A.M. Kirchhof (Hrsg.): Pathways into and out of Nuclear Power in Western Europe

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Title
Pathways into and out of Nuclear Power in Western Europe. Austria, Denmark, Federal Republic of Germany, Italy, and Sweden


Editor(s)
Kirchhof, Astrid Mignon
Series
Deutsches Museum Studies
Published
Extent
299 S.
Price
€ 39,90
Reviewed for H-Soz-Kult by
Sascha Brünig, SFB/TRR 138 „Dynamiken der Sicherheit“, Philipps-Universität Marburg

An Forschungsbeiträgen zur Geschichte der Kernenergie herrscht kein Mangel. Selten jedoch sind diese so systematisch konzipiert wie der hier zu besprechende Band, der aus dem transnational angelegten und verdienstvollen Forschungsprojekt „History of Nuclear Energy and Society“ (HoNESt) hervorgegangen ist.[1] Die fünf Beiträge, denen eine ausführliche Einleitung der Herausgeberin Astrid Mignon Kirchhof vorangestellt ist, orientieren sich an einem Raster, das die jeweils herausragenden Ereignisse, wichtigen Akteure sowie gesellschaftlichen Diskurse zur Atomkraft in fünf westeuropäischen Ländern abfragt: Österreich, Dänemark, die Bundesrepublik Deutschland, Italien und Schweden. Durch seine einheitliche Kapitelstruktur gewinnt der Band erheblich an Kohärenz und Übersichtlichkeit. Mögliche Bedenken, dass diese streng formalisierte Vorgehensweise den sowohl in technologischer wie in politisch-sozialer Hinsicht verschlungenen Pfaden der Kernenergie-Geschichte zu wenig gerecht werden könnte, erhärten sich im Verlauf der Lektüre jedoch nicht. Im Gegenteil: Jeder Beitrag entfaltet auf ganz eigene Art und Weise ein erhellendes Panorama, das nationale Pfadbesonderheiten ebenso betont wie transnationale Verflechtungen. Zudem können die einzelnen Kapitel hervorragend vergleichend gelesen werden.

Hinsichtlich der Grundthese des Bandes, die bereits in seinem Titel angezeigt wird und in unterschiedlicher Intensität auch die Beiträge grundiert, lassen sich demgegenüber sehr wohl Einwände geltend machen. Denn für so aristotelisch wie hier annonciert („Pathways into and out of Nuclear Power“) muss man die Struktur des Dramas um die Kernenergie nicht halten. Verdeutlicht das Wiederaufflackern von Diskussionen um zukünftige Nutzungsmöglichkeiten der Kernenergie vor dem Hintergrund der in Deutschland noch bis 2038 weiterlaufenden Braunkohleverstromung nicht auch, dass die Atomkraft noch immer utopische Energien zu mobilisieren vermag? Dass eine tatsächliche kerntechnische Renaissance in Deutschland wie auch in anderen westeuropäischen Ländern politisch abwegig sein mag, steht zu dieser Frage mitnichten in einem harten Widerspruch. Vielmehr verweist schon die Rückkehr der Kernenergie in die gesellschaftlichen Sicherheitsdiskurse[2] auf die Tatsache, dass sich die Diagnose einer post-nuklearen Gegenwart in Westeuropa selbst zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima auf dünnes Eis begibt. Darüber hinaus legen die langwierigen Rückbauprozesse kerntechnischer Anlagen sowie die geologisch und politisch weithin ungelöste Entsorgung anderer strahlender „Ewigkeitslasten“ nahe, dass die verhältnismäßig kurze utopische Blütezeit der Kernenergie im 20. Jahrhundert auch noch kommende Jahrhunderte überschatten wird.

Diese interpretatorischen Vorbehalte schmälern indes nicht die Tatsache, dass die Lektüre des Bandes viel Gewinn bereithält. Völlig neue Erkenntnisse zu nationalen Kernenergie-Geschichten der hier im Fokus stehenden fünf Länder sind zwar nur spärlich vorhanden. Dies fällt jedoch kaum ins Gewicht, denn es ist gerade die Zusammenschau der einzelnen Kapitel, die überraschende Ähnlichkeiten, aber auch markante Divergenzen vor Augen führt. Eine erste auffällige Parallele, in der sich zugleich transnationale Vernetzungen beobachten lassen, betrifft die herausgehobene Bedeutung von Frauen in den westeuropäischen Anti-Atomkraft-Bewegungen. So zeichnet vor allem Astrid Mignon Kirchhofs Einleitung nach, wie sich bei den Protesten gegen die Kernenergie eine differenzfeministische Atomkritik formierte, in der Frauen eine biologisch determinierte und ökologisch höherwertige Rationalität zugeschrieben wurde. Christian Forstners Beitrag arbeitet demgegenüber die zentrale Rolle der Physikerin Berta Karlik heraus, die einen entscheidenden Anteil an der frühen Entwicklung der Kernenergie in Österreich hatte.

Instruktiv sind ferner auch die Schlaglichter auf die sozialdemokratischen Parteien einzelner Länder und ihre zunächst stark affirmative Haltung zur Atomkraft, die im Verlauf der 1970er-Jahre vielerorts einer deutlich ambivalenteren Einstellung wich. Sowohl Astrid Mignon Kirchhofs und Helmuth Trischlers Abschnitt zu Westdeutschland als auch Arne Kaijsers Ausführungen zu Schweden nehmen auf diesen parteipolitischen Veränderungsprozess Bezug, der in beiden Gesellschaften entlang ähnlicher Konfliktlinien verlief. So standen für die westdeutsche SPD und die schwedische Socialdemokraterna lange die vermeintlichen Vorteile im Vordergrund, welche die Atomkraft für eine energiewirtschaftliche Autarkie sowie eine zunehmend in die Krise geratende industriegesellschaftliche Beschäftigungs- und Wohlstandspolitik versprach. Vor dem Hintergrund lokaler Proteste gegen geplante Atomkraftwerke und einer graduellen Öffnung der politischen Linken für ökologische Inhalte geriet diese kernenergiefreundliche Haltung in der Folge selbst in eine tiefgreifende Krise, an deren Ende die SPD den Verzicht auf die Atomkraft als Ziel in ihr Parteiprogramm schrieb. In Schweden konnte von einer ungebrochenen kerntechnischen Utopie auf sozialdemokratischer Seite zwar ebenfalls keine Rede sein. Zu einer Abkehr von der Kernenergie konnte man sich jedoch nicht durchringen; auch deshalb nicht, weil ein Referendum am Beginn der 1980er-Jahre den prinzipiell kernenergiefreundlichen Kurs Schwedens bestätigte. In Deutschland erfolgte 1998 der Ausstiegsbeschluss der neuen rot-grünen Bundesregierung, während etwa im dänischen Parlament das Ende der Kernkraft schon 1985 entschieden wurde – auch dort von einer linken Koalition unter sozialdemokratischer Führung, allerdings aus der Opposition heraus. Zum Bau und kommerziellen Betrieb eines Kernkraftwerks in Dänemark kam es also erst gar nicht.

In denjenigen Ländern, die den weitgehend experimentellen Einstieg in die Atomkraft wagten, erfolgte dieser meist ohne Euphorie aufseiten der Stromwirtschaft. Italien hingegen divergierte entschieden von diesem Pfad, wie Matteo Gerlinis Beitrag deutlich macht. Dort waren es gerade die Energieversorgungsunternehmen, die den Aufbau einer kerntechnischen Infrastruktur gegenüber dem Staat forcierten, während etwa die westdeutsche Stromwirtschaft mit Blick auf die ungünstigen Gewinnaussichten und unkalkulierbaren Risiken der Kerntechnik staatlichen Avancen zunächst skeptisch gegenüberstand. Zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Österreich wiederum ergibt sich eine Parallele hinsichtlich der herausgehobenen Rolle der kernphysikalischen Forschung, die in den 1950er-Jahren maßgeblich jene utopischen soziotechnischen Imaginationen befeuerte, die den Einstieg in die sogenannte „friedliche Nutzung der Kernenergie“ begleiteten. In beiden Ländern schmolz die Stellung der Kernphysik in der Folge ab, während die Ingenieurwissenschaften an Bedeutung gewannen.

Eine starke transnationale Verflechtung der Kernenergie-Geschichte entspann sich zwischen Schweden und Dänemark. Nördlich der schwedischen Stadt Malmö war Anfang der 1970er-Jahre das mit zwei Siedewasserreaktoren ausgestattete Kernkraftwerk Barsebäck errichtet worden, das in der Luftlinie lediglich 20 Kilometer von Kopenhagen entfernt liegt. Wie Jan-Henrik Meyers Beitrag zu Dänemark zeigt, resultierte diese Nähe zur dänischen Hauptstadt während der folgenden Jahrzehnte in einer breiten, vor allem von der „Organisation für kerntechnische Aufklärung“ (OOA) getragenen Protestbewegung, die mit Nachdruck die Abschaltung des Kraftwerks forderte. Im Verlauf der 1980er-Jahre wandte sich die dänische Anti-Atomkraft-Bewegung dann auch gegen andere „strahlende Nachbarn“ (so ein zeitgenössischer Begriff) wie die Deutsche Demokratische Republik (DDR), deren in Greifswald gelegenes Kernkraftwerk insbesondere nach Tschernobyl als transnationale Bedrohung empfunden wurde. Hier stechen Ähnlichkeiten zur westdeutschen Reaktion auf die Reaktorkatastrophe in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik scharf heraus. Auch in Bonn wichen Bundesregierung und Atomwirtschaft unter dem Druck der gesellschaftlichen Kernenergie-Kontroverse darauf aus, die Havarie als Folge einer mangelhaften sowjetischen Sicherheitskultur erscheinen zu lassen und damit die Vertretbarkeit der Kernenergie-Nutzung in der Bundesrepublik zu verteidigen.

Eine abschließend zu diskutierende Parallele behandelt der Band eher am Rande: die Tatsache, dass in zahlreichen westeuropäischen Gesellschaften die Kernenergie-Kontroverse einem demokratischen Labor gleichkam, in dem neue Partizipationsformen und Politikstile verhandelt und erprobt wurden. So spielt Christian Forstners Beitrag zu Österreich auf die Blockade einer Schiffstaufe durch die lokale Vorarlberger Bevölkerung an, die sich damit einem vermeintlich überhandnehmenden Wiener Zentrismus zu widersetzen suchte. Dass dieses Ereignis nicht unmittelbar mit der Frage nach dem Ausbau der österreichischen Kernenergie in Verbindung zu stehen scheint, erhärtet die These von der Kerntechnik als Projektionsfläche sozialer Konflikte, die auch, aber eben nicht immer in direktem Bezug zur Atomkraft verhandelt wurden. Wie die Kernenergie auf ebenjene Weise in vielfältige (transnationale) politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurskonstellationen hineinwirkte und noch immer wirkt, bleibt mithin ein wichtiges Feld zeithistorischer Forschung. Der vorliegende Band, der erfreulicherweise auch vollständig online verfügbar ist[3], bietet für die untersuchten westeuropäischen Staaten eine solide und anregende Grundlage.

Anmerkungen:
[1]http://www.honest2020.eu (23.11.2020).
[2] Siehe für den deutschen Fall stellvertretend Rainer Moormann / Anna Veronika Wendland, Stoppt den Atomausstieg! Um das Klima und die Versorgungssicherheit unseres Landes zu schützen, muss die Bundesregierung umsteuern, in: Die ZEIT, 16.07.2020, https://www.zeit.de/2020/30/deutsche-klimastrategie-atomausstieg-co2-emissionen-bundesregierung (23.11.2020).
[3] Siehe https://www.deutsches-museum.de/fileadmin/Content/010_DM/060_Verlag/Studies-4-online-2.pdf (23.11.2020).