens zitiertem Diktum, jeder Forscher habe seinen eigenen Alexander,[2] stets zeitpolitisch gefärbte Vorstellungen projiziert wurden. Passend zum Bild des mythisierten Alexanders als "popular icon" (S. xv), das bereits in der Antike als Folie für negative und positive Herrschertopoi benutzt wurde, zeigt das Cover des Bandes eine Darstellung Alexanders des Pop Art-Künstlers Andy Warhol, dem eine maßgebliche Rolle in der Entwicklung moderner Mechanismen der Stilisierung von Ikonen zukam. In diesen Kontext fügt sich auch die Charakterisierung des Makedonenkönigs als eines imagebewussten, "media-conscious monarch" (S. 7) ein, der schon zu Lebzeiten die Entstehung seiner eigenen Legende maßgeblich vorantrieb: "Thus, in Alexander, we find an appropriate model for the increasing importance of celebrity and media manipulation in public life" (S. xiii).

Zu pauschalisierend und romzentriert mutet indes ihre in der Einleitung formulierte Prämisse über die antike Tradition des Alexanderbildes allgemein als Basis der folgenden Untersuchung an: "the early story of Alexander as we receive it today is essentially a Roman story [...] The Alexander that we know [...] is himself a 'Roman' construct, a product of Roman sensibilities and worldview [...]" (S. xiv-xv). Es ist dagegenzuhalten, dass Plutarch als wichtigste Quelle für den frühen Alexander trotz seiner Eingebundenheit in eine von Rom beherrschte mediterrane Welt seiner griechischen Denkweise in einem solchen Maße verhaftet blieb, dass im Hinblick auf sachliche Schnitzer in seinen Biografien großer Römer in der Forschung kritisch hinterfragt wurde: "Is Plutarch really interested in Roman politics?"[3] Zudem ist im Hinblick auf die Anabasis Arrians mit Ptolemaios und Aristobul als seinen Hauptquellen darauf hinzuweisen, dass die Wurzeln des Alexanderbildes, auch das der römischen Welt, griechisch waren, da es auf den Berichten der Zeitgenossen des Makedonenkönigs beruhte. So wird als Hauptquelle für Curtius Rufus und Justin, die zum Traditionszweig der Alexandervulgata gezählt werden, Kleitarch angenommen.

Im ersten Kapitel skizziert Spencer den politischen Hintergrund, vor dem sich Alexanders Bild in der römischen Welt entwickelte, das Bild eines Makedonenkönigs, das von Green treffend als "so un-Roman a figure" charakterisiert wurde [4] und das seine Ambivalenz in der Zeitspanne von der römischen Republik bis zu dem erneuten Anwachsen des Interesses an Alexander seit Trajans Regierung nicht verlor. Klarsichtig analysiert Spencer diese Ambivalenz des Alexanderbildes: Einerseits wird er als "proto-Aeneas figure" (S. 2) dargestellt, eine Präfiguration der römischen Expansion in den Mittelmeerraum und in Asien, ein "paradigm of a young warlike nation over the decadence of an ageing civilisation" (S. 3), der den Beinamen "der Große" von den Römern erhielt, da sie sich durch die Eroberung der hellenistischen Königreiche im Osten als seine Nachfolger sehen konnten. Andererseits zeichnet man von Alexander auch das von Tyrannentopoi gefärbte Negativbild des degenerierten Despoten, der fernab des Ideals eines heldenhaften Eroberers den Lastern des Ostens erlegen war und somit als abschreckendes Beispiel diente (S. 34). Wie schon Ceaucescu in seinem maßgeblichen Aufsatz "La double image d'Alexandre le Grand à Rome" von 1974 darlegte, wurde diese ambivalente Haltung neben der römischen Ablehnung der Autokratie entscheidend durch die jeweilige politische Beziehung Roms zum Osten und die entsprechende Haltung zu einer militärischen Intervention bestimmt.[5]

Kapitel 2 bis Kapitel 5 beschäftigen sich mit den wichtigsten Aspekten des römischen Alexanderbildes: "absolute monarch, military genius, uncontrollable madman and conquistador par excellence" (S. 41). Anhand ausgewählter Textpassagen von Cicero, Livius, Seneca, Lukan, Velleius Paterculus, Horaz, Statius, Juvenal und Silius Italicus analysiert Spencer detailliert die Themenkomplexe der Königsherrschaft Alexanders, seiner Exzesse, seiner Ziele und seiner Autokratie in der römischen Darstellung, illustriert von Fotografien berühmter Gemälde aus Mittelalter, Renaissance und Barock, die Szenen aus der Tradition des Alexanderromans darstellen und den Mythos bildlich unterstreichen.

Im Kapitel über "Alexander Rex" behandelt Spencer in ihrer Analyse des Makedonenkönigs als römisches "leadership model" (S. 41) den berühmten Liviusexkurs [6] mit der darin enthaltenen Warnung vor der Korruption durch Macht und Fortuna sowie Passagen aus Schriften von Cicero und Seneca, die sich mit dem Problem des Ratgebers eines Herrschers auseinandersetzen: "Advice is a powerful commodity and the provision of a framework for political tutoring undermines the autocratic dynamic. Without advice, there is the danger that all kings will appropriate models of power based on Alexander [...]" (S. 79).

Im Zentrum von Kapitel 3 stehen die Topoi von Alexanders Degeneration zum Perserkönig, das Sinnbild eines "murderous king, morally and psychologically out of control" (S. 85), mit den in der römischen literarischen Tradition besonders hervorgehobenen Alkoholexzessen des Makedonen, dem Mord an seinem Hetairen Kleitos und der tyrannischen Behandlung des Lysimachos, den Alexander der Legende zufolge einem Löwen vorwerfen ließ. Spencer hebt hervor, dass Lukan in seiner Negativporträtierung des Makedonenkönigs als eines grausamen und wahnsinnigen Schlächters Caesar treffen wollte. Seneca hatte nach Spencer in seinem Exkurs über die Trunkenheit mit seinen scharfen Angriffen gegen Alexander seine Erfahrungen mit Caligula im Hinterkopf. Gerade im Zusammenhang mit Senecas epistulae über die Trunkenheit und den Zorn wäre noch der Hinweis auf den moralphilosophischen Aspekt seines Alexanderbildes wünschenswert gewesen,[7] das höchste philosophische Ideal der Beherrschung der Leidenschaften, die sophrosyne, die Seneca bei Alexander vermisste.

Im vierten Kapitel zieht Spencer ein Zwischenresümee bezüglich der "polyvalence of ‘Alexander' within Roman political and cultural discourse" und kommt zu dem Ergebnis, "that there is no one stable and internally consistent figure who can be defined as ‘the Roman Alexander'" (S. 119). In dem literarischen Diskurs über die positiven Aspekte des heroischen jungen Eroberers und der negativen Wende durch die Adaption persischer Laster blieb Alexander ein Symbol für Gut und Böse. Als zentralen Aspekt des römischen Alexanderbildes sieht Spencer seine Überschreitung von Grenzen, das Streben nach einem imperium sine fine: "To some extent at least, this is the story of Alexander at Rome. A man who so exemplified extremity of conquest, of political identity [...] that he was bound to become a paradigm ne plus ultra for an increasingly individualistic political system" (S. 140).

Nach einem Kapitel über Alexander als normatives Modell für römische Feldherren am Beispiel der exponierten Vertreter der römischen Republik, Scipio Africanus, Pompeius, Iulius Caesar und Marc Anton, in ausgewählten Literaturpassagen schlägt sie einen weiten Bogen von der Antike zur Gegenwart. Das Abschlusskapitel steht unter der fragwürdigen Prämisse, "our Alexander today is a product of the story of Roman cultural appropriation" (S. 203), die ebenso die griechische Komponente wie die Ergebnisse historischer Forschung ignoriert. Spencer skizziert die Entwicklung des mythischen Alexander als "popular iconic figure" (S. 215) vom Mittelalter bis in die jüngste Zeit mit der wissenschaftlich wenig relevanten Erwähnung von geplanten Filmprojekten und der dazu passenden Erkenntnis: "‚Alexander' sells" (S. 214). Fragwürdig wirkt auch die Behandlung von auf historischen Fakten basierender Fiktion wie Mary Renaults Alexanderromane als "trans-historical" (S. 212), die einen kritischen Standpunkt als Fazit wünschenswert erscheinen lässt, sowie die in der Einleitung beschriebene Tendenz, einen eigenen Alexander zu schaffen, die als "kreativer Prozess der Historiographie" von Spencer völlig unkritisch betrachtet wird (S. xiv).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Spencers Untersuchung die wichtigsten Aussagen lateinischer Autoren zu den gängigen Alexandertopoi zusammenträgt und sie mit detaillierten und sorgfältigen Analysen kombiniert. Trotzdem keine wirklich neuen Erkenntnisse gewonnen werden, ist die Veröffentlichung ebenso nützlich wie gewinnbringend für die Erforschung der Alexanderrezeption in Rom, der eine solche Zusammenstellung bislang fehlte. Spencers Ansatz, sich auf die mythische Alexanderfigur und die Darstellung der hervortretendsten Topoi in der römischen Alexanderdarstellung zu konzentrieren, "that have created the iconic Alexander" (S. xvii), mit der ausdrücklichen Intention, den historischen, realen Alexander nicht zu behandeln, bringt der Alexanderforschung die wichtige Erkenntnis bzw. die Bestätigung des Bewusstseins, wie viel Vorsicht gerade im Umgang mit dem römischen Alexanderbild angebracht ist. Durch die Warnung vor unkritischen Übernahme der stilisierten, durch Zeitbezüge verzerrten Darstellungen des Makedonenkönigs in den behandelten lateinischen Texten ist die Untersuchung auch für die Erforschung der historischen Person Alexanders ein wichtiger und wertvoller Beitrag. Trotz Spencers eigentlicher Intention, die Quellenforschung zur Alexandergeschichte in ihrer Analyse zu übergehen,[8] ist ihre Arbeit dazu ebenfalls ein nützlicher Zusatz.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Spencer, D., The Roman Alexander: Studies in Curtius Rufus, Cambridge 1997 (unpubliziert). Als Veröffentlichungen der Autorin sind zu nennen: Spencer, D., Propertius, Hercules, and the dynamic of Roman mythic space in Elegy 4.9, Arethusa 34 (2001), S. 259-284; Alexander the Great and the popular (anti-)hero, in: Hardwick, L.; Ireland, S. (Hgg.), The January conference 1996: The reception of classical texts and images, Open University 1996, 174-195 (http://www.open.ac.uk./OU/Academic/Arts/CC96/ccfrontpage/htm)
[2] Vgl. Pelling, C. B. R., Plutarch and Roman politics, in: Moxon, I. S.; Smart, J. D.; Woodman, A. J. (Hgg.), Past and perspective: Studies in Greek and Roman historical writing, Cambridge 1986, S. 159-187.
[3] Vgl. Wilcken, U., Alexander der Große, Leipzig 1931, VII; vgl. die Überlegungen von Spencer (S. xiii), die als Vergleich das Sinnbild einer leeren Weinflasche anführt, die ihrer Einleitung den Titel gibt und zu der etwas unorthodoxen Metapher führt: "if Alexander is a bottle that can be filled with any wine, then the historian becomes the ‚winemaker' [...]"
[4] Vgl. Green, P., Caesar and Alexander: Aemulatio, imitatio, comparatio, American Journal of Ancient History 3 (1978), S. 1-26, S.10: "To the average Roman, Alexander was simply a less familiar version of Agathocles or Pyrrhus, an unpredictable foreign autocrat who indulged in conquest for its own sake [...], was both king and tyrant (terms of abuse in Roman politics), neglected his administrative responsibilities, had an un-Republican habit of murdering his subordinates, and insisted, embarrassingly, on being worshipped as a god."
[5] Vgl. Ceaucescu, P., La double image d'Alexandre le Grand à Rome. Essai d'une explication politique, Studii Clasice 16 (1974), S. 153-168, S. 165: "C'est ainsi que l'hostilité contre la mémoire d'Alexandre [...] s'intégrait practiquement dans le conflit qui a domine l'histoire de l'Empire romain: Occident - Orient. Le combat autour du souvenir de roi macédonien ne fut que la prolongation idéologique de ce conflit fondamental."
[6] Von den zahlreichen Veröffentlichungen zum Liviusexkurs ist exemplarisch hinzuweisen auf: Biffi, N., L'excursus liviano su Alessandro Magno, Bolletino di Studi Latini 25 (1995), S. 462-476.
[7] Dieser moralphilosophische Hintergrund wird auch bei der knappen Behandlung der Korruption des autokratischen Herrschers in Plutarchs Viten (S. 190) nicht berücksichtigt; zu Senecas Darstellung Alexanders als Antihelden vgl. etwa Motto, A. L.; Clark, I. R., Exemplary villains in Seneca's prose, Bolletino di Studi Latini 23 (1993), S. 309-319.
[8] Vgl. S. xvi: "I will be suggesting ways in which we can side-step the endless stream of Quellenforschung that makes such a large portion of the Alexander industry [...]"

Redaktion
Veröffentlicht am
10.09.2003
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