P. Betts u.a. (Hgg.): Pain and Prosperity

Cover
Titel
Pain and Prosperity. Reconsidering Twentieth-Century German History


Herausgeber
Betts, Peter
Erschienen
Anzahl Seiten
276 S.
Preis
$60.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel Schildt, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Eine die Konzeption des Bandes erläuternde Einleitung der Herausgeber und acht Beiträge von Autoren, die mit Ausnahme der Kölner Historikerin Sabine Behrenbeck an Hochschulen der USA und Englands lehren, kreisen um den Zusammenhang der extremen und dramatischen Erfahrungen vornehmlich der ersten Hälfte des Jahrhunderts mit der Konsumgeschichte im weitesten Sinne, die ihre Karriere aufgrund des westdeutschen Erfolgs im Kalten Krieg nach 1989 recht eigentlich begonnen habe. Entsprechend umspannen die Beiträge des Bandes die Zeit seit der Jahrhundertwende, im Kern seit dem Ersten Weltkrieg, bis zur Gegenwart und schließen die Geschichte sowohl West- wie Ostdeutschlands ein.

Fürwahr eine weite Perspektive und ein Blick von außen auf unsere Geschichte, der für deutsche Historiker interessante Aspekte enthält. Vorauszuschicken ist, dass hier erstens kein kulturalistischer Aufguss des deutschen "Sonderwegs" angeboten wird, sondern Deutschland als besonders markantes Exempel für europäische Erfahrungen im 20. Jahrhundert dient, als deren Kondensat und Kumulation (eine Sicht, die übrigens schon in den intellektuellen Debatten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg formuliert wurde). Zum Zweiten geht es nicht um die simple Abfolge von katastrophischen und guten Zeiten, sondern um deren Dialektik, "the dynamic interplay between pain and prosperity" (S. 4). Man spürt in vielen Beiträgen des Bandes die Faszination gerade von Deutschlands dunkler und ambivalenter Geschichte, die in unserem Land eher bizarre Mischungen von klandestinem Stolz und Selbstekel erregt. Natürlich kann man grundsätzlich fragen, ob eine Nationalgeschichte mit polaren Formeln wie "Pain and Normality" (oder auch kürzlich: "Violence and Normality") adäquat zu erfassen ist, aber der Versuch lohnt sich in diesem Fall, zumal die deutsche Forschung kenntnisreich einbezogen wird.

Die ersten beiden der durchweg mit Quellen unterschiedlicher Provenienz gut belegten Beiträge sollen hier wenigstens kurz annotiert werden, die anderen können hier nur erwähnt werden:

Greg Eghigian wählt in seinem Essay "Pain, Entitlement, and Social Citizenship in Modern Germany" einen körpergeschichtlichen Ansatz, um nach einem längeren Vorlauf zum Umgang mit persönlichem Leid in der wilhelminischen Gesellschaft des Kaiserreichs die Kollektivierung sozialen Leids vom Ersten Weltkrieg bis 1927 und dessen anschließende "Heroisierung" und Nationalisierung bis 1949 zu beschreiben. Die merkwürdig erscheinende Zäsur zwischen den beiden idealtypisch bezeichneten Phasen wird letztlich sozialhistorisch – mit dem Beginn der Arbeitslosenversicherung (S. 29) – und angesichts der bald ausbrechenden Weltwirtschaftskrise etwas merkwürdig illustriert, aber Veränderungen des gesellschaftlichen Umgangs mit kollektivem Leid selbst, verlängert bis in die Gesellschaften der Bundesrepublik und der DDR, werden gut nachgezeichnet.

Peter Fritzsche, mit sensiblen Beobachtungen über die deutsche Großstadt Berlin, die von Simmel und Kracauer inspiriert schienen, schon früher hervorgetreten, steuert einen Essay mit einem zum Widerspruch reizenden Titel bei: "Cities Forget, Nations Remember. Berlin and Germany and the Shock of Modernity". Im Zentrum steht hier die Beobachtung, dass schon wenige Jahre nach den revolutionären Wirren, etwa der Spartakuskämpfe Anfang 1919, in den Straßen und im modernen Getriebe der Metropole keine Spuren mehr davon verblieben waren. Allerdings wäre diese Betrachtung der modernen Oberfläche zu verbinden mit sozialhistorischen Zusammenhängen, und schließlich wäre die im Titel enthaltene sehr eingängige These auch wegen der nicht erst seit den 1920er Jahren, aber dann immer intensiver entfalteten Anstrengungen zur Traditionspflege, natürlich auch als ‚Invention of Tradition’, wohl zu modifizieren. Diese Bedürfnisse der Stadtbewohner, "the longing for memory in the forgetful city" (S. 47) werden übrigens von Fritzsche selbst erwähnt.

Der Zusammenhang von Geburt, Medizin und Mutterschaft in der Arbeiterklasse vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Machtantritt des NS-Regimes wird von Patricia R. Stokes skizziert. Sie weist auf die Tradition des "suffer without complaining" (S. 87) hin, die allerdings in den 1920er Jahre durch einige soziale und medizinische Verbesserungen relativiert wurde. Geoffrey Cocks beschäftigt sich in seinem Essay mit "Modern Pain and Nazi panic". Entfaltet wird hier zunächst der allgemeine Umgang mit Schmerzen in der Moderne seit dem 19. Jahrhunderts, um davon die nationalsozialistische Funktionalisierung und Besonderheit abzusetzen, etwa am Beispiel der Wehrmachtspsychiatrie. Nach 1945 sei die Gesellschaft zu normalem Umgang mit Schmerzen zurückgekehrt, eine angesichts der vieldiskutierten medizinischen und psychologiegeschichtlichen Kontinuitäten diskutable These. Eher wäre hier wohl von einem längeren Prozess auszugehen, wie es im Aufsatz von Sabine Behrenbeck über "The Transformation of Sacrifice: German Identity Between Heroic Narrative and Economic Success" angemessen zum Ausdruck gebracht wird. Katherine Pence bezieht die Gründerjahre der DDR unter dem Titel "The Myth of a Suspended Present: Prosperity`s Painful Shadow in 1950s East Germany" in die Betrachtung ein – die Begriffsanordnung deutet eine Konstellation an, in der Gegenwart und Vergangenheit vom Zukunftsversprechen – "Selling Socialism with the Promise of Prosperity" (S. 142) - in den Hintergrund gedrängt werden sollten (man denke nur an Walter Ulbrichts Reden Ende der 1950er Jahre), während gleichzeitig die westlichen Schaufenster als Propaganda der Tat jene der Parolen konterkarierte. Natürlich wäre hier auch über Bezüge zur "Vergangenheitspolitik" (Norbert Frei) des SED-Regimes nachzudenken. Ein weiterer Beitrag von Ingrid M. Schenk beleuchtet die DDR-Gesellschaft aus der zeitgenössischen westdeutschen Perspektive in den 1950er Jahren, als jene geradezu als willkommene negative Kontrastfolie des eigenen Weges in den Wohlstand diente. Ein Beitrag von Paul Betts über Quellen der Nostalgie in West- und Ostdeutschland von 1980 bis 2000 schließt den Band ab. Unter anderem am Beispiel der Wiederentdeckung der 50er Jahre dreißig Jahre später und der auf bekannte Marken der DDR-Zeit gerichteten "ostalgischen" Kundenwünsche wenige Jahre nach der Wiedervereinigung wird hier die neuere deutsche Forschung zur Konsumgeschichte der Bundesrepublik und der DDR rekapituliert.

Auch wenn im Verlauf der Lektüre die Zweifel an der Reichweite der Dialektik von ‚Pain and Prosperity’ für die Erklärung der deutschen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts nicht gänzlich verflogen sind, besitzt der klug komponierte Sammelband doch ein beträchtliches Anregungspotential und bietet interessante kulturgeschichtliche Perspektiven.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.08.2003
Beiträger
Redaktionell betreut durch