R. Zoepffel (Hrsg.): Aristoteles, Oikonomika

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Titel
Aristoteles, Oikonomika. Schriften zu Hauswirtschaft und Finanzwesen. Übersetzt und erläutert


Herausgeber
Zoepffel, Renate
Reihe
Aristoteles. Werke in deutscher Übersetzung 10/II
Erschienen
Berlin 2006: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
702 S.
Preis
€ 79,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gert Audring, Berlin

Im Schatten von Xenophons "Oikonomikos" und des ersten Buchs der "Politik" des Aristoteles haben die drei Bücher pseudoaristotelischer Oikonomika im deutschsprachigen Raum schon längere Zeit ein bescheidenes Dasein gefristet, sieht man von Victors eingehender text- und überlieferungskritischer Untersuchung [1] sowie einigen einschlägigen Zeitschriftenaufsätzen zu historischen Details ab. Auch in der "hundertjährigen" Debatte um eine angemessene Charakterisierung des antiken Wirtschaftslebens galt den Schriften der Griechen über Haushaltsführung (oikonomia) kaum noch Aufmerksamkeit, seit man ihnen (vor allem mit M. I. Finley) nur ethischen Gehalt zubilligte. Doch nun sind im Jahre 2006 gleich zwei Übersetzungen ins Deutsche erschienen: Kai Brodersens mit lockerer Hand gefertigte Version des zweiten Buchs bei Reclam [2] und das Werk von Zoepffel, das alle drei Bücher präsentiert.

Es überrascht durch seinen Umfang und lässt zunächst über Proportionen sinnieren. Susemihls Textausgabe von 1887 umfasste, den kritischen Apparat inbegriffen, 60 Teubnerseiten. Ein im Umfang vergleichbares aristotelisches Werk, die "Verfassung der Athener", hat Chambers 1986 bei Teubner auf 64 Seiten herausgegeben. Dieser Edition ließ Chambers 1990 in derselben Reihe, in der jetzt Zoepffels Arbeit vorliegt, eine deutsche Übersetzung folgen; sein wissenschaftlicher Kommentar zu der Quellenschrift, die für unsere Kenntnis des Alten Griechenland gewiss weit wichtiger als die pseudoaristotelischen Oikonomika ist, umfasste etwa 300 Seiten, so dass der Band (Literaturverzeichnis usw. inbegriffen) insgesamt 458 Seiten stark ist. Dabei sah Chambers keinen Grund, die altgriechische Literatur peri politeias vor und nach Aristoteles gleich mitzuliefern. Zoepffel bringt es auf 702 Seiten, wovon – das ist bei der Fülle von Einzelproblemen angemessen – 300 auf den Kommentar entfallen. Mehr als die Hälfte des Bandes aber werden gefüllt durch Darlegungen zur Begriffsgeschichte von oikonomia und zu den altgriechischen Lehrschriften, durch eine paraphrasierende Auflistung der Hauptvertreter und -stücke griechischen Nachdenkens über die oikonomia von Homer bis in die Spätantike, durch Reflexionen über Geschlechter- und Wirtschaftsgeschichte usw. So erfreulich es ist, damit reichstes Material und eine fast lückenlose Literaturübersicht zu den Ökonomiktexten in einem Band vereinigt zu besitzen, so sehr schiebt sich offenbar doch das Interesse des Verlags arg in den Vordergrund, den zögerlichen Buchkäufer mit einem augenfällig gewichtig daherkommenden, also möglichst dickleibigen Wälzer zu gewinnen.

Den Gepflogenheiten der Reihe folgend, bietet Zoepffel als Erstes eine Übertragung ins Deutsche. Sie ist im Allgemeinen sehr gut gelungen und präzise; im Vergleich mit anderen deutschen Übersetzungen erweist sie sich stets als anregend und erfrischend. Man stutzt aber, wenn der Quellenbegriff oikonomike (techne), zu deutsch etwa: „(Kunst der) Haushaltsführung", gelegentlich einfach mit "Oikonomik" wiedergegeben wird – wem nützt das? Bedenklich aber wird es, wenn Zoepffel zu Beginn des zweiten Buchs aufhört, dicht am Wortlaut der Quelle zu bleiben und (Carmine Ampolo folgend, S. 55f.) oikonomia rein als "Finanzverwaltung" bzw. "Verwaltung" auffasst und übersetzt, nur weil in den literarischen und inschriftlichen Quellen der hellenistischen Epoche die finanzwirtschaftlichen Aspekte stärker in den Vordergrund treten als in den Zeugnissen aus älterer Zeit. Das irritiert besonders beim Text über die königliche Haushaltsführung (1345 b 19ff.). Deren vier Säulen sind nach Darstellung des unbekannten Autors das Geldwesen, die "Aus- und Eingänge" und die Aufwendungen. Die drei letztgenannten Positionen aber - so die Quelle ausdrücklich – können auch in Naturalform auftreten, ja Zoepffel übersetzt die im Zusammenhang mit den Aufwendungen genannten onia, wörtlich "Handelsartikel", sogar pointiert mit "Naturalien" (1345 b 28) – ohne jedoch Ampolos Linie aufzugeben. Dasselbe widerfährt anschließend den Satrapien, der Polis und dann sogar noch dem privaten Haushalt. Den auf die deutsche Übersetzung angewiesenen Leser/innen entgeht damit, dass sich der antike Autor hier von der traditionellen, auf das "ganze Haus" orientierten Lehre löst, indem er deren Oberbegriff, oikonomia, auf ganz anders geartete Herrschafts- und Wirtschaftsbereiche anwendet, ohne ihn doch durch einen neuen zu ersetzen.

Wer erfahren möchte, welcher griechische bzw. lateinische Text Zoepffels Übersetzung zugrunde liegt, der findet zwar auf S. 372 eine Reihe von Textausgaben genannt, muss sich aber die Editionen von Susemihl, van Groningen, Wartelle, Victor usw. daneben legen und Zeile für Zeile vergleichen. Gerade im Falle der pseudoaristotelischen Oikonomika ist aber der Verzicht auf Beigabe des Textes in der Quellensprache (den man jedoch Zoepffel nicht anlasten darf) misslich, denn dieser Text wirft beinahe in jeder Zeile Überlieferungsprobleme auf.[3]

Der Kommentar ist außergewöhnlich reich, bietet eine Fülle von Parallelstellen und zeichnet die Forschungsdebatte zu den zahlreichen strittigen Punkten nach.[4] So gibt Renate Zoepffel dem Interessierten ein Buch in die Hand, das die altgriechische Ökonomikliteratur in Bezug auf ihre lebensweltliche Seite hin ernst nimmt, aber auch fühlbar macht, dass Althistoriker/innen und Philolog/innen das Gespräch mit Wirtschaftstheoretiker/innen suchen sollten, um dieses Schrifttum ohne modernistische Attitüde ebenso auch in Bezug auf seine – durchaus nach modernen Begriffen, denn wir haben keine anderen – ökonomische Substanz hin sachgerecht zu würdigen.

Anmerkungen:
[1] Victor, Ulrich, [Aristoteles], OIKONOMIKOS. Das erste Buch der Ökonomik – Handschriften, Text, Übersetzung und Kommentar – und seine Beziehungen zur Ökonomikliteratur, Königstein im Taunus 1983.
[2] Aristoteles. 77 Tricks zur Steigerung der Staatseinnahmen. Oikonomika II. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Kai Brodersen, Stuttgart 2006.
[3] Will, Édouard, Chabrias et les finances des Tachôs, Revue des études anciennes 62 (1960), S. 257, Anm. 2. Beispielsweise übersetzt Zoepffel 1343 a 21 das Zitat aus Hesiods "Werken und Tagen", Vers 405 ("Also: zuerst ein Gehöft, eine Frau, einen Ochsen zum Pflügen", nach der Übertragung von Luise und Klaus Hallof) nicht in dieser ausführlichen Form, die alle Handschriften bieten, sondern schließt sich dem ältesten antiken Textzeugen an, Philodemos (1. Jh. v. Chr.), in dessen Anführung dieser Stelle der Ochse fehlt. Die neueren Ausgaben gehen meist wieder auf den Wortlaut der Handschriften zurück, weil Philodemos als unzuverlässig in seinen Zitaten gilt. Das weiß Zoepffel natürlich, doch bleibt ihre Stellungnahme dazu (S. 429) unbefriedigend, und angesichts ihrer überraschend ausführlichen Darlegungen zur Geschlechtergeschichte (S. 314-359) argwöhnt man, dass hier vielleicht eine feministische recensio vorliege. Es gibt noch mehr der Art. So erhält 1344 a 21f. eine gelehrte Marginalie in einer Basler Textausgabe von 1550 den Vorzug vor dem Text aller Handschriften.
[4] Die rätselhafte, sonst nicht bezeugte Bezeichnung hemihodios, die die Handschriften dem Antimenes geben (1352 b 26), lässt Zoepffel unübersetzt und verweist, ohne sich zu entscheiden, im Kommentar auf Schneiders Textvorschlag von 1815, hemiholios, das literarisch zweimal als Beiname für Militärs belegt ist und davon in einem Falle auf den "anderthalbfachen" Sold eines makedonischen Kämpfers anspielt. hemiholios ist aber mittlerweile durch eine offiziöse Inschrift bezeugt und dürfte damit Titel eines hohen Finanzbeamten sein: Jonnes, Lloyd; Ricl, Marijana, A New Royal Inscription from Phrygia Paroreios: Eumenes II Grants Tyriaion the Status of a polis, in: Epigraphica Anatolica 29 (1997), S. 1-30, hier S. 25f.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.12.2006
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