J. Motte u.a. (Hgg.): Einwanderungsgesellschaft

Cover
Titel
Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik


Herausgeber
Motte, Jan
Erschienen
Anzahl Seiten
351 S.
Preis
18,90 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Gryglewski, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

In den letzten Jahren hat sich bei weiten Teilen der deutschen Bevölkerung die Überzeugung durchgesetzt, dass wir de facto in einer Einwanderungsgesellschaft leben. Nicht alle bewerten diesen Zustand als positiv, und hinsichtlich der Fragen, welches die formalen Bedingungen zum Erlangen der Staatsbürgerschaft sind, wie Zu- oder Einwanderung juristisch geregelt wird und wie das „Zusammen“-Leben in einer multikulturellen Gesellschaft gestaltet werden kann und soll, gibt es schon gar keine einheitlichen Positionen. Mit dem von Jan Motte und Rainer Ohliger vorgelegten Sammelband „Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft“ wird nun ein bemerkenswerter Beitrag zu einer vielfach von Defiziten und diffusen Vorstellungen gekennzeichneten Diskussion um Erinnerung, Geschichte und Gedächtnis in der (deutschen) Einwanderungsgesellschaft geleistet. Ausgehend von der Überlegung, dass die Geschichtsschreibung auf veränderte Gegenwartslagen reagieren und diese erklären müsse, geht es in dem in sechs Kapitel unterteilten Band sowohl um die sozialgeschichtliche Rekonstruktion der Migrationsgeschichte als auch um den politisch-gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft. Motte und Ohliger gelingt es mit den Beiträgen von 17 AutorInnen, zwei bislang mehr oder minder voneinander losgelöste Bereiche zu verknüpfen: die Migrationsforschung einerseits und den Erinnerungsdiskurs andererseits.

Den Einstieg, der gleichzeitig den Rahmen für die gesamte Publikation darstellt, bildet ein Aufsatz der Herausgeber, der mit sehr unterschiedlichen Beispielen verdeutlicht, wie ungenügend die Geschichte der Arbeitsmigranten zum Beispiel durch Denkmäler, Straßenumbenennungen oder selbst im Spielfilm in den allgemeinen Erinnerungsdiskurs integriert wurde; eine gemeinsame Erinnerung gibt es im Zusammenhang der Migrationsgeschichte bislang nicht.

Im ersten Kapitel („Einwanderung und historische Rekonstruktion“) geht es zunächst um die Erfahrungen und Erinnerungen der Einwanderer aus der Türkei in Europa im Spiegel der Literatur. Ali Gitmez hebt die Bedeutung von Literatur als Erinnerungsort hervor und stellt ausgewählte Textbeispiele unter anderem zu den Schwierigkeiten hinsichtlich Anerkennung und Integration im Aufnahmeland der Einwanderer über die Generationen vor. Dem folgt ein prägnanter Überblicksaufsatz von Katrin Hunn zu „Türkische ‚Gastarbeiter’ in der Bundesrepublik Deutschland von der Anwerbung bis zur Rückkehrförderung“. In „Opposition und Identifikation – Zur Dynamik des Fußfassens“ beschreibt Werner Schiffauer schließlich die Bandbreite unterschiedlicher Formen der Auseinandersetzung der Arbeitsmigranten und ihrer Kinder mit dem Einwanderungsland. Damit widmet er sich auch dem Spannungsfeld, in dem Jugendliche nichtdeutscher Herkunft sich oft bewegen.

Nach diesen einführenden Beiträgen geht es im zweiten Kapitel um Emigration aus biografischer Perspektive. Aus dem von Jan Motte geführten Interview mit Zuhal Özver und Yilmaz Karahasan erfahren die LeserInnen nicht nur etwas über die persönlichen Biografien der beiden Befragten. Das Gespräch mit Özver, die Anfang der 1970er-Jahre in Berlin türkische Kinos betrieb, informiert über die Bedeutung kultureller Angebote für Einwanderer in ihrer Herkunftssprache zu unterschiedlichen Zeiten. Karahasan, ehemals geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der IG Metall, geht es in seinem persönlichen Bericht auch um die sich verändernden Arbeitsbedingungen und den Status so genannter Gastarbeiter in den Betrieben.

Das dritte Kapitel („Einwanderung und Gedächtnis“) wird von Constance Carcenac-Lecomte eingeleitet, die die Werke von Pierre Nora zu den französischen „Lieux de mémoire“ und die Sammlung „Deutscher Erinnerungsorte“ von Etienne François und Hagen Schulze vergleicht. Auch wenn dieser Text im Kontrast zu den anderen Beiträgen nicht leicht zu lesen ist, trägt er zur Erklärung von Begriffen wie „Gedächtnis“, „Gedächtnisorte“ und „Erinnerungsorte“ bei. Ein sehr anschaulicher Aufsatz von Alexander von Plato schließt sich an, der das Thema Flucht und Vertreibung behandelt, insbesondere den Umgang damit in Forschung und Medien in unterschiedlichen Epochen der DDR und der Bundesrepublik. Mathilde Jamin stellt ein Ausstellungsprojekt zur Geschichte der Einwanderung aus der Türkei in Essen vor. Dabei geht sie auf Schwierigkeiten bei der Projektrealisierung und auf Inhalte der Ausstellung ein. Darüber hinaus begründet sie anhand der Reaktionen der Ausstellungsbesucher und -besucherInnen die Notwendigkeit eines Migrationsmuseums. Auch der Artikel von Martin Düspohl beschäftigt sich mit Ausstellungen zur Migrationsgeschichte: Er beschreibt die Arbeit und Konzeption des Kreuzberg Museums in Berlin im Kontext der sich stetig wandelnden Migrationscommunity. Dass auch Fotos und Internetpräsentationen Erinnerungsorte der Migrationsgeschichte sein können, wird aus der Projektvorstellung eines virtuellen Familienfotoalbums von Dietrich Hackenberg deutlich.

Bettina Alavi erläutert eine Untersuchung deutscher Geschichtsschulbücher, die für den Stellenwert von Migrationsgeschichte innerhalb des Erinnerungsdiskurses in Deutschland beleuchtet. Auch wenn Alavi keine umfassende Schulbuchanalyse möglich war, ist ihre Untersuchung von großer Bedeutung. Anhand repräsentativer Beispiele kann sie aufzeigen, von welchen Defiziten die Bearbeitung des Themas Migration in Schulbüchern gekennzeichnet ist. So verdeutlicht sie, wo verquere Meinungen und Analysen zukünftiger StaatsbürgerInnen ihren Ursprung finden. Rainer Ohliger widmet sich außerdem der Frage nach dem Umgang mit deutschen Minderheiten in Schulbüchern vom Kaiserreich bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft.

Kapitel IV des Sammelbandes („Einwanderung und Selbstbewusstsein: Der Fordstreik 1973“) nimmt einen Konfliktfall zum Anlass für eine ausführliche Analyse des Lernprozesses, den viele türkische Migranten bis zur Eingliederung in die deutsche Gesellschaft durchlaufen mussten. Dokumentiert wird der Streik bei Ford von 1973 zunächst durch eine Reportage des Westdeutschen Rundfunks von 1982. Hans-Günter Kleff stellt die Ereignisse bei Ford in seinem Beitrag „Täuschung, Selbsttäuschung, Enttäuschung und Lernen“ in den breiteren Kontext aufeinanderprallender gesellschaftlicher Strukturen; Günter Hinken ergänzt das Bild, indem er auf die Frage der betrieblichen Integration von Migranten eingeht. Den Abschluss der Analyse bildet ein Zeitzeugengespräch mit mehreren deutschen und nichtdeutschen Arbeitern, die 1973 am Streik beteiligt waren.

Im letzten Kapitel des Bandes geht es um „Perspektiven in der Einwanderergesellschaft“. Christiane Harzig rekurriert auf die Geschichte der deutschen Einwanderer in den USA und in Kanada, deren Integration zwar sehr unterschiedlich, aber insgesamt erfolgreich verlaufen sei. Eine gewinnbringende Integration sei auch abhängig vom politischen Gestaltungswillen des Aufnahmelandes. Aytac Eryilmaz plädiert im Schlusstext für ein Migrationsmuseum, dessen Gründung er als Zeichen für einen Paradigmenwechsel der interkulturellen deutschen Kulturpolitik sehen würde. Die im Anhang zu findende Chronologie der Einwanderung nach Deutschland seit 1945 und eine sehr ausführliche Literaturliste bieten Anregungen zur Vertiefung des Themas.

Dass die Herausgeber hinsichtlich der Migrationsgeschichte den Schwerpunkt auf die türkische Einwanderung gelegt haben, bedeutet keinen Nachteil, denn vergleichbare Fragen zu anderen Migrationsgruppen stellen sich bei der Lektüre zwangsläufig ein und können in anderem Zusammenhang erforscht werden. Positiv ist zu vermerken, dass der Band kein bloßes „Reden über“ enthält, wie es bei diesem Thema häufig vorkommt. Nicht nur in den Interviews melden sich Migranten selbst zu Wort; auch mehrere Beiträge wurden von Autoren türkischer Herkunft verfasst.

Ein Artikel hätte dem Sammelband hinzugefügt werden können. Die Frage, wie Migranten und Jugendliche mit Migrationshintergrund sich selbst zum Erinnerungsdiskurs um die Geschichte des Nationalsozialismus in Beziehung setzen, taucht leider nur in einer Fußnote und mit einem Hinweis in der Literaturliste auf.[1] Dass der Erinnerungsdiskurs um die Geschichte des Nationalsozialismus 60 Jahre nach Kriegsende dominant ist, ergibt sich aus den Dimensionen und Folgen der während dieser Zeit begangenen Verbrechen. Auch kann der Begriff der sich aus dem Erbe des Nationalsozialismus ergebenden Verantwortung nicht für obsolet erklärt werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Schaffung eines multikulturellen Erinnerungsdiskurses ist die Integration von Migrationsgeschichte in diesen Diskurs. Eine weitere Voraussetzung ist allerdings auch, Bezüge zwischen der Geschichte des Nationalsozialismus und den Migranten und Migrantenkindern analog zu deren Bedürfnissen herzustellen. Trotz dieses kleinen Einwands ist „Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft“ ein Band, der allen am Erinnerungsdiskurs Interessierten zu empfehlen ist.

Anmerkung:
[1] Georgi, Viola, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003 (rezensiert von Nina Leonhard: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-118).