D. Alvermann u.a. (Hgg.): Virtus est satis hoc uno testificata libro

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Titel
Virtus est satis hoc uno testificata libro. Festgabe für Manfred Herling


Herausgeber
Alvermann, Dirk; Jörn, Nils; Modéer, Kjell Ake
Erschienen
Münster 2003: LIT Verlag
Anzahl Seiten
352 S.
Preis
€ 35,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Irrgang, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Bei vorliegender Festschrift handelt es sich um eine Festgabe, die aus dem Rahmen fällt: keine tabula gratulatoria, kein Schriftenverzeichnis, dafür fünf künstlerische Fotografien, die für eine Festschrift ungewöhnlich sind. Sie ist Manfred Herling gewidmet, einem Mann, der als Leiter des Greifswalder Universitätsarchivs 40 Jahre lang das kulturelle Gedächtnis der Universität verwaltete und pflegte und dabei einen ideologiefreien, unpolitischen Raum schuf, der jedem Benutzer Zuflucht und zugleich eine Offenbarung gewesen sein muss. So ist diese Festschrift eine sehr persönliche Dankesgabe, geprägt von Respekt, Erinnerung und Bewunderung für einen unbeugsamen Menschen, der unter schwierigen politischen Bedingungen unbeirrbar sein zeitloses Berufsethos lebte. Die Festschrift vermittelt einen Eindruck von dieser kommunikativen, geistig lebendigen und auch unkonventionellen Atmosphäre, die im Greifswalder Universitätsarchiv geherrscht haben muss, von der idyllischen Abgeschiedenheit Greifswalds, aber auch von der Beklemmung des Überlebens in einem ständig überwachten Umfeld. Die Beiträger der Festschrift haben sich bei der Wahl ihrer Aufsätze am Lebenswerk Herlings orientiert und dazu einige Schätze aus dem Greifswalder Universitätsarchiv gehoben, die der Jubilar selber jahrzehntelang mit Hingabe verwahrt hat. Der Festschrifttitel Virtus est satis hoc uno testificata libro greift die Schriftzüge auf dem Einband der ältesten Universitätshandschriften Greifswalds auf, die Manfred Herling vor vielen Jahren in einer umfänglichen Untersuchung analysiert und beschrieben hat. Viele Beiträge sind bereichert durch persönliche Reminiszenzen, und so gerät die Festschrift zu mehr als nur zu einem Sammelband über Greifswalder Archiv-, Universitäts- und Landesgeschichte. Sie ist vielmehr eine Zeitreise. Aber der Reihe nach.

Unter der Rubrik „Perspektiven“ eröffnen sechs Weggefährten den Beitragsreigen. Statt panegyrischer Hymnen vermitteln Kjell Å. Modéer (Lund), Bernhard Diestelkamp (Frankfurt am Main), Heinrich Göers (Osnabrück), Jürgen Kohler (Greifswald), Carl Heinz Jacob (Greifswald) und Arno Schmidt (Oldenburg) jenen persönlichen Einblick in das Arbeits- und Lebensumfeld des zu ehrenden Archivars, entfalten den wissenschaftlichen und regionalen Horizont Herlings und berichten anschaulich von Begegnung und Dialog. Joachim Wächter (Greifswald) gibt sodann einen Überblick über die Geschichte der Greifswalder Archive. Vier Archive, das Stadtarchiv, Landesarchiv, Universitätsarchiv und Landeskirchenarchiv, kann die Stadt Greifswald aufweisen. Wächter, der selber lange das Landeskirchenarchiv geleitet hat, stellt die besondere, historisch gewachsene Zusammenarbeit der Institutionen untereinander heraus.

Um den wahrscheinlich maßgeblichen Landeshistoriker Mecklenburgs, Friedrich Lisch, geht es im nächsten Beitrag von Peter-Joachim Rakow (Schwerin). Lisch war während des 19. Jahrhunderts Archivar in Schwerin, eine populäre Figur in diversen landesgeschichtlichen Vereinen und unermüdlich um das kulturelle Erbe Mecklenburgs bemüht. Er hat eine immense Publikationsliste hinterlassen, die auch unter heutigen „publish-or-perish-Bedingungen“ kaum zu überrunden ist. Rakow hat auf Grundlage der erhaltenen Korrespondenz zwischen Lisch und dem Stettiner Archivar Friedrich von Medem den Entscheidungsprozess für den Beruf des Archivars und Lischs Weiterbildungsbemühungen anschaulich rekonstruiert.

Als eine Hommage an Herlings thüringische Herkunft wählte Volker Wahl (Weimar) für seinen Aufsatz das Großherzogliche Hausarchiv von Sachsen-Weimar-Eisenach im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar zum Thema. Wahl beschreibt nicht nur die wechselvolle Geschichte seines Bestandes, sondern wirbt eindringlich dafür, dieses Hausarchiv in Weimar zu sichern.

Um den einflussreichen Greifswalder Universitätsstifter Dr. Heinrich Rubenow und dessen heimtückische Ermordung geht es im nächsten Beitrag. Roderich Schmidt (Marburg) bringt Licht in das komplizierte personelle Geflecht der mittelalterlichen Greifswalder Universitäts- und Ratspolitik, aus dessen Mitte die Gegner Rubenows hervorgegangen sind. Mit akademischem Zeremoniell, seiner Symbolkraft und der universitären Traditionspflege beschäftigten sich nachfolgend Dirk Alvermann (Greifswald) und Barbara Peters (Greifswald). Alvermann analysiert Geschichte, Brauch und Bedeutung der Greifswalder akademischen Szepter, Peters die Sammlung von Greifswalder Professorenporträts, die noch heute die Aula der Universität zieren.

Um das abrupte Ende einer Laufbahn Mitte des 17. Jahrhunderts geht es bei Ivo Asmus (Greifswald), der sich der Absetzung des Hauptmanns des Amtes Eldena, Joachim Edling, widmet. An der Verwaltung des Amtes Eldena war der Universität Greifswald besonders gelegen, weil sie wesentliche Einkünfte aus Eldena durch Pachtverträge erhielt. An Christian Nettelbladt, den sonderbaren Greifswalder Rechtsprofessor und Assessor am Wetzlarer Reichskammergericht während des 18. Jahrhunderts, erinnern Nils Jörn (Berlin) und anschließend Günter Mangelsdorf (Greifswald). Nettelbladt hat zeitlebens fast sein ganzes Vermögen in den Aufbau seiner imposanten wissenschaftlichen Privatbibliothek in Greifswald und Wetzlar investiert. Jörn rekonstruiert die Geschichte dieser Anschaffungen und des notgedrungenen Verkaufs an die Greifswalder Universität, um die Versorgung der Familie zu gewährleisten. Dass der Jurist Nettelbladt ebenso auf dem Gebiet der Archäologie versiert war, zeigt Mangelsdorf. In Weitenhagen war er 1727 auf eigene Kosten an Urnenausgrabungen beteiligt und meldete sich dabei auch wissenschaftlich zu Wort.

Zwei bedeutende, aber eher vergessene Gelehrte der Greifswalder Universität der Neuzeit werden von Ludwig Biewer (Berlin) und Johannes Kornow (Greifswald) vorgestellt: Christian Friedrich Rühs (1781-1820) war Historiker und engagiert um die Erforschung der Geschichte Skandinaviens bemüht. Später wurde er Dekan der Berliner Universität. Carl Johannes Fuchs, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler im 19. Jahrhundert, tat sich mit seinen Studien über Arbeits- und Wohnbedingungen pommerscher Bauern hervor. Die menschenwürdige Wohnungsfrage blieb auch nach seinen Wechseln nach Tübingen und Freiburg sein Forschungselixier.

Zum Abschluss des universitätsgeschichtlichen Kapitels wenden sich Hans Hofmann (Freiberg) den Anfängen der Bergakademie in Kielce (1816-1827) und Matthias Lienert (Dresden) der Geschichte der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule Dresden zu. Beide Beiträge schöpfen aus reichen Quellenbeständen zahlreicher Archive, was man den Arbeitsergebnissen auch deutlich anmerkt.

Danach folgen noch fünf Beiträge zur pommerschen Landesgeschichte. Das Panorama reicht von personengeschichtlichen Betrachtungen über den schwedisch-pommerschen Sekretär Johann Faltz (Helmut Backhaus, Stockholm), rechtgeschichtlichen Zusammenhängen über den Tempel zu Anklam (Haik Thomas Porada, Leipzig) oder die pommersche Gerichts- und Ämterreformen von 1806 (Per Nilsén, Lund) bis zu grundbesitzgeschichtlichen Themen, die Dirk Schleinert (Magdeburg) mit seinem Beitrag über Großgrundbesitz in Vorpommern zwischen 1800 und 1945 aufgreift. Eine herausragende Lektüre bietet die quellenreiche Abhandlung von Franz Scherer (Greifswald) über die Schifffahrtskultur im Greifswalder Ortsteil Wieck im 18. und 19. Jahrhundert.

Die Konzeption einer Festschrift ist bekanntlich ein schwieriges und oftmals undankbares Unterfangen. Zu häufig bleibt es am Ende bei der Aneinanderreihung rein assoziativer Beiträge, die nur in lockerem Zusammenhang zum Lebenswerk des Jubilars stehen. Die Herausgeber dieser Festschrift haben die Aufgabe sehr geschickt gelöst und dem Menschen und Archivar Manfred Herling ein wirklich persönliches und quellenreiches Geschenk bereitet.

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Veröffentlicht am
17.12.2003
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